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| Apocalypse na ja |
| ÖKOHYSTERIE Die Umweltschutzorganisation Global 2000 ruft falschen Pestizidalarm aus, renommierte Wissenschaftler werfen Greenpeace Panikmache vor. Wie hysterisch sind Umweltschützer? Und wie schlecht geht es der Natur tatsächlich? NINA HORACZEK |
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| "Über allen Wipfeln ist Gift", schrieb der Stern 1981. "Österreichs Wald fiebert", warnte der damalige niederösterreichische ÖVP-Landesrat Franz Blochberger. Anfang der Achtzigerjahre gaben Umweltschützer dem menschlichen und tierischen Leben auf der Erde kaum mehr als einige Jahrzehnte. Heute, rund dreißig Jahre nach dem ersten Aufschrei der Ökologiebewegung, ist immer noch nicht der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen - obwohl Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace das ständig prophezeien. Im Gegenteil: Statt mit Waldsterben kämpft Mitteleuropa mit dem Phänomen "Verwaldung", soll heißen, dass der Wald schneller wächst, als Ökologen lieb ist. Der Anteil an Schädlingsbekämpfungsmitteln in der Nahrung ist in den vergangenen Jahrzehnten drastisch gesunken, statt Schaumbergen in heimischen Gewässern steigt die Qualität von Österreichs Bächen und Seen, und selbst in den afrikanischen Nationalparks muss statt gegen Wilderer gegen Elefantenüberbevölkerung gekämpft werden. Trotzdem gibt es bis heute kaum ein Umweltthema, bei dem nicht sofort Panik ausbricht. "Kein Gift in unserem Essen", fordert Global 2000 und schockierte unlängst Österreichs Konsumenten: "Alarmierende Pestizidbelastung - Österreich im EU-Mittelfeld". Kurz darauf folgte das Dementi. Die Pestizidzahl sei zwar richtig, nur leider stammte der Großteil der getesteten Früchte gar nicht aus Österreich. Zur selben Zeit überklebte die renommierte Molekularbiologin und Greenpeace-Unterstützerin Reneé Schroeder aus Wut über die neueste Kampagne der Umwelt-NGO das Greenpeace-Pickerl auf ihrer Bürotür. "Gentechnik kann Lebensmittel verändern. Gentechnik kann dein Schnitzel verändern", warnt Greenpeace auf Plakaten und bildet Sympathisanten zu "Gen-Detektiven" aus, die Supermärkte nach gentechnisch veränderten Produkten durchsuchen sollen. "Panikmache" und "Volksverblödung" nennt Schroeder diese Kampagne: "Es ist noch nie etwas aufgetreten, was dem Menschen geschadet hat", schimpfte die Biologin im "Zeit im Bild"-Interview. Es ist nicht das erste Mal, dass Umweltschützer übers Ziel hinausschießen. Eigentlich beginnt die gesamte Geschichte des Umweltschutzes mit einem großen Irrtum. 1972 rüttelten die Wissenschaftler des Club of Rome mit ihrer Studie "Die Grenzen des Wachstums" die Menschheit auf und setzten die Basis für den Umweltschutz. Einziger Schönheitsfehler: Die Prognosen des exklusiven Clubs sind allesamt längst widerlegt. Der Club of Rome sah den Weltkollaps bis spätestens 2001 voraus, dazu eine Weltbevölkerung von rund dreißig Milliarden Menschen und eine Extremverknappung der Rohstoffe. Auch in kleinerem Maße wurde schon gepfuscht. 1995 kampagnisierte Greenpeace gegen die Versenkung der Shell-Bohrinsel Brent Spar in der Nordsee. Greenpeace gewann den Kampf gegen den Ölmulti, Shell musste Einnahmeverluste von rund zwanzig Prozent hinnehmen. Zwei Monate später entschuldigte sich der weltweit agierende Ökoriese Greenpeace. Die Umweltschützer hatten mit einer viel zu hohen Zahl an gelagerten Umweltgiften auf der Brent Spar Stimmung gegen Shell gemacht. Den letzten großen Schock im Öko-Reich gab es vor etwa fünf Jahren. Damals widerlegten Dirk Maxeiner und Michael Miersch mit ihrem Bestseller "Lexikon der Ökoirrtümer" alle möglichen Umweltdogmen. Günther Nenning habe das Buch als "Dolchstoß in das grüne Herz" verteufelt, erzählt Maxeiner. Das Waldsterben etwa sei "klassische Hysterie" gewesen, ist dort nachzulesen. Aber immerhin habe diese "Hysterie" dazu geführt, dass seitdem diverse Luftreinhaltemaßnahmen per Gesetz für bessere Luft sorgten. Die beiden Umweltjournalisten nannten erstmals auch das große Übel der Umweltschutzbewegung beim Namen: Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten einiges erreicht werden konnte, verabsäume es die Bewegung, ihre Erfolge zu verkaufen. Stattdessen verbreiten die Naturschützer ständig neue Horrorszenarien. Dadurch stellen sie sich selbst infrage. Anders sieht das freilich Greenpeace-Pressesprecher Axel Grunt. Es sei unfair, gerade den Umweltschützern anzulasten, dass bestimmte Phänomene wie Waldsterben nicht so schlimm waren wie prophezeit, weil aufgrund des öffentlichen Drucks rechtzeitig Maßnahmen ergriffen wurden. "Und wenn wir dann wieder laut vor etwas warnen, heißt es, wir sind hysterisch." Den Vorwurf, statt auf wissenschaftliche Fakten auf Panik zu setzen, kann Grunt nicht nachvollziehen: "Am Anfang von Greenpeace setzten sich ein paar Wahnsinnige in ein Schlauchboot und fuhren aufs offene Meer, um Atomtests zu stoppen", sagt der Greenpeace-Sprecher, "damals hatten die Aktivisten kein wissenschaftliches Fundament für ihren Protest." Heute hingegen sei alles durch Studien belegt. Ähnlich sieht das auch sein Kollege von Global 2000, Andreas Baur. Wer nicht wissenschaftlich argumentiere, habe keine Chance, in die Medien zu kommen, meint er. Slogans wie "Gift im Essen" oder "Gegen Gene" seien lediglich legitime Verkürzungen. Auch ihr Pestizidfauxpas werde laut Global kaum Auswirkungen haben. "Das war ein Fehler, das kann man offen zugeben. Aber wir haben uns entschuldigt", sagt Baur. Das Image der Naturschützer ist trotzdem tadellos. Erst im Jänner meinten 77 Prozent der Österreicher in einer market-Umfrage, das größte Vertrauen haben sie in nichtstaatliche Organisationen wie Umweltgruppen. Das brauchen die Naturschützer auch. Wer von Spendengeld abhängig ist, darf nicht in Vergessenheit geraten. Außerdem gibt es für die Naturfreunde - trotz zahlreicher Umweltschutzmaßnahmen und einem gestiegenen Ökobewusstsein - immer noch genug Arbeit. Auf der roten Liste der Weltnaturschutzunion stehen momentan rund 12.000 Tiere und Pflanzen, die gefährdet sind. Wahrscheinlich sind es sogar mehr. So wurden etwa im Amazonasgebiet rund neunzig Prozent der Insekten noch gar nicht wissenschaftlich erfasst. Auch in Österreich ist die Liste der gefährdeten Tiere und Pflanzen nicht kürzer geworden. "Viele Arten auf der roten Liste leben auf Sonderstandorten", erklärt Peter Zulka vom österreichischen Bundesumweltamt. Zum Beispiel der Säbelschnäbler im Seewinkel, der nur am Salzufer des Seewinkels nistet. Hier gibt es unter Ökös die nächste Streitfrage: Muss sogar ein Vogel, der sich einbildet, nur im Binnenland Österreich und an einem Salzufer sein Nest bauen zu können, seine geschützte Werkstätte kriegen? Ist "Anpassen oder Aussterben" nicht Motto der evolutionären Entwicklung auf unserem Planeten? "Das Aussterben einer Art kann auch natürliche Ursachen haben", sagt Zulka. Nur sei die Geschwindigkeit, mit der sich der Lebensraum verändert, in den vergangenen hundert Jahren drastisch gestiegen. Doch nicht nur bei der Rettung, sondern sogar bei der Beschreibung von Aussterbevorgängen hinke die Wissenschaft Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinterher, weiß der Biologe Zulka. "Es kann dann zwar noch hundert Jahre dauern, bis eine als aussterbend geltende Art verschwunden ist, aber trotzdem gibt es für sie keine Überlebenschance." Mit anderen Worten: Die Welt wird schon irgendwann untergehen, wir müssen nur ein bisschen mehr Geduld haben. |
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