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Der rote Tatzelwurm
DONAUINSELFEST  Vom Feuerwehrmann bis zum SPÖ-Urgestein: Ohne die Hundertschaften an freiwilligen Helfern wäre das europaweit größte Open Air, das diese Woche am Donauufer stattfindet, undenkbar. Geschichten über Männer, die Tonnen von Würsteln verarbeiten und Bierströme kanalisieren. WOLFGANG PATERNO

Falter 26   Originaltext aus Falter 26/04 vom 23.06.2004

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Das neuralgische Zentrum des europaweit größten Freiluftfestivals ist ein schmuckloser weißer Container, nichts sagende Zahlen sind klein auf die Außenhülle gemalt, links oben steht 300 168 4, dazu die Buchstaben CHVU. Im Inneren des Blechkastens schaut es so aus, als ob Handy und Computer noch nicht erfunden wären: Ein paar Bleistifte liegen auf dem ausladenden Schreibtisch, ein dichter Teppich von Schlüsseln hängt an einer Wand. Jemand hat ein Blatt Papier voll gekritzelt, ein leeres Bierglas zieht Fliegen an.
Robert Schmid, ein Riegel von einem Mann, sitzt in der schlechten Luft des wichtigsten der insgesamt 253 Container, die seit rund einer Woche über die Donauinsel verteilt werden. Er muss gar nicht so tun, als ob er ein wichtiger Mann wäre. Er ist es. Vorgestellt wird Schmid, Jahrgang 1957 und Oberbrandmeister bei der Wiener Feuerwehr, von passierenden Kollegen sogleich mit einer Rekordleistung: "Das ist der Robert, der ist seit Jahrzehnten freiwillig mit dabei. Der hat die ganzen Jahre über für sein großes Geschäft noch nie ein Mobilklo verwenden müssen", sagt einer. "Einteilungssache", erwidert der Oberbrandmeister. Noch nie habe er in die Landschaft machen müssen, immer sei es sich ausgegangen, nicht so wie bei anderen. Schmid, Urgestein der SPÖ und Wiener durch und durch, sagt das natürlich in ganz anderen Worten. In sehr wienerischen Worten, die man in der Zeitung nicht schreiben darf.
Das 21. Donauinselfest findet heuer vom 25. bis 27. Juni statt. Drei Tage lang werden bei dem Fest der Wiener SPÖ mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder Rekorde gebrochen: 600 Stunden Liveprogramm sind angekündigt, 2000 Künstlerinnen und Künstler werden erwartet, erstmals wird das Inselfest auch auf das rechte Donauufer vor dem Millennium Tower ausgeweitet. Die 2,7 Millionen Besucher vom Vorjahr sollen selbstverständlich überboten werden. "Sommer, Sonne, Musik und beste Unterhaltung", lautet ein Stehsatz auf Plakaten und in Werbebroschüren. Eine Bestleistung der unspektakuläreren Art ist aber bereits jetzt schon zu verzeichnen - ist Donauinselfest, setzt sich der tiefrote, vielköpfige Tatzelwurm in Bewegung. Auch heuer sind wiederum tausend freiwillige Helfer mit von der Partie, aus diversen Parteiorganisationen rekrutiert sich das Gros der Insel-Mitarbeiter: Bezirksverbände, Gewerkschaft, Kinderfreunde, Naturfreunde.
Josef Urban, 58, hat ein buntes Hemd an, das aus dem Beamten einen lustigen Mann machen soll, sein Handy bimmelt wie ein alter Apparat mit Wählscheibe. Urban ist Organisationssekretär der Wiener Roten und Bezirksvorsteherstellvertreter von Hernals. Auf der Insel ist er der Chef der technischen Organisation, ein Politprofi: Nach einer Containerkontrolltour braucht der Mensch Flüssigkeit. "Ohne Bier!", sagt Urban und positioniert sich gravitätisch für den Fotografen. Er kennt auch die Zahlen und Fakten ganz genau: 220 Bürocontainer, Sanitätscontainer, WC-Container! 350 Tische und Bänke! Begehungen finden mit der MA 42 und 45 statt! "Das ist mein 21. Donauinselfest, jeden Strauch kenn ich, jeden Stein. Und auch die meisten der freiwilligen Helfer", sagt Urban. Unterbrochen wird er bei diesem einen Satz permanent: "Jo schau, die alte Garde!", ruft einer dazwischen. "Servas", sagt ein anderer, "Klassentreffen", fällt wieder einem ein. "Servas Deppata", tönt es eher jovial irgendwoher.

Ein legendärer freiwilliger Helfer ist etwa der Hansl von der Feuerwehr, der für seinen Einsatz auf der Insel jedes Jahr zwei Wochen Urlaub nimmt. "Hansl, der mit dem Lockenkopf, dort drüben steht er, beim Gourmet-Tempel", wird man zum Hansl geleitet. Übersetzt aus dem Insel-Jargon heißt das: Johann Hager, 37 und am Kopf kein einziges Haar, steht am Würstelkocher. Für die gerechte Kanalisation der nicht unrauen Biermengen ist er verantwortlich, für den fristgerechten Nachschub auch - ein Job, der Verantwortung neu definiert. Hager ist der Bruder von Anita Hager, die seit 1994 das Donauinselfest organisiert; der kleine Bruder mit dem vorwitzigen und nicht unwitzigen Mundwerk arbeitet bereits das zwölfte Jahr in einer der drei Schaltstellen links der Floridsdorfer Brücke, in der Mitarbeiterverköstigung. Drei organisatorische Zentren hat das Donauinselfest - Reichsbrücke, Handelskai und Floridsdorfer Brücke. Hager kennt man überall. Man hört auch von vielen Mitarbeitern fast wortident, was Hager sagt: "Jedes Jahr wieder denk ich mir am Sonntag, am letzten Tag: Nie wieder! Aber am Montag, spätestens am Dienstag kommt so eine gewisse Lust auf. Auch nächstes Jahr werde ich also wieder Urlaub nehmen und auf der Insel helfen. Man vergisst schnell." Einige Erlebnisse brennen sich aber in das Hirn, etwa jenes: "Hunderte Männer bepissen einen Abhang, am nächsten Morgen aalen sich exakt an der Stelle Frauen in der Sonne." Hager verzieht den Mund, als ob das Bier gerade sauer geworden wäre.
An den Tischen der Mitarbeiterverköstigung hat fast jeder einen Schriftzug auf dem Rücken kleben - "Gewista", "Toplak", "Crew", "Organisation". Werner Mariacher, 39, ist Mitarbeiter der Firma Event Electric, seine Kollegen und er sind etwa für die Stromversorgung der Hauptbühne verantwortlich. Freiwillig ist er nicht hier, rasend scheint ihn der Arbeitsplatz Donauinsel aber auch nicht zu stören: Die Sonne scheint, das Bier ist kühl, die Generatoren tuckern unbeanstandet vor sich hin. Auf die Frage, seit wie vielen Jahren der Fachmann Mariacher das Inselfest bereits betreue, fällt ihm einerseits eine lustige Antwort ein. Andererseits: eine Antwort, die im Reich der Genossen zum Nachdenken anregt. Mariacher sagt also: "Ich bin bereits so lange hier, dass man eines Tages die Knochen finden wird. Die Knochen eines Dinosauriers."

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Juni 2004 © FALTER
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