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| "Die Orli ist nur die Orli" |
| LITERATUR Demnächst erscheint Martin Walsers jüngster Roman "Der Augenblick der Liebe". Der "Falter" sprach mit dem Autor über die unlösbaren Widersprüche der Liebe, die Fragwürdigkeit der Traumdeutung, die Liebesfähigkeit Winnetous und den Unterschied zwischen Bundeskanzler und Schriftsteller. JÖRG MAGENAU |
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| Wie kaum ein anderer - sieht man von Günter Grass ab - verkörpert Martin Walser, 1927 in Wasserburg/Bodensee geboren, den deutschen Großschriftsteller der Nachkriegszeit. Als Mitglied der Gruppe 47 und Büchnerpreisträger (1981) ist er immer wieder als typischer Vertreter einer "gesellschaftskritischen" Literatur beschrieben worden - eine Einschätzung, die er keineswegs vorbehaltlos teilt. Dennoch: Allein durch seine politischen Stellungnahmen - am spektakulärsten zuletzt in seiner Rede zur Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (1998), in der er sich gegen die "Instrumentalisierung" von Auschwitz wandte - ist Walser jederzeit für eine Kontroverse gut. Am 23. Juli erscheint sein jüngster Roman "Der Augenblick der Liebe" - im Übrigen das erste Buch, das Walser nicht im Suhrkamp Verlag veröffentlicht, dem er 46 Jahre lang als Hausautor verpflichtet war. In der Folge einer späten Scheidung wechselte er zu Rowohlt. Falter: Die Titel Ihrer Bücher lassen eine besondere Affinität zu dem Wort "Liebe" erkennen. 1976 erschien "Jenseits der Liebe", 2000 dann "Der Lebenslauf der Liebe". Ihr neuer Roman heißt "Der Augenblick der Liebe". Fürchten Sie nicht, mit diesen Liebestiteln in Trivialitätsverdacht zu geraten? Martin Walser: Solche Überlegungen sind mir fremd. Wenn ein Titel nach meinem Gefühl für ein Buch passt, dann nehme ich ihn. Im neuen Roman geht es darum, dass es Augenblicke der Liebe gibt, die hervorgehoben sind, die aber wieder durch andere Augenblicke konterkariert werden, die auch Liebe heißen und die mit den ersten Augenblicken überhaupt nicht zu vereinbaren sind. Das ist ein Widerspruch, der in uns liegt. Schon in Ihrem ersten Roman von 1957, "Ehen in Philippsburg", ging es um Liebesverhältnisse, auch wenn Sie damals als "gesellschaftskritischer Autor" wahrgenommen wurden. Kann man sagen, die Liebe in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen ist Ihr eigentliches Lebensthema? Das stammt nicht von mir: gesellschaftskritischer Autor. Das ist das, was Leute wahrnehmen. Aber wenn ich sagen müsste "Liebe ist mein Lebensthema", wäre mir unwohl. Das wäre gerade so, wie wenn Sie fragen: "Brauchen Sie Sauerstoff?" Und ich sage: "Ja, Sie haben Recht, ich brauche Sauerstoff." Bilden Gesellschaftskritik und Liebe einen Gegensatz? Bedeutet Liebe als etwas Privates einen Verlust an Gesellschaftlichkeit, oder ist sie eine soziale Kompetenz? Das sind alles Wörter, die weitab von mir liegen. Sagen wir so: Romane - ich glaube, alle Romane, aber meine ganz sicher, - sind ein Ausdruck der Schwierigkeit, Selbstbewusstsein zu erringen und zu bewahren. Nichts anderes. Ich habe mein Selbstbewusstsein von Anfang an als ein problematisches erlebt, das mir von der Welt nicht ohne weiteres zugestanden wird. In den Romanen von Karl May habe ich gefunden, wie sich Stärke gegenüber der Gefahr manifestiert. Old Shatterhand mit seinen Gewehren besiegt seine Gegner. Die, die er besiegt, sind böse. Also hat er ein Recht, sie zu besiegen. Dann gibt es aber auch Winnetou, der die Liebe besorgt für Old Shatterhand. Winnetou darf man lieben. Das heißt, es gibt auf der einen Seite Selbstbewusstsein und auf der anderen Liebesfähigkeit als zwei Pole? Die Liebesfähigkeit Winnetous nennt man vielleicht nicht unmittelbar Selbstbewusstsein, aber seine Umarmbarkeit gehört zum Lebensgefühl von Old Shatterhand. Er sagt: mein Bruder. Die Herzlichkeitsgewissheit gehört zur Bildung des Selbstbewusstseins dazu. Für den Zwölfjährigen im wirklichen Leben gibt es die Schule, Freunde, vielleicht die Straße und das Elternhaus. Wenn ich einen Aufsatz in der Schule geschrieben habe, dann war das genauso, wie wenn ich zu einem Treffen mit einem Mädchen ging, mit dem ich mich verabredet habe. Ich wollte immer einen Einser. Von dem Mädchen und von dem Lehrer. Ob ich ihn bekam oder nicht, das hat sich auf mein Selbstbewusstsein ausgewirkt. Die Anordnung in Ihren Romanen ist stets dieselbe: Ihre Helden sind verheiratete Männer, die eine oder mehrere Geliebte haben und die unterschiedlichen Verhältnisse ausbalancieren müssen. Die Ehe genügt ihnen nicht, obwohl sie unverheiratet verloren wären. Was ist das Ungenügende an der Ehe? Warum geht es ohne Ehe nicht? Gut. Also. Wenn Sie das so schicksalhaft präsentieren mit den Männern und ihren Frauen: Ich habe mal einen Aufsatz über Frauenstimmen bei Richard Strauss geschrieben. Desaströser kann es nicht zugehen als in den Frauenrollen der großen Opern des 19. Jahrhunderts. Bei Verdi und Wagner müssen die Frauen alle untergehen, verrecken, vergiftet werden, sich umbringen, den Männern nachsterben und so weiter. Dann kommt der Strauss und lässt diese Frauen singen und überstehen. In seiner Oper "Ariadne auf Naxos" geht es in der Arienorgie der Zerbinetta um das Naturrecht der Frau auf Untreue. Der Ödipuskomplex wäre viel realistischer, wenn man ihn Marienkomplex genannt hätte. Die Männer, die diese Kultur gegründet haben, stellen sich lieber eine jungfräuliche Geburt und Zeugung vor, als eine wirkliche Frau, die man nicht besitzen kann. Es ist doch wahnsinnig, was die Maria bei uns für eine Rolle spielt. Sie ist uns lieber, denn sie hat keinen anderen. Die habe ich ganz für mich. Deshalb ist mir Ihre auf den Mann zielende Frage zu eng. Aber es gibt keine Szene in Ihren Romanen, in der der Mann mit der Untreue der Frau konfrontiert wäre. Da bin ich mir jetzt nicht ganz sicher. Aber wahrscheinlich ist das aus der männlichen Perspektive so dargestellt. Diese Männer brauchen ihre Frauen so dringend für ihr Gesamtselbstbewusstsein, dass die Frauen kein Eigenleben außerhalb des Mannes haben. In "Halbzeit" gibt es ein Tagebuch von der Birga, da steht ein bisschen was davon drin. Im "Lebenslauf der Liebe" ist das ganz einfach. Die beiden haben sich getrennt. Da ist es sowieso anders. Susi Gern und ihr Edmund haben ein Arrangement, bei dem Untreue zur Vereinbarung gehört. Und trotzdem ist es leidvoll. Das ist nicht hinzukriegen. Es gibt kein Arrangement, keine friedliche Vereinbarung. Susi Gern hat ja nun wirklich alles probiert. Sie ist auf das Arrangement ihres Mannes eingegangen und versucht selber mit vielen Männern das zu realisieren und genauso zu leben wie ihr Mann. Und leidet und leidet. Und nachher heiratet sie einen 29 Jahre jüngeren Mann. Da kann sie nur noch leiden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie dieses Verhältnis von Mann und Frau zur Ruhe kommen kann. Im "Lebenslauf der Liebe" bin ich auf einen Satz gestoßen, den Sie Susi Gern sagen lassen: "Liebe - bis jetzt hieß das immer, auf sich selber verzichten, um dem anderen nicht weh zu tun." Ist das ein brauchbarer Satz? Das ist auf jeden Fall Liebe und sicher nicht die unwirklichste Form ihres Vorkommens. Man weiß ja nicht, auf was man verzichtet, wenn man auf sich verzichtet. Auf jeden Fall ist das eine schöne, idealistische Vorstellung. Das hätte sie von ihrem Mann gerne gehabt, dass er so operiert hätte. Sie sagt, und da bin ich ganz auf ihrer Seite, dass sie Glück immer als Unglücksglück empfunden hat. Es gibt kein Glück ohne Unglück. Das klingt alles so, als ob man die Unlösbarkeit der Widersprüche hinnehmen muss. Ist Liebe eine Erfahrung, bei der es nichts nutzt, sie fünfzigmal zu machen? Fünfzigmal, das ist doch Unsinn. Das wird in jedem Leben vollkommen anders sein, aber man wird doch Casanova nicht für einen Liebenden halten. Der ist ein Affärenvirtuose. Ich weiß nicht, ob man etwas lernen können soll. Das Leben ist nicht verbesserbar. Es gibt überhaupt nichts zweimal, also ist auch nichts zu lernen. Schauen Sie, Gottlieb Zürn, dieser Kerl im neuen Roman. Zuerst denkt er: Nichts wie hin zu Beate. Dann: Nichts wie zurück zu Anna. Dann wieder: Nichts wie hin. Und wenn es da nicht zu spät wäre, weiß der Teufel, was da noch passiert wäre. Er ist nicht belehrbar. Der Altersunterschied zwischen Gottlieb Zürn und der mehr als dreißig Jahre jüngeren Beate spielt eine erstaunlich geringe Rolle. Er spielt eine große Rolle, ich bitte Sie. Das Mädchen kann ihm nicht erklären, warum sie ihn liebt. Er stellt sich vor, wie furchtbar das für sie ist, ihn anschauen zu müssen. Diese Gedanken nehmen mit dem Alter zu. Das ist doch klar. Unter den Konstellationen, mit denen ich es in "Der Augenblick der Liebe" zu tun hatte, ist das Warum der Liebe problematisch. Und das ist ein Selbstbewusstseinsproblem. Nicht nur Ihre Helden werden älter, auch die Gesellschaft wandelt sich. 1957 hat man anders geliebt als 1968 oder 2000. Das glaube ich nicht. Das zeigen aber Ihre Romane. Ich merke davon nichts. "Ehen in Philippsburg" ist ein Roman, der die Verhältnisse der Fünfzigerjahre und des Wirtschaftswunders beschreibt. Alle Philippsburger Ehen sind hochgradig verlogen und fassadenhaft. Das muss ich zugeben. Es gibt kein anderes Buch von mir, in dem Liebe so von gesellschaftlichen Umständen abhängig ist. Dieser Hans Beumann will sich etablieren und macht einen peinlichen Liebesfehler. Der wird dann auch nicht mehr behoben, oder? Er heiratet eine Tochter aus einflussreichem Haus, weil er in die Gesellschaft der Stadt hineinkommen will. Im Roman "Der Sturz" von 1973 taucht er noch einmal auf. Seine Gattin ist fett geworden, und er endet mit Selbstmord. Heilandzack, ja. Schrecklich. Aber das geschieht ihm recht. So habe ich keinen Helden mehr behandelt. In "Das Einhorn" bekommt Anselm Kristlein den Auftrag, einen Roman über die Liebe zu schreiben. Er scheitert an der Aufgabe. Er stellt fest, keine Sprache dafür zu finden. Ja? Das stellt er fest? Wenn ich mich daran erinnere, erinnere ich mich an etwas anderes. Ich erinnere mich daran, dass er einen irren oder verzweifelten oder grotesken Versuch macht, mithilfe von Sprache seine Frauen in eine Einzige zu bringen. Also seine Ehefrau und seine Geliebte. Dass Sie so ein Wort ertragen! Die Orli ist doch nicht seine Geliebte, sie ist seine LIEBE! Durch Orli macht er eine alles vorläufige Benennungswesen entkräftende Erfahrung. Und am Schluss macht er aus Orli und Birga - Orga. Das ist eine Kunstfigur. Eine Sprachschöpfung. Das heißt: Es gibt dafür keine irdische Statt - nur den Roman. Was ist es, was sich in der Wirklichkeit nicht vereinbaren lässt? Wofür stehen die beiden Frauen? Die stehen für nichts als für sich selbst. Die Orli ist nur die Orli. Natürlich kann man sagen, sie ist eine exotische Erscheinung verglichen mit seiner Birga. Die eine ist Wirklichkeit, die andere ist Vorstellung. Beides geht nur in Wörtern zusammen. Das macht die Schriftstellerei aus, finde ich. "Das Einhorn" erschien 1966, in einer Zeit, als mit der Studentenbewegung auch die Liebesverhältnisse zu einem Politikum wurden. Damals hieß es: Das Private ist politisch. Das ist Blödsinn. Dann kann man genauso gut sagen, es gibt nichts Privates. Es gibt keine Wohnung, durch deren Wände nicht andauernd alles Öffentliche durchflutet und die Leute mehr oder weniger glücklich oder unglücklich macht. Umgekehrt haben seriöse Intellektuelle, Diskursfürsten, mir 1998 vorgeworfen, in welcher Sprache ich bei der Friedenspreisrede in der Paulskirche über die nationale Beschwernis gesprochen habe. Sie warfen mir vor, das Politische zur Privatangelegenheit gemacht zu haben. Weil sie denken, dass eine Sprache erwartbar oder vorgeschrieben sei, wenn man an diesem Ort zu dieser Zeit über dieses Thema spricht. Es gibt aber keine eingeführte Sprache, der ich mich bedienen kann, sonst kommt ein Gerhard-Schröder-Text dabei heraus. Als Bundeskanzler kann ich mir jede Textglätte leisten, aber als Schriftsteller kann ich nur auftreten, wenn ich ich selbst zu sein versuche. Das nennen die dann privat. Da haben Sie die Umkehrung: Das Politische ist privat. Das wäre doch der gleiche Unsinn. Für einen Autor gibt es diese Einteilung nicht. Die gibt es ja auch nicht in der Liebe. Damals ging es doch darum, die erstarrten bürgerlichen Ordnungen auch in den privaten Beziehungen aufzubrechen. Aber das schafft man nicht mit derselben Formelhaftigkeit! Es gab damals einen Fachmann fürs Erotische: Günter Amendt. Ich konnte seine Bücher nicht aufblättern, weil ich in diesem Vokabular nichts erfahren kann. Ein anderer, der damals wichtig war: Wilhelm Reich. Für mich war das Null. Langweilig. Ich habe sogar mit dem heiligen Freud keine Freude gehabt. Ich weiß noch, wie ich meinen ersten Zwist mit Habermas hatte, in einer Nacht in Gauting, etwa 1980. Da sind wir auf Freuds Traumdeutung gekommen. Als ich sagte, ich hätte Freud "instinktiv abgelehnt", konnte Habermas nur breitseitenhaft polemisch reagieren. Damals hatte ich noch keine eigenen Versuche oder Erfahrungen im Umgang mit Traummaterial. Inzwischen habe ich das und kann jetzt nur sagen, wie richtig ich meine instinktive Abwehr dieses instrumentalisierenden Umgangs mit Träumen finde. Ich glaube nicht an eine Traumarbeit, wo etwas übersetzt werden muss, weil man es sich nicht gestattet; dass man also aus bürgerlichen Sowiesogründen Schamhaare in ein Bahnhofswäldchen verwandelt. Nein. Träume sind deutlich. Ich träume sowohl ganz direkt wie vollkommen phantastisch. Aber nie undeutlich. Sind Träume Erzählungen? Die Zusammenfügungskraft von Träumen ist das Wildeste, was es gibt. Man kann Schriftsteller sehr gut danach beurteilen, wie sie Träume aufschreiben. Vergleichen Sie mal den Traum bei Robert Walser im "Jakob von Gunten" und schauen Sie im "Zauberberg" den Schneetraum an, wo es ganz am Schluss heißt, glaube ich: "Ja, trefflich geträumt. Das haben wir gut hingekriegt." Man weiß inzwischen, dass dieser Traum nach einem Jugendstilbild gemacht worden ist. "Jakob von Gunten" ist dagegen ein ganz wilder Traum. Träume dürfen nicht aufgehen. Dazu gehört aber die Fähigkeit, aufzupassen. Das Tagbewusstsein am Morgen neigt dazu, die Träume verständlicher zu machen als sie sind: Man lässt weg, was man nicht unterkriegt, und schon hat man eine verständliche Geschichte. Ich glaube, dass die Leute an ihren Träumen sündigen. Träume sind unser Größtes. Die Szenen, die Scheußlichkeiten, die Großartigkeiten sind durchflutet von Wirklichkeitskommandos und Erfahrung. Der Traum geht wüst um mit diesen Wirklichkeitskommandos und bringt sie zu einer allerhöchsten Deutlichkeit, die keiner Deutung bedarf. Das ist für mich das Wichtigste. Jörg Magenau lebt als freier Schriftsteller und Journalist in Berlin. 2002 erschien seine Biografie über Christa Wolf bei Kindler, eine Biografie Martin Walsers wird im Frühjahr 2006 bei Rowohlt erscheinen. Martin Walser: Der Augenblick der Liebe. Roman. Reinbek 2004 (Rowohlt). 256 S., EUR 20,50 (erscheint am 23.7.). Rezension im nächsten "Falter". |
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