| Zum Archiv |
| Schöne neue Bohne |
| GENTECHNIK Seit vergangener Woche ist genetisch verändertes Saatgut erstmals EU-weit erlaubt. Über einen Umweg landen Gentechprodukte aber schon längst auf Österreichs Tellern. NINA HORACZEK |
|
| "Hamma ned", heißt es im Raiffeisen-Lagerhaus in Klagenfurt. Der Kärntner Landwirt und Biopionier Volker Helldorff wollte dort Futtermittel ohne Gentechnik kaufen. Gentechsoja kann er gerne haben, aber gentechnikfreies Mischfutter gibts nicht lagernd, sagt ihm der Verkäufer. "Soja ohne Gentechnik kriegen Sie fast nirgends", bestätigt auch der Südkärntner Schweinezüchter Stefan Domej, "so gut wie alles, was aus Übersee kommt, ist längst verschnitten." Helldorff und Domej teilen ihr Problem mit all jenen Bauern, die bei ihrer Viehaufzucht auf Gentechnik verzichten möchten: Gentechfreie Futtermittel sind in Österreich nicht nur teurer als manipulierte Ware, sie sind auch gar nicht so leicht erhältlich. Jährlich werden etwa 550.000 Tonnen Soja zur Futtermittelherstellung importiert, rund 65 Prozent stammen aus dem Labor. Und gerade in den Raiffeisen-Lagerhäusern, so beschweren sich zahlreiche Landwirte, sei unverändertes Futtersoja so gut wie nie vorhanden. Dabei hat Klaus Buchleitner, Vorstandsvorsitzender von Raiffeisen Ware Austria, der NGO Greenpeace bereits im April Folgendes schriftlich zugesichert: "Wie schon mündlich erläutert, ist Non-GVO Soja (nicht genetisch verändertes Soja, Anm. d. Red.) in Lagerhäusern erhältlich." In Deutschland kam es deswegen vergangenen Mai bereits zu heftigen Bauernprotesten vor der Raiffeisen-Konzernzentrale in Hannover. Es sei ein Skandal, dass die eigene Genossenschaft nicht bereit sei, garantiert gentechnikfreies Futtermittel zu liefern, schimpften die deutschen Landwirte. In Österreich ist die Situation ähnlich. "Wir verkaufen zu 99,9 Prozent Sojaschrott, der genetisch verändert wurde", gibt Herbert Dullnig, Leiter der Abteilung Futtermittel bei Raiffeisen Ware Austria, zu. Schuld sei aber die mangelnde Nachfrage seitens der Landwirte. "Im Vergleich zu genetisch manipulierter Ware ist das Interesse an Futtermittel ohne Gentechnik verschwindend gering", sagt Dullnig. Deshalb müsse die Ware oft erst bestellt werden, und das dauere bis zu 14 Tage. Dabei würden 88 Prozent der Österreicher laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes ISMA tierische Produkte nicht kaufen, wenn auf der Verpackung erkennbar wäre, dass zur Herstellung Gentech-Tierfutter verwendet wurde. Für den Konsumenten ist momentan aber nicht nachprüfbar, ob Huhn, Schwein, Rind oder Kalb mit konventionellem Getreide gefüttert wurden oder genetisch manipuliertes Fressen bekamen. Seit Mitte April müssen Lebens- und Futtermittel zwar gekennzeichnet werden, auf der Produktpackung von Fleisch, Wurst, Milch, Käse oder Eiern braucht aber nicht angegeben werden, dass bei der Herstellung Gentech-Tierfutter verwendet wurde. Auch das AMA-Gütesiegel sagt nichts darüber aus, ob das Tier mit oder ohne Gentechnik gefüttert wurde. Mehr Klarheit für Konsumenten soll ein neues Lebensmittelgesetz bringen, versichert man im für Konsumentenschutz zuständigen Sozialministerium. Dieses befinde sich in Planung, wann es beschlossen werde, sei aber unklar, erklärt Sektionschef Arnold Komposch. Schön langsam beginnen aber auch in Österreich einige Betriebe umzudenken. Bei den kleineren Bauern sei das zwar noch wenig zu merken, meint Biolandwirt Helldorff: "Die machen sich wenig Sorgen, sondern kaufen einfach das, was es im Lagerhaus gibt." Helldorff zeigt aber auch Verständnis für seine Kollegen: "Wenn ein Kleinstbauer Soja ohne Gentechnik fordert, den lachen sie im Lagerhaus ja aus!" Wenn ein normaler Landwirt umsteigt, bedeute dies nur finanzielle Nachteile, solange das Endprodukt nicht klar deklariert werden muss. Trotzdem überlegen auch immer mehr Großbetriebe seit einiger Zeit, auf Gentechnik zu verzichten. Einige Chefs haben erkannt, dass es dem Image nur nützt, gentechfrei zu produzieren. "Wir erwarten uns dadurch natürlich auch Marketingvorteile", sagt Franz Rauch von Intact Consult, die die Firma Schirnhofer beim Umstieg berät. Schirnhofer hat circa 150 Bauern unter Vertrag und verkauft Fleisch und Wurst in den Zielpunkt-Supermärkten. Momentan verhandelt Schirnhofer mit Raiffeisen ums neue Futter. Einige haben auf sanften Druck von Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace beschlossen, einen Umstieg ins Auge zu fassen. Dazu zählt unter anderem auch jener Konzern, dessen Schwesterfirma es bislang nicht schafft, gentechnikfreies Viehfutter für seine Bauern bereit zu stellen: Vivatis, der Lebensmittelkonzern der Raiffeisen Oberösterreich. Zu Vivatis zählen Marken wie Maresi, Knabernossi, Inzersdorfer, Landhof oder Loidl und erwirtschaftet mit seinen etwa 1500 Mitarbeitern jährlich einen Umsatz von rund 450 Millionen Euro. Man befinde sich gerade in einer Sondierungsphase mit Fachexperten, meint Vivatis-Pressesprecherin Claudia Horacek, einen Beschluss gäbe es noch nicht. Ansonsten möchte die Konzernsprecherin möglichst wenig sagen. Selbst die Tatsache, dass der Rindfleischanteil für die beliebte Dauerwurst Knabernossi seit Anfang Juli mit gentechnikfreiem Futter hergestellt wird, würde sie am liebsten verschweigen. "Bei diesem Thema ist es sehr problematisch, die Konsumenten zu informieren", meint Horacek. Vivatis hatte Knabernossi umgestellt, nachdem Greenpeace den fleischigen Snack in einer Kampagne als "Gen-Nossi" gebrandmarkt hatte. Auskunftsfreudiger ist hingegen der Chef der Kärntner Milch, Michael Hecher. "Einen Grundsatzbeschluss für den Ausstieg aus der Gentechfütterung haben wir, jetzt müssen wir nur noch das Futter finden", sagt der Geschäftsführer, dessen Konzern Milchbauern aus halb Kärnten unter Vertrag hat. Der Konzern sei schon einmal an Raiffeisen Kärnten herangetreten, doch da habe es eine Absage des schwarzen Landwirtschaftsriesen gegeben. Auch Greenpeace fordert nun von Raiffeisen, in allen Lagerhäusern gentechnikfreie Ware anzubieten. "Wir erwarten uns, dass der Konzern sich nach dem Wunsch der Konsumenten richtet", sagt Greenpeace-Sprecher Axel Grunt. "Für andere Firmen kann Raiffeisen gentechnikfreies Futter zur Verfügung stellen, wieso nicht für uns?", fragt Hecher. Zu den "anderen" zählt etwa die Kärntner Geflügelkönigin Hermine Wech, deren Betrieb mit circa 16 Millionen Hendln jährlich rund 28 Prozent des österreichischen Hühnermarktes abdeckt und zwei Drittel aller hierzulande verspeisten Truthähne verkauft. Auch Wech arbeitet seit diesem Jahr an einem Ausstieg aus der Gentechfütterung. "Das Problem ist, dass uns die Politiker immer sagen, sie wollen eine gentechnikfreie Zone in Österreich, gleichzeitig lassen sie uns aber beim Wettbewerb im Regen stehen", schimpft Wech-Geschäftsführer Karl Feichtinger. Dabei wäre das Futter ohne Gentechnologie gar nicht so viel teurer. Schirnhofer hat errechnet, dass ihre Kosten um rund ein bis zwei Cent pro Kilogramm Schlachtgewicht steigen werden. Andreas Pilstl, dessen Handelshaus schon 1997 als erster österreichischer Betrieb gentechnikfreies Soja nach Österreich importiert, meint, dass die Käufer beim Futtersoja mit einem Mehrpreis von etwa acht Prozent rechnen müssen. Vor allem die strenge Kontrolle vom Sojafeld bis zum heimischen Bauern gehe eben ins Geld, erklärt der Besitzer des Landwirtschaft-Handelshauses. Wirklich entscheiden, ob Gentech im Futter der heimischen Tiere ist, können aber nur die großen Handelsketten, meint Pilstl: "Wenn Billa, Spar und Co sagen würden, sie wollen in ihren Regalen keine Produkte, die mit gentechnisch veränderten Futtermitteln erzeugt wurden, wäre in kürzester Zeit ganz Österreich umgestellt." |
| Zum Archiv |
| nach oben September 2004 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |