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| "Hermetisch ist das Wort" |
| MUSIK Seine Bands Cluster und Harmonia machten Hans-Joachim Roedelius zum Pionier der elektronischen Musik. Wenige Monate vor seinem siebzigsten Geburtstag beschenkt sich der weithin unbemerkt als freundlicher Eigenbrötler in Baden bei Wien lebende Klangmaler selbst mit einem dreitägigen Festival. GERHARD STÖGER |
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| Hans-Joachim Roedelius erweckt beim Falter-Besuch in seiner beschaulichen Wahlheimat Baden den Eindruck, als könnte ihn so schnell nichts erschüttern. Gelassen in sich ruhend, verkörpert er das Bild des sanftmütigen alten Mannes, der mit seinem Leben und der Welt da draußen längst seinen Frieden gemacht hat. Erfreut weist er auf das Beethoven-Schild an seiner Hausfassade hin und erzählt, dass Mozart nur wenige Ecken weiter komponiert habe. Auch Kritik an seiner Musik kann den gebürtigen Berliner nicht wirklich irritieren. Dennoch: Als er, von Fans als Ahnherr so unterschiedlicher Musikgenres wie Industrial, Ambient, Experimenteller Elektronik und Synthiepop verehrt, vor Jahren von einem Wiener Journalisten als New-Age-Langeweiler verrissen wurde, wies er den Autor doch darauf hin, dass sein Gesamtwerk weit über hundert Tonträger umfasse und stilistisch in unterschiedlichste Richtungen weise. Sie können sich doch nicht erwarten, dass ich mir den ganzen Scheiß anhöre, soll der Gemaßregelte geantwortet haben. Doch, genau das erwarte ich mir, konterte Roedelius gelassen, dass Sie sich den ganzen Scheiß anhören! De facto fiele das doppelt schwer. Roedelius Oeuvre als Solomusiker und als Mitglied diverser Kooperationen, darunter auch die legendären deutschen Klangforscher Cluster und Harmonia, ist nicht nur enorm umfangreich, es ist zu beträchtlichen Teilen auch nicht mehr regulär erhältlich. Qualitativ ist die Bandbreite seiner Arbeiten ganz gut daran ablesbar, dass manche seiner Aufnahmen heute in Ramschkisten zu finden sind, während andere im Internet jenseits der hundert Euro gehandelt werden. Interessant ist jedenfalls, wie stark der im Oktober 1934 geborene Hans-Joachim Roedelius mit seiner Musik polarisiert: Sehen ihn Kritiker als wohltemperierten Esoteriker, gilt er Fans wie dem ORF-Journalisten Klaus Totzler als Genie, das gar nicht überschätzt werden kann. Die Chicago Tribune bezeichnete Cluster 1996 anlässlich einer späten US-Tour als 20th century musics best kept secret; das britische Avantgardemusikfachblatt Wire wählte Cluster 71 zu einer der hundert Platten, that set the world on fire while nobody was listening. Selbst unter ausgewiesenen Kennern geht die Einschätzung über die Qualität einzelner Werke weit auseinander. Während Julian Cope die kürzlich von Universal wieder veröffentlichte LP Cluster 2 (1972) in seinem Buch Krautrocksampler als Klassiker feiert, sieht der Roedelius-Biograf Stephen Iliffe - sein Buch Painting with Sound ist Ende letzten Jahres erschienen - darin eine lediglich für echte Fans interessante, inspirationsfreie Zone. Die Musikgeschichte ist eher auf Copes Seite: Cluster 2 ist mit ihren bisweilen klaustrophoben und schroffen Soundlandschaften wohl jene Platte, die David Bowie meint, wenn er immer wieder Clusters Einfluss auf seine Berlinphase in den ausgehenden Siebzigern hervorhebt. Auf den Bowie-LPs Low und Heroes hallt das Echo von Cluster 2 unüberhörbar im Popmainstream nach. Bei der Erstveröffentlichung dieser Platte war Hans-Joachim Roedelius bereits 38. Zur Musik war er erst wenige Jahre zuvor durch den Beuys-Schüler Conrad Schnitzler gekommen; neben Dieter Moebius gehörte dieser zur Urformation von Cluster, das sich anfangs noch Kluster schrieb. Ein reiches Leben zu führen und musikalisch aus der eigenen Lebenserfahrung zu schöpfen, ist noch heute der wichtigster Rat des Wahl-Niederösterreichers an junge Musiker. Roedelius eigene vormusikalische Biografie liest sich wie ein dick aufgetragenes Filmscript. Bereits im Vorschulalter wirkt er in diversen UFA-Produktionen mit (An Ilse Werner kann ich mich noch erinnern, die hat so schön gepfiffen), bis zur Flucht seiner Familie vor den Bomben auf Berlin spielt er in Nazischinken immer wieder das Kind von Paaren, die sich entweder liebten oder trennten. Nach Kriegsende landet er in der DDR, desertiert von der Volksarmee und sitzt zwei Jahre lang im Gefängnis. Ein Jahr vor dem Mauerbau 1961 flieht er als ausgebildeter Heilmasseur nach Westberlin und führt in den Sechzigern eine von unterschiedlichsten Jobs geprägte Lebenskünstlerexistenz. Unter anderem wirkt er am Aufbau eines korsischen Nudistencamps mit, arbeitet als Sterbebegleiter, reist mit alten Damen durch Europa und wird in Paris zum Privattherapeuten einer Politikergattin. Mit langen Haaren, bloßfüßig und im Schafspelz bin ich im Elysée-Palast ein- und ausgegangen. Immer abgeholt vom Leibgardisten, Treppe hoch zur Madame, Tür hinter mir zu, Behandlung und dann wieder weg. Zurück in Berlin lebt er in der Musikkommune Human Being, sucht als Autodidakt nach Ausdrucksformen abseits tradierter Muster und freut sich über den Klang selbstgebauter Zwitscherkisten. Alles kam aus dem Bauch heraus. Wir wollten all den akademischen Krempel beiseite lassen und Musik von einer ganz anderen Seite her begreifen und ergreifen. Durch die fehlende Ausbildung mussten wir sowohl nach der adäquaten Klangmaterie als auch nach der Form suchen. Bis heute sind Noten für Roedelius eine fremde Welt. Seine Kompositionen versteht er als zufällige Geschenke des Augenblicks, die sich weder für Neueinspielungen im Studio noch für Liveauftritte wirklich reproduzieren ließen. Die deutsche Musikverwertungsgesellschaft GEMA führt ihn zwar als Komponisten, er selbst bevorzugt aber den Begriff Klangmaler. Seine als Volksschullehrerin tätige Frau Martha bezeichnet ihn als einen, der stets auf die Klangfinde gegangen sei. Dass Ulrike Meinhof und Andreas Baader Roedelius Wege im Berlin der späten Sechzigerjahre kreuzten, ist für dessen außergewöhnliche Biografie ebenso charakteristisch wie seine Resistenz gegenüber dem vielbeschworenen Charisma der später zu Popstars stilisierten RAF-Terroristen. Ich kam ja aus einer Kommune, die sich mit Tönen beschäftigte und nicht mit seltsamen Gedanken, erinnert er sich. Inhaltlich war das absolut nicht mein Ding. Bei Besuchen in der Politkommune habe ich mich um die ruhelosen Kinder gekümmert. Die waren ja arm dran, weil ihre Eltern ständig endlose Diskussionen führten. Roedelius frühe Aufnahmen mit Kluster und Cluster waren ihrer Zeit nicht voraus, wie es oft heißt. Sie errichteten vielmehr einen Kosmos, der heute kaum weniger eigen wirkt als damals. Zwar finden sich hier bestimmte Elemente, die Jahrzehnte später zum ästhetischen Repertoire unterschiedlicher Musikgenres werden sollten. Besonders die frei improvisierten Klangkaskaden früher Werke prägt aber ein derartiger Individualismus, dass Aufnahmen wie Klopfzeichen (1970), Cluster 71 (1971) oder das bereits erwähnte Cluster 2 am ehesten als musikalische Entsprechung jener Zeit zu deuten sind. Einer Zeit, die von politischen Utopien und neuartigen Gesellschaftsentwürfen geprägt war; von Um- und Aufbrüchen und dem Versuch, radikal neu zu leben und zu denken. Radikal neu gedacht wurde 1972 auch die Clustersche Existenz: Man zog nach Forst, ein kleines Nest an der Weser, und revitalisierte dort Teile eines uralten Bauernhofs. Als Leute bei unseren Konzerten ohnmächtig umfielen, haben wir gemerkt, dass wir so nicht weitermachen können und in eine strukturiertere, harmonischere Richtung gehen müssen. Auch für uns selbst - mein Gehör ist ja geschädigt durch die Frequenzen und die Lautstärke, die ich selbst erzeugt habe. Gemeinsam mit dem Gitarristen Michael Rother vom Düsseldorfer Krautrockduo NEU! erarbeiteten Moebius und Roedelius in Forst als Harmonia die beiden sonderbaren Wundertüten Musik von Harmonia (1974; kürzlich wiederveröffentlicht) und Harmonia Deluxe (1975). Zuckerzeit von Cluster war 1974 ein nicht minder eindrucksvolles Produkt des neuen Glücks auf dem Lande. Ein schwelgerisches Meisterwerk mit Klängen, die Jahre später als New Wave und Synthiepop die Popwelt prägten. Zeitlos groß ist auch Eno & Cluster (1977), die in Forst entstandene Ambientplatte mit dem britischen Poptausendsassa Brian Eno. David Bowie rief dauernd an und war schon völlig nervös, weil er für die ‚Heroes-Produktion auf Brian wartete, erinnert sich Martha Roedelius. Entsprechend wenig Verständnis hatte Eno, dass Roedelius den halben Tag im Wald zubrachte, um Holz zu holen. Er rechnete aus, wie viel Holz sich Roedelius kaufen könne, wenn er nur mehr auf seine produktionstechnischen Ratschläge hören würde. Roedelius Antwort: Er besorgte Eno eine eigene Axt und forderte ihn auf, zum Holzmachen mitzukommen. Ende der Siebziger zog die Familie Roedelius nach Österreich, wo der Künstler seine Arbeit bis heute vorwiegend durch Zuwendungen der Alban-Berg-Stiftung und des Landes finanziert. Ich hatte ja nichts als meine Revox-Bandmaschine, als ich hier ankam, erinnert er sich. Roedelius veröffentlicht seitdem Pianominiaturen, Liederzyklen und Sinfonien, sphärische Wohlfühloasen für zynismusresistente Ohren, meditative Klangstudien und clubmusikähnliche Elektronikproduktionen. In katastrophaler Qualität aufgenomme Gedichte eines amerikanischen Junkie-Poeten vertont er ebenso wie er Kooperationen mit Folkloregruppen aus Korsika und Irland verfolgt. Dazu kommen Soundtrackarbeiten für Film und Tanztheater sowie Projekte mit Musikern in aller Welt, darunter der US-Musiker Tim Story, mit dem Roedelius vor zwei Jahren das Album Lunz auf Herbert Grönemeyers Label Grönland veröffentlichte. Im Rahmen des Festivals more OHR less (siehe Kasten) wird Lunz erstmals live in Österreich vorgestellt. Der Wahlbadener fasst sein Schaffen selbst mit dem Begriff Roedeliusmusik; als einendes Moment bezeichnet er seine individuelle Arbeitsweise und seine spezielle Ästhetik. Ich versuche, meinen Begriff von Schönheit in die Musik hineinzupacken, und die Musik muss dann sagen, wie harmonisch ich selbst wirklich bin. Ich mache ja nicht nur im klassischen Sinne schöne, sondern auch ziemlich spröde Musik. Roedelius Werk ist verstreut auf Dutzende Klein- und Kleinstlabels in aller Welt. Nicht einmal der Künstler selbst besitzt noch Originalexemplare all seiner Tonträger. Seit einigen Jahren versucht der Wiener Verleger und Labelbetreiber Alexander de Goederen, das roedeliusmusikalische Dickicht zu sichten, Rechte zu klären, Neuauflagen zu initiieren. Die Veröffentlichung der an sich längst fertig zusammengestellten Doppel-CD-Werkschau Roedelius 1969-2002 ist bislang allerdings gescheitert. Es war schon manchmal steinig und nicht so einfach, da durchzuhalten, bemerkt Martha Roedelius am Ende des mehr als zweistündigen Falter-Gesprächs zur kommerziellen Verweigerungshaltung ihres Mannes. Gott sei Dank war es das!, lacht dieser. Stell dir vor, es ginge uns besser! Wahrscheinlich hätte ich einen dicken Bauch und keine Lust mehr, etwas zu machen. Und während sie das passende Attribut für seine Lebens- und Arbeitsweise sucht, muss Hans-Joachim Roedelius keine Sekunde überlegen: Hermetisch! Hermetisch ist das Wort, Martha! Hermetisch! Als wahrscheinlich ältester DJ Österreichs legt Hans-Joachim Roedelius übrigens auch regelmäßig in den Wiener Elektroniklokalen rhiz und Fluc auf. So breche er kurz aus seiner Hermetik aus, meint er. Auch hinter den Plattentellern präsentiert Roedelius sich als großer Individualist und spielt den Leuten Erik-Satie-Bearbeitungen ebenso vor wie unveröffentlichtes eigenes Material oder Arbeiten zeitgenössischer US-Komponisten. Ob er sich nicht seltsam fühlt unter Gästen, die seine Enkel sein könnten? Überhaupt nicht! Ich habe eigentlich auch großen Erfolg, denn am Ende der Abende bekomme ich immer wieder gesagt, dass es schon lange nicht mehr so schön war. Bei aller Freude über derartige Rückmeldungen aber stehe für ihn beim Plattenauflegen wie bei seiner Musik eine andere Motivation im Vordergrund als der Wunsch gemocht zu werden: Ich mache es eigentlich nicht denen zuliebe; ich mache es mir zuliebe. Ich bin da, weil es mir selbst großen Spaß macht. Stephen Iliffes Roedelius-Biografie Painting with Sound sowie ausgewählte Roedelius-Tonträger sind über www.roedelius.com erhältlich. |
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