Zum Archiv
Andre Länder tun es auch!
RECHTSCHREIBREFORM  Der Streit um die Orthografie wird immer absurder: Die "Kronen Zeitung" agitiert populistisch, Intellektuelle bedienen sich billiger Klischees und argumentieren mit falschen Beispielen. Höchste Zeit, einen entspannten Blick zurück zu werfen - und auf die Reformen anderer Sprachen. CARSTEN FASTNER

Falter 34   Originaltext aus Falter 34/04 vom 18.08.2004

  Diese Ausgabe des Falter bestellen

  Informationen über ein Falter-Abonnement

Eh klar, die Deutschen sind wieder mal bürokratisch und ordnungswütig und pedantisch und pingelig und rechthaberisch und überhaupt schuld. Diesmal aber, im Zuge der aktuellen Diskussion über die Neuregelung der Rechtschreibung, werden derartige Klischees nicht nur im zum Piefke-Hass neigenden Österreich verbreitet. Sogar in Deutschland selbst, wo man in Fußball und Politik die mediale Lust an der Selbstzerfleischung längst zur Perfektion kultiviert hat, sieht man in den eigenen Sekundärtugenden den tieferen Grund für das vermeintliche Übel der so genannten "Schlechtschreibreform".
Die renommierte Süddeutsche Zeitung (SZ) etwa, erst unlängst ins Lager der Gegenreformation übergelaufen (siehe Falter 33/04), ließ einen fiktiven Forschungsreisenden nach Jahren am Amazonas in sein "deutsches Vaterland" zurückkehren und dort angesichts der derzeitigen sprachlichen Erregung in spöttisches Gelächter ausbrechen. Tenor dieser Feuilleton-Aufmachergeschichte vom 11. August: Unterm Strich sei der Streit um ss oder ß in seiner konfessionellen Verbissenheit irgendwie typisch deutsch und überhaupt verfehlt, mache sich der Rest der Welt doch vernünftigerweise Sorgen um drängendere Probleme wie Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltverschmutzung.
In derselben Ausgabe der SZ wird der Wiener Schriftsteller Robert Menasse in seinem Kommentar noch deutlicher. Der Reformgegner beruft sich darauf, "das große, weite und tiefe Deutsch zu sprechen, das die Reformer nicht verstehen und nicht ertragen", und entlarvt kraft dieser sich selbst zugesprochenen Kompetenz die neuen Regelungen als "rassistisch, neoliberal und reaktionär" - freilich ohne sich gleich zu einem expliziten Verweis aufs "typisch Deutsche" hinreißen zu lassen.
Dem populistischen Drang aber, mit Ressentiments gegen "die Deutschen und ihre Reform" Sympathien zu schinden, gab niemand so stark nach wie der Poet und Leiter der Wiener Schule für Dichtung, Christian Ide Hintze. In einem Gastkommentar für den Standard ließ er sich zu der polemischen Frage hinreißen, ob damit die "abweichenden Österreicher und Schweizer wieder ,auf Linie'" gebracht werden sollten, und brandmarkt, ähnlich Menasse, die "tendenzielle Germanisierung" von Fremdwörtern durch die Reform (siehe auch Kommentar Falter 34/04, Seite 17).
Allein: Wäre das Bemühen, die eigene Schriftsprache zu vereinheitlichen und zu vereinfachen, tatsächlich so typisch deutsch, die besten Deutschen wären zweifelsohne die Tschechen. Kaum eine Sprache wurde in den letzten Jahrzehnten so häufig reformiert wie das Tschechische. Vor allem in der Zeit vor dem Ende des sozialistischen Regimes 1989 brachte man es alle paar Jahre auf den neuesten Stand. Proteste dagegen habe es so gut wie keine gegeben, erklärt Stefan Newerkla, Bohemist am Institut für Slawistik der Uni Wien: "In der CSSR konnte man eben noch sehr leicht von oben herab verordnen, das war nie problematisch."
Weil das Tschechische, ähnlich wie die meisten slawischen Sprachen, in seiner Schreibung weitgehend phonetisch orientiert ist, also jeder Buchstabe bzw. jede feststehende Buchstabenkombination einen eindeutigen Laut bezeichnet, können tschechische Wörter praktisch ohne Ausnahme so geschrieben werden, wie man sie spricht. Der erstaunliche Reformaufwand der letzten Jahrzehnte erklärt sich vor allem durch die "Vertschechisierung" von Fremdwörtern. So wurde beispielsweise geregelt, dass Jazz "dzes" geschrieben wird oder "univerzita" - wie gesprochen - mit weichem z und nicht - wie im lateinischen Vorbild - mit dem für Tschechen hart klingenden s. "Aus linguistischer Sicht ist so eine streng phonetische Schreibweise wirklich sinnvoll", meint Newerkla und hätte sich deswegen auch im Deutschen eine "weniger halbherzige" Reform gewünscht.
Darüber hinaus griffen die tschechischen Reformen häufig sogar tiefer in die Schriftsprache ein als die aktuelle Reform des Deutschen. Während diese sich ausschließlich mit Fragen der Orthografie befasst, aktualisieren die Tschechen sogar die Morphologie, also die Wortgestalt. Wenn etwa für die erste Person Einzahl statt der hochsprachlichen Verb-Endung "ují" neuerdings auch das umgangssprachliche "uju" akzeptiert wird, dann ist das ein Zugeständnis an die gesprochene Sprache, dem im Deutschen eine Einführung der Verbform "ich geh" statt "ich gehe" entspräche.
Halbherzigkeiten, Inkonsequenzen und unlogische Neuerungen gebe es aber auch im Tschechischen genug, versichert Newerkla, nicht zuletzt deshalb, weil man immer wieder auf regionale Unterschiede besonders zwischen den böhmischen und mährischen Idiomen Rücksicht nehme. Eine derart heftige Diskussion wie in Deutschland und Österreich jedoch habe er bei den Nachbarn noch nicht erlebt. "Bei uns hat man seit der letzten Reform von 1901 wohl einfach zu lange zugewartet. Die Tschechen konnten sich im Lauf der Zeit an Reformen gewöhnen."

Auch andere, des notorischen Regelungswahns unverdächtige Länder kümmern sich regelmäßig um die Einheitlichkeit ihrer Schriftsprachen, manche davon sogar schon viel länger als die deutschsprachigen. Während im deutschen Sprachraum die ersten Bemühungen in diese Richtung auf die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm und den 1854 erschienenen ersten Band ihres "Deutschen Wörterbuchs" zurückgehen, gründete man in Florenz mit der Accademia della crusca bereits 1582 die erste Institution, die für Recht und Ordnung unter den verschiedenen italienischen Dialekten zu sorgen hatte.
Frankreich besitzt mit der 1635 von Richelieu eingerichteten Academie française ein vergleichbares, weithin akzeptiertes Gremium und kennt deswegen auch kaum Probleme mit sprachlichen Reformen. Und selbst die als notorische Liberale geltenden Angelsachsen können auf einen langen Kampf ums richtig geschriebene Englisch oder Amerikanisch zurückblicken. Stefan Dollinger vom Institut für Anglistik der Wiener Universität erinnert daran, dass in England schon in den 1660er-Jahren der Ruf nach einer Sprachakademie aufkam und in den folgenden Jahrzehnten Schriftsteller wie Jonathan Swift oder Daniel Defoe ein verbindliches Wörterbuch forderten.
1755, also rund hundert Jahre vor dem Grimm'schen Wörterbuch, brachte Samuel Johnson dieses Rechtschreibwerk schließlich heraus; es behielt - zumindest für Großbritannien - seinen verbindlichen Status bis zum Erscheinen des heute noch gültigen "Oxford English Dictionary" 1928. In den USA hingegen wurde schon bald nach der politischen Abspaltung vom Vereinigten Königreich 1776 darüber diskutiert, ob sich die neu gewonnene Unabhängigkeit nicht auch sprachlich manifestieren solle. Die amerikanische Schreibweise "theater" etwa, die sich von dem am Französischen orientierten "theatre" der Briten absetzt, geht auf diese Diskussion zurück und findet sich bereits 1806 in der ersten Auflage des Wörterbuchs von Noah Webster.
Andere anglophone Länder wie etwa Kanada oder Australien, berichtet Dollinger, begännen gerade erst damit, ein eigenes Sprachbewusstsein zu entwickeln. Eine zwischenstaatliche Kommission, die - vergleichbar jener von Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein - diese Bestrebungen koordinieren könnte, gebe es nicht: "Jeder kocht derweil sein eigenes Süppchen." Vor dem Hintergrund, dass sich das Englische zunehmend als lingua franca, als gemeinsame Sprache einer globalisierten Weltbevölkerung etabliert, hält der Anglist "grundsätzliche Überlegungen zu einer Form des globalisierten Englisch" für angebracht, die von den unterschiedlichsten Muttersprachen aus einfacher zu erlernen und zu verstehen sein sollte.
So weit wie die Simplified Spelling Society in ihrem Vorschlag möchte Dollinger dabei aber doch nicht gehen. Dieser britische Verein tritt für eine strikt phonetische Reform des Englischen ein, die die zahlreichen gleich klingenden, aber unterschiedlich geschriebenen Laute der Sprache vereinheitlicht. Statt der zwölf verschiedenen Möglichkeiten, den langen I-Laut zu notieren (seem, team, convene, sardine, proteine, fiend, people, he, key, ski, debris, quay), sollte demnach künftig einfach nur noch "ee" geschrieben werden - unter dem Motto: Uther cuntrys hav updated the spelling of thair languaje; so can wee!
Angesichts solch radikaler, aber ernsthafter Vorschläge - immerhin wurde die spelling reform 1949 im britischen Unterhaus nur mit einer knappen Mehrheit von drei Stimmen abgelehnt - wirkt die deutsche Rechtschreibreform geradezu harmlos, die Tendenz ihrer Gegner, sie für eine weltweit einzigartige Ungeheuerlichkeit analfixierter deutscher Kleingeister zu halten, eher lächerlich.

Zur Hysterie in den deutschen und österreichischen Feuilletons und Schundblättern passt allerdings sehr wohl die Schlampigkeit, mit der häufig gegen die neuen Regeln argumentiert wird. Mit wissenschaftlicher Dezenz, also gut versteckt, listet die für die Reform zuständige zwischenstaatliche Kommission auf ihrer Homepage (www.rechtschreibkommission.de) eine beeindruckende Reihe beliebter, aber nichtsdestotrotz falscher Argumente und Beispiele der Reformgegner auf und weist somit nach, dass nicht alle Verfechter der alten Schreibweise dieser auch wirklich mächtig sind. Auffallend häufig genannt wird dabei übrigens die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die bereits 2000 zum alten, als "klassisch" empfundenen, aber nicht immer beherrschten Regelwerk zurückkehrte.
Bekannt wurde unlängst etwa das misslungene Beispiel des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, auf das auch die Kronen Zeitung in ihrer Liste der "größten Dummheiten der Reform" hereinfiel. Denn tatsächlich wird auch heute noch unterschieden, ob "Günter Grass seinen Nobelpreis wohlverdient oder nur wohl verdient, also vermutlich verdient" habe.

Zum Archiv

nach oben
August 2004 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at