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| Visuelle Analphabeten |
| FOTOGRAFIE In Kooperation mit Paris und Berlin findet heuer erstmals ein Wiener "Monat der Fotografie" statt. Der "Falter" sprach mit dem Wiener Fotogaleristen Johannes Faber über die immer noch unterbelichtete Wahrnehmung des Mediums in Österreich. NICOLE SCHEYERER |
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Seit bereits 24 Jahren findet in Paris jeden zweiten November ein "Mois de la Photographie" statt. Eine Million Euro stand drei Kuratoren für das Programm 2004 zur Verfügung. Unter dem Übertitel "Histoire(s)" werden Ausstellungen im Centre Pompidou, Louvre, Jeu de Paume und an Dutzenden anderen Orten der Seine-Metropole gezeigt. Paris lud heuer erstmals ausländische Partnerstädte ein: Neben Berlin entschloss sich auch Wien letzten Herbst, an dem Fotomonat teilzunehmen. Der Wiener "Monat der Fotografie" wurde aber recht halbherzig begangen. Die mickrigen 57.000 Euro von der Stadt Wien reichten gerade mal für die Finanzierung der Festival-Drucksorten. Das meiste Geld floss in einen unhandlichen Katalog mit Vorworte der Kulturpolitiker und ein schwer dechiffrierbares Veranstaltungslogo des Pop-Art-Epigonen Erró. Für die Ausstellungen selbst gab es keine Subventionen. Dazu kommt die kurze Vorbereitungszeit: Etliche Museen waren schon verplant. Dabei bringen Fotoausstellungen regelmäßig hohe Besucherquoten. Für Wien würde sich auch eine Kooperation mit dem Fotomonat in Bratislava anbieten, der seit 1991 stattfindet. In der Beschäftigung mit dem Medium Fotografie gilt es hierzulande ohnehin viel aufzuholen, wie der Fotogalerist Johannes Faber aus dreißigjähriger Erfahrung weiß. "Unsere visuelle Kultur erlaubt es uns, einen Film nach den ersten paar Minuten zeitlich einzuordnen", meint Faber, der seit kurzem auch Vorsitzender des Galerienverbandes ist. "Solche Codes gibt es auch in der Fotografie, aber in Bezug auf diese Zeichen sind selbst Spitzen unserer Kulturgesellschaft Analphabeten." Das Wissen um die Geschichte und die Spezifika des bald 200-jährigen Mediums sei auch unter Fotografen und professionell mit Fotografie Beschäftigten verblüffend gering. "Das ist, wie wenn ein Maler einen Picasso nicht von einem Mondrian unterscheiden könnte." Faber führt diesen Missstand auf fehlende Strukturen zurück: "Wir sind meines Wissens das einzige Land der westlichen Welt, in dem man Fotografie nicht historisch-theoretisch studieren kann." Die Vorlesungen der Albertina-Kuratorin (und nicht mit dem Galeristen verwandten) Monika Faber stellen bis heute das einzige Lehrangebot des Wiener Instituts für Kunstgeschichte dar. Dementsprechend wenige Experten gibt es in Österreich. Die Einrichtung eines Fotografie-Lehrstuhls wäre dringend nötig. Das Ausdrucksmittel Fotografie geriet in Österreich durch die beiden Weltkriege ins Hintertreffen. Obwohl in Wien bereits 1864 die erste Fotoausstellung im deutschsprachigen Raum stattfand, brachte erst die Zwischenkriegszeit konsistentere Aufmerksamkeit hervor. Damals stellten Galerien wie Miethke und Würthle Kunstfotografie aus. Mit Heinrich Schwarz leitete einer der international anerkanntesten Fotohistoriker die Gemäldegalerie im Oberen Belvedere. Durch die Vertreibung und Ermordung des jüdischen Großbürgertums verlor die Fotografie ihre stärksten Proponenten in Österreich. Dazu kommt noch, dass sich die Nazis als eines der ersten politischen Regimes massiv der Fotografie bedient haben", erklärt Faber. An der 1945 wieder aufgesperrten Akademie am Schillerplatz wurde dieses Kunstform kein Platz eingeräumt. "Die Fotografie beginnt in Österreich erst wieder in den Sechzigerjahren mit den Aktionisten, mit Peter Weibel und Valie Export, also mit Künstlern, die sich der Fotografie bedient haben, aber nicht als eigenständige Kunstrichtung." Diese Künstler waren Autodidakten: Bis vor wenigen Jahren wurde an Wiens Kunstakademien kein Fotografiestudium angeboten. Die Habsburgermonarchie sei zwar künstlerisch in Europa nicht führend gewesen, aber immerhin habe man im 19. Jahrhundert intensiv gesammelt. "Wir haben gar keine Ahnung, was in unseren Museen noch alles schlummert." Für die Begutachtung der heute noch oft in Bananenschachteln aufbewahrten Schätze bräuchte es aber Spezialisten. Faber selbst brachte für eine Ausstellung über die emigrierte Fotografin Trude Fleischmann Wochen in der Sammlung des Theatermuseums zu. Die Bilder sind dort nach wie vor nicht nach Fotografen, sondern nach Sujets sortiert. "Ab und zu fand ich ein Original. Man muss bedenken, dass so ein Bild doch einen Wert von 5000 Dollar hat. Dort ist es aber wie irgendeine Postkarte oder ein Zeitungsausschnitt abgelegt." In den Zwanziger- und Dreißigerjahren hätte es in Wien an die dreißig wichtige Fotografinnen (u.a. Madame d’Ora, Manassé, Trude Geiringer, Dora Horovitz) gegeben. Die Leistungen dieser Töchter des jüdischen Bürgertums, denen der Zugang zur Universität verwehrt war, ist bis heute nur bruchstückhaft aufgearbeitet. Nach Paris fährt Faber jeden November anlässlich der Messe "Paris Photo". Nach bald 25 Jahren Galeriebetrieb zählt der Fotohändler in Österreich um die zwanzig Sammler zu seinen Kunden. Aber neunzig Prozent des Fotomarktes liefen ohnehin über die USA. "Allein in New York gibt es 200 Galerien, die mit klassischer Fotografie handeln. Aber Kunst, und speziell Fotografie, ist in Österreich nicht mehr Bestandteil bürgerlicher Kultur." Den französischen "Monat der Fotografie" sieht er weniger als städtetouristische Veranstaltung denn als Anliegen der dortigen Gesellschaft. "Ich finde es durchaus positiv, dass in Wien doch ein so großes, vielfältiges Programm zustande gekommen ist", meint Johannes Faber. "Aber Qualität ist wichtiger als Quantität. Ohne strukturelle Reformen besitzt eine solche Veranstaltung doch nur Eventcharakter." "Monat der Fotografie": Eröffnung am 4.11., 18 Uhr, im Wien Museum am Karlsplatz. Programm: www.2004.photographie.com Monat der Fotografie Einmal von Paris bis Texas und zurück Über siebzig Institutionen, Galerien und Ausstellungsorte konnte die Stadt Wien 2004 für das städteübergreifende Fotofestival gewinnen. Im Grunde ist jeder, der öffentlich ein paar Fotos aufhängt, dabei. Ein Wermutstropfen: Aufgrund der kurzen Vorlaufzeit fehlen eigene Ausstellungen der wichtigsten heimischen Fotosammlungen, Albertina und Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB). Auch die schöne Schau des Porträtfotografen Cecil Beaton im KunstHaus Wien gehört seltsamerweise offiziell nicht zum Programm. Erfreulich ist die hohe Beteiligung von Offspaces und die Bandbreite an Fotogenres: Pressefotografie aus der Weimarer-Republik von Willy Römer (Wien Museum) und aus 16 Jahren Der Standard (ÖNB), historische Fotos der Wiener Weltausstellung 1873 (Technisches Museum) und des um 1900 wirkenden Porträtisten Ferdinand Schmutzer (Wiener Stadt- und Landesarchiv) und außergewöhnliche Präsentationen wie die Selbstporträts des Philosophen Jean Baudrillard (Institut Français). Nachfolgend ein paar Hinweise auf interessante Ausstellungen im Monat der Fotografie. Henri Cartier-Bresson Zwischen seinen vielen Reisen suchte der kürzlich 95-jährig verstorbene Fotograf und Weltbürger Cartier-Bresson auch in Paris immer wieder nach dem "entscheidenden Augenblick". Die zwischen 1929 und 1975 entstandenen Fotos zeigen Straßenszenen einer beschaulichen, häufig armen Weltstadt. Nicht so romantisch und tourismustauglich wie die Parisbilder eines Robert Doisneau, vermitteln Cartier-Bressons Aufnahmen dennoch seine Liebe für die Menschen der Seinemetropole. Die perfekte Komposition der Fotos kann nur begeistern. Das Wien Museum folgt mit der Schau "Die Essenz von Paris" seinem Prinzip, sich mit der Repräsentation anderer Städte zu beschäftigen. Vom 4.11. bis 9.1. im Wien Museum (4., Karlsplatz). Lucca Chmel Die Wiener Architektur der Nachkriegszeit wird in den Fotos von Lucca Chmel (1911–1999) zum besonderen Genuss. Mit entschlossener Klarheit begleitete die erste österreichische Architekturfotografin die Baukunst von Roland Rainer, Erich Boltenstern oder Oswald Haerdtl. Das weitgehend unbekannte Werk Chmels zeichnet sich durch seine raffinierte Lichtregie aus. Ihr Gefühl für den Einsatz von Licht und Schatten wird vor allem bei den Innenaufnahmen von Kinos, Espressos und Foyers deutlich. Die Nationalbibliothek besitzt Chmels Nachlass mit 100.000 Glasplattennegativen und über 500 Vintageprints, aus dem nun erstmals Arbeiten von 1945 bis 1970 präsentiert werden. Vom 16.11. bis 9.1. im WestLicht (7., Westbahnstraße 40). Elliott Erwitt & Okky Offerhaus Der Magnum-Fotograf Elliott Erwitt und das Mannequin Okky Offerhaus waren sechs Jahre lang verliebt. Während dieser Zeit lernte auch Offerhaus fotografieren. Ab 1961 reiste das mondäne Paar um die Welt und lichtete sich gerne gegenseitig ab. Während Erwitts formal faszinierende Bilder zum Schmunzeln anregen, tendieren die Arbeiten der heute am Semmering lebenden Offerhaus in die sozialkritische Richtung einer Diane Arbus. Die Ausstellung zeigt Reportagebilder von brasilianischen Minenarbeitern und marokkanischen Nomaden ebenso wie intime Momentaufnahmen einer Beziehung, die wesentlich von Blicken durch die Linse geprägt war. Bis 27.11. in der Galerie Johannes Faber (4., Brahmsplatz 7). Tomoko Sawada Mitte der Siebzigerjahre begann sich die US-Künstlerin Cindy Sherman selbst in Frauenrollen Hollywoods zu inszenieren. Die um diese Zeit geborene Japanerin Tomoko Sawada arbeitet in der Tradition Shermans, widmet sich jedoch noch obsessiver gesellschaftlichen Klischees. Für die beindruckende Passbildserie "ID 400" kletterte die 27-jährige Künstlerin 400 Mal unterschiedlich verkleidet in einen Fotoautomaten. Die witzigen Aufnahmen beweisen Sawadas Lust am Schauspiel. Mit den sozialen Stereotypen der Arbeitswelt beschäftigt sich die Fotoreihe "Costume". Anlässlich ihrer Wiener Ausstellung "Desire to mimic" wird die Künstlerin dieses Rollenspiel im Fach "Museumsdirektor" weiterführen. Bis 6.2. in der MAK-Galerie (1., Stubenring 5). Stephen Shore "Die biografische Landschaft" nennt sich eine Schau des Farbfotografen Stephen Shore, der für seine großformatigen Aufnahmen amerikanischer Städte bekannt wurde. Der 1947 geborene New Yorker Shore beschreibt in einem Aufsatz, wie er sich als Städter 1972 bei einer ersten Reise nach Texas schockhaft der Landschaft bewusst wurde. Kurz darauf begann der Künstler, Plattenkamera-Aufnahmen von wunderbarer Farbqualität und Bildschärfe zu produzieren. Shores Buch "Uncommon Places", in dem er die Dokumentation amerikanischer Alltagskultur mit biografischen Elementen verband, avancierte zu einem Klassiker der jüngeren Fotogeschichte. Vom 12.11. bis 12.12. in der Akademie der bildenden Künste (1., Schillerplatz 3). Aleksandr Rodtschenko 1932 erhielt Aleksandr Rodtschenko vom Verlag Isogis einen Auftrag für Aufnahmen von Moskau. Steile Häuserecken und funktionalistische Neubauten hatte der Künstler, Designer und Fotograf schon vorher in seinem typisch perspektivisch verkürzten Stil festgehalten. Der konstruktivistische Künstler interessierte sich sowohl für die formale Darstellung von Raum als auch für die Szenen urbanen Lebens. Rodtschenkos Moskau-Bilder wurden als eine der ersten autorisierten Serien der sowjetischen Fotografie publiziert. Die mittlerweile zu Raritäten gewordenen Bilder der Ausstellung stammen aus der Sammlung des Moskauer Hauses für Fotografie. Vom 11.11. bis 12.12. im Jüdischen Museum (1., Dorotheergasse 11). Didi Sattmann "Lehrer, Priester, Künstler, Vater, Gott. Räuber und Gendarm", führt Didi Sattmann die "männlichen Wurzeln" an, zu denen er bei seiner fotografischen Erkundung des eigenen Geschlechts gestoßen ist. Seine Auseinandersetzung mit dem Patriarchat sei von dem Ziel der Überwindung eines "gewalttätigen, bedrohlichen und destruktiven Bildes des Mannes" bewegt. Die Ausstellung "Ansichten vom MannSein" zeigt Porträts von Künstlern und Kulturmenschen wie Bruno Gironcoli, Walter Pichler oder Raimund Abraham. Sattmann, Jahrgang 1951, interessiert sich aber auch für die Männlichkeitsentwürfe von Wiener Piercing- und Tattoo-Aficionados. Vom 12.11. bis 22.12. in der Galerie Atrium ed Arte (7., Lerchenfelder Straße 31). Doppelte Reise Die Künstler dieser Schau verbindet ihre Herkunft: Was ungarische Fotografen seit der Erfindung des Mediums bis 1978 rund um die Welt festgehalten haben, wird anhand von hundert Exponaten vorgestellt. Das erste Bild der Schau wurde 1857 von Pál Rosti bei einer Expedition in Südamerika aufgenommen. Etliche der gezeigten berühmten Fotografen haben in der Emigration ihre schwierigen Namen geändert: etwa Gyula Halász (Brassai), Endre Ernö Friedman (Robert Capa) oder László Elkán (Lucien Hervé). Die vom Ungarischen Fotomuseum zusammengestellt Ausstellung ist erstmals zu sehen. Vom 5. bis 30.11. im Collegium Hungaricum (2., Hollandstraße 4). NICOLE SCHEYERER |
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