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| Wer ist hier der Boss? |
| STEPHANSDOM Spendensammelbüchse, ewige Baustelle, Wirtschaftsunternehmen, Gotteshaus. Rund um den Dom gibts Zoff: Wer hat hier das Sagen? Wie weit darf die Vermarktung gehen? JULIA ORTNER |
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| Ein Rosenkranz: 7,40 Euro. Einmal zur Pummerin fahren: vier Euro. Ein Kreuzerl: 15,30 Euro. Eine Kerze: 58 Cent. Zwei Plakatflächen am Dom für drei Jahre: eine Million Euro. Dass der Stephansdom sich sein Geld selber verdienen muss, okay. Aber seitdem die riesigen Werbeplakate am Südturm prangen, gibts Ärger am Domplatz. Die Banner, die am Baugerüst hängen, sollen die aufwendige Restaurierung des Turms finanzieren - vielen sind die Botschaften der Bank und der Versicherung am Gotteshaus trotzdem ein Dorn im Auge. Ich höre kaum mehr Kritik, seitdem wir die schöne Botschaft ,Ein herzliches Grüß Gott den EU-Nachbarn am Turm haben, beteuert Dompfarrer Anton Faber. Gut, anfangs hätten nicht nur viele Gläubige, sondern sogar die eigenen Priester Schwierigkeiten mit der Werbung gehabt. Aber nach Fabers Medienoffensive sei den meisten klar gewesen, dass wir jetzt nicht beginnen werden, Werbebotschaften auf Messgewändern oder Hostien zu machen. Wer möchte sich schon lästige Stilfragen leisten, wenn er dringend Geld für seine Kirche braucht? Ein paar Stockwerke über des Pfarrers Amtsstube im Curhaus sitzen die Vereinsmitglieder von Rettet den Stephansdom in ihrem Büro und ärgern sich. Auch sie hegten schon lange Pläne, den Südturm werbemäßig zu nutzen und damit Geld für den Dom zu machen. Wir hätten es dezenter gemacht: ein Netz nur mit der Silhouette des Turms oben und unten klein den Namen der Firma, erklärt Maria-Luise Heindel, Generalsekretärin der professionellen Spendensammler. Für diese Idee habe man schon Interessenten gehabt, das Angebot hätte zwei Millionen Euro für drei Jahre gebracht. Doppelt so viel wie das Verhandlungsergebnis des Pfarrers, behauptet sie. Auch weil der Verein auf eine teure Werbeagentur verzichtet hätte und das Projekt direkt mit den Firmen realisieren wollte. Blöd, dass ihnen Faber zuvorgekommen ist. Dabei sind wir nicht einmal gefragt oder in irgendeiner Weise eingebunden worden, sagt Günther Havranek, ehrenamtlicher Vereinsobmann, im Zivilberuf Steuerberater. Da wurde uns klar, der Dompfarrer hat ein Problem mit uns.. Wirtschaftsbetrieb, Spendenbüchse, ewige Baustelle, Touristenmagnet, Litfaßsäule - der Dom ist nicht nur ein Gotteshaus (siehe Kasten). Er gehört sich selbst, muss sich auch seinen Betrieb größtenteils selbst erwirtschaften. Die Verfügung über den Dom hat das Domkapitel, zwölf geistliche Herren, die eine Art Aufsichtrat bilden. Insgesamt arbeiten hundert Menschen in und um die Kirche - Dombauhütte, Kirchenmeisteramt, Priester. Und viele von ihnen wollen mitreden, wenns um den Steffl geht. Bleibt nur die Frage: Wer ist hier der Boss? Dompfarrer Anton Faber, 42, Dechant des ersten Bezirks, will frischen Wind in seine Kirche bringen. Vor sieben Jahren machte Kardinal Christoph Schönborn den Kaplan, der auch Zeremoniär und Protokollchef des damals über einen Missbrauchskandal gestolperten Kardinal Hans Hermann Groër war, überraschend zum Dompfarrer. Zum jüngsten Dompfarrer Europas, erzählt Faber gerne. Mit Rollerbladen, Bungeejumpen, Seitenblickerei oder seiner Galerie für moderne Kunst in der Dompfarre will sich Faber als Modernisierer in St. Stephan profilieren. Dass er den Dom verkauft, lässt er sich nicht nachsagen. Ich bin hier eben auch Unternehmer, wie jeder Pfarrer heute. Nur der Pfarrer, der sich zum Unternehmertum bekennt, kann in diesem Land was bewegen. Faber hat auch dafür gesorgt, dass die katholische Kirche dieses Jahr erstmals mit einer Bühne am roten Donauinselfest dabei war - durch die guten Kontakte zur Sozialdemokratie. Rettet den Stephansdom-Obmann Günther Havranek hat sich dagegen schon anhören müssen, dass man hinter seinem Rücken in St. Stephan vom Havranek mit seinen roten Haberern spricht. Dieser Ruf stammt aus der Gründungszeit des Vereins vor 16 Jahren, als SPÖ-Bürgermeister Helmut Zilk den Steuerberater bat, den Verein zu leiten. Seitdem sind der jeweilige Bürgermeister und Erzbischof die Schirmherren von Rettet den Stephansdom. Stolze 25 Millionen Euro hat der weltanschaulich unabhängige Verein bisher mit diversen Aktionen eingenommen. Die emsigen Spendensammler zahlen die Hälfte des Geldes, das jährlich in die Bauarbeiten investiert wird. Wir sind manchen Klerikern ein Dorn im Auge, weil wir nicht zur Kirche gehören, glaubt Havranek. Die Kollegen vom Domerhaltungsverein nebenan hätten diese Probleme nicht. Dieser Verein untersteht auch direkt dem Dompfarrer, macht Sammelbüchsen-Aktionen für den Steffl, zwei Mal im Jahr eine fromme Zeitschrift. Kardinal Schönborn hat seinen Sitz ums Eck vom Dom. Er hat den Werbeplakaten des Dompfarrers zwar seinen Segen gegeben und später dafür gesorgt, dass nach der ersten Empörung etwas kleinere Sujets aufgehängt wurden - trotzdem hat der Kardinal keinerlei Verfügungsgewalt über den Dom. Theoretisch ist es eben das Domkapitel unter der Leitung des Domkustos, das hier entscheidet. In der Praxis ist der Dompfarrer der Checker am Platz. Faber sitzt im Domkapitel und führt dort gemeinsam mit dem Domkustos, dem Dombaumeister und dem Kirchenmeister die Geschäfte. Und der ambitionierte Priester kann sich als Jüngster unter den würdigen Herren - Altersdurchschnitt über 65 - immer wieder mit seinen Vorstellungen durchsetzen. Von außen betrachtet bin ich der Machertyp, weil ich mich auch der Medien bediene, gibt Faber zu. Auch in der Sache mit der Turmwerbung konnte er sich durchsetzen, weil er seinen Mitbrüdern neue Argumente vorgelegt habe, vor allem das finanzielle. Er erstellte Bedingungen, was auf den Dom nicht rauf darf: Nikotin, Alkohol, Sex, Unterwäsche, Menschenverachtendes, religiöse Symbole, Verunglimpfendes. Damit gewann er die Abstimmung im Kapitel 12:0. Vor zehn Jahren wurde das gleiche Ansinnen von Rettet den Stephansdom dort mit 12:0 abgelehnt. Ein Plan, mit dem sie auch jetzt wieder keine Chance bekommen haben. Das wurmt den Verein. Aber der Kleinkrieg mit Faber hätte schon begonnen, als dieser ihnen den Konferenzraum neben ihren Büros weggeschnappt hat. Wir haben viel zu wenig Platz für unsere Mitarbeiter, erklärt Generalsekretärin Heindel. Aber der Dompfarrer hat den Raum für einen seiner Vorgänger weihen lassen. Eine elegante Lösung, um den Verein draußen zu halten. Wir haben den Todestag von Dompfarrer Dorr, der viel für den Dom getan hat, genutzt, um diesen Pfarrraum zu restaurieren und einzuweihen - auch damit der Begehrlichkeit ein Riegel vorgeschoben wird, meint Faber. Als die Vereinsleute den Designer Kenzo zugunsten des Steffl ein schickes Mohnblumenfeld auf den Domplatz stellen lassen wollten, sagte Faber Nein: Ich fand den Aufwand und die Behinderung durch diese Aktion nicht berechtigt. Mit unserer neu gestalteten Punschhütte, mit der wir jährlich 50.000 Euro einnehmen, war er auch nicht einverstanden - weil er nicht eingebunden gewesen wäre, meint Havranek. Faber sieht das naturgemäß anders: Es kann nicht sein, dass jedes Partyzelt und jeder Tisch vor dem Dom einer Kommission inklusive meiner Zustimmung bedarf und eine Punschhütte, die dort im Namen des Doms steht, nicht mal vorher von mir gesehen wird. So nicht, findet Faber. Auch wenn er dem Verein, der unendlich viel Gutes für den Dom getan hat, für das Riesenspendenaufkommen sehr dankbar ist. Als Kirche müsse man sich aber die Freiheit behalten, dass Entscheidungen, was am Steffl wie passiert, ausschließlich vom Domkapitel getroffen werden. Der Verein habe nur ein Problem: Dass ein sehr rühriger und extrovertierter Dompfarrer hier tätig ist, meint Faber über sich selbst. Wenn deshalb menschlich verständliche Eifersüchteleien entstehen, ist das schade für den Betrieb. In diesem Sinne will Faber, ganz Gottesmann, künftig Gräben zwischen den Institutionen zuschütten. Zeit dafür hat er genug. Er hat gute Chancen, dem jetzigen Domkustos zu folgen, wenn der in Pension geht. Und Faber will bis zu seinem 75er Dompfarrer bleiben. Damit dürfte klar sein, dass es die nächsten 33 Jahre am Dom nicht fad wird. |
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| nach oben Juli 2004 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |