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Donut dazu?
FASTFOOD  Das Geschäft mit dem schnellen Essen boomt. Neben typischen Schnellrestaurants wie McDonald’s spezialisieren sich vor allem die Großbäckereien immer mehr auf Snacks. Und am Gürtel gibt’s schon mehr Kebabhütten als Würstlstände. CHRISTOPHER WURMDOBLER

Im Kino: "SUPER SIZE ME": Der Anti-Burger-Missionar

Falter 43   Originaltext aus Falter 43/04 vom 20.10.2004

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Länger als eine Stunde in einem McDonald’s-Restaurant zu hocken, das kann ganz schön langweilig werden. Vorausgesetzt, man arbeitet nicht dort, sondern schaut, wie viele Gäste tatsächlich das Angebot annehmen, sich gesünder zu ernähren und statt Burger und Co Salate, Joghurt und Früchte bestellen. Ein gewöhnlicher Wochentag, der McDonald’s bei der Uni, das Mittagsgeschäft läuft voll. Das Personal trägt salatgrüne Polohemden, die Filiale ist ausstaffiert mit Plakaten für "Salads Plus", der neuen Speisekartenvariante der Fastfoodkette, bei der es zum Beispiel zu panierten oder gegrillten Hühnerstreifen Salat, Käse und Speckwürfel gibt, "Gartensalat mit Balsamico-Dressing", oder eben Joghurt mit Erd- und Heidelbeeren. Man bekommt den Eindruck, der Konzern reagiert mit dem erweiterten Speisenangebot auf den McDonald’s-kritischen Film "Super Size Me" von Morgan Spurlock (siehe Kasten) und will mit Kirschtomaten, Karotten und Kräutercroutons die Restaurants der Fastfoodkette als den neuen Reformkosttempel darstellen.
  Aber nur fast, denn in einer vollen Mittagsstunde wandern gezählte drei Gartensalate im schwarzen Kunststoffbecher und fünf Portionen Huhn im Blattsalatbett über die Theke. Die Türe zum Salatkühlschrank ist zwar ständig in Bewegung – aber auch nur, weil dort neben den Salaten die Pommessaucen und Zutaten für die zuckersüßen Eisbecher aufbewahrt werden: Smarties zum Drüberstreuen. Wer zum "Mackie" geht, erwartet sich offenbar doch in erster Linie Fleischlaibchen und jede Menge Kohlehydrate. Burgerbraterei bleibt eben Burgerbraterei. "Donut dazu?", will das Personal im salatgrünen Dress bei jeder Bestellung automatisch wissen. Klar, wieso nicht, danke.
  Das Geschäft mit der schnellen Mahlzeit boomt. Laut einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr konsumiert etwa die Hälfte der Österreicher Fastfood, je jünger, desto regelmäßiger. Etwas mehr als ein Viertel davon (29 Prozent) bevorzugt dabei die klassischen Schnellrestaurants wie McDonald’s, Burger King, die Schnitzelhäuser oder das Schnellfischrestaurant Nordsee. 28 Prozent der Befragten holen sich ihre Snacks hingegen lieber in Bäckereien, 27 Prozent im Lebensmittelhandel, in Form vom Extrawurst- oder Leberkässemmerl an der Feinkosttheke beim Billa oder beim Fleischhauer. Der Rest sucht Pizzabäcker, Falafelhütten, Asia-Take-Aways, Würstlstände oder Kebabstände heim. Möglichkeiten gibt’s genug.
  Gerade am Gürtel, wo sich früher ein Würstlstand an den anderen reihte, wo Kunden entweder "König" oder gleich "Kaiser" waren, sind die Kebabbuden in letzter Zeit auffallend zahlreich geworden. An einigen U-Bahn-Stationen buhlen dort sogar gleich mehrere Anbieter um hungrige Mäuler, wobei sich der Konkurrenzkampf wohl eher im gegenseitigen Preisdumping als in Sachen Qualität bemerkbar macht. Zwischen zwei und drei Euro kostet eine Portion Kebab im Brotfladen heute, inklusive scharfem Drüberstreu.
  Meist dreht sich übrigens "gesundes" Hühner- oder Putenfleisch am Spieß, das klassische Lamm ist ein weitaus weniger beliebtes Dönertier. Nicht nur aus Kostengründen, wie ein Standbetreiber meint: "Hühnerfleisch ist einfach beliebter." Obwohl: Verglichen mit Döner-Kebab-Metropolen wie Berlin könne man Wien diesbezüglich vergessen, meckern Besucher wie Testesser regelmäßig – und holen sich ihre Ballaststoffe lieber anderswo.
  Dass auch der schnelle Imbiss vom Bäcker in Wien immer beliebter wird, liegt erstens daran, dass vor allem an hoch frequentierten Plätzen, auf Einkaufsstraßen oder in U-Bahn-Passagen, die Ankers, Ströcks oder Manns seit ein paar Jahren stärker präsent sind. Und daran, dass es Brezeln, Salzstangerl, Kipferl oder Topfenkolatschen zwar immer noch gibt, die Großbäckereien sich aber längst auf die anspruchsvollere Kundschaft eingestellt haben, die statt dem einfachen Käsesemmerl gefüllte Ciabatte, Salate oder aufwendige Fladenbrotkreationen bevorzugt. Im Eiskasten gibt es schon längst nicht mehr nur Milch und Kakao, sondern das ganze Getränkesortiment.
  Vor allem in den U-Bahn-Filialen machen die Bäckereien viel Umsatz mit den Snacks. Hergestellt werden die oft nach Saison wechselnden Snackereien nicht mehr wie früher in den Filialen selbst, sondern in den Zentralen der Großbäckereien. Dort schmiert man in aller Früh in eigenen Abteilungen die Brote um die Wette, belegt sie appetitlich und verpackt sie für den Transport quer durch die Stadt.
  Mittlerweile haben sich sogar auch kleinere Bäcker auf das Geschäft mit dem schnellen Happen eingestellt. Vom Getränkehersteller Coca-Cola gibt es seit neuestem eigene Leuchttafeln, mit denen der Bäck ums Eck Kombinationen aus Brause und Extrawurstsemmer im Supersonderangebot hochprofessionell anpreisen kann: Systemgastronomie im Kleinen halt.

Systemgastronomie im Großen bringt McDonald’s mit seinen mehr als 160 Filialen in ganz Österreich, 307 Millionen Euro Umsatz und hundert Millionen Gästen jährlich. Seit einiger Zeit poliert die Fastfoodkette tüchtig an ihrem Image, wohl nicht nur wegen der gewachsenen Anzahl an Mitbewerbern. Da werden im Zeichen des BigMac Ernährungsspezialisten, Fitnesstrainer und Dicke-Kinder-Fachärzte konsultiert, Hochglanzbroschüren aufgelegt, in denen man dann nachlesen kann, wie kalorienarm oder -reich Fleischlaibchensemmeln, Pommes und Shakes sind, eine kleine Blattsalatkunde inklusive. Im Internet gibt’s den "Nährwertscanner", der einem die Menüzusammenstellung erleichtern soll. Man demonstriert öffentlichkeitswirksam die hohen Qualitätsansprüche an die heimischen Erdäpfelbauern, lässt sich sogar die Eiscreme begütesiegeln und bezieht Eier ausschließlich von Tonis glücklichen Freilandhühnern.

In England, wo die Marke McDonald’s mit der Einführung von Salat und vegetarischem Burger ebenfalls gerade neu positioniert wurde, ließ sich das Unternehmen die "Unbedenklichkeit" seiner Produkte jetzt sogar attestieren. Kooperationspartner dieser Gütesiegelaktion: die englische Vegetarian Society. Fast scheint es, als bräuchte das Schnellrestaurant neue Kunden.
  Leute, die selbst unter den salatgrünsten Umständen kein Fastfoodlokal betreten würden, zählen sich zur internationalen Slowfoodbewegung, einer Vereinigung, die vor fast zwanzig Jahren vom italienischen Gourmet Carlo Petrini als Protest gegen die Eröffnung eines McDonald’s-Restaurants an der Spanischen Treppe in Rom gegründet wurde und mittlerweile in 35 Ländern 60.000 Mitglieder zählt. Auch in Österreich engagieren sich rund 500 Slowfoodanhänger, vor allem Menschen aus der Gastronomie, für den langsamen Genuss ohne Hast und Eile. Aber manchmal soll’s eben schnell gehen. Und länger als eine schnelle Mahlzeit lang in einem Fastfoodrestaurant zu hocken, kann ganz schön langweilig werden.

 
Im Kino: "SUPER SIZE ME"
Der Anti-Burger-Missionar


Warum gibt es in Amerika so viele fettleibige Menschen? Der New Yorker Filmemacher Morgan Spurlock ging dieser Frage im Selbstversuch nach. Dreißig Tage ernährte er sich morgens, mittags und abends bei McDonald’s und dokumentierte das Ergebnis – zwölf Kilo Gewichtszunahme, Leber- und Blutwerte, die seine Ärzte in Alarmbereitschaft versetzten – in "Michael-Moore-Manier" mit der Kamera.
  Entstanden ist "Super Size Me", ein poppiges Anti-Fastfood-Manifest, in dem der Regisseur sein Publikum direkt anspricht und es mit Musik, jeder Menge bunter Grafiken und schnellem Schnitt bei der Stange hält. Spurlocks schein-naiver Fragegestus erinnert dabei ein wenig ans Kinderfernsehen, an Peter Lustigs "Löwenzahn" oder "Die Sendung mit der Maus": "Warum kommt eigentlich jedes dritte Chicken-Nugget in Nikolausstiefelform? Schauen wir uns mal an, was McDo mit den Hühnern macht." Und weil eine klare Botschaft keine Grauzonen verträgt, wird dabei manches stark vereinfacht oder, wie die komplexen Zusammenhänge der Globalisierung, einfach ausgeblendet.
  "Super Size Me" verlässt sich auf einprägsame Bilder, nonverbale, möglichst direkte Botschaften wie jene Szenen, in denen Spurlock seinen Körperdysfunktionen freien Lauf lässt, dem, was er die McRülpser und McBauchkrämpfe nennt. Vor der Kamera wird gekotzt und über das Versagen im Bett als Folge des Burger-Konsums gesprochen. All das ist unterhaltsam und witzig, doch spätestens wenn Spurlock für all jene, die immer noch nicht verstanden haben, Abbildungen von einem Ronald McDonald mit bösartig verzerrter Grimasse einblendet, wird klar, dass hier nicht nur polemisiert, sondern im Grunde mit exakt den gleichen Mitteln gearbeitet wird, wie sie auch die Werbeindustrie einsetzt. Der Falter sprach mit Spurlock über seinen Film.


Falter: Herr Spurlock, es heißt, dass Sie demnächst mit Ihrem Film durch amerikanische Volksschulen und Highschools touren wollen ...

Morgan Spurlock: Ja, diesen Herbst, gemeinsam mit Alex, meiner Lebensgefährtin. Sechs Wochen werden wir auf Achse sein, von Schule zu Schule reisen, irgendwann zwischendurch fliege ich mit dem Film nach Japan, und dann geht es wieder mit den Schulen weiter.

Jetzt ist ja Ihr Film sehr polemisch. Glauben Sie denn, dass "Super Size Me" Kindern hilft, selber zu denken, sich eine eigene Meinung zu bilden?

Ich glaube, dass er prima dazu taugt, Kindern klarzumachen, wie sich Ernährung auf den Körper auswirkt. Und dabei macht er Spaß, unterhält. In den USA werden die Schulen von Junkfood überschwemmt. Die Konzerne haben die Kantinen für sich entdeckt, um dort Geld zu machen – und wie könnte man diesem Trend besser entgegenwirken als mit einem Film wie diesem?

Die Frage hatte sich aber auf den Manipulationsmechanismus des Films selbst bezogen: Er lässt einem keine Luft, eine differenzierte, eigene Meinung zu entwickeln. Die Botschaft ist ja fertig verpackt ...

Ich verstehe Sie nicht! Was für eine Meinung soll denn ein Zehnjähriger haben? Soll er vielleicht glauben, es sei okay für ihn, vier, fünf Mal die Woche bei McDonald’s zu essen?

Wahrscheinlich nicht, aber es geht um die Art, wie die Botschaft transportiert wird. Ist sie nicht zu manipulativ, um an Schulen eingesetzt zu werden?

Warum, ich frag Sie, warum?

Weil Ihr Film im Grunde mit denselben Mitteln arbeitet wie die Werbemaschinerie derer, gegen die er sich wendet.

Ich sag Ihnen was, diese Kinder gehen heim und knallen sich vor den Fernseher. Innerhalb eines Jahres sehen sie dort 10.000 Food-Commercials. 10.000! Die schalte ja nicht ich. Und wer schaltet sie? Die Lebensmittelindustrie. Und da sind jetzt mal die anderen Anzeigen, die einem so im Alltag begegnen, gar nicht mitgerechnet. Da braucht es ein Gegengewicht.

Das heißt, es war von Anfang an Ihre Absicht, die Industrie mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen?

Ja, what’s wrong with it? Diese Kinder treffen jeden Tag schlechte Entscheidungen. Es ist doch nichts Arges daran, sie zum Nachdenken zu bringen, ob sie sich jetzt diese Cola oder diesen Schokoriegel wirklich noch reinziehen sollen. Und so wie die Lage jetzt ist, gibt es kein Gegengewicht zur Werbepropaganda der Food-Industrie. Wer soll also das Kind dazu bringen, das Richtige für seine Gesundheit zu tun? Sie sind es nicht, die Eltern nicht und die Lehrer auch nicht.

Sie klingen wie ein Missionar ...

Wenn man einen Film macht, der die Leute nachdenklich macht, der sie dazu bringt, sich zu ändern und die Welt, in der sie leben, kritischer wahrzunehmen, hat man eine Verantwortung. Deshalb ist es mir wichtig, mit meinem Film zu reisen, nicht nur durch die USA, sondern auch durch andere Länder. Es ist gut möglich, dass meine Warnungen hier in Österreich noch übertrieben klingen. Aber – auch auf euch rollt die Welle zu. Und bald wird es nicht mehr heißen, haha, all die fettleibigen Amis. Da wird es heißen, schaut euch die fetten Österreicher an. Darum ist es mir jetzt schon wichtig, dass man auch in europäischen Ländern gewarnt wird. Der American Way of Life wurde ja an die ganze Welt ausverkauft. Und wir verkaufen ihn euch noch heute – jeden Tag!
 
MAYA McKECHNEAY


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Oktober 2004 © FALTER
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