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Frauen ohne Zimmer
WOHNEN  Obdachlose Frauen erkennt man oft nicht auf den ersten Blick, sie sind keine Sandlerinnen. Hilfe brauchen sie trotzdem. Im Winter bekommen sie ein neues Zentrum in Wien. EVA WEISSENBERGER

Falter 41   Originaltext aus Falter 41/04 vom 06.10.2004

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Ups, jetzt hat sie "Hure" gesagt. Heli hält sich verlegen die Hand vors Gesicht, kneift die Augen zusammen und kichert kokett. Mit ihren langen, dunklen Haaren schaut die zierliche Frau dabei aus wie die ältere Schwester von Charlotte Roche, der flotten Viva-Moderatorin.
  Die junge Türkin, die aufrecht in einem Leiner-Wohnzimmer aus hellem Holz sitzt und alte Platten sortiert, erinnert mit ihrem glänzend schwarzen Haar und der strengen Brille an die griechische Schlagersängerin Nana Mouskouri.
Die große Blonde mit der aufwendigen Föhnfrisur, den Stiletto-Schlapfen und der goldenen Sonnenbrille, die so eloquent über Sozialpolitik referiert, könnte das nicht Christine Vranitzky sein, die Frau des ehemaligen Kanzlers?
  Und dann wäre da noch die dicke Alte, die traurig und nüchtern aus ihrem Leben erzählt, aber auch pointiert, so wie die bayrische Schauspielerin Marianne Sägebrecht.
  Christine, Nana und Marianne – sie wollen ihre echten Namen nicht in der Zeitung lesen, wir nennen sie hier also einfach nach ihren prominenten Doppelgängerinnen – haben mit Heli eines gemeinsam: Sie haben oder hatten keine eigene Wohnung. Und man sieht ihnen das nicht gleich an.
  Anfang nächsten Jahres wird in Wien ein neues Zentrum eigens für obdachlose Frauen öffnen. Ein Schritt, um die Forderung zu erfüllen, die der Frauenarbeitskreis der Wiener Wohnungslosenhilfe vor einem Jahr erhob: 50 Prozent der Ressourcen für Obdachlose sollen Frauen zugute kommen, also die Hälfte des Geldes, der Räume, der Zeit und der Infrastruktur.
  Die Gemeinde Wien und die Caritas haben sich bereits geeinigt: Mindestens 20 Wohnplätze soll es in dem neuen Zentrum geben, dazu ein paar Notbetten und einen Aufenthaltsraum, wo jede tagsüber hinkommen kann, um sich beraten zu lassen. Oder auch nur, um sich aufzuwärmen. Die Frauen sollen auch jederzeit wieder unbehelligt verschwinden können. Die Hürde, die man überwinden muss, um sich in dem neuen Haus Hilfe zu holen, wird so niedrig wie möglich gelegt werden.
  Vielleicht traut sich Nana dann dort hin. "Für was?", fragt die 30-jährige Türkin pikiert, "ich bin nicht obdachlos. Regnet es hier herein? Na, bitte." In der Tat: Nana sitzt in einem sauberen, hellen Wohnzimmer in Ottakring und schlichtet alte LPs in ein Regal. Beach Boys und ähnlich fröhliche Musik. Sie sitzt wirklich auf dem Trockenen. Nana spricht ganz schnell:
"Ich, bitte, ich war immer brav. Ich habe eine Tochter, aber die darf ich nicht sehen. Ich kann nicht sagen, warum, das ist zu schlimm. Aber jetzt ist alles besser. Ich wohne seit drei Monaten hier bei meinem Neuen und der ist besser als mein Alter. Er haut mich nicht, na ja, schon, aber nur selten und nur wenn ich selber schuld bin. Ich ärgere ihn oft oder will nicht lieb sein oder bring was durcheinander wie die Platten da. Wer hört denn noch Platten heute? Also jedenfalls haut er nicht so ohne Grund wie mein Mann. Liebe? Brauch ich nicht. Ich hab meine Tochter lieb. Aus."
  "Versteckte Obdachlosigkeit" nennen das die Soziologen. Frauen gehen Zweckpartnerschaften ein, prostituieren sich oder bleiben bei Verwandten, die sie schlecht behandeln, nur um ein Dach über dem Kopf zu haben. Aus diesem Grund sind nur ein Fünftel derer, die sich in Wien um die rund 4000 Schlafplätze für Obdachlose reißen, Frauen. Und nicht, weil es weniger Frauen als Männer ohne Wohnung gäbe. Statistisch gesehen, laufen Frauen sogar eher Gefahr, zum Sozialfall zu werden, ihrer schlechteren Ausbildung wegen oder weil sie für die Kinder ihre Berufslaufbahn unterbrochen haben. "Sie verstecken ihre Armut nur besser", sagt die Sozialarbeiterin Elli Loibl vom Tageszentrum Frauenwohnzimmer. "Die Frauen schämen sich, weil sie glauben, versagt zu haben. Deshalb halten sie das traditionelle Rollenbild länger aufrecht, machen sich von Männern abhängig." Besser irgendeiner als gar keiner.
  Ähnlich wie Nana merken es die Frauen oft nicht einmal selbst, dass sie wohnungslos sind, das heißt: Sie wollen es nicht wahrhaben. Einen Sandler stellt man sich eben anders vor. Das ist ein dreckiger, bärtiger Mann mit Schnapsfahne, der unter der Brücke schläft.
  Sieht so eine Obdachlose aus? Christine hat perfekt blondierte Haare, kein Millimeter Ansatz ist zu sehen. Ihre Fingernägel sind lang und sauber gefeilt. An ihrem Handgelenk klimpern goldene Reifen. Sie ist sorgfältig geschminkt. "Auch wenn’s nach außen oberflächlich erscheint", sagt sie, "das Aussehen ist wichtig, das lässt uns unsere Würde als Frauen. Das richtet einen auf." Ihr Gesicht kommt einem bekannt vor. Christine war Journalistin, Assistentin und Geliebte einflussreicher Männer. Sie führte ein Jet-Set-Leben in Rom, Paris, London. Manchmal lebte sie über ihre Verhältnisse. Heute lebt sie im Haus Miriam, einem Wohnheim für allein stehende Frauen in Währing. Christine hat sich zusammengeschrieben, was sie sagen möchte, damit sie ja nichts vergisst:
  "Mit 18 bin ich manchmal in der Früh aufgewacht und hab geweint. Ohne Grund. Ich kam zum ersten Mal zum Psychiater, zum Professor Ringel. Der hat bei mir eine endogene Depression festgestellt. Das hatte sicher auch mit der Scheidung meiner Eltern zu tun, als ich zehn war. Trotzdem habe ich studiert, Germanistik und Theaterwissenschaften, habe meinen Magister gemacht, habe immer gearbeitet, gut verdient, sehr gut, wollte nie abhängig sein. Aber mit 33 habe ich meinen Mann kennen gelernt, ein Jahr sind wir gependelt, dann ging ich mit ihm nach Amerika. Er hatte sich schon zurückgezogen, seine Firma verkauft. Er wollte eine Frau, die immer für ihn da ist, mit ihm reist, mit ihm Golf spielt. Nach elf Jahren ist er gestorben. Seine Familie machte mir mein Erbe streitig. Ich stand plötzlich vor dem Nichts. Da bin ich zurück nach Wien. Ich habe bei einer Freundin gewohnt, aber die war selber psychisch schwer belastet. Man kann eine Freundin nicht überstrapazieren. Und ich musste Beruhigungsmittel nehmen, um die Situation zu ertragen. Seit Februar bin ich hier im Haus Miriam. Ich lese mir immer wieder die Definition des Hauses durch: ‚Hilfe in psychischen und sozialen Krisen.‘ Ja."
Im Haus Miriam ist es sauber und nett, wie in einem Mädchenpensionat. Und es gibt klare Vorschriften: Therapie; Mitarbeit in der Küche, der Wäscherei oder der Portiersloge; Sperrstunde ist um Mitternacht; Drogen sind strikt verboten. Christine schätzt das, aber "nicht alle sind in der Lage, sich an die notwendigen Regeln zu halten", erzählt die Leiterin des Hauses, Erna Nußbaumer. Aus diesem Grund wird das neue Frauenzentrum eben "niederschwelliger", wie die Sozialarbeiter sagen.
  Das kommt vor allem Frauen mit psychischen Erkrankungen entgegen, die sich manchmal nur mehr schwer in eine Gemeinschaft einfügen oder an eine Vereinbarung halten können. Und diese werden immer mehr.
  Marianne sitzt im Frauenwohnzimmer in Gumpendorf, das ist ein Tageszentrum, wo sich obdachlose Frauen treffen und von Sozialarbeiterinnen beraten lassen. Dort gibt es eine Dusche, eine Waschmaschine, einen Fernseher, Computer mit Internetanschluss und eine Jause. Marianne, Ende fünfzig und mit den Bandscheiben schwer bedient, taucht ihr Kipferl in den Kaffee. Sie erzählt aus ihrem Leben:

Buchbinderin war i in meiner Jugend. Mei Mann hat sich dann einbildet, wir kummen aus mit dem, was er verdient. Da bin i halt z’haus blieben. Mit 57 is er g’storben. I war 51. Des is scho arg, wenn ma 26 Jahr beieinander war. Mir haben uns zammg’stritten, so guat als geht. Dann is ma so schlecht gangen. Mir war dann alles wurscht. I hab den Mist liegen lassen in der Wohnung. Und dann is mei Hund g’storben. Und den hob i a liegen lassen. Wie s’ mi außeg’haut ham aus der Gemeindewohnung, haben sie 36 Säcke Mist auße tragen. Dann haben s’ mi in das Heim in die Gänsbachergassn g’schickt. Weil dort a viele Frauen waren. Da war i dann auf sechs Quadratmeter. Aber die andern Leute warn schrecklich, die warn alle so kindisch. Die ane hat der andern des G’schirr nachg’schmissen. Nach am Jahr oder so hab ich dann wieder a Wohnung bekommen, I hab ja die Pension von mein Mann. Aber hier ins Frauenzimmer kumm i immer no, weil allein z’haus, da fliegt mir die Decke aufn Kopf."
  Die meisten Frauen, die bei der Stadt Wien Zuflucht suchen, werden heute im Quartier in der Gänsbachergasse im 3. Bezirk untergebracht. Mittlerweile leben dort 70 Frauen unter 180 Männern. So können sich die Frauen besser behaupten. Der springende Punkt in den Herbergen, die beiden Geschlechtern offen stehen, war immer derselbe: Es waren Männerheime, die später auch ein paar Frauen dazunahmen. Entsprechend unsicher fühlten sich die Frauen, entsprechend derb war der Spruch. Gewalt war keine Seltenheit, spezielle Hilfsangebote für Frauen hingegen schon.

Auch im Neunerhaus, das 65 ehemals Wohnungslosen in Erdberg eine dauerhafte Bleibe bietet, kennt man diese Probleme. Also verordnete man sich ein neues Rezept: Frauen wurden explizit zur Zielgruppe erklärt, die Sozialarbeiter müssen einschlägige Schulungen besuchen. Frauen werden nun bevorzugt aufgenommen und können auf Wunsch in ein männerloses Stockwerk ziehen. Schlägt ein Bewohner seine Frau, wird er rausgeschmissen und nicht sie, auch wenn er das Zimmer gemietet hat und sie nur bei ihm untergeschlüpft war. "Wir sind parteiisch für die Frauen", sagt die Sozialarbeiterin Elisabeth Corazza.
  Im sechsten Stock, unterm Dach wohnen Heli und Poldi mit ihren drei Katzen in einer Garçonniere mit Dusche und Kochnische. Poldi will was zum Essen und regt sich auf, dass der Fernseher schon wieder nicht funktioniert. Die zierliche Heli, mit ihren 1,50 Metern auch mit 43 Jahren noch ein Mädchen, gibt ihm eine Tachtel. "Das sind nur Liebes-Tatschgerln", sagt sie und hält wieder die Hand vor den Mund. "Der Poldi is a gaches Häferl, aber er hat mi in sechs Jahren und zwei Monaten noch nie g’schlagen." Heli erzählt ihre Geschichte:
"I hab einen Hausbesorgerposten im Zehnten gehabt und war 13 Jahre lang verheiratet. Die Tochter ist heute 16, der Sohn ist 14, aber die darf ich nicht sehen. Wegen dem Ronnie hab ich mich scheiden lassen. Ich hab eine Wohnung im 14. bekommen, eh mit’m Ronnie, aber er hat mir immer das Geld gestohlen. Da hab ich die Miete nicht zahlen können. Ich hab nicht einmal was zum Essen gehabt. Aber tagtäglich hat er mich prügelt. Fünf Minuten später hat er gesagt: ‚Schatzi, ich hab’s nicht so gemeint.‘ Dann war ich neun Jahre auf der Straßen. Hab’ in WCs geschlafen, in abgestellten Waggons, im Park. Der Ronnie wollt mich auf’n Strich schicken, aber das hab ich nie gemacht, nie. Dann hab ich auf der Mariahilfer Straße den Poldi kennen gelernt. Der war in einer Wohngemeinschaft, einer betreuten, dort hat er mich halt versteckt. Wie der Ronnie wieder aus’m Häfn kommen is, hat er mir aufgelauert. Da war ein Polizist, zu dem hat er nur gesagt: Willst mei Alte pudern, die Hur? So schnell konnt er nicht schauen, hat er die Achter oben gehabt. Seither hab i mei Ruah g’habt. Aber ich träum heute noch davon. I bin so dankbar, dass i jetzt den Poldi hab. Der hilft mir bis zum Gehtnimmer. Und i eam a."

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Oktober 2004 © FALTER
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