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| Buhlen um Bobos |
| GRÜNGÜRTEL Bei der EU-Wahl wechselten sie in Scharen zu den Grünen: die "Bourgeois Bohemiens", die Kapitalismus mit Rebellion, Hedonismus mit sozialem Gewissen vereinbaren. Die Parteien reagieren: Politschick statt Apparatschik. GERALD JOHN und EVA WEISSENBERGER |
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| Marie bestellt Aperol Spritz, ein besseres Campari-Soda. Das hat sie in Venedig entdeckt. Die Altbauwohnung der 28-Jährigen liegt gleich um die Ecke von der Bar Shultz am Siebensternplatz. Maries Tasche ist von Mango, das Gewand von Zara, sie besitzt aber auch einen Anzug von der Antwerpener Designerin Anne Demeulemeester. Ihre Haare schneiden ruppitsch & theuermann. An ihre Haut lässt sie nur handgerührte französische Naturkosmetik. Englische Videos borgt sie sich im Alphaville aus. Sie geht ins Burgtheater genauso gerne wie ins Flex. Mit Anfang zwanzig war Marie bereits Geschäftsführerin einer NGO. Diesen Sommer, im Urlaub, wird sie in Nepal bei einem Demokratisierungsprojekt mitarbeiten. Maries Hobbys sind Netzwerken, neue Technologien, ihr Weblog. Und Kochen, "italienische Mama-Küche, nur drei Zutaten, dafür gute". Marie muss weg, Freunde kommen zum Essen. Marie ist eine "Bourgeoise Bohemienne", kurz genannt Bobo. Dieses Etikett hat der amerikanische Autor David Brooks der "neuen Elite des Informationszeitalters" verpasst: Diese "Kapitalisten der Gegenkultur" schaffen es, "einerseits wohlhabend und erfolgreich zu sein, andererseits aber auch rebellisch und unorthodox". Die Bobos vereinbaren Hedonismus mit Effizienz mit konservativen Werten mit ein wenig sozialem Gewissen. Also Holy Basil, den neuen Koriander, mit einer 60-Stunden-Woche als neue Selbstständige mit serieller Monogamie mit einer Stimme für die Grünen. Marie Ringler wählt nicht nur die Grünen, sie sitzt für die Partei im Wiener Gemeinderat. "Wir diskutieren intern oft, ob Lebensgefühl eine politische Kategorie sein kann", erzählt sie, "ich sage: ja!" Der Erfolg gibt ihr Recht. Bei der EU-Wahl stimmten mehr als jeder fünfte Wiener für die ehemals Alternativen. In den bürgerlichen Bezirken Wieden, Mariahilf, Neubau, Josefstadt und Alsergrund errangen die Grünen mit Ergebnissen jenseits der dreißig Prozent die Mehrheit - ihr bisher größter Wahltriumph. Kein Wunder: Die Hackler mögen sich davor fürchten, dass die EU billige Konkurrenten aus dem Osten ins Land schwemmt. Der Bobo hingegen genießt ein Erasmus-Studienjahr in Südeuropa, wird auf Schulung nach Brüssel geschickt und fliegt übers Wochenende zum Sightseeing nach Riga. "Wir sind eine unbeabsichtigte Folge der großen Koalition", sagt Dietmar Ecker, Chef einer PR-Agentur. Rot und Schwarz hatten den Bobos von heute ein heimeliges Nest gebaut: Mit politischen Zerwürfnissen wurden die Kids der Achtziger erst gar nicht behelligt. Der Nachwuchs durfte ins Gymnasium und auf die Uni, ohne einen Schilling dafür zu bezahlen. Wer strauchelte, den fing ein eng geknüpftes soziales Netz auf. Und was machen die undankbaren Fratzen nun? Sie laufen zu den Grünen über. Eine "erlaubte Rebellion", meint Ecker, die weniger mit konkreten politischen Taten als mit Image zusammenhänge: "Die Grünen verkörpern Lebensgefühl mit Inhalt. SPÖ und ÖVP wirken teilweise immer noch wie in den achtziger Jahren." Weil Ecker früher Kommunikationschef der SPÖ war, wählt er nicht grün. Bobo ist er trotzdem. Der 41-Jährige mag arabische und indische Küche, sieht sich gerne Aufführungen kleiner Bühnen an, tourt im Sommer durch England und Schottland oder sucht sich irgendeine einsame Insel aus. Außerdem steht Ecker auf "klasse" Autos, vergangenes Jahr probierte er einen Porsche aus. Jahrelang wohnte der Werber in der Mariahilfer Straße, erst in einer WG, dann mit Familie; als die Mieten dort anzogen, übersiedelte er in eine Wohnung in Döbling. Seine Firma steht aber nach wie vor im sechsten Bezirk - umzingelt von 157 Werbeagenturen, die es im neuen "Grüngürtel" von der Wieden bis zum Alsergrund gibt. Nicht weniger als 322 Architekten, 325 Psychotherapeuten und 166 Szenelokale haben sich in den Bobo-Bezirken angesiedelt. Zum Vergleich: Favoriten hat um 5000 Einwohner mehr, muss aber mit 16 Werbern, 15 Architekten, zwanzig Psychoklempnern und jämmerlichen sechs In-Beisln auskommen. Die Akademikerrate ist in den grünen Hochburgen mit rund zwanzig Prozent über viermal so hoch wie in der klassischen Arbeiterbastion. Womit begeistert man solch ein elitäres Volk? Mit Bäumen? "Davon habe ich nur wenige gepflanzt", gibt Thomas Blimlinger zu und blickt aus dem Panoramafenster des Una-Beisls in den Hof des MuseumQuartiers: viel Beton, wenig Grün. Wie in ganz Neubau. Trotzdem haben die Grünen hier bei den Europawahlen 42 Prozent abgeräumt - und Bezirksvorsteher Blimlinger darf Gratulationen entgegennehmen. "Phänomenal! Super!", ruft Dietmar Steiner, Leiter des Architekturzentrums im MQ, als er Blimlinger zufällig erspäht. Die beiden plaudern über den Triumph der Grünen und die Unfähigkeit des Konkurrenten, der Wiener ÖVP. "Solange es dort den Alfred Finz gibt, haben wir keine Sorgen", sagt Blimlinger. Aus Grau wuchs Grün: Jahrelang war Neubau der hässliche Stiefbruder der bürgerlichen Josefstadt. Vor abgefuckten Häuserfronten lungerten Huren herum, durch die Straßenschluchten staute sich der Durchzugsverkehr. Bewohner und Kaufleute flüchteten. Bis ein kleines Grüppchen Palästinensertuchträger das Amerlinghaus am Spittelberg besetzte. Die Ökos blieben länger als gedacht - in drei Jahrzehnten wuchs hinter putzigen, renovierten Biedermeierfassaden eine lebendige Szene mehr oder weniger alternativer Lokale. Heute ist der Spittelberg schon wieder so bürgerlich, dass Bezirksvorsteher Blimlinger bereits überlegt, das Grätzel mit ein paar avantgardistischen Projekten aufzumotzen. Vor allem junge Aufsteiger, die gerade dem Studentenalter entwachsen sind, suchen sich den ehemaligen Grindbezirk als Lebenswelt aus. Aber nicht deshalb, weil sie sich eine Staude vor jedem Fenster erwarten, meint Blimlinger; am Wochenende fahren sie wie ihr Bezirksvorsteher ohnehin mit dem Auto ins Grüne. Vielmehr liebe der Neubauer freie Plätze wie den Siebensternplatz, mit netten Bars und schicken Lokalen. Denn so weltgewandt sich der Bobo auch gibt, so sehr fühlt er sich mit seinem Viertel verwachsen. Sein Designbüro richtet er sich gerne hinter den Auslagen der aufgelassenen Geschäfte im Erdgeschoß ein, die Arztpraxis am besten gleich in der Wohnung. Und am Abend will er für seine Kokossuppe auch nicht durch die halbe Stadt fahren. "Die Bewohner identifizieren sich sehr stark mit ihrem Bezirk", sagt Blimlinger. "Sie wollen über alles schnell informiert werden und freuen sich über persönlichen Kontakt." "Bobos interessieren sich für Politik, aber nicht für die klassischen Formen der Partizipation. Engagement und Verantwortung ist ihnen wichtig - der schwedische Designtisch sollte nicht aus Tropenholz gemacht sein", sagt Mathias Karmasin, Publizistikprofessor an der Uni Klagenfurt. So kommt es, dass Bobos oft gegen ihre eigenen Interessen wählen. "Mir geht es als Kapitalist gut, da leiste ich aus Solidarität gerne einen Beitrag, um die Armut zu bekämpfen", meint der Besserverdiener Dietmar Ecker, der mit der SPÖ eine Partei wählt, die seinesgleichen schon mal zur Kasse bitten will. Die Grüne Ringler sagt: "Wir machen Sozialpolitik für Leute, die uns niemals ihre Stimme geben. Und die meisten unserer Wähler schätzen das sogar." Dafür sind die Grünen auch keinem Wähler mehr, so wie früher, böse, wenn er sich ein Auto anschafft oder einen Wochenendflug nach London oder Paris leistet. "Der Grün-Wähler hat ein soziales Gewissen, quält sich aber nicht rund um die Uhr damit, stets so zu leben", sagt die Stadträtin Maria Vassilakou. "Alternativen statt Verzicht ist das Motto!" Die gebürtige Griechin nennt selber ein benzinfressendes Ungetüm, eine schwere Enduro-Maschine, ihr Eigen. Das hinderte sie aber nicht daran, am Sonntag von der Wiener Ökopartei zur neuen Chefin und Spitzenkandidatin gewählt zu werden. Mehr Bobo geht kaum: Von der ORF-Jugendsendung "25" ließ sich Vassilakou einspannen, mit einer Friseurin des Wiedener Szenesalons GmbHaar für einen Tag den Job zu tauschen und ihrer Kollegin Ringler einen Irokesen zu stylen. Leidenschaftlich kocht sie die Rezepte von Jamie Oliver nach, der - das muss bitte schon gesagt sein - "nebenbei arbeitslose Jugendliche zu Köchen ausbildet". Die 35-Jährige mag die Landschaft und die Weine der Toskana. Und natürlich hält sie wenig von den Kategorien "rechts" und "links" - typisch: Die Bobos glauben nicht an die politischen Heilslehren, weil ihnen die Welt dafür zu kompliziert erscheint. "Diese lauwarme Politik", schreibt der "Erfinder" Brooks, "macht die echten Linken und Rechten, die sich eine radikale und heroische Politik wünschen, fast wahnsinnig." Und so manche Konkurrenten. Die Wiener ÖVP droht von der grünen Welle weggeschwemmt zu werden. Bei der EU-Wahl kam sie wieder nur auf 19 Prozent. Selbst Kinder altgedienter Funktionäre wählen heute grün. Nun übernimmt Stadtrat Johannes Hahn als geschäftsführender Obmann die Partei, am Donnerstag wird er voraussichtlich im Vorstand gewählt; Finz bleibt aber nominell der Chef. Hahn hat längst erkannt, dass er im grünen Teich fischen muss, wenn er nicht untergehen will. Am rechten Rand ist für die Volkspartei in der Stadt nichts zu holen: Die blauen Wähler sind alles andere als bürgerlich und vielfach längst zur SPÖ zurückgekehrt, aus der sie kamen. Unter Hahn wird die ÖVP wohl das Ausländerwahlrecht nicht mehr vehement bekämpfen - falls er sich gegen die konservativen Rathäusler und Bezirkskaiser durchsetzen kann, die seit zwanzig Jahren jeden Obmann quälen. Auch der Politikstil wird sich ändern: Hahn will "aktionistischer" werden. In den letzten Wochen verlegte er schon Kunstrasen auf dem Schwarzenbergplatz und stellte einen überdimensionalen Gartenzwerg am Donaukanal auf. Doch Vorsicht! Die "Bourgeois Bohemiens" reagieren allergisch auf aufgesetzte Inszenierungen, sagt Bobo-Forscher Karmasin. Genauso wie sich die Freizeit-Önologen unter ihnen gerade auf den Grünen Veltliner zurückbesinnen, sind sie auch als Wähler "auf der verzweifelten Suche nach dem Authentischen". Ein Beispiel, wie es nicht funktioniert: Ministerin Maria Rauch-Kallat wollte im Vorjahr mit dem Wort "oberaffentittengeil", das eigentlich nie, damals jedenfalls sicher nicht mehr cool war, Jugendliche ansprechen. Karmasin, selbst ein Bobo: "Das war echt weird!" Der liberale Hahn wohnt zwar auf der Wieden und kehrt gelegentlich in die Beisln in der Schleifmühlgasse ein, ein Bobo ist der 46-jährige ehemalige Manager eines Glückspielkonzerns allerdings nicht. In der vergangenen Woche hätten sich aber schon etliche ehemalige Mitarbeiter bei ihm zurückgemeldet, erzählt er, junge Liberale und Christdemokraten, die der Partei in den letzten Jahren den Rücken gekehrt hatten. Und eine echte "Bourgeoise Bohemienne" hat Hahn ja bereits in seinen Reihen. Er müsste sie nur mehr in die Auslage stellen. Carina Felzmann ist seit drei Jahren Obmannstellvertreterin in Wien und sitzt für die ÖVP im Nationalrat. Sie hat in der Wirtschaftskammer die Plattform "creativ wirtschaft austria" initiiert. Die PR-Agentur der quirligen Enddreißigerin liegt gegenüber vom Amerlingbeisl. Mit ihrem zweiten Mann, einem Designtischler, surft sie gerne am Neusiedler See, ihre halbwüchsigen Söhne tragen Dreadlocks. Über Karate hat sie "ein bisschen zum Buddhismus gefunden". Zum Gedenkgottesdienst für einen ÖVP-Parlamentarier im Stephansdom erschien sie vergangene Woche zwar, wie es sich gehört, ganz in Schwarz, doch auf ihrem T-Shirt prangte eine Sonnenblume. Felzmanns Zugang zur Politik: "Etwas Sinnvolles tun." Auch die allein regierende SPÖ hat Nachholbedarf. Jahrelang konzentrierte sie sich auf den Kampf mit den Freiheitlichen um den kleinen Mann. Jetzt, wo dieses Match gewonnen ist, umwerben die Roten auch die jungen, urbanen Aufsteiger. Mit dem Gürtel-Nightwalk stellen Gemeinderäte jeden Spätsommer ein Event fernab altbackener Hendlfeste auf die Beine. Der Rathausklub wurde bereits verjüngt, nun ist auch die Stadtregierung dran. Die 34-jährige Sonja Wehsely übernimmt das Frauen- und Integrationsressort (siehe Seite 15), die 35-jährige Nationalratsabgeordnete Ulli Sima wird Umweltstadträtin - und erste boboeske Figur im traditionell eher verschnarchten Rathauskabinett. Sima war früher Alleinerzieherin und Aktivistin bei Global 2000, nebenbei gab sie ein Biokochbuch heraus. Heute isst sie gerne beim Edelasiaten Yohm und im Hansen unter der Börse. Die neurotische TV-Anwältin Ally Mc Beal war ihre Heldin bis zur letzten Staffel - das ist allerdings schon zu sehr Mainstream für einen echten Bobo. Kulturell haben die Sozialdemokraten bei den Bobos generell einen schweren Stand. Vor jeder Wahl bieten sie Schauspieler wie Alfons Haider, Musical-Irrlichter wie Marika Lichter oder Mediensternchen wie Magenta von "Taxi Orange" auf. "Das ist so was von over!", sagt Kommunikationswissenschaftler Karmasin im besten "Sex and the City"-Jargon, "da ist ja Charly Blecha noch besser. Der ist wenigstens ein authentischer Apparatschik." |
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