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| "Ein bisschen sadistisch" |
| FOTOGRAFIE Die Wiener Fotografin Friedl Kubelka, der in der Fotogalerie Wien eine Werkschau gewidmet ist, misstraut nicht nur dem "guten" Foto, sondern überhaupt dem Einzelbild. Ihre Arbeiten erstrecken sich über Tage, Jahre und Jahrzehnte und sollen das Leben schöner machen. KLAUS NÜCHTERN |
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| Auf dem Katalog zur Werkschau in der Fotogalerie, in der Arbeiten aus den letzten vierzig Jahren gezeigt werden, prangt ein Foto, das nicht nur unscharf, sondern - wie man so sagt - auch "ungünstig" ist: Einen Wellnessurlaub würde man dieser Frau jedenfalls nicht abkaufen - eher schon: spendieren; jedenfalls sieht es so aus, als könnte sie ihn brauchen. Dabei sind die Probleme nicht in erster Linie kosmetischer Natur, denn in erster Linie würde man gerne den strengen und verbitterten Blick gemildert sehen. Aber Friedl Kubelka ist nun einmal streng. Nicht im persönlichen Umgang, aber in ihrer Arbeit. Und sie ist streng zu sich. "Ich habe einfach das schlechteste Foto genommen", erklärt die Fotografin. "Das ,gute' Foto zeigt ja meistens ein Ich, von dem man weiß, dass es eigentlich nicht der Realität entspricht. Dennoch hofft man, dass sich die Betrachter übertölpeln lassen. Von diesem Foto aber wollte ich, dass die Leute sagen: ,Die Kubelka ist aber alt geworden.' Aber darin, dass man erklärt, der geschönten Oberfläche des ,guten' Fotos nicht zu bedürfen, liegt vielleicht die größte Eitelkeit." Zu Beginn ihrer Karriere als Fotografin, als sich Kubelka auch schon mal als spärlich bekleidetes "Pin-up" vor dem Spiegel inszenierte, sei das durchaus auch narzisstisch motiviert gewesen. Das hat sich inzwischen geändert: "Ich will einer Frau beim Altern zuschauen. Und weil sich das niemand anderer antut, bin es halt ich." Den Prozess der Zeit in einem Medium sichtbar zu machen, das diesen nur in den Lücken, in der Leerstelle zwischen zwei Fotos erahnen lassen kann, hat Kubelka von Beginn an interessiert. Am extremsten ist sie ihrer Obsession für die Dimension der Zeit mit ihrem "Lebensporträt Louise Anna Kubelka" nachgekommen: Von der Geburt ihrer Tochter im Jahr 1978 an hat sie ihre Tochter über 17,5 Jahre lang - mit ganz wenigen Ausnahmen - jeden Montag fotografiert. In etwas leichter überschaubaren Dimensionen hat sie ähnliche Verfahren auch mit anderen Personen durchexerziert: In "Jahresporträts", bei denen sie jeweils ein Jahr lang jeden Tag ein Foto von sich selbst aufnimmt (und zu denen auch das eingangs erwähnte Porträt aus dem Jahr 2002/2003 gehört); in "Tagesporträts" in dem sie im Viertel-, Halb- oder Stundentakt unter anderen ihren Exmann, den Experimentalfilmer Peter Kubelka, oder den Künstler Franz West aufgenommen hat. Auch die Mutter holte sie für das von der Generali Foundation erworbene "tausendteilige Porträt" immer und immer wieder vors Objektiv, "um sie durchzuarbeiten" - immer mit der gleichen Anweisung: nicht rühren, in die Kamera schauen, nicht reden. "Abgedrückt habe ich immer nur, wenn sich der Gesichtsausdruck geändert hat - was ein bisschen sadistisch ist." Die Prozedur erinnert ein bisschen an Karlheinz Böhm, der in Michael Powells Klassiker "Peeping Tom" (1960) junge Frauen ermordet, um ihren Ausdruck im Moment des Sterbens zu filmen. Kubelka gesteht ganz unkokett, dass dieser Voyeur ihr "Vorbild" sei: "Bevor ich den Film gesehen hatte, wusste ich nicht, dass ich so viel davon herumgetragen habe." Der Grund für die konsequente Auseinandersetzung mit Gesichtern und den Spuren der Zeit, die man darin lesen kann, liegt aber nicht in einer sadistischen Grundgeneigtheit der Fotografin, sondern in der Komplexität des Gegenstandes und der Ärmlichkeit der Technologie. Kubelka ist eine Bewunderin alter Meister wie Velasquez, Rubens oder Rembrandt und sieht in deren Porträts Maßstäbe gesetzt, denen das einzelne Foto nie genügen kann. Es ist aber auch überhaupt nicht einzusehen, warum man sich mit einem einzelnen Bild bescheiden soll: "Es gibt keinen Grund, nur ein Foto herzustellen, wenn so viele gemacht werden können." Fotografie ist keine technisch optimierte Form naturalistischer Malerei oder eine Schwundstufe des Films, sondern ein Medium, das Dinge zu leisten imstande ist, die anderen verwehrt bleiben. In diesem Sinne geht es Kubelka darum, das Wesen der Fotografie zu begreifen und diese entsprechend einzusetzen. Im Unterschied zum Film ermöglicht die Fotografie zum Beispiel den Vergleich. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, und tausend Fotos von Mutter sagen mehr als ein einzelnes. Kubelka ist davon überzeugt, dass man auf diese Weise sogar Gedanken sichtbar machen kann, und hat manche ihrer Modelle aufgefordert, einfach nachzudenken. Auf diese Weise sind - von 1977 an - mehrere "Gedankenreihen" entstanden. Celeste etwa schaut - auf so einer Reihe aus dem Jahr 2001 - ziemlich grimmig drein. Ihr habe sie gar kein Thema vorgegeben, erklärt Kubelka, aber ganz offensichtlich sei die Abgebildete über irgendetwas ziemlich wütend gewesen - und habe sich nachher sehr über den eigenen Gesichtsausdruck gewundert. Ihre konzeptuelle Rigorosität und schiere Ausdauer führt die in London geborene Fotografin auch auf ihre Volksschulsozialisation in der DDR zurück, wo sie als Tochter eines im Osthandel tätigen Geschäftsmanns von 1951 bis 1957 lebte: Für mich war's schön, es hat mich stark geprägt. Als ich mit zehn wieder nach Österreich kam, war das sehr unangenehm. Als ich das erste Bild von Elvis Presley sah, konnte ich nicht glauben, dass so der ideale Mann aussehen sollte. Für mich war das noch immer der Held der Arbeit." Dennoch hat Kubelkas künstlerische Haltung nichts mit Stachanowismus zu tun, der das Leben ganz der künstlerischen Produktion unterwerfen möchte. Auch wenn sie sich im Dialog mit Toten sieht und Rembrandt gerne das tausendteilige Porträt ihrer Mutter zeigen würde, ist Fotografie für Kubelka unabdingbar ein Mittel zur Lebenssteigerung: "Sie muss dazu dienen, das Leben spannender und schöner zu machen. Das geht mit der Fotografie auch besonders gut, weil man den Augenblick, den man haben will, tatsächlich vor die Linse kriegen muss. Außerdem ist es natürlich exhibitionistisch: Indem man in einem bestimmten Moment abdrückt, zeigt man das, was man sehen will." Fotografie als eine Art Kommunikation über die Bande: Ich zeige dir, wie ich dich sehen will; oder - über zwei Banden: Ich zeige dich, wie ich glaube, dass du (von mir) gesehen werden willst. Oder auch: Ich zeige mich, wie ich glaube, dass du mich siehst, respektive sehen willst. Letzteres war etwa bei den "Pin-ups" von 1971 der Fall - für Kubelka der Beginn ihres Selbstverständnisses als künstlerische Fotografin. Zu sehen ist eine mit Reizwäsche und Lederstiefeln eher spärlich bekleidete 25-Jährige, die sich - Blick durch den Sucher der vors Gesicht gehaltenen Kamera - im Spiegel fotografiert. Was heute möglicherweise als ironisches Spiel mit gender images oder als Reflexion über den weiblichen Blick in den feministischen Diskurs eingliederbar scheint, war damals um einiges naiver, wie Kubelka eingesteht. Die Unterwäsche hatte sie von ihrem damaligen Lebensgefährten Hans Neuffer geschenkt bekommen, einem in Künstlerkreisen verkehrenden und mit Udo Proksch befreundeten Geschäftsmann. Als sie in dessen Wohnung eine Postkarte mit dem Konterfei des illustren Models Uschi Obermaier fand, begann sie, nicht frei von Eifersucht, sich selbst halb nackt in erotischen Posen zu fotografieren: "Ich habe damals hauptsächlich so Jeansanzüge getragen, und der Neuffer fand mich eh immer übertrieben burschikos. Die Bilder haben mir geholfen, mir meine weibliche Seite bewusst zu machen. Aber von den Feministinnen bin ich stark angegriffen worden, weil ich mich dem Männerblick unterworfen und das nicht reflektiert hätte. Die hatten natürlich völlig Recht. Als Neuffer kurz darauf gestorben ist, habe ich es in Wien nicht mehr ausgehalten und bin nach Paris. Dort habe ich mich dann in Stundenhotels in ähnlichen Posen fotografiert - an ihn denkend, um ihm noch einmal eine Freud' zu machen." Die künstlerische Sozialisation, die Kubelka ab Ende der Sechzigerjahre durchmachte - "ich war weit weg von jeder Kunst in meiner Familie" - begann mit Auftragsarbeiten für Walter Pichler und Franz West, mit denen Kubelka befreundet war. Von 1974 an ist sie mit Peter Kubelka zusammen, die beiden heiraten vier Jahre später und trennten sich 2001. Während des gemeinsamen Lebens mit Peter Kubelka lässt sie auch zwanzig Jahre lang die Finger vom Filmemachen, beginnt erst 1993 heimlich, wieder auch zu filmen. "Die Ehe mit dem Peter war die beste Kunstausbildung. Als Künstlerin gefördert hat er mich nicht. Der einzige Mann, der das je getan hat, war Hans Neuffer. Aber in diesen wahnsinnig selbstzerstörerischen Künstlerzirkeln musste man als Frau in erster Linie hübsch und still sein. Wenn man das Wort ergriffen hat, wurde man sofort mit einem destruktiven Wortwitz niedergebügelt. Die einzige Frau, die sich damals eine Stellung erarbeitet hat, war Valie Export." Dennoch war es für Friedl Kubelka auch eine ausgesprochen fruchtbare Zeit. Sie verkehrte in der Gruppe um Walter Pichler, der unter anderen auch der Galerist, Gastronom und Kunstkatalysator Kurt Kalb, der spätere Werber Mariusz Demner, der Architekt Hermann Czech, die Künstler Max Peintner, Pierre Weiss und Werner Stupka, der Musiker Edek Bartz angehörten. "Die andere Gruppe war die um die Aktionisten, zu der auch Arnulf Rainer und Dieter Roth zählten. Die waren gebildeter, vor allem Hermann Nitsch. Und die beiden Zirkel haben sich überhaupt nicht vertragen." Kubelka, die von 1965 bis 1969 die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt absolvierte, besucht die improvisierte, in Wirtshauszimmern und Wohnungen tagende Akademie praktisch täglich: "Ich wusste genau, wann der Pichler im Hawelka, im Vanilla oder im Sommer (der offiziell Koranda hieß, Red.) saß. Ich gehe ja nicht gerne nach drei Uhr schlafen, habe aber natürlich schon gemerkt: Je b'soffener die sind, um so interessanter wird es für mich." Letztendlich waren aber einigermaßen funktionierende Selbstschutzmechanismen notwendig, um diese spannende, aber ruinöse Zeit einigermaßen unbeschadet zu überstehen: "Viele Frauen waren von den ihnen zugewiesenen Rollen so frustriert, dass sie begonnen haben mitzusaufen. Daraufhin haben sie ihre Schönheit eingebüßt und wurden abserviert. Gott sei Dank habe ich beim Trinken mit den Männern nicht mitgehalten." Als Leiterin der 1990 von ihr gegründeten Schule für künstlerische Fotografie, Wien, versucht Kubelka auch zu lehren, dass man sich durchsetzen und selber vertrauen muss: "Die Schule für künstlerische Fotografie hat einen guten Ruf, aber ich bemühe mich zu vermitteln, dass man über sie keinen Zugang zu einem Markt gewinnen kann. Dennoch werden die Leute immer vorsichtiger und nivellieren ihre Arbeiten. Es ist sehr schwer, sich zu dem zu bekennen, was einem selber gefällt, weil Erziehung immer gegen Egoismus arbeitet." Ein gewisser Egoismus aber sei, so Kubelka, für die Arbeit als Künstler unabdingbar. Auch wenn sie nicht jeden Bewerber aufnehmen kann, gewährt die Fotografin jedem ein Aufnahmegespräch - selbst wenn der oder die Betreffende schlechte Arbeiten vorgelegt hat: "Es kommt nur auf die persönliche Sichtweise an" - die Kubelka freilich nicht mit jener selbstsicher auftretenden Ignoranz verwechselt wissen will, mit der manche der angehenden Fotografen glauben, auf Kunstgeschichte und Theorie verzichten zu können. In mancher Hinsicht sei sie dafür mittlerweile toleranter geworden: "Früher habe ich ein Einzelfoto nicht mehr zugelassen - auch in der Schule nicht. Jetzt bin ich alt und gütig." Dass Kubelka nicht nur als Künstlerin und Lehrerin, sondern daneben auch noch als Psychoanalytikerin tätig ist, scheint - angesichts ihres Œuvres und dem darin dokumentierten Interesse an psychischen Prozessen - zwar nicht verwunderlich, ungewöhnlich ist es allemal. Vielleicht ist es ja auch der analytische Blick, der sie für gewisse Aspekte der Fotografie ungeeignet macht. Kubelka, die sich immer schon für Modefotografie interessiert hat und deren soziologisches Sensorium schätzt, hat zu Beginn ihrer Laufbahn als Fotografin ziemlich viele Mädchen und junge Frauen fotografiert. Mit Models hatte sie freilich Pech: "Die sehen bei mir immer unglücklich aus. Ich spüre sofort, wie es jemand geht - das ist dann aber auch auf dem Bild oben. Deswegen bin ich für Modelagenturen nicht geeignet." Werkschau Friedl Kubelka: bis 29.7. in der Fotogalerie Wien (WUK, 9., Währinger Straße 59). |
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