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Ins Glas eineschaun
HEURIGEN  In keiner anderen Großstadt wird so viel Wein angebaut wie in Wien. Am besten schmeckt er da, wo er gemacht wird. Der "Falter" hat sich besondere traditionelle und moderne Buschenschanken angeschaut. THOMAS PRLIC´


Falter 40   Originaltext aus Falter 40/04 vom 29.09.2004

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Wein modern
Die Gegend rund um die Stammersdorfer Kellergasse ist der beste Beweis dafür, dass die Bundeshauptstadt nicht nur urbane Metropole, sondern auch sehr ländlich sein kann. Im nördlichsten Zipfel von Wien, wo die Felder auf dem Stadtplan Namen wie "In Herrnholz Äckern" oder "In den leeren Beuteln" tragen, liegt nach einer holprigen Fahrt über Kopfsteinpflaster, vorbei an kleinen Weinkellern, Hans Peter Göbels Heuriger.
Göbels Betrieb unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht vom gängigen Heurigenklischee. Zum einen setzte der Winzer, nachdem er den Betrieb in den Neunzigern von seinem Vater übernommen hatte, schwerpunktmäßig auf den damals in Wien noch nicht so üblichen Rotwein und hat sich damit inzwischen einen erstklassigen Namen erarbeitet. Zum anderen baute der gelernte Architekt die elterliche Buschenschank zu einem modernen, aber trotzdem nicht überdesignten Schankraum mit offener Küche um. Drinnen finden jetzt etwa fünfzig Gäste Platz, weniger als vorher, im Gastgarten noch einmal 120 Menschen. "Ich wollte kein großes Lokal", erzählt Göbel, der bis heute nur übersichtliche zweieinhalb Hektar Weinbaufläche am Bisamberg bewirtschaftet. Dafür sagt er über seine Arbeit, dass dabei der Spaßfaktor sehr groß sei. Von April bis Oktober gibt’s im Lokal das typische Heurigenbüffet, im Herbst und Winter wird die Buschenschank zum Quasirestaurant. Einmal im Monat wird dann eine Woche lang zu einem thematischen Schwerpunkt gegessen und getrunken, im November gibt’s etwa das obligatorische Martinigansl. Der saisonale Unterschied in der Küche hat pragmatische Gründe: Die weitaus größere Gästezahl im Sommer so üppig zu bekochen, wäre einfach zu aufwendig. Andererseits muss man dem Publikum aber doch etwas bieten, wenn es im Winter einen Ausflug in den hintersten Winkel von Wien machen soll. Auch wenn die Gegend dort noch so idyllisch ist.
Weinbau Göbel
21., Stammersdorfer Kellergasse 151
Tel. 294 84 20
genaue Öffnungszeiten telefonisch erfragen.
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Bewahren und bewegen
Alfred und Richard Zahel kommen zwar aus einer alten, in Mauer ansässigen Weinhauerfamilie, trotzdem waren beide Quereinsteiger, als sie das elterliche Weingut übernahmen. Richard Zahel fuhr davor Autorennen in der Formel-Ford-Serie, beendete aber Ende der Achtziger seine Karriere zugunsten des Weinbaus und holte auch den damals als Reiseleiter tätigen Bruder in den Betrieb zurück. Richard ist heute für die Weinproduktion zuständig, Alfred für den Heurigen. Für einen alleine wäre der Betrieb inzwischen ohnehin zu groß.
 Vom Ehrgeiz gepackt, bauten die beiden sowohl architektonisch als auch önologisch kräftig um und aus, sie versuchen im Betrieb heute den Spagat zwischen Tradition und Moderne. "Tradition ist wichtig. Wenn man weiß, aus welcher Richtung man kommt", sagt Alfred Zahel, "aber sie soll keine Belastung für die Zukunft sein. Wir schwanken heute zwischen bewahren und bewegen." Bewahrt haben die Zahels etwa die urigen, mit Andenken aus der Familiengeschichte vollgestopfen Schankräume, dafür kam ein neuer, heller, aber trotzdem angemessen rustikaler Bereich dazu. 150 Plätze gibt’s heute im Haus, 200 im Garten. Die Brüder entdeckten, dass Rotwein in der Gegend besonders gut reift ("da waren wir hier Pioniere"), und experimentieren mit alten, teils vergessenen Sorten wie dem roten Riesling oder der Orangetraube, die früher beim Heurigen "Spezi" hieß, und einen fruchtigen, gehaltvollen Weißwein ergibt. In der Küche fahren die beiden seit ein paar Jahren zweigleisig, zusätzlich zum Büffet kann man bei Zahel mittlerweile auch à la Carte speisen. Das typische Büffet soll es aber auch weiterhin geben. "Weil ein Heuriger ohne Büffet", meint Alfred Zahel, "ist einfach kein Heuriger mehr."
Heuriger Zahel
23., Maurer Hauptplatz 9
Tel.889 13 18
Di–So 15–24 Uhr (ab jedem ersten Donnerstag im Monat für 18 Tage).
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Urtypisch
Wenn Martin Kierlinger nachrechnet, wie lange seine Familie schon in Nußdorf ansässig ist, dann muss er ziemlich lange überlegen. Ungefähr in der siebten Generation, ergibt Herrn Kierlingers Rechnung schließlich, jedenfalls aber seit 1786. Auf alle Fälle also schon sehr lange. Früher gab’s noch Kühe und Hendln im Haus, nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossen die Kierlingers, sich ausschließlich auf den Weinbau zu konzentrieren. Sechs Hektar Weingärten bewirtschaftet die Winzerfamilie heute am Nußberg, und für die Hauptsorten Rheinriesling und Weißburgunder hat man schon des Öfteren Preise eingeheimst.
Bei aller Tradition ist Kierlingers Buschenschank genau so urig und gemütlich, wie man sich einen typischen Heurigen eben vorstellt, aber trotzdem völlig ohne Kitsch und den oft üblichen Dekorationswahnsinn. Wenn man Schnickschnack wie Wagenräder an den Wänden wolle, könne man ja auf eine Almhütte fahren, meint Martin Kierlinger. Einfach und traditionell heurigenmäßig hält es die Familie – Frau und Söhne arbeiten im Betrieb mit – beim Essensangebot. In der Buschenschank gibt’s kaltes und warmes Büffet, besonders legendär ist angeblich der nach einem Geheimrezept gemachte Liptauer. Gourmetmäßig zu expandieren, wie es einige Kollegen inzwischen machen, käme Kierlinger nie in den Sinn: "Wenn man gediegen essen will, soll man in ein Restaurant gehen. Es sollte einfach noch Unterschiede zwischen einer Buschenschank und einem Gasthaus geben." Sommers kann man im Heiligenstädter Heurigen draußen unter Bäumen im schönen Garten sitzen. Gemeinsam mit anderen Winzern veranstaltet Kierlinger immer wieder Weinblütenwanderungen durch die Weingärten oder – je nach Jahreszeit – Sturmwanderungen. Der Weinhauer sorgt dabei traditionell für ein bei den Teilnehmern besonders beliebtes und leckeres Pausenfeature: Er stellt einen Tiegel mit Schmalz auf, jeder darf sich selbst sein Brot so dick schmieren, wie er will, und dann schmatzend die Aussicht von den Weinbergen genießen.
Heuriger Kierlinger
19., Kahlenberger Straße 20
Tel. 370 22 64
tägl. ab 15.30, ausg’steckt derzeit bis 17.10., dann wieder ab 30.10.
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Wie bei Oma
Wenn man bei Nierschers in der holzvertäfelten Stube oder dem wunderbaren Naturgarten sitzt, muss man sich einfach heimelig fühlen. Schuld daran ist hauptsächlich Emmy Nierscher, Lokalchefin und guter Geist des Hauses. Frau Nierscher führt den Betrieb in Neustift am Walde heute mit ihrem Bruder Heinrich, der für den Weinbau zuständig ist. Sie selbst schupft das kleine Heurigenlokal mitsamt dem Büffet. Dabei ist sie eigentlich längst in Pension. Emmy Nierscher arbeitete 39 Jahre in einer Spedition, half daneben zwar im elterlichen Betrieb mit, hatte aber nie vor, ihn selbst zu übernehmen. Vor zwölf Jahren tat sie es trotzdem, und bis heute ist sie mit Leib und Seele bei der Arbeit. "Bei uns soll sich jeder wie zu Hause fühlen", sagt die freundliche Dame.. "Wer drei-, vier-, fünfmal da gewesen ist, der gehört zur Familie."
Etwas mehr als zwei Hektar Weingärten gehören den Nierschers, produziert und ausgeschenkt werden hier Zweigelt und Blaufränkischer, beim Weißwein dominiert der gute alte gemischte Satz. Wobei sich Emmy Nierscher, breit grinsend, den Hinweis nicht verkneifen kann, dass es sich dabei nicht um etwas handelt, das der Kellner zusammenmixt (sondern um eine gemischte Pflanzung von Weinreben). Überhaupt lacht Frau Nierscher ansteckend viel und erzählt Anekdoten aus der Familiengeschichte. Zum Beispiel die, dass der Heurige bei den Stammgästen früher Reh-Nierscher hieß, weil ein zahmes Reh wie ein Haushund bei der Familie lebte. Oder die von Großmutter Nierscher, die dem Stammgast Karl Kraus schon mal den Hausschlüssel überließ, damit er samt Anhang nach der Sperrstunde noch weitertrinken konnte.
In Sachen Verköstigung läuft es bei Frau Nierscher nach typischer Heurigenbüffetart mit kalten und warmen Speisen, von denen viele selbst gemacht sind. Und spätestens bei der Hausspezialität, dem Schweinsbraten mit Erdäpfelsalat, oder einem lecker cremigen Liptauerbrot fühlt man sich wie zu Besuch bei der eigenen Oma.
Buschenschank Nierscher
19., Strehlgasse 21
Tel. 440 21 46
Do–Mo 15–24 Uhr.
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September 2004 © FALTER
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