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Literatur auf Kniehöhe
NOBELPREIS  Seitdem sie den ersten österreichischen Literaturnobelpreis eingeheimst hat, wird Elfriede Jelinek als eine Art Patriotin wider Willen bejubelt. Dabei verträgt ihre Literatur Jubel am allerwenigsten. Stattdessen sollte man sich gegen sie wehren – sie ist eine Zumutung. KLAUS NÜCHTERN

NOBELPREISTRÄGERINNENINTERVIEW: "Es gab Leitungswasser zur Pizza"

Falter 42   Originaltext aus Falter 42/04 vom 13.10.2004

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Unter der nicht mehr zu überblickenden Flut an Kommentaren und Würdigungen, zu denen sich Schriftsteller, Regisseure, Schauspieler, Literaturfunktionäre und Politiker veranlasst sahen, nachdem am vergangenen Donnerstag gegen 13 Uhr die Verleihung des Literaturnobelpreises an Elfriede Jelinek bekannt geworden war, stechen zwei besonders bizarre Statements hervor. Das eine stammte, fast ist man geneigt zu sagen: naturgemäß, von Kulturstaatssekretär Franz Morak, der mit dem Preis nicht nur den "Kulturstandort Österreich" gemeint wissen wollte, sondern auch die heimischen Steuerzahler und deren jahrzehntelanges Investment in die Künstlerin. Das andere aber kam von der Geehrten selbst, die meinte, sie eigne sich nicht dafür, "als Person in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden".
  Nun kann man es der "zurückgezogen", aber doch unter bekannter Adresse lebenden Autorin – ihr Haus wurde innerhalb kürzester Zeit von Journalisten belagert (siehe Interview) – sicher glauben, dass ihr diese Art von Öffentlichkeit herzlich zuwider ist. Nur: Keine und keiner eignet sich so gut dafür, als Person an genau diese Öffentlichkeit gezerrt zu werden wie Elfriede Jelinek. Noch am Sonntag, also bereits drei Tage nach Bekanntgabe der Nobelpreisentscheidung, schwang sich der Kurier auf der Titelseite zu der Frage auf: "Wer ist Elfriede Jelinek?", um sie im Blattinneren zu beantworten: "Die tolle Frau mit der Tolle".
  Ob Tolle oder Zöpfe, Elfriede Jelinek ist eine Medienikone. Man weiß, wie sie sich kleidet, schminkt, frisiert. Wie die anderen österreichischen Großautoren und -autorinnen, denen man Nobelpreiswürdigkeit zuschreibt – die im Vorfeld der diesjährigen Entscheidung genannte Friederike Mayröcker und Peter Handke, der Jelinek zufolge den Preis viel eher verdient hätte als sie selbst – beherrscht Elfriede Jelinek die Kunst, in ihrer Abwesenheit anwesend zu sein. Aber niemand ist so gut darin wie sie: Weder Peter "on the road" Handke, den man immer in irgendeinem Karst oder einem anderen touristisch unerschlossenen Weltwinkel wähnt, noch Mayröcker, die in Komplizenschaft mit nekrophil gesonnenen Fotografen die Totenmaske zu Lebzeiten gibt, können ihr hierin das Wasser reichen. Dass ihre "Bin schon fort/bin wieder da"-Dialektik, mit der sie das Land und seine Medien bei guter oder schlechter, jedenfalls bei Laune hält, frappant an die Auf- und Abtritte eines in den letzten Jahren etwas heruntergekommenen Politpopstar erinnern, mit dem sie eine wechselseitig unversöhnliche Antipathie verbindet, gehört zu den unzähligen Widersprüchen, von denen die Figur Jelinek und das Werk der Schriftstellerin Jelinek gezeichnet sind. Dennoch vermittelt sie glaubhaft, dass sie dabei keine Strategie verfolge, sondern – ganz im Gegenteil – zum Handling der medialen Realität gar nicht in der Lage sei.
  Am ehesten könnte man dieses Paradox auf die Formel "Kontrolle durch Kontrollverlust" bringen, das auch als Arbeitsmotto über dem literarischen Wirken Jelineks stehen könnte. Schon längst überantwortet sie, die eingefleischte Theaterskeptikerin, wenn nicht -hasserin, ihre der schauspielerischen Gier nach guten Rollen Hohn sprechenden Textfleischbrocken ohne jegliche mütterliche Sentimentalität den eigenen Hervorbringungen gegenüber den Theaterpranken der Regisseure – ob diese nun eher als antikisierende Berserker (Einar Schleef) oder als bubenhafte Schwerenöter (Christoph Schlingensief) daherkommen. Dass sie selbst dabei – sei’s als bezopfte Jelinek-Puppe in Frank Castorfs Inszenierung von "Raststätte oder Sie machen es alle", sei’s als leibhaftig über die Textfelder schwankende Autorin in Schleefs legendärer "Sportstück"-Inszenierung am Burgtheater – ästhetisch kaum gebändigten Hohn auf sich zieht, scheint ihr egal zu sein. "Ist es schon so weit, mein Auftritt bitte?" heißt es in "Das Werk", und in der überaus musikalischen und leichtfüßigen Uraufführung, die Nicolas Stemann für das Akademietheater inszenierte, trat Libgart Schwarz als betuliche Jelinek-Karikatur auf, die das Wort erhebt, um sich einzumischen.
  Wenn man sich schon über sie lustig macht, dann will das Jelinek – in einer Art perversem Perfektionismus – gleich selbst erledigen. Wer will, kann darin die abgründige Pointe erblicken, dass Frauen eben nur als Opfer "Herr" ihrer selbst zu sein vermögen. Aber dergleichen lässt sich auf dem Theater oder in der Literatur eben nicht "beweisen". "Ja, wir sind in gewisser Weise in unserem Herangehen an unseren Gegenstand Antipoden", gestand Jelinek in ihrem Nobelpreisinterview für den Standard – "Handke in seiner unglaublich präzisen Beobachtungswut, ich, indem ich jeweils schon alles vorher weiß." Elfriede Jelinek, Klassenbeste in Selbstkritik. Man kann darin auch ein Stück Immunisierungsstrategie erblicken: Wer sich selbst derart schonungslos vorführt, verdirbt seinen Gegnern den größten Spaß.

Unter den ersten Meldungen, die über die üppig mit Jelinek-News bestückten Seiten von ORF-On gingen, fand sich auch der Hinweis , dass die Autorin im Inland gar nicht so geachtet sei wie im Ausland – quasi Prophetin im eigenen Land. Klingt gut, ist aber Blödsinn. Das deutsche Feuilleton etwa zeigt sich schon seit geraumer Zeit mittelschwer genervt angesichts der Selbstbespiegelungsexerzitien, die da von einer österreichischen Regionalgröße vorgeführt würden: "Nur in Österreich möglich: Büchnerpreisträgerin Elfriede Jelinek", ätzte die Weltwoche seinerzeit – grad so, als gäbe es einen österreichischen Büchnerpreis oder wäre die Büchnerpreis-Jury fest in österreichischer Hand. Und Matthias Matussek knüppelt in seinem Spiegel-Artikel über die Neonobelpreisträgerin auf den "Kaschmirschal-Alpen-Antifaschismus", die "nicht endenden austriakischen Sentenzen" ein, um die Literatur "der wirklich sympathischen Jelinek" gegen die des ewigen Kandidaten Philip Roth auszuspielen.
  An diesem Missverständnis ist die Autorin freilich nicht ganz unschuldig. "Ich bin ein barockes Racheengerl", gestand sie mit der ihr eigenen Koketterie in einem Falter-Interview, nicht ohne die erlösende Erleichterung der Ironie sofort wieder zu unterlaufen: "Es ist wirklich quälender, blanker Hass gegenüber diesem Land, der von mir jeden Tag sorgfältigst mit dem Silberputzmittel wieder aufpoliert wird."
  Das ist anstrengend – für die Autorin, aber auch für ihr Publikum. Wie schon Thomas Bernhard, an dem die gelernte Organistin bezeichnenderweise die "Suggestivität seiner rhythmischen Tiraden" schätzt, ist Jelinek als giftige Österreich-Aphoristikerin und Auskunftsperson für die superlativische Verkommenheit einer Nation nur bedingt brauch- und genießbar.
  Die Schuld dafür liegt ein bisschen, nicht aber ausschließlich bei den genannten Autoren. Wenn es etwas gibt, was man sowohl Bernhards und mehr noch Jelineks Literatur zugute halten muss, dann der Umstand, dass diese Arbeit voraussetzt. Zu identifikatorischer Lektüre taugt sie wenig. Wenn das Preiskomitee in seiner Entscheidungsbegründung nun "den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen" hervorhebt, "die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen", dann ist das zwar hart an den "Betriebsnudel-Sätzen" (Matussek), die im immerwährenden Frühling des Literaturbetriebs schnell einmal dem Boden Preisverleihungsprosa entsprießen, aber keineswegs so doof, wie ein Spiegel-Schreiber schnell mal glaubt.

Es ist in der Tat ein breiter Fluss, mitunter auch ein totes Gewässer – wie jenes, das in dem wohl eindrucksvollsten Kapitel von Jelineks jüngstem Roman "Gier" (2000) so virtuos beschrieben wird –, mit dem die Leser da konfrontiert werden. Das zentrale Thema, welches vom Roman "Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr" (1985) bis zum Theaterstück "Das Werk" (2002) Jelineks Schreiben bestimmt, nämlich die Nichtigkeit menschlicher Zivilisationsentwürfe im Angesicht einer unheimlichen, weil letztlich todbringenden Natur, findet so seine ästhetische Entsprechung: Den Bränden, Überschwemmungen, Lawinen- und Murenabgängen, die sie in ihren Werken – allen voran den satanischen 666 Seiten ihres Opus magnum "Die Kinder der Toten" (1995) – über die von allen guten Geistern, leider aber auch ihren Ziviltechnikern verlassenen Menschen niedergehen lässt, korrespondieren die virtuos verwilderten Wortlandschaften, mit denen die Autorin ihre Bücher vollräumt, dass es nur so kracht.
  Jelinek ist zwar eine Autorin der Negativität, aber gewiss keine Vertreterin einer asketischen Moderne des Aussparens und Weglassens. Ganz im Gegenteil. Seinen Hang zur raumgreifenden Geste, mit der dieses doch recht breite Werk seinen Platz beansprucht, lässt nichts aus: "Ich muss mich halt ausbreiten können mit der Sprache", gestand Jelinek voriges Jahr im oben zitierten Falter-Interview. "Dort muss noch ein Ornament hin und hier ein Engerl, und das dort können wir auch ganz bestimmt nicht so leer lassen, da hängen wir ein Bild auf, das aber schon denunziert wird, kaum dass es angebracht worden ist, wo es nun wirklich völlig unangebracht war."
  Barock ist das schriftstellerische Unterfangen der Autorin im Materialaufwand, barock ist es aber auch in dem grimmigen Memento mori, das ihre Romane und Stücke errichten. Der Kampf der Generationen, Klassen und Geschlechter, der in ihrem wohl kulinarischsten und konventionellsten, gewiss aber nicht schlechtesten Roman, der "Klavierspielerin" (1983), als erweiterte Kampfzone im klaustrophobischem Ambiente inszeniert wird, ist brutal genug; danach aber blüht allen, Siegern wie Besiegten, die ultimative narzisstische Kränkung – der Tod. Jelinek geht nicht so weit, die genannten Gegensätze in den tiefen Wassern des Existenziellen zu ersäufen, aber ihre literarische Zivilisationskritik setzt doch zusehends tiefer an – dort, wo’s jedem weh tut, sagen wir auf Kniehöhe.
  "Sie haben noch nie von meinem Verlust gehört, ich meine davon, dass ich verloren gegangen bin bei diesem Bau?", sagt einer der Zwangsarbeiter, dem die Errichtung des Staudamms Kaprun das Leben gekostet hat in "Das Werk": "Oje, das tut mir leid. Da habe ich mir wieder einmal Illusionen gemacht. Ich fürchte, mein Verlust wird am schwersten für mich selbst sein."

Aus diesen oberflächlich betrachtet zynischen Passagen, bezieht Jelinek – auch das eines der typischen Paradoxa dieses Werks – ihr sozusagen sekundäres Pathos. Gewiss, die Autorin will den Erniedrigten und Beleidigten "eine Stimme verleihen". Nur weiß sie auch, dass diese Anmaßung vielfach nur Gesinnungskitsch produziert. Und weil sie diesen scheut wie der Teufel das Weihwasser, muss sie ihre Figuren hinabstoßen in die Niederungen der Uneigentlichkeit. Dementsprechend ist die Sprache, die sie ihnen umhängt, alles, nur eines nicht: authentisch. Kitsch, Klischees, Kalauer und Katachresen – das sind die Stilmittel aus denen dieses auf virtuose Weise windschiefe Werk gezimmert ist.
  Dabei geht es nicht platterdings darum, die Wirklichkeit, die hinter der medial zugerichteten Sprache läge, zur Kenntlichkeit zu entstellen. Jelinek steht beidbeinig in der sprachskeptischen Tradition österreichischer Nachkriegsavantgarde, und dennoch haust gerade hier ein eigentümlicher Glaube an eine Wahrheit, die ausgerechnet von einem beschädigten und gequälten Idiom ausgeplaudert wird. "Man darf vor dem Plattesten und Trivialsten nicht zurückscheuen, gerade wenn’s um die Wurst geht", hat Jelinek in einem Interview einmal angemerkt: "Noch der letzte Kalauer enthält, wenn man Glück hat, mehr Wahrheit als manches andre. Die Sprache zerrt einen dann wie ein Hund, der eine Spur aufgenommen hat, hinter sich her, und man kann nur schreiend mitrennen."
  Die Leser und Leserinnen aber mögen sich davor hüten, zu akklamierenden Mitläufern zu werden. Dieses Werk verträgt eigentlich keine Fans, und schon gar keine hochkulturell gestimmten Literaturliebhaber. "Das Leben ist eine Zumutung", sagt uns die Autorin. "Nicht immer", mag man zaghaft einwenden. Jelineks Literatur ist eine Zumutung. Immer. Dagegen muss sich wehren, wer in den Wassern der Selbstverachtung nicht umkommen will.

 
NOBELPREISTRÄGERINNENINTERVIEW
"Es gab Leitungswasser zur Pizza"


Als sich am Donnerstag die Pforten der medialen Hölle unter der Elfriede Jelinek auftaten, erreichte der Falter die Autorin zuerst gar nicht, dann per Fax und schließlich doch noch am Telefon. Man einigte sich, das Interview nervenschonend und zeitsparend per E-Mail durchzuführen. Am Freitag Nachmittag langten die Antworten ein.

Falter: Nachdem Sie – hoffentlich – eine Nacht drüber geschlafen haben: In welchem Licht erscheint Ihnen die Nobelpreisverleihung heute? Mit welchen Gedanken sind Sie aufgewacht?

Elfriede Jelinek: Es ist einem überhaupt nicht klar, was das bedeutet. Es erscheint, in diffuses Licht getaucht, das Gespenst der Öffentlichkeit, und das ist das Schlimmste für mich. Es ist das Gefühl der Freude natürlich total da, natürlich auch Stolz, aber eben auch Angst. Bin mit dem Gedanken aufgewacht, wie ich in einer halben Stunde Englisch lernen soll, weil die BBC ein Interview mit mir machen will.

Was war Ihre allererste Reaktion?

Unglauben, Fassungslosigkeit, Duldungsstarre.

In den Nachrichten war von einer "Belagerung" Ihres Hauses die Rede. Fahren da einfach Journalisten nach Hütteldorf und tauchen unangekündigt auf?

Ja, sie tauchen in zwanglosen Gruppen auf. Ich habe einen Freund angerufen, der den ganzen Nachmittag Telefondienst für mich gemacht hat. Anders hätte ich es gar nicht geschafft. Es hat ununterbrochen geklingelt.

Hatten Sie denn nicht mit dem Gedanken gespielt, einfach abzutauchen? Sie sind ja relativ schnell im Wald.

Ja, aber dazu war wenig Zeit. Außerdem denkt eine krankhaft eitle Frau wie ich als Erstes daran, Puder aufs Gesicht zu schmeißen. Und wie der Puder dann oben war, war’s schon zu spät. Ich bin sozusagen mit dem Auftauchen und dem Verdecken von Unreinheiten beschäftigt gewesen, während ich noch abtauchen wollte.

Wie viel Zeit hätte man Ihnen denn überhaupt zur Flucht gelassen?

Ich wurde um halb eins aus Stockholm angerufen, und um eins ist es dann losgegangen.

Man hat den Eindruck gewonnen, der Nobelpreis belastet Sie eigentlich mehr, als dass er Sie erfreut. Sagen Sie doch, dass das nicht wahr ist.

Also, es ist leider wahr, dass die Belastung größer ist, derzeit zumindest (das wird sich sicher ändern). Ich bin das ja in meiner Zurückgezogenheit nicht gewöhnt, einen solchen Ansturm. Es hat diesen Preis sicher die Person bekommen, die ihn sich am wenigsten gewünscht hat. Aber wenn man ihn hat, freut man sich natürlich.

Haben Sie denn gestern gar keine Flasche aufgemacht oder was auch immer Sie tun, wenn Sie was zu feiern haben?

Nein, ich habe keine Flasche aufgemacht, ich habe mit dem Freund, der da war, eine Pizza vom Italiener an der Ecke geteilt. Und Leitungswasser dazu getrunken. Ich werde aber sicher noch mit Freundinnen und Freunden in Ruhe feiern.

Könnte der "Falter" Ihnen mit irgendwas eine Freude machen?

Das ist wirklich lieb. Aber ich bin schon froh, dass es den Falter überhaupt gibt. Das ist schon Freude genug, ihr kleinen Wonneproppen, ihr.

Was ist Ihnen denn lieber: die offene Aversion der FPÖ oder die blumige bis verklemmte Wertschätzung, die die ÖVP nun artikuliert hat?

Auf Rituale kann ich verzichten, auf die positiven wie die negativen. Aber was mich wirklich rührt, ist die echte Freude, die ich bei vielen Kolleginnen und Kollegen spüre, sogar bei "Amtspersonen". Das hatte ich nicht erwartet.

Kunststaatssekretär Franz Morak hat den Nobelpreis ja gar als Auszeichnung des österreichischen Steuerzahlers für dessen Investition in Sie interpretiert.

Ja, vielleicht könnte er mir eine Rechnung stellen, dann kann ich die Steuern zurückerstatten, jetzt kann ich es mir ja leisten. Aber im Ernst: Der Staat hat die Pflicht, Kunst zu fördern. Das ist seine Aufgabe.

Was war denn die für Sie erfreulichste, was die bizarrste oder ärgerlichste Reaktion?

Das Erfreulichste war die ehrliche Freude der Leute, die sich bei mir gemeldet haben. Man spürt das ja, wenn etwas ehrlich gemeint ist. Ärgerliches hat es eigentlich nicht gegeben, zumindest ist es nicht bis zu mir gedrungen.

Günther Nenning hat gestern in den Spätnachrichten erklärt, dass er sie liebt. Rührt Sie das?

Es rührt mich immer, wenn mich jemand liebt. Solange er das in einer gewissen Entfernung von mir tut.

Sie erwähnten in einem Interview Ihren Vater, dem Sie sich mit Ihrem Werk verpflichtet fühlten: Gibt es da so etwas wie Tochterstolz? Eine Genugtuung darüber, etwas geleistet zu haben, oder auch ein Bedauern, dass Ihr Vater, Ihre Eltern das nicht mehr erleben?

Meiner Mutter gönne ich es, dass sie es nicht mehr erlebt. Meinem Vater hätte ich es gewünscht; zu ihm konnte ich ja kein Verhältnis mehr aufbauen, er ist zu früh verrückt geworden und aus meinem Leben verschwunden. Nein, Stolz gibt es da nicht, nur ein Bedauern, eine große Leerstelle und seinen Fauteuil, auf dem er immer Zeitung gelesen hat. Jetzt lese ich dort die Zeitung. Ich weiß nicht, wie mein Vater darauf reagiert hätte. Wie ich erwachsen war, war er mir schon sehr fern.

Sie haben sich entschlossen, den Preis anzunehmen, aber nicht abzuholen. War das von Anfang an klar?

Ja, dass ich nicht nach Schweden fahre, war von Anfang an klar. Aus rein persönlichen Gründen, nicht aus politischen. Ich kann nicht. Ich habe es auch der Akademie sofort gesagt, noch am Telefon. Sie hatten trotzdem keine Einwände, mir den Preis zu geben.

Haben Sie schon eine Ahnung, in welche Richtung Ihre Rede gehen wird? Für die hiesigen Verhältnisse wird man sich in Stockholm ja weniger interessieren.

Ich konnte ja noch nicht einmal darüber nachdenken, wie ich heiße. Ich habe grade meine Kafka-Preisrede geschrieben, das war nicht schwer, denn Kafka liebe ich. Mich selbst liebe ich nicht, Österreich auch nicht. Worüber also schreiben?

1,1 Millionen Euro sind schon ein hübscher Batzen Geld. Haben Sie schon eine Ahnung, was Sie damit machen werden? Für Urlaub oder wenigstens Mal-ausspannen-statt-dauernd-schreiben scheinen Sie mir nicht die richtige Person zu sein.

Auch darüber habe ich nicht nachgedacht. Die Summe ist ja für jemanden wie mich ungeheuerlich. Auf jeden Fall kann man sich damit Zeit kaufen. Nur noch schreiben, was man will, das ist das Paradies. Und eine größere Wohnung in München, wo die Mieten beinahe unbezahlbar sind.

Sie könnten ja eine Tierpatenschaft in Schönbrunn übernehmen. Welches Tier würden Sie sich denn aussuchen?

Na, jetzt wäre es natürlich ein Elch. Ich habe alle Tiere so lieb. Ein Jammer, dass mein Hund das nicht mehr erleben kann. Aber leben tut er noch, soll sogar äußerst lebhaft sein. Und er erlebt jetzt beim Michael Aufhauser, der ihr – es ist eine Hündin namens Floppy – neues Herrl ist, jeden Tag sowieso mehr als sie hier bei mir in ihrem ganzen Leben davor erlebt hat.

Haben Sie den neuen Ameisenbären schon besucht? Der ist total süß!

Den Ameisenbären hab ich noch nicht gesehen. Muss ich noch. Das ist einmal ein Tier, das viel Humor hat. Ich kenne nur den in Hellabrunn in München, der ist vielleicht nett! Sehr große Füße mit sehr langen Krallen, die nach außen weisen.

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Oktober 2004 © FALTER
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