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| Schnitzler mit Aussicht |
| THEATER Die Festspiele Reichenau sind der Ferrari unter den Sommertheatern: teuer und ausverkauft. Das Erfolgsrezept: Man spielt nur Stücke, die gut zur Umgebung passen. Eine Reportage. WOLFGANG KRALICEK |
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| Sollten Sie mit dem Gedanken spielen, die Festspiele Reichenau zu besuchen, gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Es sind noch ausreichend Karten für alle Vorstellungen vorhanden. Die schlechte: Das gilt erst für nächstes Jahr, heuer ist - wie immer - längst alles ausverkauft. "Im Mai, bevor die Proben begonnen haben, war schon alles verkauft", schwärmt die Reichenauer Prinzipalin Renate Loidolt. "Das muss man sich einmal vorstellen!" Vor 16 Jahren haben die Eheleute Peter und Renate Loidolt beschlossen, das Kurtheater in Reichenau aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Am Anfang stand ein Befehl: "Schau'n Sie sich das an!" Unter diesem Titel fand am 8. Juli 1988 die erste Premiere statt, ein Karl-Farkas-Abend mit den Burgschauspielern Karlheinz Hackl, Robert Meyer und Kurt Sowinetz: sechs Vorstellungen, 2700 Besucher. In der Zwischenzeit sind die Festspiele Reichenau auf 13fache Größe angewachsen: Fünf Produktionen, 94 Vorstellungen, 36.500 Tickets wurden heuer angeboten. Den übrigen Provinzfestivals, die im niederösterreichischen Theatersommer auf so ziemlich allen Schlössern und Burgruinen zwischen Hinterbrühl und Waldviertel veranstaltet werden, sind die Festspiele Reichenau ähnlich überlegen wie Michael Schumacher dem Rest des Formel-1-Feldes: Nirgendwo sind die Aufführungen bis in die kleinsten Rollen so gut besetzt, nirgends die Karten so teuer (bis zu 81 Euro!) und so schnell weg wie hier. 81 Prozent des Budgets (insgesamt 2,2 Millionen Euro) werden durch den Kartenverkauf eingespielt. Was hat Reichenau, was andere Sommertheaterdestinationen nicht haben? Zunächst einmal einen Standortvorteil. Der malerisch am Fuße von Rax und Schneeberg gelegene Ort war zur Jahrhundertwende eine Topadresse für Sommerfrischler aus Wien; von Peter Altenberg bis Arthur Schnitzler, von Franz Werfel bis Robert Musil sind hier alle abgestiegen, die noch heute Rang und Namen haben. Die ebenso nahe liegende wie zwingende Idee der Loidolts war es, den Genius Loci zu nutzen und die Literatur von Schnitzler & Co in den Mittelpunkt der Festspiele zu stellen. "Mit allen erotischen Hintergründen!", präzisiert Peter Loidolt. All die Schriftsteller sind damals mit oder wegen einer Frau nach Reichenau gefahren, und offenbar wirkt der Zauber heute noch: Während der Festspiele habe sich schon so manche Schauspielerehe angebahnt, weiß Renate Loidolt. "Manche sind sogar schon wieder geschieden!" Dazu kommt, dass die bessere Wiener Gesellschaft in den späten Achtzigerjahren die Eskapaden des neuen Burgtheaterdirektors Claus Peymann ertragen musste: Zur Linderung der Schmerzen pilgerte man im Sommer nach Reichenau, wo dieselben Schauspieler ohne lästige Regiekonzepte zu sehen waren. "Dieses Etikett ist uns von den Medien verpasst worden, gegen unsere eigene Überzeugung!", wehrt sich Peter Loidolt gegen die Unterstellung, in Reichenau eine Art Sanatorium für Peymann-geschädigte Zuschauer und Schauspieler eröffnet zu haben. Dass das Anti-Peymann-Image zumindest kein Schaden war, bestreitet er nicht. Zu rund achtzig Prozent kommt das Publikum aus dem neunzig Kilometer entfernten Wien angereist - um auf der Bühne und im Zuschauerraum lauter bekannte Gesichter zu sehen. Die Besetzungszettel in Reichenau lesen sich wie All-Star-Teams aus den Ensembles von Burgtheater, Josefstadt und Volkstheater; die Inszenierungen bieten mehr oder weniger gediegenes Schauspielertheater, wie man es so ähnlich auch in vielen Wiener Theatern haben kann. Man fühlt sich hier wie zu Hause - nur dass die Eintrittskarte doppelt so viel kostet. Dafür gibt's das imposante Bergpanorama und die gute Luft gratis. Was Reichenau so konkurrenzlos macht, sieht man am besten einen Gebirgszug weiter: auf dem Semmering. Seit 2000 betreiben die Festspiele hier, im pittoresken Südbahnhotel, eine Dependance. Der riesige, zwischen 1882 und 1913 mehrmals umgebaute und erweiterte Gebäudekomplex war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine First-Class-Adresse. Es gab ein Kino, ein Postamt, ein Hallenbad und einen Golfplatz; im Winter wurden ein Eislaufplatz, eine Skiwiese und Bobbahnen geboten. Nach dem Krieg verlor mit dem Semmering auch das Südbahnhotel an Attraktivität, 1976 wurde es geschlossen. Teile des Areals werden heute als Eigentumswohnungen genutzt, der im "Schweizer Stil" gebaute Haupttrakt steht leer. Seit den Neunzigerjahren gehört das Hotel einem deutschen Bauunternehmer, der ein Reha-Zentrum daraus machen wollte; wegen Finanzierungsproblemen wurden die Renovierungsarbeiten aber abgebrochen. "Das Hotel ist wie die Titanic", sagt einer der drei Hausmeister, die das Gebäude das ganze Jahr über bewachen und betreuen. Und wirklich: Mit dem Südbahnhotel betritt man eine versunkene Welt. In den großzügigen Salons vermischt sich verwitterter Jugendstil-Chic mit bröckelndem Dreißiger-Glamour, sogar die Pissoirs (Marmor!) sind sehenswert. Eigentlich müsste man allein für die Besichtigung des Südbahnhotels Eintritt verlangen. Die Loidolts tun es - und bieten dafür auch noch eine zum Ambiente passende Theaterproduktion an. Die "Letzten Tage der Menschheit" wurden hier ebenso gespielt wie eine Dramatisierung von Thomas Manns Sanatoriumsroman "Der Zauberberg". Heuer wird im Südbahnhotel ein "richtiges" Stück aufgeführt: "Das weite Land" von Schnitzler bietet sich dafür schon deshalb an, weil der dritte Akt in einem Berghotel spielt; außerdem ist die Tragikomödie zu großen Teilen hier entstanden. Das Vorbild für den Portier aus dem dritten Akt (der hier übrigens von Thaddäus Podgorski gegeben wird) war zum Beispiel ein seinerzeit legendärer Portier des Südbahnhotels. Die Loidolts möchten am Semmering Kinoatmosphäre erzeugen, Vorbild sind die historischen Filme aus dem Hause Merchant Ivory ("A Room with a View"). Schnitzler mit Aussicht: Gespielt wird auf zwei Ebenen, im Speisesaal zu ebener Erde und im "Waldhofsaal" einen Stock höher, wo die Schauspieler gegen den prachtvollen Panoramablick, der sich hinter großen Fenstern in ihren Rücken auftut, anspielen müssen. Sie tun das (in Beverly Blankenships unauffälliger Inszenierung) ziemlich gut: Als Hofreiter, der zynische Fabrikant in der Midlife-Crisis, zeigt Herbert Föttinger, was für ein brutal guter Schauspieler er sein kann, wenn er gerade nicht allzu viel daran denkt, wie er am schnellsten Josefstadt-Direktor wird; Petra Morzé als seine Gattin zeichnet das sehr physische Porträt einer emotional verkarsteten Frau, die sich endlich wieder spüren will; Agnes Riegl spielt als Hofreiters jugendliche Geliebte, wie naiv und grausam zugleich "Unschuld" sein kann. Trotzdem: Der Star ist das Haus. Karten für die Vorstellungen im Südbahnhotel sind deshalb auch besonders begehrt. Manche warten schon seit drei Jahren vergeblich auf eine. Wer nämlich nur für eine Produktion Karten bestellt, wird hinter jene Festspiel-Aficionados gereiht, die zwei oder drei Stücke buchen. Überhaupt ist es mittlerweile beinahe schon eine kleine Wissenschaft, in Reichenau zu Karten zu kommen: Im Dezember wird den rund 4000 Mitgliedern des "Fördervereins" (falls Sie Interesse haben, dem Verein beizutreten: es gibt eine Warteliste) das Vorprogramm zugeschickt; diese haben bis Ende Jänner Zeit, ihre Kartenwünsche (Renate Loidolt: "Bei uns wollen alle in der ersten Reihe sitzen!") zu deponieren. Im März beginnt der allgemeine Vorverkauf, dann sollte man erstens schnell sein und zweitens nicht stur auf bestimmte Termine beharren. "Jeder kommt zu Karten, wenn er flexibel ist", rät Frau Loidolt. "Aber wenn man starre Vorstellungen hat, wird's schwierig." Marktgemeinde Reichenau an der Rax, "heilklimatischer Kurort", 2805 Einwohner, 1697 Zweitwohnsitze, absolute ÖVP-Mehrheit im Gemeinderat. Es gibt ein Theater, ein Schloss (in dem derzeit die Ausstellung "Faszination Semmeringbahn" gezeigt wird), die erste Schwebeseilbahn Österreichs, einen lauschigen Kurpark (mit "Musikpavillon", Tennisplatz und Teich) und die Quelle der 1. Wiener Hochquellwasserleitung. An der Kurpromenade Nr. 3, zwischen Waldrand und Fluss, befindet sich die "Betreuungsstelle Reichenau", das wahrscheinlich am schönsten gelegene Flüchtlingslager Österreichs. Probleme? "Im Gegenteil", sagt Richard Tauchner im Gemeindeamt von Reichenau. "Das sind lauter nette, fleißige Leute." Der Amtsleiter betreut nebenbei auch den hiesigen Fußballverein; der SC Neupack Hirschwang spielt allerdings - im Unterschied zu den Festspielen - nur in der 2. Klasse Wechsel. Renate Loidolt stammt aus Reichenau, ihr Mann war dort Feriengast, kennen gelernt haben die beiden einander "standesgemäß" auf dem Feuerwehrfest. Das Paar ist seit 33 Jahren verheiratet, hat zunächst aber in Wien gelebt, wo Peter Loidolt im Management einer großen Hamburger Reederei arbeitete. Vor 25 Jahren gab er den Job auf, um sich seiner Leidenschaft für die bildende Kunst zu widmen, und sie sind nach Reichenau gezogen. "Zehn Jahre haben wir nur von seiner Malerei gelebt, was auch nicht leicht war", erinnert sich Renate Loidolt. Schließt man von den Konfektionsbühnenbildern, die der Gatte für die Festspiele entwirft, auf seine Malerei, kann man das nachvollziehen. In Reichenau fühlen sich die beiden Festivalmacher bis heute übrigens mehr geduldet als geschätzt. "Man wollte und will hier mit urbaner Kultur nichts zu tun haben", poltert Peter Loidolt. "Wenn wir nicht so einen Erfolg hätten, würde hier keiner sagen, dass man das überhaupt braucht." Dass Loidolt kein bequemer Zeitgenosse ist, bekommen auch die in Reichenau engagierten Künstler immer wieder zu spüren. Mit vielen ist er zerstritten, eine Auseinandersetzung mit dem einstigen Reichenau-Superstar Robert Meyer endete gar vor Gericht. "Künstlerisch ist er ein Prolet", sagt ein eher im Unfrieden geschiedener Künstler über den Selfmade-Intendanten, der für seine Taktlosigkeit berüchtigt ist. Dem Burgtheater-Grandseigneur Peter Matic klopfte Loidolt in der Garderobe einmal im Stil eines jovialen Filialleiters auf die Schulter ("Wir sind sehr zufrieden mit Ihnen!"), und als der Regisseur Nikolaus Büchel bei einer Probe einmal etwas spielen ließ, was Loidolt nicht gefiel, blaffte der Intendant zornig dazwischen: "Was machen Sie da? Das hab ich nicht bestellt!" Wer zahlt, schafft an - und die Loidolts zahlen sehr gut. "Es ist ein Deal", meint ein ehemaliger Reichenau-Mitarbeiter. "Man wird hier besser bezahlt als anderswo - und schlechter behandelt." Stars kassieren in Reichenau zwischen 40.000 und 50.000 Euro Gage, auch alle anderen Mitarbeiter werden überdurchschnittlich gut entlohnt. Die Schauspieler müssen dafür allerdings auch mehr arbeiten als üblich: "Das weite Land" etwa wird von Freitag bis Sonntag jeweils zweimal täglich gespielt, zwischen Nachmittags- und Abendvorstellung gibt's nur eine halbe Stunde Verschnaufpause. "Lenz ist das wirklich keiner", stöhnt Herbert Föttinger. Für Regisseure wiederum ist Reichenau eine Lektion in Demut. Regietheater ist hier ein Fremdwort, die Schauspieler stehen ausdrücklich im Vordergrund. Zumindest die wichtigsten Rollen werden von den Loidolts besetzt, und zur Sicherheit gibt es in den Regieverträgen eine Klausel, die der Festspielleitung das Recht auf den "Final Cut" einräumt. "Das behalten wir uns vor, um garantieren zu können, dass etwas herauskommt, mit dem wir uns auch identifizieren können." Zu ernsthaften Konflikten kommt es aber schon deshalb nicht, weil in Reichenau ohnedies nur Regisseure engagiert werden, die einem konventionellen Theaterbegriff verpflichtet sind. Heuer etwa gab Burgschauspielerin Maria Happel ihr Debüt als Regisseurin - und das gleich mit Tschechows "Kirschgarten". Die etwas forciert um groteske Komik bemühte Inszenierung wirkt nur ansatzweise überzeugend und beweist, dass erstklassige Schauspieler (Martin Schwab, Urs Hefti und andere) allein eben noch kein außergewöhnliches Theater garantieren. Gruppe-80-Leiter Helmut Wiesner, auch kein "Wilder" seines Fachs, inszenierte die "Schachnovelle" - deren Dramatisierung insofern nicht zwingend erscheint, als die Erzählung im Grunde aus einem großen Monolog besteht. Helmut Peschinas Bühnenfassung holt zumindest aus der Rahmenhandlung etliche Pointen heraus, und Joseph Lorenz bietet als Wiener Anwalt, der in der Gestapo-Haft über dem Memorieren von Schachpartien beinahe den Verstand verloren hat, eine reife Leistung. Richtig dramatisch aber wird's nie. Das ist heute eine richtige Reichenauer Premiere", raunt Renate Loidolt dem Falter-Reporter vor der Uraufführung der "Schachnovelle" zu. Sie meint damit: Im Publikum sitzen hauptsächlich alte Freunde der Festspiele, kaum Prominente. Freikarten gibt's in Reichenau prinzipiell nicht: "Der Landeshauptmann, der Bundeskanzler, der Kardinal - bei uns zahlen alle!" Ein paar prominente Gesichter haben sich dennoch unters Premierenvolk gemischt: Die Josefstadt-Fraktion wird von der ÖVP-Familie Graff vertreten, aber auch Exminister Rudolf Scholten, Sozialdemokrat und ausgewiesener Peymann-Freund, ist gekommen. Insgesamt ein gutbürgerliches, nicht übertrieben mondänes Publikum. Es stimmt schon, dass die Festspiele Reichenau "richtigem" Theater näher sind als die meisten anderen Sommerfestivals (manchmal sogar zu nah). Allzu genau hinschauen aber sollte man dann doch nicht immer. Eines ist sicher: Man wird auch nächstes Jahr wieder ausverkauft sein, die 40.000-Zuschauer-Grenze wird erstmals überschritten werden: 2005 wird nämlich eine neue Spielstätte - ein Zubau an der Rückseite des Theaters - eröffnet. Wo soll das noch hinführen? "Unser Ziel ist, so etwas wie ein Bayreuth für Schnitzler zu werden", sagt Peter Loidolt ganz im Ernst. "Man soll sagen: Ich muss als Schauspieler oder Regisseur hier einen Schnitzler gespielt oder inszeniert haben." Es ist also vermutlich nur noch eine Frage der Zeit, dass Christoph Schlingensief in Reichenau den "Anatol" inszeniert. Die Festspiele Reichenau laufen noch bis 10.8. und sind restlos ausverkauft. Für nächstes Jahr: www.festspiele-reichenau.com bzw. Tel. 02665/319. |
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