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| "Kultur ist Zufall" |
| LITERATUR Der "Falter" traf den diesjährigen Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino und sprach mit ihm über literarischen Erfolg, die Lebensnotwendigkeit von Großstädten, den Niedergang der deutschen Bahn und die Fragwürdigkeit des deutschen Humors. KLAUS NÜCHTERN |
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| Als die Süddeutsche Zeitung dieser Tage unter dem Titel "In Oberjammergau" über den deutschen Breitensport des Dauergenörgels herzog, gab sie in der 16. These "Zur Klage der Nation" auch ein paar praktische medizinische Tipps. Als verlässliches "Medikament gegen den Jammer" empfahl Alex Rühle: "Wilhelm Genazino lesen." Der 1943 in Mannheim geborene Schriftsteller, der am 23. Oktober in Darmstadt mit dem wichtigsten Preis für deutschsprachige Literatur, dem mit 40.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis, ausgezeichnet wird, ist viel gelobt und bis vor kurzem nicht ganz so viel gelesen worden. Dabei hatte er 1977 mit seiner "Abschaffel"-Trilogie doch einen viel versprechenden Start hingelegt. In den Achtzigerjahren geriet die Produktion dieses literarischen Flaneurs, der als "Sammler von Unscheinbarkeiten" und "Spezialist für Epiphanien" (Reinhard Baumgart) gilt wovon mitunter schon Titel wie "Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz" (1989) oder "Die Kassiererinnen" (1998) zeugen –, allerdings etwas ins Stocken. Nach dem Wechsel von Rowohlt zum Münchner Hanser Verlag wurde Genazino dann eine breitere Aufmerksamkeit zuteil: 2001 wurde der Roman "Ein Regenschirm für einen Tag" vom "Literarischen Quartett" einhellig gelobt, ein Effekt, der auch dem zwei Jahre später folgenden Roman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" zugute kam. Seit wenigen Tagen ist nun Genazinos jüngstes Buch im Handel eine Sammlung von Aufsätzen, Essays, Reden und Vorlesungen unter dem Titel "Der gedehnte Blick". Der Falter traf Genazino in Erlangen, wo diesem beim dicht besetzten 24. Poetenfest ein Autorenabend gewidmet war. Falter: Wie ist es denn, wenn man den Büchner-Preis bekommt? Klingelt da eines Tages das Telefon? Wilhelm Genazino: So ist es. Und was war Ihre Reaktion? Ich habe gefürchtet, dass da jemand einen Scherz macht das ist ja schon passiert. Um das auszuschließen, habe ich den Akademie-Präsidenten, der mich anrief, nach seinem Vornamen und seiner Adresse gefragt. Erst als er die nennen konnte, habe ich es geglaubt. Fühlen Sie sich jetzt im richtigen Alter, um den Büchner-Preis entgegenzunehmen? Vielleicht bin ich wirklich im richtigen Alter: Es ist nicht zu früh und noch nicht zu spät. In einem der Essays in Ihrem jüngsten Buch führen Sie ja an, dass man auch zu alt sein kann. Das gilt ja für fast alles. Und es stimmt einen wehmütig in diesem Fall erst recht, weil es auch eine ökonomische Seite hat. Vielleicht kauft sich der eine oder andere ja doch ein Buch. Natürlich hätte man etwa Friederike Mayröcker gewünscht, dass sie den Büchner-Preis zehn, fünfzehn Jahre vorher bekommt. Aber man kann so nicht rechnen, denn es gibt kein Recht auf Beifall, und Kultur ist Zufall! Ich weiß ja selber keinen richtigen Grund dafür, warum ich jetzt auf einmal Erfolg habe. Man kann alles Mögliche vermuten, etwa, dass das Fernsehen dafür verantwortlich ist ein außerliterarischer Faktor. Der ganze Literaturbetrieb ist ein außerliterarischer Faktor. Aber ohne den kommt das Buch schwer zum Leser. Ja, ja, gut, wahrscheinlich. Als jemand, der sich seit seiner Kindheit täglich in Buchhandlungen aufhält, habe ich halt eine eher konventionelle Vorstellung von Lesern. Tatsächlich täglich? Täglich. Ich bin es gewohnt, selber zu schauen, ob etwas für mich da ist. Die Vorstellung, dass es ein Medium gibt, das den Menschen sagt, was sie lesen könnten, ist mir fremd. Als ich aufgewachsen bin, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, gab’s kein Fernsehen, kaum Literaturbeilagen. Man musste einfach in die Buchhandlung gehen, weil die für Leser eine Lebensmittelhandlung war. Und wie verschaffen Sie sich diese Lebensmittel? Es gibt diverse Routen durch die Stadt, die so verlaufen, dass ich an etlichen Buchhandlungen und Antiquariaten vorbei komme. Da gehe ich hin, lese manches an, nehme mit, was mich interessiert. Am Ende der Strecke liegt ein Café, und da sehe ich mir die Ausbeute dann näher an. Ohne solche Spaziergänge könnte ich nicht leben. Ich wüsste nicht, was ich machen würde. Schreiben? Schon, aber nicht den ganzen Tag. Sie sind ein Frühaufsteher. Was heißt denn "früh"? Das heißt bei mir sechs, halb sieben. Das ist wirklich früh; eine natürliche Disposition oder Heroismus? Ich ahme wohl meinen Vater nach, der früh aufstehen musste, weil er als Werkbankingenieur in die Fabrik musste. Außerdem kann ich am Morgen einfach am besten schreiben. Ab Mittag lässt die Aufmerksamkeit und das Interesse schon nach. Darüber hinaus habe ich mir eine Maxime von Hemingway zu eigen gemacht, mit dem ich ansonsten überhaupt nichts zu tun habe: Der hat sehr richtig gesagt, dass man mit dem Schreiben aufhören muss, wenn man genau weiß, wie es am nächsten Tag weitergeht. Wenn ich morgens um sieben anfange, erreiche ich das in der Regel so um halb elf, elf. Dann ist der Tag eigentlich gelaufen. Aus Gründen der literarischen Lebensmittelversorgung sind Sie jedenfalls auf urbane Räume angewiesen. Unbedingt. Ich brauche die Stadt, und es sollte schon eine Großstadt sein. Gilt denn Heidelberg schon als Großstadt? Nein. Dort wohne ich aber auch nicht mehr. Es ist doch ein bisschen zu klein und beschaulich, obwohl die Buchhandlungen gut sind. Nur gibt es zu wenige. Deswegen kann ich auch nicht in eine idyllische Gegend im Ausland gehen. Natürlich bin ich gern in Italien oder Frankreich, aber ich möchte eine sehr gute deutsche Tageszeitung mit einem sehr guten Kulturteil haben am besten mit zwei, drei Rezensionen. Und wenn mich ein Buch anspricht, dann will ich das auch gleich kaufen können. Sie sind mit der deutschen Presselandschaft also weitgehend zufrieden? Nicht unbedingt. Die Frankfurter Rundschau ist schlechter geworden, die Süddeutsche auch die haben so eigenartige Beilagen, mit denen sie angeblich die jungen Leser erreichen. Das verdrießt mich. Da weiche ich halt auf die Neue Zürcher aus, die wahrscheinlich die beste Zeitung Europas ist auch was Literatur angeht. Wenn Sie, so wie jetzt, unterwegs sind machen Sie da Notizen? Ja, ich habe immer so kleine Zettel dabei eine Maßnahme gegen das Vergessen. Das wird dann in Mappen übertragen, die nach Sachthemen geordnet sind etwa Einzelheiten zum Kaufhaus oder zum Zugfahren. Fahren Sie gerne mit dem Zug? Schon. Aber die deutsche Bahn ist sehr unzuverlässig geworden. Als ich heute morgen von Frankfurt abgefahren bin, war auf der Schalttafel die Bemerkung zu lesen: "Zug fällt aus." Was soll denn das heißen? Man kann doch nicht einen Zug ausfallen lassen! Wenn man das ohne Erklärung tut, ist das ein Zeichen, dass es in Richtung Dritte Welt geht. In Afrika oder Indien ist das normal, da wundert man sich eher, wenn der Zug tatsächlich kommt. Zugegeben, bis dahin dauert es schon noch eine Weile ... Wenn man sich die Deutschen in letzter Zeit so anhört, hat man ohnedies den Eindruck, es mit einem Schwellenland zu tun zu haben, knapp davor, in den Drittweltstatus zurückzufallen. Jetzt reden Sie Deutschland auch noch runter. Uns Österreichern werden die Deutschen noch richtig sympathisch in ihrer Melancholie. (Lacht:) Ich rede ja nur von der Bahn. Da ist das was Neues. "Zug fällt aus" hat es vor zehn, fünfzehn Jahren noch nicht gegeben. Mein ICE hat die 14 Minuten Verspätung zwischen Passau und Nürnberg fast aufgeholt. Lassen Sie uns Mut fassen! Ja, gut, ich bin optimistisch. Ich fahre auch gerne Zug, weil man da gut lesen kann. Das Lesen und Aus-dem-Fenster-Schauen hat stark miteinander zu tun. Man kann das Buch wegsinken lassen, schaut in die Landschaft, wo der Text eigentlich weiter geht, und kriegt die ganz natürliche Erfahrung, dass Lesen in einem Buch auch Lesen bei sich selbst ist. In Ihrem jüngsten Buch ist so ausführlich von der Erfolglosigkeit der Schriftsteller die Rede, dass es unter den gegebenen Umständen fast schon ein bisschen kokett wirkt. Das ist ein lebensbegleitendes Thema für die meisten Schriftsteller. Die von mir geschätzten großen Autoren von Robert Walser bis Robert Musil waren nicht besonders erfolgreich. Oder nehmen Sie Beckett! Der hatte mit einem einzigen Werk Erfolg: "Warten auf Godot". Vor sechs oder sieben Jahren hat Suhrkamp "Molloy" und "Der Namenlose" verramscht. Das waren Ausgaben, die in den Sechzigerjahren erschienen und über eine Erstauflage nicht hinausgekommen sind. Noch krasser war es vor dem Nobelpreis bei Claude Simon: Der wurde von mehreren Verlagen sehr gut übersetzt und hatte Auflagen von vielleicht 1000, 1500 Stück. Wenn Bücher wie die meinen dann in Auflagen von 3000 bis 5000 Stück erscheinen, ist das eigentlich schon ein Erfolg, auch wenn man sich im Laufe des Älterwerdens doch denkt: Mein Gott, ein paar Exemplare mehr wären schon nicht schlecht. Sie erwähnen in Ihrem Buch auch einen Vorfall, in dem der Verlag alle Autoren mit Auflagen unter 6000 Stück loswerden wollte. Das war bei Rowohlt und hat mich entsprechend getroffen. Ich bin dann ja auch weggegangen. Wenn das zur Grundbedingung wird, kann man die Literatur gleich abschaffen. Aber jetzt läuft’s doch?! Ja, auf wundersame Weise. Es ist wie ein konventioneller, langsamer bürgerlicher Aufstieg. Ihr jüngstes Buch, eine Sammlung von Reden, Essays und Vorlesungen, wirkt ein wenig so, als wäre es zum Anlass der Büchner-Preisverleihung gemacht. Es gibt nicht einmal einen Hinweis auf Erstpublikation oder Anlass der verschiedenen Texte. Hätte man natürlich machen können, aber der Lektor war der Meinung, dass die Texte für sich sprechen. Und das Buch ist schon längst beschlossen worden, bevor vom Büchner-Preis überhaupt die Rede war. Der Hanser Verlag ist eben ein wunderbarer literarischer Verlag beinahe altertümlichen Zuschnitts, wo es dann auch noch einen Band mit Essays gibt. Das muss man sich mal trauen! Der Band heißt "Der gedehnte Blick", und der Blick begleitet Sie nun schon seit geraumer Zeit durch Ihre Karriere: In den Kritiken und Würdigungen ist dann vom "genauen Blick" die Rede, vom "absichtslosen Schauen" oder der Perspektive von "schräg unten". Eigentlich blickt Literatur ja nicht. Aber die Autoren tun es. Schon bei Platon spielt das Sehen eine ganz zentrale Rolle. Es ist eben die zentrale Weltaneignungsmöglichkeit über das Hören oder Schmecken erleben wir nicht so viel Welt. In Ihrem Titelessay betonen Sie die Bedeutung des frühkindlichen Sehens und äußern starke Bedenken gegen den so genannten "linguistic turn" in der Philosophie. Offenbar ist die Sprache doch nicht für alles zuständig. Natürlich läuft sehr viel über Sprache, aber dass das Sehen und die Wahrnehmung da völlig unberücksichtigt bleiben, ist schon sehr eigenartig. Die Philosophie hat in dem, was sie privilegiert und was sie vollständig vergisst, immer ihre eigene Schlagseite. Ich habe auch keinen Tag lang an das Verschwinden des Subjekts geglaubt, von dem seit dreißig Jahren die Rede ist. Kann denn die Literatur etwas anderes einnehmen als die Position des Subjekts? Gute Literatur ist heute radikal subjektiv, und nur als solche überlebt sie überhaupt noch. Die Frage, wie das Subjekt überhaupt in die Welt hineinpasst oder nicht, ist meines Dafürhaltens das große Thema der Literatur immer schon gewesen. Und wenn man nun das Sehen so stark macht wie ich, kommt man sowieso auf die Idee, dass das Subjekt etwas mit dem Sehen zu tun haben muss. Es ist ja kein Zufall, was man sieht; kurz gesagt: Ich bin das, was ich sehe. Dabei hat man es sehr wohl in der Hand, welches Subjekt man ist und wird. Man kann das ja auch nicht so einfach trennen: Hier bin ich, und hier ist die Welt. Das Leben ist doch ein Korrespondenzbetrieb! Das ist allerdings auch schon gesagt worden. Das ist generell ein Problem von Philosophie oder auch von Literatur: Es ist schon ziemlich viel gesagt worden. Ja, klar. Von Karl Valentin stammt der wunderschöne Satz: Es ist schon alles gesagt, aber noch nicht von allen. Karl Valentin ist ein gutes Stichwort. Das zweite große Thema Ihres neuen Buches ist die Komik, das Lachen. Sie unterscheiden dabei zwischen der komischen Empfindung, die der Anstrengung des Individuums bedarf, und dem außen geleiteten Humor. Letzterer kommt mir ein bisschen zu schlecht weg. Karl Valentin war ja auch ein professioneller Humorist, der auf Pointe hin gearbeitet hat und ein Publikum zum Lachen bringen wollte. Valentin ist natürlich eine singuläre Erscheinung, ein Erdteil für sich, und da würde ich auch mit mir reden lassen. Aber denken Sie doch an die herrschende Humorpraxis des deutschen Fernsehens! Dort gibt es seit Jahren eine Serie mit dem Titel "Pleiten, Pech und Pannen". Das ist nichts anderes als eine Folge von Amateurvideos von stolpernden, scheiternden, zu Schaden kommenden Personen. Und die Leute im Publikum lachen sich kaputt! Der Abgang von Harald Schmidt wurde selbst von durchaus intellektuell anspruchsvollen Menschen bedauert. Der ist auch nur ein Zyniker, der die besseren "Pleiten, Pech und Pannen" zeigt und die größten Lacher erst recht wieder erzielt, wenn er jemanden fertig macht. Die meisten Menschen haben vermutlich keine ironischen Ressourcen, sondern sind aufgrund ihres Daseins sehr ernsthafte Menschen: Sie werden hart angefasst, und hart schauen sie auch zurück. Wilhelm Genazino: Der gedehnte Blick. München 2004 (Hanser). 192 S., EUR 18,40 |
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