Zum Archiv
Sauberhaft
STADTREINIGUNG  Wien ist eine saubere Stadt - vor allem verglichen mit anderen Metropolen. Dahinter stecken jede Menge Logistik, viel Handarbeit und ein Konzept: "Wegmachen statt strafen." CHRISTOPHER WURMDOBLER

Falter 27   Originaltext aus Falter 27/04 vom 30.06.2004

  Diese Ausgabe des Falter bestellen

  Informationen über ein Falter-Abonnement

FM4-Hörer trinken Jägermeister und Barolo. Die Neigungsgruppe des Formatradios Ö3 ist eher Alkopops zugeneigt. Das ist zumindest aus den Hinterlassenschaften der jeweiligen Communitys beim Donauinselfest zu schließen. Und dass am Montagmorgen um halb sieben vor der riesigen Radio-Wien-Bühne am Festival-Hauptplatz keine Flasche mehr zu sehen und die Welt in Ordnung ist, liegt auch nur daran, dass es beim Fest ein Pfandsystem gab und die Mitarbeiter der Wiener Straßenreinigung zeitig mit ihrem Job begonnen haben. Sehr zeitig.
2,5 Millionen Menschen hinterlassen an drei Tagen auf der Donauinsel eine Menge Dreck: Geschätzte 960 Kubikmeter werden allein in Müllbehältern gesammelt und noch mal 320 Kubikmeter liegen auf fast sieben Kilometer Länge auf Wiesen und Wegen herum. Hinzu kommen noch 2000 Liter Altspeiseöl.
Vergangenes Wochenende war Wiens Straßenreinigung mit SPÖ-Mega-Open-Air bei der Donau und Regenbogenparade am Ring wieder im Großeinsatz. Auf der Donauinsel mussten die Putztrupps am Samstag und Sonntag bereits um vier Uhr früh loslegen, da die ersten Gigs schon um zehn Uhr begannen. Am Montag ist um sechs Uhr früh Arbeitsbeginn. Trotzdem reißen sich die Leute um den Job auf der Insel, wie Thomas Stähler von der MA 48 (Abfallwirtschaft) berichtet. Er koordiniert die Aufräumarbeiten, für die ausschließlich fix angestellte Profis eingesetzt werden, vor Ort gibt es Teamchefs. "Es würde zu viel Zeit kosten, Aushilfen einzuschulen", sagt Stähler. Beim Saubermachen darf man keine Zeit verlieren.
Deshalb setzen sich auch vierzig Fahrzeuge mit großem Getöse und viel Fußvolk mit Rechen und Besen bewaffnet in Bewegung. Die Männer in Orange kehren und waschen die wenigen asphaltierten Flächen. Auf den Festwiesen müssen Flaschen, Flyer und haufenweise Regencapes mit Werbung drauf von Hand zusammengerecht werden.
Von zwei Seiten - Reichs- und Floridsdorfer Brücke - nähern sich die Trupps in der Morgensonne. Glücklicherweise hat es in der Nacht geregnet, sonst würde es jetzt nämlich extrem stauben: Laubgebläse kommen zum Einsatz und wirbeln Papier, Becher und Müll umher. Immer wieder verstopfen Plastikfolien die Laubsauger, mit deren Rüsseln die Reiniger alles auf Transporter befördern und auf eine temporäre Deponie bringen. 200 LKW-Ladungen voll. Recycelt und getrennt wird nicht extra. "Zu mühsam", meint ein Vorarbeiter. Und Pfandflaschen hätten eh schon in aller Früh andere eingesammelt. Dafür haben die Gastronomen vergessen, Bierbänke und -tische ordnungsgemäß zu verstauen. Auf dem Gelände vor der FM4-Bühne liegen Hunderte verstreut und müssen von den Putzmännern abgebaut und gestapelt werden - das bedeutet wieder extra Arbeit und Zeitverlust. Eine junge Frau im schwarzen Sommerkleid sucht in dem Durcheinander ihre Schlüssel, die sie am Vorabend "irgendwo da" verloren hat. Nach einer knappen Stunde ist auf dem Gelände vor der Bühne wieder Wiese zu sehen: Die große Vorher-nachher-Show.
120 Leute sind auf der Donauinsel damit beschäftigt, aus einer chaotischen Müllkippe wieder ein Naherholungsgebiet zu machen. Mitte der Woche, wenn die Container, Bühnen und Zelte für das 3-Tage-Volksfest abgebaut sind, gibt's noch mal eine Finalreinigung, und das war's dann. Der Rasen braucht ein wenig länger, bis er wieder grün ist.
Gegen die Donauinsel ist der Putzeinsatz bei der Regenbogenparade ein Lercherl. 14 Arbeiter, vier Kehrfahrzeuge, zwei Waschwagen und sechs Kleinfahrzeuge waren vergangenen Samstag am Ring unterwegs. Heuer wurden sogar zwei Kehrmaschinen eingespart, weil die alljährliche Parade der Lesben und Schwulen "eh eine relativ saubere Angelegenheit" sei, wie Franz Bischof von der MA 48 und Leiter der Wiener Straßenreinigung versichert. In anderen Städten warte man, bis derartige Veranstaltungen vorüber sind, und beginnt dann erst mit dem Aufräumen, in Wien ist der städtische Putztrupp mittlerweile sogar Teil der Parade - die Räumfahrzeuge werden extra in Regenbogenfarben geschmückt. Die Männer und Frauen der Stadtputzerei räumen der Parade hinterher, und schon nach wenigen Minuten kann der Ring wieder für den Verkehr freigegeben werden.
33.000 Tonnen Mist werden jährlich von den Wiener Straßen und aus den 14.000 Papierkörben geholt - Papierkörbe, die auch benutzt werden. Unzählige Handkarren, 240-Liter-Mistkübel auf Rädern, dreißig Kehrmaschinen, vierzig Kleinkehrmaschinen gehören zum Fuhrpark der MA 48. Die großen Straßenwaschmaschinen stellen private Unternehmen, sie werden bei Bedarf angemietet und sind Angelegenheit der Bezirke. "Es ist immer die Frage, was sich die Stadt leisten will", sagt Bischof. Wien leistet sich eine saubere Stadt. Mehr als 1200 Mitarbeiter in allen Abteilungen sorgen dafür, dass das auch so bleibt.

"Die Stadt hat eine gut funktionierende Stadtreinigung", stellt Michael Trimmel Wien ein gutes Zeugnis aus. Er ist Psychologe und Professor am Institut für Umwelthygiene der Uni Wien. Saubere Städte würden länger sauber bleiben, so Trimmel. Wenig Verunreinigungen auf den Straßen, wenig Graffiti oder illegale Plakate trügen zu einem gewissen Sicherheitsgefühl bei. Es könne nur im Interesse der Stadt sein, diesen Zustand aufrechtzuerhalten: "Sonst brechen schnell Werte und Normen zusammen und werden mit dem Müll weggeworfen."
Die Straßenreinigung ist in Wien auf 67 kleine Sektionen aufgeteilt, jede Sektion hat ihre Mitarbeiter, ihr eigenes System und agiert, was die Planung betrifft, selbstständig. Problemgebiete sind, wie in anderen Metropolen auch, die Gegenden um die Bahnhöfe, Märkte und Fußgängerzonen. Und wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist, ist Wien alles andere als sauber. Beispielsweise unmittelbar, nachdem der Flohmarkt bei der Kettenbrückengasse vorüber ist. Viele Standler lassen Unverkauftes einfach zurück, manche missbrauchen den Markt sogar als Müllkippe und bringen verbotenerweise Sperrmüll. Kaum ist der Markt frei, rücken die Straßenputzer an mit ihren Maschinen. Mit Pflügen wird das Gröbste zusammengeschoben, dann gekehrt, und nach kurzer Zeit ist der Platz wieder sauber.
Die Reinigungssektion in Mariahilf ist sowohl für den Naschmarkt, als auch für die Sauberkeit der Mariahilfer Straße zuständig. Wie im ersten Bezirk wird auf der großen Einkaufsstraße auch am Wochenende geputzt - Marktstandler, -benutzer und Einkäufer machen nämlich jede Menge Dreck. Nachts rücken die Saubermänner mit ihren Leiterwagerln aus, an denen Petroleumlampen befestigt sind.
Wienbesuchern fällt zwar auf, wie "schön sauber" Wien ist. Doch auch hier landen Kaugummis, Zigarettenstummel oder Getränkedosen nicht immer im Papierkorb, sondern vielfach auf dem Asphalt. Das Fachwort für diese Art der Stadtverschmutzung lautet "Littering", und glaubt man internationalen Experten, dann ist das gedankenlose Wegwerfen oder "Vergessen" von Mist für Städte und Gemeinden ein ernsthaftes Problem. Gelittert werden vor allem kleine Objekte, Zigarettenstummel sind der weltweit am häufigsten gelitterte Gegenstand, gefolgt von ausgespuckten Kaugummis. Der Aufforderung auf der Verpackung "Halte deine Umwelt sauber" kommen Kauer höchst ungern nach - die Straßen vor Jungmenschen-Treffpunkten wie dem Bermudadreieck oder vor Kinos sind regelrecht mit einer Kaugummischicht überzogen. Die Zunahme von Take-away-Essen und Coffee-to-Go verschärft das Problem. An Plätzen mit hoher Frequenz sind in manchen Städten bis zu achtzig Prozent der Reinigungskosten litteringbedingt.
Der kleine Mist im Vorübergehen macht auch den Wiener Stadtreinigern zu schaffen. Vergangenes Jahr fand in Wien auf Einladung der MA 48 ein internationaler Kongress zum Thema Littering für Fachleute aus der Abfallwirtschaft statt. Ergebnis: In der Gesellschaft ist wenig Sensibilität und Unrechtsbewusstsein diesbezüglich vorhanden. Littering kann das Wohlbefinden und das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum beeinflussen und schadet dem Image einer Stadt, so die Experten. Australische Wissenschaftler beschreiben drei verschiedene Littering-Typen: den "Stopfer", der seinen Müll in Mauerspalten und Zwischenräumen hinterlässt, den "Beerdiger", der Bananenschalen, Zigaretten oder Getränkedosen im Sand oder in der Erde "vergräbt", und den "Korbwerfer". Dieser zeigt guten Willen, indem er versucht, den Müll in Papierkörbe zu treffen - hat er keinen Erfolg, lässt er sein Wurfobjekt aber einfach am Boden liegen.
Obwohl: Studien belegen, dass weniger zu Boden geht, wenn viele, große und auffällige Papierkörbe aufgestellt werden. Auch weil sichtbare Mistkübel daran erinnern, dass Littering sozial unerwünscht ist. Saubere Städte bleiben länger sauber - weil niemand der Erste sein will, der was wegwirft. Wo's eh schon dreckig ist, scheint es auch kein Problem zu sein, noch was dazuzuwerfen.
Littern kostet in Singapur beim ersten Mal 500 Dollar, beim dritten Mal schon 2500. Zusätzlich gibt es drastische Maßnahmen wie öffentliches Outing von "Wiederholungstätern" in den Medien. In New York können einem für ein unsachgemäß entsorgtes Eispapierl tausend Dollar Strafe aufgebrummt werden. Auch in Großbritannien ist Littering ein Gesetzesverstoß, bestraft werden kann nicht nur, wer seine Getränkedose achtlos fallen lässt, sondern auch, wer seinen Hund auf die Straße kacken lässt oder sein Grundstück in Sichtweite von öffentlichen Plätzen nicht in Ordnung hält.
In Amsterdam gibt es dreißig Umweltpolizisten im Einsatz, die Littering ahnden. In der Schweiz macht man seit ein paar Jahren mit der Aktion "Trash ist Kultur" auf das Problem aufmerksam und erinnert Stadtmenschen mit Slogans, Partys und landesweiten Großputztagen ans ordnungsgemäße Entsorgen. Der Umgang mit Mist ist Teil der Kultur, lautet dabei die Botschaft.
Psychologe Michael Trimmel glaubt, dass derartige Aufforderungen nur minimale Auswirkungen haben, und empfiehlt weiterhin die Arbeit der Straßenreiniger als Prävention: "Das Beste ist, von vornherein darauf zu achten, dass die Stadt sauber ist."

Statt auf Überwachen und Strafen setzt Wien auf Aufklärung und Verständnis. Und Menschen in orangefarbenem Arbeitsgewand. Muss man in anderen Städten zahlen, regelt sich so was in Wien fast von allein: Schimpfende Passanten weisen Mistsünder sogar eher direkt als dezent auf ihr Vergehen hin. Trotzdem sei es manchmal unfassbar, was die Leute alles fallen lassen, aus dem Auto oder beim Fenster hinauswerfen, erzählt MA-48-Mann Franz Bischof. Trotzdem: "Bußgelder stehen nicht zu Diskussion." Immerhin habe man unlängst bei den Altstoffsammelstellen Schilder aufgestellt, die besagen, dass das Ablagern von Sperrmüll hier verboten ist.
Doch Wien wäre nicht Wien, wenn die MA-48er nicht regelmäßig in der Früh die Sammelstellen abfahren und eventuell illegal abgelegten Sperrmüll einsammeln, bevor Anrainer es bemerken und zum Telefon greifen und die Nachbarschaft vernadern.
Besorgte Bürger melden sich auch regelmäßig, wenn sie vor ihrer Haustür Dreck entdecken. Größtenteils seien die Beschwerden auch berechtigt, sagt Bischof. Dann rücke ein eigener Putztrupp aus und behebe das Problem. So einfach. Seit einem Jahr gibt es auch die mobilen Bereitschaftswagen in Form von Smarts mit Mistkübel - übrigens alles andere als ein Werbegag der MA-48, wie Franz Bischof versichert: "Die sind schneller als ein Straßenreiniger zu Fuß und haben eine hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung." Die Mistkübel auf vier Rädern sind nicht nur für die Straßenreiniger im Einsatz, sondern auch in Parks und auf der Donauinsel. Auch die Agenden der Junkie-Spritzen-Sammler Moskito haben sie übernommen.
Bei der Regenbogenparade vergangenen Samstag cruiste auch ein Smart der Straßenreinigung über den Ring. Geschmückt mit einer Regenbogenfahne, versteht sich. Die Männer in Orange trugen Leiberl mit der netten Aufforderung, sauber zu bleiben: "Make Love - not Waste."

Zum Archiv

nach oben
Juni 2004 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at