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Die liebe Familie
GESELLSCHAFT  In Österreich leben eineinhalb Millionen Familien. Die Regierung preist sie als Keimzelle der Gesellschaft - aber nur wenn die Eltern nicht schwul oder lesbisch sind. Sind nur Vater, Mutter, Kind eine echte Familie? Wie heil sind die Familien wirklich? GERALD JOHN und EVA WEISSENBERGER

Falter 35   Originaltext aus Falter 35/04 vom 25.08.2004

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"Auch ich habe gesündigt", sagt Vinzenz Liechtenstein. Die Mädchen jung, das Fleisch schwach - da fiel es selbst einem Spross aus katholischer Adelsfamilie schwer, Gottes Gebote einzuhalten. "Ich habe sehr, sehr viele Pantscherl gehabt", bekennt Liechtenstein, "aber als Katholik konnte ich's mit der Beichte ja immer in Ordnung bringen."
Amouröse Abenteuer muss der 54-jährige Liechtenstein seinem Beichtvater heute keine mehr anvertrauen. "Ich weiß längst, wo mein Nest ist", sagt der ÖVP-Abgeordnete. Gebaut hat er es mit seiner Ehefrau Roberta, die beiden Töchter Adelheid und Hedwig sind ihm schon entflogen. Herrlich sei es, ewig füreinander da zu sein, schwärmt Liechtenstein: "Die Ehe ist die Wurzel der gesamten Gesellschaft und der Welt. Sie ist für mich heilig."
Doch nun bringt eine wachsende Allianz die göttliche Ordnung ins Wanken. Schwulenaktivisten und Lesbenvertreterinnen, Intellektuelle und Rechtsexperten, Oppositionelle, aber auch Politiker der Regierungsparteien fordern, dass Homo-Paare dieselben Rechte bekommen sollten wie Mann und Frau mit Trauschein. Dagegen wehren sich schwarze und blaue Konservative - und beschwören die Einzigartigkeit der Familie. "Keinen Änderungsbedarf" sieht etwa FPÖ-Vizekanzler Hubert Gorbach: "Ich bin gegen alles, was heterosexuelle Beziehungen schwächen könnte." ÖVP-Klubobmann Andreas Khol sagt: "Wir wollen nichts tun, das Ehe und Familie mit anderen auf eine vergleichbare Ebene stellt, weil es die nicht gibt." Der ehemalige Wiener ÖVP-Chef Bernhard Görg bezeichnet Homo-Partnerschaften als "wertlos", der FPÖ-Abgeordnete Max Walch als "nicht normal". Dem schließt sich auch Liechtenstein an: "Homosexuelle Paare entsprechen nicht der Natur des Menschen, weil sie keine Kinder kriegen können. Warum soll der Staat etwas fördern, was nichts bringt?"
Ist das keine liebe Familie? David, Barbara und Tina (Namen von der Redaktion geändert) haben ihre Gemeindewohnung in der Leopoldstadt mit viel Liebe, Geduld und noch mehr Mosaiksteinchen in eine Art Hundertwassergrotte verwandelt. Von der klassischen Kernfamilie unterscheidet sie nur eines: David sagt zu Barbara und zu Tina "Mama". Barbara ist die leibliche Mutter des Volksschülers, Tina ihre Freundin. Tina war vor drei Jahren die erste Lesbe, die von einem österreichischen Gericht als "vollwertige Pflegemutter" des Kindes ihrer Lebensgefährtin anerkannt wurde. Nun darf Tina mit David nicht nur spielen und lernen, für ihn kochen und ihm hinterherräumen, sondern bekommt auch Pflegschaftsurlaub, wenn er krank ist. David kann sich bei Tina mitversichern lassen, stirbt sie, erbt er wie ein leibliches Kind. Tina würde David nun gerne adoptieren. Dafür kämpft sie gerade vor dem Europäischen Gerichtshof.
Das gängigste Vorurteil gegen Familien ihrer Art widerlegt Tina ungefragt: "Ich glaube nicht, dass David schwul wird, eher ein kleiner Macho. So wild, wie er ist, werden wir womöglich sehr junge Omas." Der Kinderpsychiater Max Friedrich bestätigt das: "Kinder sind keine Graugänse, die alles nachmachen." Auch wenn eine Entscheidung wie im Fall David die beste Lösung für das Kind sein kann, will Friedrich die Adoption aber nicht generell auf homosexuelle Paare ausweiten. "Man muss immer nach dem Optimum suchen", sagt der Psychiater, "ob einem die Klischees passen oder nicht - Männer und Frauen eignen sich in einer Beziehung in der Regel nun einmal verschiedene Rollen an. Ein Kind sollte beide Seiten kennen lernen." Auch die Psychotherapeutin Billie Rauscher-Gföhler hat Zweifel, ob "vor allem zwei Männer genügend gelernte Fürsorglichkeit einbringen könnten".

Eine Studie im Auftrag der schwedischen Regierung aus dem Jahr 2001 konnte jedoch keine Unterschiede zwischen Kindern aus hetero- und homosexuellen Familien feststellen. Ausschlag gebend sei allein eine liebevolle Umgebung. In Schweden dürfen lesbische und schwule Paare nun Kinder adoptieren. Rauscher-Gföhler will auch die österreichische Gesellschaft "behutsam" an die Regenbogenfamilien gewöhnen. Heute sei sie noch nicht bereit dafür. "Solange sie nichts anderes kennen, sind die Kinder glücklich", erzählt der Sozialarbeiter Thomas Fröhlich von den PapasInMotion, einer Selbsthilfegruppe schwuler Väter: "Die Probleme beginnen erst, wenn sie in die Schule kommen. Kinder können so brutal sein, wenn sie die Vorurteile ihrer Eltern unreflektiert wiedergeben." Von der Gesellschaft ebenfalls stiefmütterlich behandelt - und dieses Wort alleine zeigt, wie negativ dieses Thema besetzt ist - wird die heterosexuelle Stieffamilie. Sie ist keine dieser traditionellen Kernfamilien, von denen konservative Politiker gerne reden. Der Begriff Alleinerzieherin, für diese setzen sich linke Politikerinnen immer ein, wird der Realität aber auch nicht immer gerecht. Manche Alleinerzieherin, die für die Statistik als solche gilt, hat längst einen neuen Lebensgefährten, auf der anderen Seite fühlt sich manche Mutter in einer klassischen Familie allein erziehend. Wie viele der eineinhalb Millionen österreichischen Familien mit Kindern unter 19 Patchwork-Families sind, lässt sich daher nicht sagen. Folgende Zahlen geben Hinweise, wie weit verbreitet sie vor allem in der Stadt sind: 28 Prozent der österreichischen Kinder werden unehelich geboren. 44 Prozent aller Ehen enden vor dem Scheidungsrichter. Und 22 Prozent der Frauen bis 35, die eine fixe Lebensgemeinschaft eingehen, bringen in diese ein Kind mit.
"Jeder kann sich heute für die Form entscheiden, die er möchte", sagt Christiane Rille-Pfeiffer vom Institut für Familienforschung, "die Familien unterliegen weniger Normen, werden dadurch aber auch brüchiger." Am Institut für Höhere Studien forscht die Soziologin Katharina Miko gerade über Stieffamilien. Sie meint: "Die Familie wird zu einem offenen Organismus, die Beteiligten handeln sie immer wieder neu aus." Das Problem der Gesellschaft mit der "multiplen Elternschaft" drücke sich nicht zuletzt dadurch aus, dass die Leistungen der Stiefväter und -mütter im politischen Diskurs nie vorkämen, ja, es dafür nicht einmal ein positiv besetztes Wort dafür gäbe. Miko plädiert daher dafür, die biologische Tatsache "Eltern" und den rechtlichen Status "Elternschaft" um einen Begriff für das "Bevatern" oder "Bemuttern" zu ergänzen.

Wer zur Familie gehört und wer nicht, das entscheidet sich im Alltag. Die elfjährige Hannah hat eine "Mama" Renate, einen "Papa" Thomas und einen - je nach Laune - "Papi" oder "Mark", Renates zweiten Mann. Darüber hinaus hat sie eine "Oma" und einen "Opa" im Mühlviertel, die Eltern von Renate, eine "Müller-Omi" in Hessen, die Mutter von Mark, und eine "Omma" in Wien, die Mutter von Thomas' Exfreundin Barbara, die nach der Trennung den Kontakt zu ihm und seiner Tochter abgebrochen hat. Ihre Mutter kocht trotzdem jeden Freitag für Hannah. Das Mädchen hatte sich mit Barbara, dem Scheidungsgrund ihrer Eltern, anfangs, vor sieben Jahren, nicht verstanden und daher auch ihre Mutter abgelehnt. Heute sagt sie: "Die Omma macht die besten Schokopala."
"Verwandtschaft ist sozial erlernbar", sagt die Soziologin Miko. Oder eben nicht. Ein Kind aus ihrer Studie sagte auf das Angebot seiner Mutter, einen neuen Großelternteil auch so zu nennen: "Danke, ich hab schon genug."
Die Stieffamilie ist kein neues Phänomen. Früher starben die Mütter im Kindbett und die Väter im Krieg, heute ziehen die Väter aus. Unser bürgerliches Familienbild ist außerdem keine 200 Jahre alt. "Noch im 19. Jahrhundert zählte zur europäischen Haushaltsfamilie, wer am selben Tisch aß und unter demselben Dach schlief, also auch Lehrlinge, Mägde und Knechte", erzählt der Historiker Michael Mitterauer. Im Laufe des letzten Jahrhunderts verloren die Lebenspartnerschaften in Europa dann nach und nach ihre traditionellen Funktionen. Hielt eine Familie zuvor gemeinsam einen Handwerksbetrieb oder ein Geschäft zusammen, gingen ihre Mitglieder nun zur Lohnarbeit außer Haus. Die Pflichtschule nahm ihr die Bildung der Kinder ab, die Sozialversicherung die Versorgung der Alten. Die Liebesheirat verdrängte die arrangierte Zweckehe. Das Eheleben wurde dadurch aber nicht einfacher, eher im Gegenteil. "Viele Menschen erwarten sich von der Ehe heute einen Anker in der komplizierten, postmodernen Welt", sagt Wolfgang Stangl vom Institut für Kriminalsoziologie, "doch diese Hoffnung stellt sich oft als Illusion heraus."
Polizisten arbeiten nach einem ungeschriebenen Gesetz: Willst du einen Mörder fangen, suche zuerst nach der Heiratsurkunde der Leiche. "Mehr als die Hälfte aller Morde sind Beziehungsdelikte", sagt Ernst Geiger, oberster Kriminalbeamter Wiens: "Leidenschaft und Eifersucht sind die Hauptmotive." Die Polizei gibt sich alle Mühe, Frauen schon nach den ersten Gewaltausbrüchen ihrer Männer zu schützen. Seit 1997 kann die Exekutive Schläger aus der gemeinsamen Wohnung verbannen. Rund 1700 Personen - fast ausschließlich Männer - verwies die Polizei im Vorjahr aus dem trauten Heim.
Jeder fünften Frau werde im Laufe ihres Lebens von ihrem Partner Gewalt angetan, schätzt Barbara Ille von der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie: "Zu uns kommen Frauen aus allen Kulturen und sozialen Schichten." Dabei gilt: je enger die Bindung, desto gefährlicher. Die Mehrheit der Frauen, die in der Interventionsstelle Hilfe sucht, flüchtet vor ihren Ehemännern. "Die Gewalt ist eben eine hohe Form der Leidenschaft", sagt der Kriminalsoziologe Stangl. Die Frauen sitzen dabei mitunter in der Falle, denn die Trennung ist oft die noch gefährlichere Alternative. Wenn Ehemänner ihre besseren Hälften abmurksen, dann am ehesten nach der Scheidung.
Selbst wenn ihr Ehemann nicht prügelt, fördert die Ehe nicht unbedingt die Gesundheit der Gattin. Der Sozialforscher Bernd Marin fand heraus, dass eine Scheidung das Leben von Frauen in der Regel verlängert. Umgekehrt kostet dem Mann eine Trennung so manches Lebensjahr. Vielleicht, weil er keine ordentliche Mahlzeit mehr auf den Tisch bekommt, vielleicht, weil ihm niemand mehr das Saufen verbietet, vielleicht aus Gram über die eigene Hilflosigkeit. Viele Männer, meint die Psychotherapeutin Rauscher-Gföhler, könnten nämlich immer noch nicht richtig mit einer Entwicklung umgehen, die bereits in den Siebzigerjahren begonnen hat. Damals, unter Bruno Kreisky, verlor der Mann seine Stellung als Oberhaupt der Familie. Heute nehmen sich die Frauen sogar das Recht heraus, ihren Partner einfach zu verlassen. Wurden vor dreißig Jahren achtzig Prozent aller Scheidungen von Männern eingereicht, sind es heute zu zwei Drittel die Frauen, die ihren Angetrauten den Weisel geben.
Die Politik der letzten Jahre brachte den Frauen aber nicht nur mehr Unabhängigkeit. Mit dem Kindergeld und der Kinderbeihilfe fördert Österreich seine Familien besonders großzügig, in ganz Europa bekommen nur luxemburgische Eltern mehr Geld vom Staat. "Dieser Familiensozialismus hilft einerseits zwar armen Familien, drängt Frauen aber auch aus dem Arbeitsmarkt", meint Sozialforscher Marin. "Für viele Frauen zahlt es sich dank der hohen Leistungen nicht mehr aus, Jobs anzunehmen. Gut qualifizierte Arbeitskräfte versauern zu Hause."

Das Institut für Familienforschung hat geschätzt, was die hierzulande erbrachte Familien- und Hausarbeit wert ist. Selbst wenn man nur den Mindestlohn für Haushaltshilfen heranzieht, sind es fast fünfzig Milliarden Euro im Jahr. Und es könnte in Zukunft noch mehr Arbeit auf die Familie zukommen, meint der Sprecher des Instituts, Rudolf Karl Schipfer: "Wenn der Staat manche sozialen Leistungen nicht mehr erbringen kann, wird auf die Familie wieder mehr Arbeit, wie etwa die Altenpflege, zurückfallen." Die heutige "Bohnenstangenfamilie", in der es in jeder Generation nur ein, zwei Kinder gibt, werde sich damit wohl schwer tun.
Darüber zerbricht sich die Familie Oezelt noch nicht den Kopf. Vater Rudi, 42, verdient als Marketingchef genug, dass Mutter Susanne, 33, für Tochter Emelie, 1, zwei Jahre als Werbefachfrau pausieren kann. Vor dem Haus blühen Rosen, in der Küche dampft ein Schokokuchen, im Garten tollt ein Hund herum, der als Sieger eines Fotowettbewerbs demnächst das Titelblatt einer Kurier-Beilage zieren wird. Susanne träumte schon als Mädchen von einer Hochzeit in Weiß, Rudi wünschte sich als religiöser Mensch den Segen der Kirche. Im Juni 1999 gaben sich die beiden vor Caritas-Direktor Michael Landau das Ja-Wort, im August des Vorjahres kam ihre Tochter zur Welt. Auf den Tag genau acht Jahre nachdem sich die beiden erstmals begegnet waren. "Seither glaube ich an Fügung", sagt Susanne.
Eine Familie wie aus einem Werbefolder der ÖVP - mit einem Schönheitsfehler. Im Gegensatz zu Liechtenstein & Co gestehen die Oezelts auch Schwulen und Lesben das Recht auf Idylle zu. "Ich bin für die hundertprozentige Gleichberechtigung", sagt Familienvater Rudi. Nur in puncto Adoption ist er skeptisch, während seine Frau Homo-Paaren sogar dieses Privileg zugestehen würde: "Das soll jedem freistehen."
Sind die österreichischen Familien am Ende liberaler als die Familienpartei? Der ÖVP-ler Liechtenstein erschaudert, wenn er sich schwule Väter vorstellt. "Da hört sich der Spaß wirklich auf", schimpft er. "Das kann ja nur ein unglückliches und unseliges Kind werden, wenn es in so einer unnatürlichen Situation aufwächst." Er wolle zwar keinem Homosexuellen verbieten, mit seinem Partner zusammen zu leben, sagt Liechtenstein, jedoch: "Glücklich bin ich darüber nicht. Ich hoffe, dass jeder Homosexuelle in die Normalität des Menschlichen zurückfindet."

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August 2004 © FALTER
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