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THEATER  Am Wochenende wird im MuseumsQuartier der Dschungel Wien, das neue Theaterhaus für junges Publikum, eröffnet. Der "Falter" sprach mit Direktor Stephan Rabl über den Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen, über Konflikte mit Eltern und sein Problem mit dem Begriff Kindertheater. WOLFGANG KRALICEK

Falter 40   Originaltext aus Falter 40/04 vom 29.09.2004

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Vor 15 Jahren wurden in Wien erstmals Forderungen nach einer festen Spielstätte für Kinder- und Jugendtheater laut. Jetzt ist es so weit: Mit einem dreitägigen Spektakel wird am Wochenende (1. bis 3.10.) im MuseumsQuartier der Dschungel Wien eröffnet. Das auf dem Areal des ehemaligen Residenzkinos eingerichtete "Theaterhaus für junges Publikum" (so die Selbstdefinition) ist über den Eingang Mariahilfer Straße zu erreichen und verfügt über zwei Bühnen (Fassungsraum: 120 bzw. 180 Zuschauer). Ähnlich wie das benachbarte Tanzquartier hat der Dschungel Wien einen doppelten Auftrag: Einerseits sollen internationale Gastspiele neue Impulse bringen, andererseits soll die heimische Szene gefördert werden.
  Künstlerischer Leiter des Dschungels ist der 39-jährige Waldviertler Stephan Rabl. Nach Anfängen mit Clowntheater für Erwachsene (Die Schockerlinge) sammelte Rabl in den Achtzigerjahren als Schauspieler erste Erfahrungen mit Kindertheater. 1991 rief er im Waldviertel das internationale Festival szene bunte wähne ins Leben, das er bis zum Vorjahr leitete. Außerdem gründete er 1998 in Wien ein "TanzFestival für junges Publikum".


Falter: Das neue Theaterhaus für junges Publikum heißt Dschungel Wien. Hatten Sie Angst, das Wort Theater könnte junge Leute abschrecken?

Stephan Rabl: Es stimmt schon, dass Theater für die Zehn- bis Zwanzigjährigen nicht unbedingt ein sympathischer Begriff ist. Aber es ging uns eigentlich darum, einen Namen zu finden, der in jeder Altersgruppe positive Assoziationen auslöst. Und wenn eh schon Theater drin ist, muss man es nicht auch noch draufschreiben.

In dem Namen schwingt sowohl das Dschungelbuch als auch der Großstadtdschungel mit.

Manche haben negative Assoziationen – vor allem, wenn sie wirklich einmal im Dschungel waren: Malaria, Spinnen, Schlangen. Die meisten verbinden mit dem Begriff aber positive Bilder, wollen prinzipiell gern einmal hin.

Der ursprüngliche Name war "Theaterhaus für Kinder".

Das hat dazu geführt, dass die meisten Leute Kindertheaterhaus sagen. Damit grenzt man erstens alle über zwölf aus, und zweitens ist Kindertheater so ein undefinierter Begriff. Das ist ein Sammelsurium für alles, vom Sozialprojekt bis zum Clown um die Ecke. Jeder versteht darunter irgendwas, das er in seiner Kindheit einmal gesehen hat. Deshalb haben wir es "Theaterhaus für junges Publikum" genannt. Und dann wollten wir noch etwas Griffigeres.

Sie vermeiden den Begriff Kindertheater generell?

Genau. Mich hat das schon bei szene bunte wähne gestört, wenn die Leute gesagt haben: Das ist ein Kinderfestival. Da werden die Begriffe verdreht, man vergisst das Theater irgendwann und es geht nur mehr ums Zielpublikum.

Gibt es für Sie gar keine Unterschiede zwischen Theater für Kinder und für Erwachsene?

Der Hauptunterschied ist sicher, dass man direkter, klarer, authentischer sein muss. Das sagen aber viele Theaterleute, die für Erwachsene arbeiten, genauso. Man kann sich bei Kindern und Jugendlichen jedenfalls nicht auf irgendwelche intellektuellen Ebenen retten, es muss spürbar sein. Sonst kippen die nach fünf Minuten weg. Auch Ironie kann man unter zehn, zwölf Jahren nicht einsetzen, das kennen sie nicht. Grundsätzlich ist es, wie wenn man im richtigen Leben mit einem Kind redet. Wenn ein Achtjähriger seinen Vater fragt: "Warum hast du die Mama betrogen?", dann ist das eine klare Frage. Warum also nicht klar darauf antworten? Aber wie? So ist es auch im Theater. Bei Jugendlichen zwischen elf und vierzehn gibt es das Problem, dass die nicht so offen dafür sind, in irgendwelche literarischen Fantasiewelten entführt zu werden. Die stecken viel zu sehr in ihrer Identitätssuche. Nicht umsonst gibt es für diese Altersgruppe so viele Realostücke zu Themen wie Eltern, erste Beziehung, Gewalt und so weiter.

Warum braucht ein Jugendlicher überhaupt Jugendtheater? Es gibt doch auch kein Jugendkino und keine Jugend-CDs.

Er braucht es eh nicht. Die Frage ist nur, warum Theater so wenig zu bieten hat für junge Leute. Und dann geht es schon auch um den Begriff Jugend: Zu meiner Zeit war ein Jugendlicher, wer zwischen fünfzehn und zwanzig Jahre alt war. Davor war man Kind, danach Erwachsener. Jetzt geht Jugend von zehn bis vierzig: die gleiche Mode, das gleiche Freizeitverhalten, die gleiche Musik. Das Kino produziert sehr stark für junge Leute – und der Erwachsene kann einen Schritt zurück Richtung Jugend machen. Auch im Theater haben sich die so genannten Erwachsenenbühnen in den letzten Jahren dem jungen Publikum mehr geöffnet. Siehe zum Beispiel Sebastian Nübling und seine bei den Festwochen gezeigten Inszenierungen "I Furiosi" oder "Reiher" – das junge Publikum wird wieder stärker gesucht.

Zwischen Jugend- und Erwachsenentheater sind die Grenzen also fließend.

Deswegen sage ich auch immer: Wir machen hier Theater für Leute von zwei bis 22. Also, wir beginnen noch unter dem Theater für Kinder, das normalerweise ab fünf oder sechs losgeht, und gehen auch in den Erwachsenenbereich hinein. Ein Problem ist auch, dass es in Österreich nur Produktionen gibt für vier bis sieben und dann wieder ab 14. Dazwischen gibt es bei uns überhaupt nichts!

Was sind die Gründe?

Dass es schwieriger ist. Je kleiner die Kinder sind, desto einfacher kann man sie haben: Die Eltern rennen einfach ins Kindertheater. Die sagen ja nicht, ich schau mir dieses Stück von dieser Gruppe mit dieser Regisseurin an. Die sagen: Was gibt’s am Sonntagnachmittag? Da kommen dann Familien mit drei Kindern von drei bis sieben, und alles muss nach unten nivelliert werden. Man traut sich nicht, für Kinder ab neun oder zehn zu arbeiten, weil da die Kids schon ein bissl selbstständiger, auch kritischer sind.

Sind Kinder generell ein kritischeres Publikum?

Das ist ein totaler Schwachsinn. Soll das heißen, dass ich als Erwachsener unkritisch bin?

Es heißt doch immer, Kinder seien brutaler in ihren Reaktionen.

Sie sind einfach nur direkter. Das empfindet man dann gleich als kritischer.

Wenigstens buhen Kinder am Ende selten, oder?

Bei Schulvorstellungen manchmal. Da gibt’s immer die fünf, die in der letzten Bank sitzen. Und wenn man die nicht gekriegt hat, dann kommt es schon vor, dass die buhen – das kann eine Welle auslösen. Passiert aber eher selten.

Können 14-Jährige im Theater nicht unglaublich anstrengend sein?

Ach, das ist nicht so schlimm. Für mich ist das kein Unterschied, mir gehen Erwachsene genauso auf die Nerven. Wenn du bei einer Premiere mit dem Sektglasl herumstehst und reden musst, willst du manchmal nur raus.

Ihr Vertrag läuft bis 2008. Was wollen Sie in der Zeit erreichen?

Ich hoffe, dass dieses Haus ein lebendiger Dschungel sein wird und kein Nationalparkreservat. Das Ziel wäre, dass man in vier Jahren sagt: Da hat sich was verändert. Da gibt’s neue Ansätze, da gibt’s neue Leute, und das Publikum nimmt das Angebot differenzierter wahr. Ich suche nach neuen Ansätzen, nach neuen Künstlern und neuen Formen. Als ich mit szene bunte wähne vor sechs Jahren zum ersten Mal ein Tanzfestival gemacht habe, hat es in Österreich keine Tanzgruppe gegeben, die auch für Kinder und Jugendliche gearbeitet hat. Jetzt gibt’s immerhin vier oder fünf. Das möchte ich im Schauspiel auch schaffen. Und auf dem Gebiet des zeitgenössischen Musiktheaters gibt es für Kinder und Jugendliche überhaupt nichts, null!

Sowohl Entstehungsgeschichte als auch Konzeption des Dschungel haben Parallelen zum Tanzquartier. Kann man das vergleichen?

Im Grunde haben wir beide ziemlich die gleiche Ausrichtung. Hier wie da geht es darum, mit der so genannten heimischen Szene zu arbeiten, dem Ganzen gleichzeitig ein Profil zu geben und Impulse von außen zu bringen.

Mit dem Tanzquartier ist die heimische Szene zum Teil sehr unzufrieden. Haben Sie ähnliche Probleme?

Nein, ich komme ja aus dieser Szene und die Leute kennen mich. Das ist eine andere Situation als bei der Sigrid Gareis (Leiterin des Tanzquartiers, Anm. d. Red.), die aus Deutschland gekommen ist. Manche Gruppen aus der Szene waren sogar verblüfft, weil sie nicht damit gerechnet haben, dass ich sie einlade.

Nach dem Eröffnungsspektakel läuft im Dschungel die Reihe "40 Tage Wien". Empfangen Sie die Szene demonstrativ mit offenen Armen?

Es ist ein Statement: Dieses Haus ist aus dieser Szene gekommen, und die soll jetzt einmal wahrgenommen werden. Alle reden von Kindertheater – bitte, das ist es, schaut es euch einmal an! Die Reihe bietet die Möglichkeit, diese Szene einmal wahrzunehmen, vom Theater der Jugend bis zum Lilarum. Es ist der Status quo, von dem ich ausgehe.

Wie die Gruppen der "erwachsenen" Theaterszene spielt auch das heimische Kinder- und Jugendtheater international kaum eine Rolle. Woran liegt das?

Wenn bei uns jemand sagt, er ist Schauspieler, heißt es zuerst: "Wow!" Das ist in Deutschland oder in den Beneluxstaaten bei weitem nicht so stark. Aber dann ist die erste Frage hier immer: "Wo spielst du?", und nicht: "Was machst du?" Wir sind extrem stark im Repräsentieren, aufs Produzieren legen wir weniger Augenmerk. Im Ausland hat man da ganz andere Netzwerke. Bei uns kann jemand von künstlerischer Arbeit für Kinder und Jugendliche nicht leben! In Holland gibt’s 15 Gruppen im Kinder- und Jugendbereich, die eine 4-Jahres-Förderung haben, die kriegen drei bis vier Millionen Schilling.

Haben Sie Budget für Co-Produktionen?

Für die erste Saison haben wir etwas frei machen können. Für die zweite sind wir noch in Diskussion mit der Stadt. Ansonsten wäre bei einem Jahresbudget von einer Million Euro nichts drin. Das geht alles für den Betrieb drauf.

Sie haben selber Theater für Kinder gemacht. Wie kommt man darauf? Ist das ein ähnlicher Impuls, wie wenn jemand Lehrer werden will?

Ich bin als Schauspieler eher ein emotionaler Typ, das Authentische liegt mir sehr. Und man kann bei Kindern und Jugendlichen noch mehr Tabus berühren als bei den Erwachsenen. Was ich an moralischen Konfrontationen erlebt habe mit Lehrern oder Eltern! Da geht’s ums eigene Kind, und wenn man sich da als Fremder einmischt, dann geht’s ans Eingemachte. Du kannst jemandem unter Umständen sagen: "Du bist ein Arschloch." Aber wenn du sagst: "Du gehst mit deinem Kind um wie ein Arschloch", dann geht das ganz anders rein.

Das Problem sind also eher die Erwachsenen als die Kinder?

Kinder sind selten überfordert. Wenn sie etwas nicht interessiert, schalten sie eben ab. Aber es passiert selten, dass ein Kind etwas abkriegt, was einfach too much ist. Kann passieren, stimmt schon. Aber Eltern und Lehrer sind da viel sensibler. Das ist dieser Beschützerinstinkt. Da merkt man auch, wie sehr Theater als Erziehungsmaßnahme benutzt wird. Wenn die Leute sagen: "Kinder- und Jugendtheater ist so wichtig, weil das sind die Theaterbesucher von morgen", kann ich damit nichts anfangen. Wir sind ja nicht beim Fußballnachwuchs. In der Kunst geht es immer um den Moment!

Sie haben selbst keine Kinder. Wären Sie ein guter Vater?

Ich glaube, ja. Ich würde natürlich auch viele Fehler machen. Aber ich hätte keine Angst, zu meinem Kind auch einmal zu sagen: "Tut mir Leid, da hab ich Mist gebaut." Diese Angst der Eltern, alles erklären können zu müssen, ist für Kids das größte Problem. Die können nicht mit verunsicherten Leuten umgehen. Wenn so Sätze kommen wie "Da wirst du schon noch draufkommen" oder "Da bist du noch zu klein", dann ist das keine richtige Antwort. Und die Kinder spüren: Da behauptet jemand, es zu wissen, aber er vermittelt’s mir nicht.

Sind Kinder bessere Menschen?

Wer das sagt, meint damit eigentlich nur seine eigenen Schwächen. Ich fühle mich da als Erwachsener nicht ernst genommen. Ich mache auch nicht Theater für Kinder und Jugendliche, weil die armen Kinder "gerettet" werden müssen. Ich mach das für mich!

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September 2004 © FALTER
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