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Solange es noch steht
NACHTLEBEN  Wie funktioniert das denn? Am Praterstern, einem der grindigsten Orte der Stadt, befindet sich der derzeit wohl angesagteste Club Wiens: die Fluc-Mensa. THOMAS PRLIC´

Falter 44   Originaltext aus Falter 44/04 vom 26.10.2004

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Das Unterrichtsministerium hatte es sicher nur gut mit den Schülern aus den Bundesländern gemeint. Klassen, die im Rahmen der Wienwochen-Aktion ihre Bundeshauptstadt besuchten, durften lange Zeit in einer eigens dafür eingerichteten Mensa am Praterstern speisen. Die Wienbesucher bekamen hier eine ordentliche Portion Großstadtflair mitserviert, und auch die Inneneinrichtung des Speiselokals war auf ihre Art sehenswert. Brauner Fliesenboden, braune, gehäkelte Vorhänge, eine – natürlich – braune Wandverschalung aus Fichtenbrettern – ein Ambiente, an das sich Joachim Bock, Martin Wagner und Stefan Parnreiter noch sehr lebhaft als Mischung aus "ein bissl Almhüttenflair und finnischer Sauna" erinnern.
  Die Betreiber des ebenfalls am Praterstern gelegenen Musiklokals Fluc haben inzwischen auch die benachbarten Räume übernommen und ordentlich umgekrempelt. Sie beseitigten die "Sauna"-Elemente und bauten stattdessen Schalldämmungen, eine Bühne und eine Musikanlage ein. Die Mensa, die seit einiger Zeit nur mehr als Lagerraum diente, wurde so zum Musikclub Fluc-Mensa. Der vormalige Speisesaal sieht jetzt zwar immer noch sehr nach Esslokal mit Badezimmerflair aus, hat sich in den vergangenen Wochen aber so nebenbei zum derzeit spannendsten Veranstaltungsort der Stadt gemausert. Und das an einem der hässlichsten Orte Wiens.
  Schon mit dem Elektroniklokal Fluc sorgen Bock, Wagner, und Parnreiter seit drei Jahren für viel Bewegung am heruntergekommenen Wiener Nordbahnhof, der im Zuge der ÖBB-Bahnhofsoffensive demnächst tatsächlich umgebaut werden soll. Dank eines erfrischenden und engagierten Konzert- und Partyprogramms hat sich um die neue Fluc-Mensa nun ein regelrechter Hype samt allen positiven und negativen Begleiterscheinungen entwickelt. Im – auch am Partysektor – eher trägen und ansonsten sehr Hype-resistenten Wien passiert so etwas in dieser Form nur alle heiligen Zeiten einmal. So gab es in den vergangenen Wochen viel mediales Lob, gleichzeitig aber auch jede Menge Szeneklatsch, Pro-und-Kontra-Diskussionen unter passionierten Partygehern, und sogar schon richtig bösartige Gerüchte. Im Vorfeld des jüngsten Auftritts des feministischen Elektronikpunk-Trios Le Tigre in der Fluc-Mensa hieß es etwa, die Ankündigung des Konzerts der US-Band sei nur ein Marketinggag. Natürlich fand das restlos ausverkaufte Konzert aber tatsächlich statt.
  Eeröffnet wurde die Mensa bereits zu Beginn des vergangenen Sommers, wobei die neuen Räumlichkeiten im Vergleich zum wirklich winzigen Original nebenan wesentlich mehr Platz und so einen sinnvolleren Rahmen für größere Konzerte bieten. Die Veranstalter hofften außerdem, dass die in einem versteckten Winkel des Pratersterns gelegenen Räume nicht ganz so schnell dem Bahnhofsumbau weichen müssten wie das etwas exponierter gelegene Fluc. Beide Lokale werden jedenfalls über kurz oder lang dem Neubau geopfert. Wann das genau sein wird, wissen die Flucler allerdings noch nicht.
  Über den Sommer lief der neue, sehr improvisiert eingerichtete Musikclub – in dem man beispielsweise auf zusammengebundenen Bierkisten sitzen kann – noch im Wochenendbetrieb. Es gab verschiedene Konzerte und Partys, etwa vom Wiener Cheap-Label, und kleine Festivals. Seit Oktoberbeginn gibt’s in der Mensa auch unter der Woche Programm. Während die Veranstaltungen im Fluc immer noch gratis sind, müssen die Gäste im Nachbarlokal allerdings Eintritt bezahlen. Die Konzertkartenpreise um die fünf Euro sind zwar vergleichsweise niedrig, trotzdem sahen sich die Veranstalter prompt mit Kommerzialisierungsvorwürfen konfrontiert. "Dabei verlangen wir eh nur das, was absolut notwendig ist, um die Künstler einfliegen zu können", sagt Martin Wagner, "und Gruppen wie Le Tigre kann man einfach nicht gratis spielen lassen." Was nicht bedeutet, dass bekannte Musiker und Bands nicht die engagierte Low-Price-Politik honorieren würden. "Le Tigre wollen im Frühjahr wieder bei uns spielen, I-Wolf, der vor zwei Jahren noch im ausverkauften WUK aufgetreten ist, präsentiert Anfang November seine neue CD bei uns, und Attwenger (die vorige Woche in der Mensa auftraten, Anm. d. Red.) könnten auch das Flex füllen."
  Bis vor kurzem hatte das Fluc nicht nur wegen des abseits von allen Szenetrampelpfaden gelegenen Standorts eine relativ einmalige Stellung in der Stadt inne. Musikalisch war es am ehesten mit dem Elektronikbeisl rhiz vergleichbar, aber zusätzlich gab’s am Praterstern immer schon eine Kulturschiene. Nun müssen sich die Clubbetreiber, die in den Fluc-Anfängen die Getränke noch vom Billa nebenan holten, plötzlich mit großen Veranstaltungsorten wie dem Flex und der Szene vergleichen lassen. "Wir kochen unsere eigene Suppe, und fertig", sagt Joachim Bock etwas trotzig. Trotzdem achtet man mittlerweile darauf, nicht am selben Abend wie etwa im Flex Techno- oder Alternative-Gitarrenacts zu buchen, um sich nicht gegenseitig das Publikum abzugraben.
  Seit Herbstbeginn versuchen sich Wagner, Parnreiter und Bock als Profiveranstalter und betreiben Fluc und Mensa hauptberuflich. Bock und Wagner hängten dafür sogar ihre Brotjobs als Werk- und Zeichenlehrer an den Nagel. Inklusive der Kunstschiene berade einmal 10.kommen die Praterstern-Beleber ge000 Euro Förderungen jährlich von der öffentlichen Hand. "Optimismus ist ein wichtiges Prinzip bei der ganzen Sache", meint Wagner, und Parnreiter ergänzt: "Es beruht sowieso alles auf Selbstausbeutung."

Der großen Aufmerksamkeit, die ihrem Club derzeit zuteil wird, stehen die Neoprofiveranstalter mit gemischten Gefühlen gegenüber. "Natürlich freut man sich über die Anerkennung, immerhin haben wir für wenig Geld drei Jahre lang irrsinnig reingehackelt", sagt Wagner. Stefan Parnreiter, der zusätzlich noch das Avantgardelabel Artonal betreibt, ist die Sache ein wenig unheimlich: "Gerade medial werden da schon gewisse Erwartungen geweckt." Wobei die Flucler den Hype generell eher als Medienphänomen betrachten. Zwar sei die Mensa an Wochenenden oft voll, andererseits kämen unter der Woche bei guten Konzerten dann oft wieder weniger Leute.
  Zumindest bei Party- und Konzertorganisatoren herrscht aber jedenfalls rege Nachfrage nach einem derartigen Ort. Der Clubraum bietet bequem Platz für 250 Leute und ist damit größer als die meisten Gürtellokale, andererseits aber auch nicht so groß wie etwa das Flex oder das WUK. Damit deckt die Fluc-Mensa eine echte Marktlücke in der Stadt ab. "Es ist überhaupt der perfekte Standort", schwärmt Tanya Bednar, die den freitäglichen Icke-Micke-Club mitveranstaltet. "Man kann hier Lärm machen ohne Ende, weil es keine Anrainer gibt. Und weil es so versteckt liegt, würde nicht einmal irgendwelchen Nörglern auffallen, dass hier etwas los ist."
  Die Icke-Micke-Partys fanden den Sommer über noch in der Künstlerhauspassage statt und entwickelten sich dort zum angesagtesten Szenetreff der vergangenen Monate. Mit der Übersiedlung in die Mensa brachte der Club also gleich einen gut eingeführten Namen, sein Publikum und vor allem ein erfrischendes Musikprogramm mit. "Uns war es immer schon ein Anliegen, das Publikum szeneübergreifend zu mischen", sagt Martin Wagner. So kommt es nun, dass hier einmal die Partyfraktion der Twenty- und Thirtysomethings zu Technobeats und Elektronikgebrettere abfeiert und tags darauf die Avantgardefans vorbeikommen. Oder völlig unterschiedliche Veranstaltungen finden parallel im Fluc und in der Mensa statt, das Publikum pendelt dazwischen hin und her. "Beide Lokale funktionieren eher wie ein Club mit zwei Floors, als dass es konkurrierende Locations wären."

Dass der Standort Nordbahnhof nur eine temporäre Ansiedlung zulässt, war den Clubbetreibern von Anfang an klar. Wobei der improvisierte Charme der Lokale zweifellos seinen Reiz hat, der Praterstern zwar grindig sein mag, aber den Fluclern dafür jede Menge Entfaltungsmöglichkeiten geboten hat. "Wahrscheinlich sind wir der letzte wirkliche Punkclub in Wien – obwohl niemand von uns wirklich Punk ist –, ich meine das im Sinne eines Do-it-yourself-Gedankens", meint Stefan Parnreiter. Die ungewisse Zukunft wird mittlerweile allerdings zum echten Problem. Als möglicher Auszugstermin wurde den Fluclern zuletzt von der ÖBB allen Ernstes die Zeit zwischen Februar 2005 und dem Jahr 2008 genannt. Langfristig planen lässt sich so nicht. Als mögliches drittes Standbein für Kunstaktionen haben die drei zwar die nahe gelegene Fußgängerpassage Richtung Prater im Auge, Mensaersatz wäre das allerdings keiner. "Die Krux ist ja die: Wir sind permanent im Endspurt, weil wir ständig glauben, dass wir in zwei Monaten zusperren müssen", sagt Wagner. Zumindest in Sachen Produktivität hat die Ungewissheit also ihre gute Seite – jedenfalls fürs Publikum. Solange der Bahnhof noch steht.

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Oktober 2004 © FALTER
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