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Jubiläum mit Schuss
MUSIK  Das Klangforum Wien, Österreichs bedeutendstes Ensemble für zeitgenössische Musik, feiert zwanzigsten Geburtstag und eröffnet sein neues Haus, das endlich Proben ohne Gefährdungen des Gehörs ermöglicht. CARSTEN FASTNER (Text) und KATHARINA GOSSOW (Fotos)

Falter 36   Originaltext aus Falter 36/04 vom 01.09.2004

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Der Feuerlöscher hinter dem Mischpult ist diesmal kein Instrument. Der Schreckschussrevolver und das Megafon daneben sind es schon, genauso wie die Glaskugeln, Holzklötze, Metallblöcke und Plastikschüsseln, die Ernst Rott in den Probenraum schleppt. Wäre er bei einem klassischen Sinfonieorchester beschäftigt, man würde ihn den Orchesterwart nennen. Aber Rott arbeitet im Produktionsteam des Klangforum Wien, und deswegen muss er nicht nur Kontrabässe, Pauken und Tschinellen, sondern eben auch sonstigen Krimskrams organisieren, dem Komponisten ungewohnte Klänge entringen wollen.
  Das Klangforum Wien spielt zeitgenössische Musik. Ausschließlich. Und dafür kann man schon auch mal das Klocken zweier Holzblöcke oder, zumindest theoretisch, das satte Zischen eines Feuerlöschers brauchen. Vor knapp zwanzig Jahren wurde das Ensemble vom Komponisten Beat Furrer gegründet; am kommenden Wochenende will man die Jubiläumssaison zugleich mit dem gerade bezogenen neuen Haus in der Diehlgasse eröffnen. Ein großes Fest wird es geben, über 24 Stunden lang, und natürlich sollen dabei auch neue Stücke uraufgeführt werden. Zum Beispiel jenes mit dem seltsamen Titel "Schläge als Verführungsversuche" von Christoph Ogiermann. 27 Instrumenten-Sonderwünsche habe der Komponist dafür angemeldet, berichtet Ernst Rott amüsiert, und selbstverständlich seien ihm alle erfüllt worden. Ogiermann begreift sein Komponieren als "aggressiven Akt", der Schreckschussrevolver wird diese Selbsteinschätzung bei der Uraufführung eindrucksvoll untermauern.
  Während Rott noch die letzten Wasserschüsseln befüllt, sitzt Gerald Resch schon im Probensaal und ist nervös. Neben Ogiermann und neun weiteren jungen Komponisten hat der gebürtige Linzer (Jahrgang 1975) eines der neuen Stücke für das Fest geschrieben. Fünf Minuten für fünf Instrumente, so lautete der Auftrag. Das Ergebnis heißt "Relief" und wird eben zum ersten Mal geprobt. Für Resch ist es überhaupt das erste Mal, dass seine Musik vom Klangforum gespielt wird. Wenn die Uraufführung beim Publikum gut ankommt, könnte das zu einem entscheidenden Schritt seiner Karriere werden. Das Klangforum ist nicht nur das bedeutendste österreichische Spezialistenensemble, es gehört mittlerweile auch international zu den führenden Gruppen im Bereich der Neuen Musik. Von ihm gespielt zu werden, gilt unter Komponisten und ihren Verlegern als etwas Besonderes, und Resch ist sich dessen durchaus bewusst.
  Ein eigener Konzertzyklus im Mozartsaal des Konzerthauses; internationale Tourneen bis in die USA und nach Japan; zahlreiche Referenzeinspielungen auf CD; regelmäßige Auftritte bei den wichtigsten Szenefestivals wie Wien Modern, Donaueschingen oder Witten und sogar bei den konservativen Salzburger Festspielen; dazu Musiktheaterprojekte mit prominenten Regisseuren wie Christoph Marthaler und Alain Platel: Die künstlerische Bilanz des Klangforum kann sich sehen lassen, zumal für ein Ensemble, das sich ganz auf das oft als sperrig geltende Repertoire der Moderne konzentriert.
  Der Grund für diesen Erfolg liegt vor allem bei den Musikerinnen und Musikern. Insgesamt 24 Mitglieder hat das Klangforum. Sie alle, ob Streicher, Bläser, Pianisten oder die auch für Holzblöcke und sonstige Sonderwünsche zuständigen Schlagwerker, sind hervorragende Solisten in ihrem Fach und — immer noch eine Seltenheit im Neue-Musik-Betrieb — hauptberuflich für ihr Ensemble tätig. Vollprofis also, auch wenn ihr Einkommen nur sechzig Prozent desjenigen eines klassischen Orchesterbeamten beträgt.

Was tut ein junger Komponist, wenn er zum ersten Mal für dieses Ensemble schreiben soll? Er jedenfalls habe schon so eine Idee im Hinterkopf gehabt, was stilistisch zum Klangforum passe, sagt Gerald Resch, und es sei nicht eben einfach gewesen, sich von dieser Vorstellung frei zu machen. Außerdem gebe das Ensemble Komponisten alle Möglichkeiten an die Hand. "Das sind unglaublich gute Musiker, die einfach alles spielen können. Und zwar auf allen nur denkbaren Instrumenten. Niemand sonst hat Gongs für zwei Oktaven."
  Wochenlang hat Resch hin und her überlegt, ob er mit seiner Klangforum-Premiere eher die spieltechnischen Fähigkeiten der Musiker fordern soll oder ihren Ensemblegeist. Schließlich hat er sich für Letzteres entschieden und mit "Relief" ein Stück geschrieben, dessen fünf Stimmen nicht wie in einer klassischen Partitur auf den Taktschlag genau koordiniert sind. Also müssen die fünf Instrumentalisten jetzt, bei der Probe, daran arbeiten, ihre Einsätze selber aufeinander abzustimmen. Der Arbeitseifer ist sichtlich groß; im Selbstverständnis der Musiker wird jede Partitur, die auf ihren Pulten liegt, so ernst genommen, als sei sie die wichtigste der Welt.
  Mit seinem Stück, sagt Resch, sei es ihm auch darum gegangen, die Qualitäten des Klangforum als selbstorganisierte, basisdemokratische Gruppe auf musikalische Weise vorzuführen. Die Vokabeln erinnern an die Gründungszeit des Ensembles Mitte der Achtziger, als die Avantgarde der Neutöner hierzulande noch weit tiefer im Untergrund steckte als heute, ihre künstlerischen und gesellschaftlichen Utopien dafür umso höher flogen. Im Fall des Klangforum sind sie bis heute keine leeren Floskeln.
  Tatsächlich ist jedem der 24 Mitglieder per Vereinsstatut das Mitspracherecht bei allen künstlerischen Entscheidungen zugesichert. In einem monatlichen Plenum werden nicht nur absolvierte Auftritte gemeinsam kritisiert, sondern auch neue Projekte diskutiert, wird darüber abgestimmt, welche Konzerteinladungen man annehmen, welchem Komponisten man einen Auftrag erteilen soll. Einen eigenen künstlerischen Leiter gibt es nicht, stattdessen fungieren jeweils zwei Mitglieder im Rotationsprinzip als Ensemblesprecher. Vorschläge des Intendanten Sven Hartberger werden, nach dessen eigener Aussage, im Plenum besonders heikel geprüft. Ein bisschen mühsam sei diese strenge Form der Basisdemokratie manchmal schon, geben die Musiker zu. Aber anders arbeiten will hier trotzdem niemand.
  Auch über die Neuaufnahme von Mitgliedern entscheidet ausschließlich das Plenum. Statt einzelner, bei klassischen Klangkörpern üblicher Probespiele gibt es ganze Probejahre. Wird eine Stelle frei, entscheiden die Musiker zunächst, mit welchem Instrument sie nachbesetzt werden soll. Bei der letzten Besetzung hat man sich etwa gegen die Harfe und für das Akkordeon entschieden und damit dem aktuellen Trend unter Komponisten Rechnung getragen, verstärkt die vielfältigen Möglichkeiten dieses Instruments zu nutzen. Der Akkordeonist Krassimir Sterev hat sein Probejahr bestanden und kann sich nun sicher sein, dass seine Aufnahme vom Plenum einstimmig abgesegnet wurde.
  Oft kommt das nicht vor. Weil neue Mitglieder nur selten gebraucht werden. Die Bindung ans Ensemble scheint ebenso stark zu sein wie der Enthusiasmus für die Sache. Kaum ein Musiker hat das Klangforum in den letzten Jahren verlassen; einige sind sogar fast von Beginn an dabei. Als das Klangforum Wien noch Société de l’Art acoustique hieß und streng genommen keine Wiener, sondern eine Schweizer Einrichtung war.

Damals, 1985, gründete der in Wien lebende Schweizer Komponist Beat Furrer das Ensemble unter dem elegant auf die französische Vorherrschaft in Sachen musikalischer Avantgarde anspielenden Namen. In Paris hatte Pierre Boulez sein Ensemble Intercontemporain bereits etabliert, und auch in Frankfurt am Main sorgte das Ensemble Modern schon für Aufsehen. Nur in Wien gab es keine vergleichbare Gruppe, die aktuelle Werke internationaler Komponisten aufführte. Das von Friedrich Cerha in den Fünfzigerjahren begründete Ensemble die reihe bemühte sich eher darum, die immer noch bestehenden Rezeptionsdefizite der Vorkriegsavantgarde um Arnold Schönberg und die Zweite Wiener Schule abzuarbeiten. Und das heute so wichtige Festival Wien Modern wurde erst drei Jahre später ins Leben gerufen.
  Finanzielle Unterstützung erhielt die Société de l’Art acoustique anfangs noch von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, unter der großzügig gehandhabten Auflage, eidgenössische Komponisten zu präsentieren. Das tat man zunächst im Palais Liechtenstein und in der Secession. Mit dem Beginn der Neunzigerjahre setzte der erste Professionalisierungsschub ein. Primavera Gruber, die sich heute mit dem Orpheus Trust um die Wiederentdeckung von den Nazis verfolgter Komponisten kümmert, wurde Managerin der bis dahin von den Künstlern selbst geleiteten Gruppe. Erster Erfolg: Mit den Zykluskonzerten konnte man ins Konzerthaus übersiedeln.
  1992 übernahm Peter Oswald, heute Intendant des Grazer Festivals steirischer herbst, die Geschäftsführung. In seine Amtszeit fällt auch die folgenreichste Entscheidung in der Geschichte des Klangforum: Die 1993 vom damaligen Kunstminister Rudolf Scholten eingesetzten und bis 1996 mit insgesamt 45 Millionen Schilling frei verfügbarem Fördergeld ausgestatteten Musikkuratoren Lothar Knessl und Christian Scheib suchten ein österreichisches Ensemble, das — ähnlich den Vorbildern aus Paris und Frankfurt — auf internationaler Ebene etabliert werden sollte.
  Ihre Wahl fiel aufs Klangforum, als "einziger Gruppe, die damals schon die strukturellen Voraussetzungen für eine internationale Karriere mitbrachte", wie sich Scheib heute erinnert. Mit Projektförderungen und Sondermitteln aus dem Topf der Musikkuratoren wurde das Ensemble gegenüber den anderen Gruppen bevorzugt. Auch heute noch erhält es von Bund und Stadt deutlich höhere Subventionen, wobei nach wie vor siebzig Prozent des Budgets selbst erwirtschaftet werden.
  Kaum verwunderlich, dass der Aufbauplan in der Szene anfangs heftig umstritten war. Doch mittlerweile leugnet niemand mehr, dass er voll aufgegangen ist. Das Klangforum hat sich international gleichwertig neben den Ensembles Intercontemporain und Modern etabliert. Und es genießt national eine Vorrangstellung, deren Problematik auch den Musikern bewusst ist: Ihre Entscheidung, manche Komponisten zu spielen, andere hingegen nicht, entscheidet wesentlich über den Status der Ausgewählten und Abgelehnten. Das Klangforum ist stilprägend geworden, nicht nur in interpretatorischen Fragen, sondern auch in kompositorischen. "Möglichst unbefangen" will Intendant Sven Hartberger mit dieser Verantwortung umgehen. Junge Komponisten wie Gerald Resch arbeiten dennoch hart daran, nicht in einen dem Klangforum gefälligen Stil zu verfallen.
  Probenende. Manuela Loacker, die das Notenarchiv und die Solisten des Klangforum betreut, führt noch schnell durch das neue Haus des Ensembles. Jahrelang mussten die Musikerinnen und Musiker in einem viel zu kleinen Saal in der Kirchengasse proben und das Risiko, einen Hörsturz zu erleiden, auf sich nehmen. Vor rund einem Jahr erst einigten sich Kunststaatssekretär Franz Morak und Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny auf eine finanzielle Unterstützung für den Umbau einer alten Fabrik in Margareten zu einem neuen Heim fürs Klangforum. Mit Instrumentenlager, Notenarchiv, Büroräumen und, vor allem, mit akustisch unbedenklichen Probesälen.
  Noch herrschen in weiten Teilen der Diehlgasse 51 die Baugewerke. Farbeimer und Leitern werden ungerührt zwischen riesigen Gongs und einem verstaubten Harmonium hin und her geschleppt, vor dem großen Probesaal, der ehemaligen Werkshalle, stapeln sich die Instrumentenkoffer. Drinnen hängen riesige Bahnen dicker Dämmwolle von der Decke, um die Nachhallzeit zu verringern. Eine Hälfte des Saals ist noch gesperrt. Der Holzboden wurde gerade erst lackiert, nachdem irgendjemand endlich die Entlüftungsanlage in Gang bringen konnte.
  Das Gassenlokal, das später einmal bewirtet werden soll, befindet sich — wie das ganze erste Geschoß, das die Architekten Lichtblau/Wagner für sich reserviert haben — noch im Rohbauzustand, lediglich die Büros im zweiten und dritten Stock sowie das Notenarchiv haben schon den provisorischen Betrieb aufgenommen. In der Küche gibt’s noch kein Wasser, aber das geht vor allem auf Kosten der kläglich vor sich hin durstenden Topfpflanzen. Die Espressomaschine jedenfalls funktioniert ausgezeichnet.
  Sieben Tagen noch bis zur Eröffnung des neuen Hauses, bis zum großen Klangforum-Fest. Die Mitarbeiter des Ensembles werken wieder einmal unter Hochdruck. Sie sind es gewohnt. Wer sich auf die Uraufführung neuer Musik spezialisiert, muss damit rechnen, dass die Noten erst in letzter Sekunde abgegeben werden. Oder sogar ein paar Sekunden danach.

Klangforum-Fest: von 3.9., ab 11.30 Uhr, bis 4.9., 13 Uhr, im Klangforum-Haus (5., Diehlgasse 51).

Nächstes Konzert: am 5.9., 20 Uhr, in der ÖBB-Werkshalle Floridsdorf (21., Brünner Straße 68—70). Karten und Information: www.festival21.at

Abonnements für den Jubiläumszyklus des Klangforum im Konzerthaus (ab 19.10.) sind unter www.klangforum.at oder Tel. 24 20 02 erhältlich.

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September 2004 © FALTER
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