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| Zu ebener Erde |
| STADTBILD Die Architektin Angelika Psenner hat Wiens Erdgeschoße erforscht. Ein Gespräch über die engen Gassen dieser Stadt, die Angst der Wiener vor dem Beobachtetwerden und die Kleingaragenepidemie am Alsergrund. JULIA ORTNER GRÄTZELPROJEKT "MAKING IT": Lokalrecycling |
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| Leere Geschäfte, sterbende Greißler, vergammelte Lagerräume, immer mehr Kleingaragen: In den Wiener Erdgeschoßen abseits der großen Boulevards stehen derzeit 5000 ehemalige Lokale leer. Die Architektin und Soziologin Angelika Psenner beschäftigte sich in ihrem Gastsemester am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien mit den Eigenheiten des Wiener Erdgeschoßes und damit, was Kleingaragen, Kleinhandel und Kleinbürgerlichkeit miteinander zu tun haben. Psenner studierte die Bebauungsstrukturen in den Bezirken zwei bis neun, in dem Grätzel rund um die Rossau betrieb sie Feldforschung in Sachen Kleingaragen. Die Architektin, die zuvor am TU-Institut für Baukunst gearbeitet hat, interessiert sich auch dafür, wie der öffentliche Raum von Straßenbenützern wahrgenommen wird. In ihrer Dissertation erforschte sie dazu die Praterstraße. Falter: Wenn man in Wien über das Stadtbild diskutiert, geht es meist um Hochhäuser. Die erregen die Wiener. Warum ist gerade das unspektakuläre Ergeschoß als Forschungsfeld für Sie spannend? Angelika Psenner: Das langsame Verschwinden des Kleinhandels, die dichte Bebauung und immer mehr Kleingaragen in den Häusern verändern das Stadtbild in Wien grundlegend, davon ist vor allem die Erdgeschoßzone betroffen. Schon bei der Feldforschung in der Praterstraße hat sich herausgestellt, dass das Erdgeschoß das wichtigste Attribut im öffentlichen Raum ist, weil es im Mittelpunkt unseres normalen Blickfelds liegt. Das Erdgeschoß ist der Bereich, in dem ich interagiere: Ich kann in die Fenster schauen, die Leute schauen raus. Im Prinzip dehnt sich der öffentliche Raum der Straße auf diese Art bis in die Lokale und Wohnungen hinein. Sie haben in Ihrer Studie auch festgestellt, dass die Wiener gar nicht gerne ganz unten wohnen. Warum? Das hängt zum einen mit der speziellen Bebauungsstruktur Wiens zusammen, die im Vergleich zu anderen Städten sehr eng geraten ist. Die Wohnstraßen stammen größtenteils aus der Gründerzeit um 1840. Damals fing Wien an, enorm zu wachsen, jede neue Straße musste ab 1860 acht Klafter messen, das sind 15,17 Meter. Davor waren von der Bauordnung sogar nur neuneinhalb Meter Breite vorgeschrieben - in Berlin dagegen sind die Wohnstraßen 35 Meter breit. Die engen Wiener Straßen mit den in Relation hohen Gebäuden, 21 Meter und mehr, ergeben eine schmale Schlucht. Das Erdgeschoß kriegt damit viel zu wenig Licht ab, eine Wohnnutzung ist schwierig. Andererseits gibt es diesen kulturgeschichtlichen Aspekt. In London oder Amsterdam ist eine Erdgeschoßwohnung gang und gäbe. Obwohl Amsterdam auch keine breiten Straßen hat, die Häuser sind meist schmal, man wohnt über drei oder vier Geschosse. Das holländische Erdgeschoß hat große Fenster ohne Vorhänge, die Leute haben damit auch kein Problem, sie leben mit dieser Offenheit. Im Gegensatz dazu ist in Wien der Biedermeiervorhang nie ganz weggezogen worden, die Wiener haben anscheinend ein Problem damit, im Erdgeschoß einsehbar zu leben und sich beobachten zu lassen - ein Phänomen, mit dem man sich eingehend befassen sollte. Würden Sie selbst denn im Erdgeschoß wohnen wollen? In London habe ich in einem Haus gewohnt, wo wir im Halbuntergeschoß gegessen haben. In Wien lebe ich im ersten Stock, und wir haben keine Vorhänge, das habe ich mir beibehalten. Interessanterweise gibt es jetzt in unserer Gasse eine Erdgeschoßwohnung, die ursprünglich eine Tischlerei war und wo jetzt ein junges Paar eingezogen ist - sehr außergewöhnlich für diese Stadt. Wenn man sich das Erdgeschoß anschaut, wohnen dort hauptsächlich noch die, die sich's nicht aussuchen können: Zuwanderer, Hausmeister. Im schicken Dachausbau residieren die Bobos. Mit welchen neuen Nutzungen könnte man leere Erdgeschoße beleben? Das mit der Zweiklassengesellschaft im Haus war immer so. Bis zum 19. Jahrhundert war das Erdgeschoß nur für Gewerbe und Conciergewohnungen vorgesehen. Mitte des 19. Jahrhunderts hat dann die Wiener Bauordnung festgelegt, dass das Bewohnen der Erdgeschoße erst ab einem gewissen Niveau erlaubt wurde, daher kam es auch zu den Hochparterres. Es ist problematisch, diese alten Regelungen, die einen Markt für schlechte, gesundheitsschädliche Wohnungen verhindern, wieder zu ändern. Die Stadtverwaltung sollte generell überlegen, welche zusätzlichen Möglichkeiten man im Erdgeschoß hätte. Eine temporäre Nutzung - Appartment-Hotels oder Wohnheime - wäre durchaus sinnvoll. Warum soll sich ein Hotel nicht über die ganze Straße im Erdgeschoß dahinziehen? Außerdem arbeiten immer mehr junge Architektenbüros in einst leer stehenden Lokalen, weil es günstig ist und sie den Bezug zum öffentlichen Raum suchen. In Berlin siedeln sich jetzt vor allem Geisteswissenschaftler in den Erdgeschoßlokalen an und genießen es, mit ihrer Arbeit auch mal sichtbar zu sein. Sie haben in ihrer Studie festgestellt, dass es immer mehr Kleingaragen im Erdgeschoß gibt. Wie kommt es dazu? Klar überlegt sich ein Hausbesitzer, der ein leeres Gassenlokal hat, das niemand mehr haben will, ob er nicht einfach Garagenplätze baut, noch dazu, wo der Parkraum knapp ist. Wenn jemand zum Beispiel sein Dachgeschoß ausbaut, tritt automatisch die Stellplatzverpflichtung in Kraft: Das heißt, man muss pro neuer Wohnung einen Parkplatz bauen. Es gäbe dafür allerdings auch Alternativen - man kann theoretisch entweder eine Abgabe an die Stadt zahlen oder im Umkreis von 500 Metern einen Stellplatz anmieten. In dem von mir untersuchten Grätzel zwischen Donaukanal, Alserbachstraße und Porzellangasse habe ich alleine vierzig Kleingaragen gezählt, die in jüngster Zeit entstanden sind. Der Garagenbau hat vielleicht auch etwas mit sozialem Status zu tun: Als Hausbesitzer baue ich mir meine eigene Garage, habe damit einen gewissen Grad von Unabhängigkeit, suche mir ein besonders schönes Garagentor aus. Wenn das einer macht, ziehen die anderen in der Straße nach. Verändert sich die Stadtstruktur durch diese Kleingaragen? Die versiegelten Ergeschoßzonen ohne Büros, Wohnungen oder Lokale trennen das Leben dahinter strikt vom öffentlichen Raum der Straße ab. Der öffentliche Raum, der ohnehin so eng ist, wird damit noch begrenzter. Die Hausmauer wird wirklich zur Grenze zwischen privat und öffentlich und die alten, doppelt bespielbaren Räume fallen weg. Das ist ein großer Verlust für das gesamte Stadtbild. Was unternimmt die Stadtplanung in Sachen Kleingaragen? Es gibt derzeit noch nicht einmal eine Statistik, wie viele derartige Garagen es gibt, weil dafür keine Umwidmung nötig ist und sie deswegen niemand zählt. Daher besteht aus stadtplanerischer Sicht auch kein Regulativ, das den Garagenbau regeln könnte. Wien bräuchte dringend so ein Konzept. GRÄTZELPROJEKT "MAKING IT" Lokalrecycling Stereoanlagen gehen hier offenbar nicht so gut. Im fünften Bezirk stehen in der Schönbrunner Straße gleich mehrere Hi-Fi-Geschäfte nebeneinander leer. Auf der Straßenseite gegenüber erinnert nur mehr ein verblasster Schriftzug über der Auslage daran, dass hier einmal Antiquitäten verkauft wurden. Und das Zuckerlgeschäft ein paar Blocks weiter hat dasselbe Schicksal ereilt. Die Schönbrunner Straße ist in ihrem Margaretner Abschnitt das typische Beispiel jener Straßen, die mit ihrer kleinteiligen Geschäftsstruktur mit den Shoppingmalls und aufpolierten Einkaufsmeilen nicht mehr mithalten können. Zwischen Beisln und Kleingewerblern stehen immer wieder Auslagen leer, der starke Verkehr auf der Bundesstraße macht die Lage auch nicht attraktiver. Hinter einigen verstaubten Schaufenstern wird seit kurzem aber wieder fleißig gewerkelt. Im Rahmen des Projekts "Making It 2" haben Architekten, Künstler und andere Kreative mehrere Geschäftslokale zwischen Reinprechtsdorfer Straße und Hundsturm bezogen. Derzeit richten sich die zehn verschiedenen Gruppen häuslich in den Räumlichkeiten ein. Ab dem 17. Juni, dem offiziellen Vorstellungstermin, können die Teams dann für ein Jahr kostenlos in den Lokalen arbeiten - und sollen so im Idealfall das Grätzel nachhaltig beleben. "Das Schaufenster als Medium zu nutzen, diese Strategie hat auch der Kleinhandel immer schon betrieben", erklärt der Architekt Mark Gilbert, der das Projekt gemeinsam mit Hans Hinterholzer und Wolfgang Niederwieser von der örtlichen Gebietsbetreuung organisiert hat. Statt Kleinhändlern sollen jetzt eben "Kleindienstleister" in den Auslagen arbeiten und damit im Straßenbild präsent sein. Das erste Making-It-Projekt fand vor vier Jahren ebenfalls in der Schönbrunner Straße statt. Damals bespielten Architektengruppen zwei Wochen lang vier leere Geschäfte. Der langfristige Nutzen für das Viertel hielt sich dabei allerdings in Grenzen. Um der Kritik zu entgehen, dass solche Kunstprojekte immer nur kurzfristige Impulse setzen, beschlossen die Making-It-Macher, dass die zweite Ausgabe des Projekts nicht nur mehr Teilnehmer aus unterschiedlichen Kreativberufen haben, sondern vor allem länger dauern sollte. Die jeweiligen Lokalmieten - im Prinzip die Projektförderung für die zehn Gruppen - kommen aus öffentlichen Förderungen. Überraschenderweise sei es ausgerechnet bei der Wirtschaft nicht möglich gewesen, Interesse für das ambitionierte Projekt zu wecken, erzählen die Organisatoren. "Da sind wir völlig abgeblitzt." Die Raumsuche war ebenfalls gar nicht so einfach. "Man hat im Prinzip nur auf ein Drittel der leer stehenden Lokale Zugriff", sagt Gebietsbetreuer Niederwieser. Viele Räumlichkeiten werden als Lager genutzt, manche Besitzer lassen ihr Eigentum auch einfach so leer stehen. Als Gegenleistung für die Förderungen müssen die Teilnehmer, die per Juryverfahren aus 78 Bewerbern ausgewählt wurden, ein Forschungsprojekt zum Thema "Sprache der Straße" durchführen. Die Macher des Fußballmagazins Ballesterer etwa sehen Fußball als kulturbildendes Straßenphänomen, wollen darüber im Rahmen des Projekts eine Abhandlung verfassen und nebenbei auch die Fußballkultur im Viertel fördern. Die neuen Arbeitsräume dienen dabei als Redaktionsbüro und Treffpunkt für Fußballfans. "Fußball ist ein Paradebeispiel", meint Architekt Gilbert, "gewisse Rituale, die mit dem Fantum verbunden sind, sagen viel über die Handlungen aus, mit denen wir uns definieren." Das Architekten- und Künstlerkollektiv "rain" wiederum verwandelt das Lokal in ein Aktions- und Veranstaltungszentrum. Die Gruppe will 10.000 Besucher im Jahr anlocken und damit gleichzeitig die "Ökonomie der Aufmerksamkeit" erforschen. Wobei die Erdgeschoßlokale generell eher als Büros genutzt werden sollen. Für Veranstaltungen gibt es eine von der Architekturgalerie Framework betriebene Projektzentrale in einem ehemaligen Supermarkt, die samt Café gleichzeitig Schnittstelle nach außen ist. Im Idealfall sollen die Teilnehmer auch nach Ende des Projekts in ihren Straßenlokalen bleiben. Immerhin, erzählen die Organisatoren, hat ein Vermieter schon jetzt einen Nachfolgevertrag mit einer Gruppe ausgehandelt. "Kulturfolger", die sich ebenfalls in der Gegend einmieten wollen, gibt es auch schon. Dass mit den neuen Mietern das Grätzel zum schicken Szeneviertel mutiert, glauben Gilbert, Hinterholzer und Niederwieser nicht - das sei auch nicht Ziel des Projekts. Einen positiven Imagewandel wünschen sich die Planer aber schon. Die Voraussetzungen dafür scheinen gar nicht schlecht zu sein. Unweit der Making-It-Zentrale ist schon länger ein Architekturbüro ebenerdig einquartiert. Und erst vor ein paar Monaten hat ein findiger Anrainer in einer ehemaligen Kaffeerösterei eine schicke Weinbar eröffnet und damit ebenfalls vorexerziert, dass die Schönbrunner Straße durchaus Potenzial in Sachen Lokalrecycling hat. THOMAS PRLIC Auftaktveranstaltung: 17.7., 19 Uhr, 5., Schönbrunner Straße 107, Informationen: www.making-it.at |
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