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Bis Peking schwimmen
SPORT Olympia-Medaillengewinner Markus Rogan über Reporter und Konkurrenten, über Schulterklopfer und Doper, über sein Medienverhalten und über seine Zukunftspläne. BERND DÖRLER und ARMIN THURNHER

Falter 38   Originaltext aus Falter 38/04 vom 15.09.2004

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Bei den Olympischen Spielen in Athen gewann Markus Rogan heuer zwei Silbermedaillen, die als "historisch" bezeichnet wurden, weil sie im Schwimmen die ersten für Österreich seit 1912 waren. Rogans Medienauftritte in und nach Athen wurden gefeiert, sein faires Verhalten und sein Teamgeist überschwänglich gelobt. 14-jährig ging Rogan mit seiner Familie in die USA. Nun ist der 22-Jährige nach Wien zurückgekehrt. Wir besuchten ihn im Haus seiner Eltern am Wilhelminenberg, einem geschmackvoll-modernen Bau über den Dächern von Wien.


Falter: Herr Rogan, wie fühlen Sie sich jetzt, ein paar Wochen nach Athen?

Rogan: Das ist aber eine interessante Frage. Wie sind Sie darauf gekommen?

Wir haben halt lange nachgedacht, weil ein gutes Interview mit einer intelligenten Frage beginnen sollte.

Ach so.

Was ging Ihnen damals durch den Kopf, als Sie ausgepumpt aus dem Schwimmbecken stiegen und der ORF-Mann Sie live fragte, wie Sie sich jetzt fühlen?

Ich hätte ganz banal antworten können: "Ich fühl mich fantastisch-bombastisch, kann’s gar nicht fassen, es war ein unglaubliches Gefühl, da hin- und herzuschwimmen!", aber das wäre ein bisserl fad gewesen. Ich habe mir gedacht, jetzt spreche ich einmal nicht zu den Zuschauern und nicht zur Kamera, sondern zu dem Menschen, zum Reporter, der da drüben steht ­ ich glaube, es war der Michael Berger. Also habe ich nicht direkt geantwortet, sondern ihm eine Frage gestellt. Und nicht in die Kamera geschaut, sondern ihm in die Augen.

Hat Berger Ihre feine Ironie kapiert?

Ich denke schon. Ich glaube, es war lustig für uns beide. Natürlich sah er etwas blöd aus. Aber ich wollte ihm gar nicht etwas zu Fleiß tun. Später habe ich von ORF-Leuten erfahren, dass dieser Auftritt das Verhalten der Reporter verändert hat. Die fragten dann nicht mehr: "Wie fühlst du dich?", sondern bemühten sich um mehr Feinsinn. Zum Beispiel mit Fragen wie: "Was bedeutet Wasser für dich?"

Waren die ORF-Journalisten nervös?

Manche sehr. Sie hatten eine Scheu, die sie nicht haben sollten. Manche meinten, ich verarsche die Journalisten. Das ist Blödsinn. Ich wollte unser beider Leben leichter machen und nicht immer dasselbe Interview in Grün geben. Einige hat das überfordert. Das ist mir gerade wieder aufgefallen, als ich vergangene Woche mit dem Hermann Maier im Lusthaus aufgetreten bin.

Sie sind ein großer Fan von Maier. Was bewundern Sie an ihm?

Wie er es geschafft hat, sich in diesem kleinen Land ein Image aufzubauen, ohne auf irgendjemand Rücksicht zu nehmen. Irgendwie ist er fast unantastbar. Hermann kann auch für ein Managementgenie wie den Peter Schröcksnadel (ÖSV-Präsident, Unternehmer, Vermarkter Maiers und anderer, Anm.) wie eine Lawine sein, die kaum mehr aufzuhalten ist. Hermann Maier hat sich mit Anstrengung, Ausdauer und Erfolg über die Jahre größer gemacht als die, die ihn groß gemacht haben.

Ist Maier mehr geschäftliches als sportliches Vorbild?

Das hat nicht so sehr mit Geld zu tun, sondern mit Unabhängigkeit. Die hat er sich bewundernswert erkämpft. Er hat in einem machtgierigen und schulterklopfenden Land seine eigene Definition von sich durchgebracht.

Denken Sie über sich selbst in Kamerabildern?

Nicht unbedingt. Ich denke in letzter Zeit oft ­ wie ich es ja auch vorher mit dem Wechsel von der Kamera zur Person angesprochen habe ­, dass ich auffällig kein Privatleben mehr habe.

Aber als Sie in Athen aus dem Wasser gestiegen sind, haben Sie sich quasi selbst aus dem Wasser steigen sehen?

Ja, irgendwie schon ein bisserl schizophren. Wie auf einer Metaebene, als ich mich selbst aus der Distanz als Medienereignis beobachtet habe.

Zurück zu Hermann Maier. Er ist ja ein alpiner Autist, ein verbissener Einzelkämpfer und kein Mannschaftsspieler.

Es gibt ja nur bedingt eine Skimannschaft. Wenn die ÖSV-Läufer bei einem Rennen die Plätze eins bis drei belegen, ist der Dritte am nächsten Tag ja schon fast vergessen. Die Konkurrenz ist sehr groß. Es gibt sehr viele Weltklasseskifahrer in Österreich. Maier muss sich jedes Mal behaupten. Ich hingegen habe in der Schwimmmannschaft wenig Konkurrenz. Außer vom starken Maxim Podoprigora vielleicht. Ich brauche keine Angst zu haben, dass ich im Team untergehe. Ich sehe mich eher als deren Motor. Mir ist klar, dass wir gemeinsam mehr sind als die Summe der Teile.

Schwimmen ist doch ein Einzelsport.

Im Wettkampf ja, aber nicht im Training. Und im Wettkampf kann ich beim Schwimmen sagen: Wir Österreicher gegen den Rest der Welt. Beim Skifahren ist das anders: Da fahren die Österreicher gegeneinander.

Wie lange werden Sie noch schwimmen?

Bis Peking 2008. Schwimmen bleibt meine Priorität. Derzeit kann ich, wenn ich ehrlich bin, im Vergleich zur Weltbevölkerung eindeutig besser schwimmen als denken.

Wir glauben nicht, dass Sie schneller schwimmen als denken.

Relativ gesehen! Wenn ich so schnell denken könnte wie schwimmen, wäre ich ja der zweitbeste Denker der Welt. Oder der zweitbeste Rückwärtsdenker. Im Ernst, irgendwann hört das mit dem Leistungssport auf, und ich hoffe, dass ich dann besser denken als schwimmen kann.

Sie haben die letzten acht Jahre in Kalifornien studiert und trainiert. Was ist der größte Unterschied zwischen Sportausbildung in den USA und in Österreich?

Zuerst habe ich mit meinen Eltern vier Jahre in Virginia gelebt. Nach der Schule bin ich zum Studium nach Stanford gegangen. In Amerika gehen viel mehr Sportler unter als hier. Dort gibt es hundert Schwimmer, auf die der Hammer so lange draufhaut, bis drei Weltmeister überbleiben. Der Rest wird knallhart aussortiert. In Österreich hat man vielleicht fünf, die überhaupt eine Chance haben könnten. Wenn da der Hammer fällt, bleibt keiner übrig. Also muss man hier eher sachte arbeiten, höchstens mit dem Schmirgelpapier.

Seit Ihren beiden Silbermedaillen werden Sie in Österreich als Superstar gefeiert und herumgereicht.

Manchmal krieg ich einen Krampf in den Wangen vor lauter freundlichem Dauergrinsen. Aber ich passe auf, dass es nicht zu schlimm wird.

Nach dem England-Ländermatch gab es von Ihnen ein Bild ...

... ja, ja, ich weiß schon, worauf Sie hinauswollen ...

... das Sie mit einem rot-weiß-roten Hut zeigt, Arm in Arm mit Hubert Gorbach. Kann man sich dagegen nicht schützen?

Kann man das wirklich? Ich hab mir gedacht, immerhin ist er Regierungsmitglied und Vizekanzler dieser Republik. Da will ich nicht rüde oder unhöflich sein. Außerdem merken Sie, wenn Sie das Foto genauer betrachten, dass ich eine etwas depperte Grimasse reiße, das ist, gegen die versuchte Vereinnahmung, so ein Akt von zivilem Ungehorsam. Ich wollte nicht zu blöd schauen, wollte ihm aber auch nicht den 32-Zahn-Grinser gönnen. Als Gorbach mit seiner kleineren Statur sich da bei mir einhängte, sah ich in ihm den Botschafter aller heimischen Schulterklopfer.

Und er hat Sie möglicherweise kurz vor den Vorarlberger Landtagswahlen für seine politischen Zwecke instrumentalisiert.

Mag sein. Seine Partei hat mich während der EU-Sanktionen in den USA eine ganze Reihe von Freundschaften gekostet. Leute an der Uni, die sich von mir abgewandt haben, weil sie glaubten, in Österreich seien jetzt wieder Nazis an der Macht beteiligt. Aber mit seinem salopp-frechen Ranschmeißen an mich hat Gorbach seinen Job gemacht. Jedenfalls so, wie er ihn versteht. Jedenfalls ist es so: Der Verkehrsminister dieses Landes hat sich zu mir ins Bild gedrängt. Nicht ich mich zu ihm.

Sie sind ja momentan gut dabei: "Krone"-Cover, "News"-Cover ...

... nicht schlecht. Auflage mal Größe mal Präsenz ­ das bestimmt den Marktwert mit. Der studierte Wirtschaftsmensch in mir sieht neben der Popularität auch die Euro-Zeichen. Wenn mein Marktwert nicht hoch genug ist, dass ich mir das Schwimmen damit finanzieren kann, ist es unmöglich, Weltklasse zu bleiben.

Wie weit geht Ihre Selbstvermarktung? Würden Sie auch für politische Parteien werben?

Nein, derzeit nicht. Ich bin sorgfältig darauf bedacht, mich nicht einspannen zu lassen. Unter einem gewissen Niveau mache ich sowieso nichts. Ich sage auch einiges ab. Ich möchte nicht an die Öffentlichkeit gehen, wenn ich nichts zu sagen habe. Immer nur die alte Leier abzuspielen, das mache ich nicht. Manchmal müssen Reporter auch akzeptieren, das ich nicht zu allem meinen Senf abgeben möchte. Alles andere wäre auch unglaubwürdig. Ich will ich bleiben.

Die Grünen-Politikerin Eva Glawischnig will gerne mit Ihnen über die Bush-Regierung reden. Interessiert?

Ich rede prinzipiell gern über politische Themen, auch über Bush. Es tut mir Leid, dass er jetzt plötzlich mit so großem Vorsprung führt. Auch mithilfe unseres Arnold. Ich finde es ungerecht, dass er den Kriegshelden spielt, während John Kerry wegen seiner Gegnerschaft zum Vietnamkrieg niedergemacht wird. Wenngleich der seine Instant-Berühmtheit damals auch schamlos ausgenützt hat.

Wundert es Sie, dass eine Grünen-Politikerin mit einem 22-jährigen Rückenschwimmer mit US-Erfahrung über Politik reden möchte?

Ich nehme das als Kompliment. Offensichtlich vermutet sie, dass ich mir über meinen Sport hinaus Gedanken über gewisse Dinge mache und nicht nur über meine Erfolge im Schwimmbecken reden möchte. Ich will ja nicht nur einer sein, der dahergeschwommen kommt, sondern auch für das Land etwas leisten.

Was halten Sie vom kalifornischen Gouverneur Schwarzenegger?

Eine Menge. Der kam erst dahergeschauspielert wie ja auch Ronald Reagan und schaffte eine geniale Politikerkarriere.

Erst zeigte er eher Muskeln, als den Othello zu geben.

Das nicht, aber Desdemonas hatte er ja eine Menge.

Wird er Präsident der USA?

Da müsste man die Verfassung ändern. Ich würde ihn unterstützen, aus einem gewissen Stolz und Patriotismus.

Auch nach seiner törichten Rede beim Republikaner-Kongress, wo er von seinen Jugenderfahrungen im "sozialistischen Österreich" schwafelte?

Da ist er hierzulande missverstanden worden. In Amerika bedeutet Socialism nicht sozialistisch, sondern eher wohlfahrtsstaatlich. Ich glaube, darauf hat er in dieser Rede Bezug genommen, auf die Versorgungsmentalität. Natürlich ist die Rede von den Bush-Leuten geschrieben worden und vielleicht auch von seiner Frau, obwohl die ja aus dem demokratischen Lager kommt. Schwarzenegger ist ein Machtpolitiker. Gerade in den USA geht es weniger um Prinzipien und Überzeugungen als um Macht.

Was unterscheidet Bush und Schwarzenegger?

Schwarzenegger ist weniger konservativ und fanatisch. Er ist jemand, der die Sonne findet, um sich darin zu sonnen.

Also ein Opportunist.

Geschmeidig, würde ich sagen. Opportunismus gehört zur Politik, er ist übrigens auch bei Sportlern und Journalisten verbreitet.

Wären Sie ein guter Politiker?

Ich denke nicht, dazu bin ich ein viel zu schlechter Schauspieler. Ich kann nicht glücklich tun, wenn ich es nicht bin.

Schwarzenegger war nicht unbedingt ein besonderer Schauspieler, aber in seiner Bodybuilder-Zeit ein erstklassiger Doper, wie er selber zugegeben hat.

In dem Milieu wurde doch schon immer manipuliert, das ist nichts Neues.

Der deutsche Sportarzt Helmut Schreiber erkennt Athleten, die sich mit Wachstumshormonen dopen, an Details wie wucherndem Kinn, spitzer Nase und vorgeschobenem Gebiss. So etwa sieht der amerikanische Superschwimmer Michael Phelps aus, der in Athen sieben Goldmedaillen gewann.

Das könnte man etwas harsch vielleicht so sehen. Ich kenne Michael gut, vertraue ihm als Mensch und respektiere ihn als Schwimmer. Ich habe nie mit ihm trainiert, deshalb kann ich meine Hand nicht für ihn ins Feuer legen. Aber wenn er mir sagt, er sei clean, und ich ein Jahr mit ihm trainiert habe und mir nichts auffällt, würde ich ihm das glauben.

Wie viele der 14 Konkurrenten in ihren Endkämpfen in Athen waren Ihrer Überzeugung nach sauber?

Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, was man machen muss, um auch clean Höchstleistungen zu bringen. Ich schlucke auch Kreatin, ich nehme Multivitaminpräparate, Glutamin, Fischöl und alles Mögliche, was man halt darf.

Wäre es nicht sinnvoller, Doping einfach freizugeben?

Schlupflöcher wird es immer geben. In Wahrheit hat man nichts davon. Schon aus Respekt vor der eigenen Gesundheit sollte man sauber bleiben.

Ist der Trainingsumfang überhaupt zu bewältigen?

Mit drei bis vier Stunden am Tag kann man Höchstleistungen bringen. Ich war zwanzig Stunden pro Woche im Becken, zwanzig Stunden auf der Uni, und zwanzig Stunden musste ich Aufgaben machen und dann noch mit Freunden gelegentlich auf ein Bier gehen. Ich habe Freunde, die arbeiten hundert Stunden pro Woche. Verglichen damit war mein Programm ein bescheidenes.

In Wien studieren Sie nicht?

Vorerst nicht. Ich überlege mir, wie ich langfristige Ziele setzen und die dann realisieren kann. Ich will ja über den Sport hinaus wachsen. Außerdem kümmere ich mich um meine eigene Vermarktung.

Sind Sie der richtige Mann im falschen Land?

Nein. Es ist zwar mehr Reiseland als Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aber ich möchte hier bleiben und Wurzeln schlagen.

In der "Falter"-Redaktion ging kürzlich ein Leserbrief Ihres biologischen Vaters ein, der sich bitter beschwerte, wir würden seinen berühmten Sohn nicht angemessen würdigen.

Das wusste ich nicht, und das wundert mich.

Ihr Vater tauchte ja auch in Athen bei den Spielen auf und gab stolz Interviews. Der Eindruck entstand, kaum gewinnt der Sohn Silber, präsentiert er sich als Vater in der Öffentlichkeit.

Das habe ich ihm bewusst gemacht. Er hat gesagt, er weiß nicht, wie anders er seine Liebe zeigen soll. Wir probieren in jedem Fall, intensiv an unserer Beziehung zu arbeiten. Es ist für uns beide nicht einfach. Für ihn ist bestimmt schwer zu akzeptieren, dass ich meine Familie habe, mit meiner Mutter, meinen vier Geschwistern und dass mein Stiefvater Michael Schmitz der Vater ist, den ich mir immer erträumt habe. Im Moment kommt ziemlich viel auf mich zu. Die Popularität, der ganze Hype, die öffentliche Aufmerksamkeit. Die Leute werden schnell merken, dass auch ich Fehler mache und kein perfekter Mensch bin.

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September 2004 © FALTER
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