| Zum Archiv |
| "Quargelsturz gibts nicht" |
| DENKMALSCHUTZ Seit drei Jahren sind die Sofiensäle Brandruine, das Kahlenberg-Restaurant wird vielleicht doch nicht abgerissen und was passiert mit Domenigs Z-Sparkasse? Wiens Landeskonservatorin Barbara Neubauer über die Leiden der Denkmalschützer, Investoren und bauwütige Architekten. JULIA ORTNER und CHRISTOPHER WURMDOBLER |
|
| Barbara Neubauer sitzt in einer barocken Büroflucht in der Hofburg und trägt seit 2002 den schönen Titel "Landeskonservatorin von Wien". Der Job der 48-jährigen Kunsthistorikerin und Chefin der Wiener Abteilung des Bundesdenkmalschutzamtes ist aber manchmal eher mühsam. Immer öfter schlagen sich ihre Beamten mit der Frage herum, was ein Architekt an einem geschützten Objekt verändern darf und was nicht. Wo sind die Grenzen? Die Denkmalschützer haben die Gasometer zu einer Wohnanlage umbauen oder hinter den historischen Mauern des MuseumsQuartiers Neubauten errichten lassen. Den abgebrannten Sofiensälen müssen sie aber jetzt schon drei Jahre beim Einstürzen zuschauen. Die Wiener Vergangenheitshüter haben eine heikle Aufgabe, eingezwängt zwischen immer mehr baufälligen geschützten Gebäuden, bauwütigen Eigentümern und ihrem knappen Budget, 950.000 Euro Subventionsmittel jährlich. In der Stadt stehen etwa 2000 Objekte unter Schutz, zwei bis drei Prozent des Hausbestandes. Die staatlichen Denkmalschützer überwachen den Umgang mit kulturhistorisch wertvollen menschlichen Leistungen sofern ihre Erhaltung von "öffentlichem Interesse" ist, wie es im Denkmalschutzgesetz heißt. Ihre Macht endet in der Praxis aber oft recht bald. Falter: Frau Landeskonservatorin, mitten in Wien gammeln seit drei Jahren die Sofiensäle als rußige Ruine vor sich hin, eine Ohnmachtserklärung des Denkmalschutzes. Wie frustrierend ist das denn? Barbara Neubauer: Wenn wir als Denkmalpfleger oft nicht in der Lage sind, so einzuschreiten, wie wir uns das wünschen würden, ist das natürlich problematisch. Wenn der Eigentümer klar sagt, er will die Sofiensäle nicht wiederaufbauen, haben wir unsere rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, da wir ihn zu einer weitgehenden Wiederherstellung nicht zwingen können. Natürlich ist es genauso unbefriedigend, wenn die Sofiensäle die nächsten zwanzig Jahre eingehaust herumstehen. Wir versuchen generell, eine Lösung zu finden, die den Fortbestand sinnvoll gewährleistet. Im Denkmalschutz ist es immer so, dass es am Schluss einen Kompromiss gibt, nie setzen nur wir alleine uns durch. Am Beispiel des Boltenstern-Hotels am Kahlenberg zeigt sich, dass der staatliche Denkmalschutz schon Möglichkeiten hat, einzugreifen. Der Kahlenberg steht derzeit nicht unter Denkmalschutz. Der private Eigentümer ist ursprünglich davon ausgegangen, dass er das bestehende Objekt abreißen kann. Dann sind wir gekommen und haben erklärt, es müsse ein Teilbereich des alten Gebäudes erhalten bleiben. Wenn wir dort einfach mit dem Gesetz gekommen wären und alles unter Schutz gestellt hätten, hätte das nur böses Blut gemacht. Deshalb haben wir versucht, den Eigentümer etwas zu entlasten. Er war immer gesprächsbereit, hat allerdings klar gesagt, dass er nicht bereit ist, alles, was er mehr investieren müsste als geplant, zu zahlen. Derzeit schaut es so aus, als ob sich ein finanzieller Ausgleich machen lässt. Wie sehr sind Sie als Denkmalschützerin auf die Unterstützung von Bürgerinitiativen oder Parteien angewiesen? Der Denkmalschutz bildet sich langsam seine Lobby. Das ist positiv, denn eine qualifizierte Öffentlichkeit ist für unsere Arbeit wichtig. Der Naturschutz hat sich ähnlich langsam entwickelt, und wenn heute irgendwo drei Bäume gefällt werden sollen, gehen Bürger auf die Barrikaden, und man hört auf sie. Allerdings müssen die Leute verstehen, dass der Denkmalschutz nicht für alles zuständig ist. Für eine Unterschutzstellung muss ein Gebäude eben von historischem, kulturellem, öffentlichem Interesse sein. Bedeuten mehr Rechte für die Denkmalschützer nicht auch automatisch weniger Freiheit für die moderne Architektur? Nein. Der Denkmalschutz verhindert in den äußeren Bereichen der Stadt, wo es noch genug Bauplätze gibt, sicher keine neue Architektur. Wenn sich allerdings jemand einbildet, er muss dort, wo ein gut erhaltenes Biedermeierhaus steht, einen Neubau hinstellen, verhindern wir das. Es kommt aber immer wieder zu Neubauten im Umfeld von Denkmälern, da mischen wir uns nicht ein. Wir können dann nur hoffen, dass sich die Eigentümer einen guten Architekten nehmen, was leider nicht immer passiert. Seit Wien-Mitte schlussendlich auch am UNESCO-Weltkulturerbe gescheitert ist, gilt dieses Prädikat bei vielen Architekten als Totschlagargument. Verhindert das Weltkulturerbe bald jegliche moderne Architektur in der Innenstadt? Diese Diskussion ums Weltkulturerbe wird einseitig geführt. Natürlich müssen die Architekten auf uns Denkmalschützer hinschlagen, sie sind schließlich ausgebildet, Neues zu schaffen. Die grundsätzliche Frage ist, kann ich als Architekt das Alte akzeptieren oder fühle ich mich dann in meiner Kreativität eingeschränkt? Wenn einer mit dem Alten nichts anfangen kann, soll er auch nicht Hand an ein geschütztes Objekt legen. Wenn er akzeptiert, dass schon irgendwer vor ihm dort etwas gemacht hat, das gar nicht schlecht war, kann er sensibel einen neuen Bereich dazu schaffen. Wenn Architekten des 20. Jahrhunderts glauben, dass sie Denkmäler geschaffen haben, die des Schutzes des Denkmalamts bedürfen, müssen sie sich darüber im Klaren sein, dass für ihre Gebäude dasselbe gilt wie für historische Bauten. Auch die modernen Architekten wären nicht glücklich, wenn im Nachhinein drei Stockwerke auf ihr Objekt kommen. Sie werden also ein Bekenntnis zum Denkmalschutz ablegen müssen, sonst kann man auch ihre Objekte künftig nicht schützen. Wien teilt diesen Weltkulturerbe-Titel wenig exklusiv mit mehr als 720 Orten weltweit. Ist das mehr als nur ein Schmäh für den Tourismusfolder? Das Weltkulturerbe war ursprünglich eher für gefährdete Stätten in der Dritten Welt gedacht, die Aufmerksamkeit gebraucht haben, um ihre Objekte zu schützen. Natürlich ist dieser Titel auch mit Pflichten verbunden. Man kann nicht das Weltkulturerbe touristisch vermarkten, aber sonst nur machen, was man will. Man muss das Erscheinungsbild erhalten, muss sich in der modernen Architektur an gewisse Kubaturdimensionen halten. Das heißt aber zum Beispiel nicht, dass ich die Dächer in der Innenstadt nicht ausbauen darf, das ist unser tagtägliches Brot im Bundesdenkmalamt. Dass bei alter Bausubstanz in der Innenstadt nichts passiert, stimmt also einfach nicht. Deswegen ärgert mich die Behauptung "Wien steht unter dem Quargelsturz" (SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker zur Wien-Mitte-Debatte, Anm. d. Red.), da vermittle ich der Öffentlichkeit etwas, was nicht ist. Den Quargelsturz gibt’s nicht. Abgesehen davon stehen die ganzen Büroausbauten, die wir in den letzten Jahren in der Innenstadt erlaubt haben, leer. Obwohl man uns ja immer wieder sagt, der wirtschaftliche Druck ist so groß, wenn man dem nicht nachgibt, werden wir dafür sorgen, dass alles stirbt. Aber angesichts der Leerstände frage ich mich schon, ob man diesem Druck immer nachgeben muss. Ob es nicht manchmal besser wäre, ein bisschen zuzuwarten. Fast immer, wenn in Wien ein denkmalgeschütztes Ensemble umgebaut wird, heißt der Architekt Manfred Wehdorn, Denkmalschutz-Professor an der TU mit guten Kontakten zum Bundesdenkmalamt. Warum kommt immer dieser Architekten-Denkmalschützer zum Zug? Wehdorn ist als Spezialist in Wien engagiert, es gibt aber hier und in anderen Bundesländern auch andere Architekten. In Wien betreibt es aber keiner mit einer solchen Ausschließlichkeit wie Wehdorn, er hat sich eben den Ruf als Spezialist erarbeitet und gute Kontakte. In der Praxis sieht der sensible Umgang mit alten Gemäuern auch bei Wehdorn nicht immer aus wie im Denkmalschützer-Lehrbuch. Unter seiner Leitung wurden zum Beispiel die riesigen Gasometer mit braven Wohnanlagen voll gestopft. So was muss Ihnen doch wehtun ... Ganz abgesehen davon, dass da tolle Architekten dabei sind, glaube ich, dass das für die Gasometer die falsche Lösung war. Das hat noch was mit Stadtbildschutz zu tun, aber mit Denkmalschutz nicht mehr viel. Unter diesen Umständen hätte ich damals auch dafür plädiert, sie aus dem Denkmalschutz zu entlassen. Wie bekommt man denn etwas in den Denkmalschutz hinein? Der renommierte Architekt Günther Domenig fürchtet, dass sein Z-Sparkassen-Haus in Favoriten jetzt verscherbelt und abgerissen wird. Durch eine Unterschutzstellung könnte das Gebäude aus den Siebzigern gerettet werden. Das Unterschutzstellungsverfahren für dieses Objekt haben wir schon eingeleitet. Die Architektur des 20. Jahrhunderts, vor allem die der Nachkriegszeit, birgt in sich Probleme, was die Bautechnologie betrifft. Die sind meist schlecht gebaut, nicht wärmegedämmt, entsprechen keinen heutigen Vorschriften. Wenn wir nicht sagen, dass Umbauten im Sinne des Architekten und des Erscheinungsbildes sein müssen, dann gibt’s das nicht mehr. So schnell kann man gar nicht schauen ist das weg, weil sich das keiner antun will. Das zweite Problem ist die Widmung. Wenn jetzt einer kommt und sagt, er möchte in einen Domenig Wohnungen einbauen, wird’s haarig. Wird vielleicht gar das Hundertwasserhaus eines Tages denkmalgeschützt sein? Das ist das Problem der Bewertung der modernen Architektur. Deswegen wollen wir ja, dass mindestens fünfzig Jahre verstrichen sind. Nach fünfzig Jahren hat sich in der Regel die Wissenschaft damit beschäftigt, und wir sind in der Lage, ein objektives Urteil zu fällen. Alles, was zwanzig Jahre zurückliegt, kann man nicht objektiv beurteilen. Wir durchforsten jetzt in Wien, was ansteht: Wo ist eh eindeutig klar, dass das ein Denkmal ist. Aber es wird sicher nicht so sein, dass wir jetzt auf einen Schwung fünfzig Neubauten unter Schutz stellen, weil der Architekt so berühmt ist. Jetzt werden natürlich alle Architekten aufschreien, aber wenn ich versuche, einen relativ objektiven Ansatz dafür zu finden, muss ich sagen: Das Hunderwasserhaus hat offensichtlich einen gewissen Attraktionswert. Es ist ein dekoratives Werk eines international bekannten Künstlers. Ich würde es nicht sofort vom Tisch wischen und sagen, das ist nichts. Es gibt nicht nur die künstlerische Qualität, sondern auch die historische. Sie beschäftigen sich viel mit altem Gemäuer. Mögen Sie auch Hochhäuser? Ja! Den News-Tower am Donaukanal allerdings finde ich im Stadtbild nicht so gut, der steht für mich schlecht. Währenddessen am Wienerberg, das Philipshaus, das ist noch immer gut. Dort ist auch die neue Hochhausverbauung passend. |
| Zum Archiv |
| nach oben September 2004 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |