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| "Ich kann ja gar nichts!" |
| CARTOON Anlässlich seines neuen Buches spricht der Humorzeichner Tex Rubinowitz über seinen überraschenden Erfolg als Maler, über die manipulative Kraft des Internetforums Höfliche Paparazzi und die Faszination amerikanischer TV-Serien. MATTHIAS DUSINI und KLAUS NÜCHTERN |
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| Gerade einmal eine Woche studierte der heute 43-jährige Zeichner Tex Rubinowitz an der Angewandten. Die Ausstellung mit den Cartoons seines neuen, im Falter Verlag erschienenen Buches dauerte zwar doppelt so lang wie seine Studienzeit, ist aber dennoch bereits wieder geschlossen. Der aus der Lüneburger Heide stammende Rubinowitz (bürgerlicher Name: Dirk Blocker) lebt seit zwanzig Jahren in Wien; er war Schauspieler in der Theatergruppe Sparverein Die Unzertrennlichen, gründete mit Gerhard Potuznik die Band Mäuse und edierte einige Ausgaben des Literaturmagazins Der Rabe; er ist Labelbetreiber, Mitbegründer des Internetforums Höfliche Paparazzi, Cartoonist für den Falter, den Standard und Titanic und neuerdings auch wieder Maler – und zwar von Tieren und der Schriftstellerin Elfriede Jelinek. Gemeinsam mit anderen Witzzeichnern ist er derzeit in der Ausstellung "Batzen, Wuschel und Zapfen" im Wien Museum vertreten. Falter: Du hast ein Farbband mit einer Chipcard dabei – wofür ist das gut? Tex Rubinowitz: Das ist nur fürs Fax. Das habe ich noch – statt SMS. Warum bist du dieser archaischen Technologie so treu verbunden? Wegen Haptik. Spielt die für dich auch als Zeichner eine Rolle? Ach, läuft das Band schon? Ja. Wenn du zeichnest, muss es auch ein haptisches Element haben? Oder könntest du auch am Computer arbeiten – Dinge einscannen, mit Bildprogrammen arbeiten? Nein. Wozu auch? Was ist das Geile am Zeichnen? Da ist gar nix Geiles dran, das läuft ja nebenher. Ich schaue eher fern, als dass ich zeichne. Ich sauge Texte und Textfragmente aus dem Kontext, und die wandern dann in die Zeichnungen. Für deine Ausstellung in der Galerie Christine König hast du zuletzt auch in Öl gearbeitet. Was hat es damit auf sich? Ich habe das ja eine Woche lang bei Professor Oberhuber studiert, hatte auch die Ambition zu malen. Und nachdem es mir zu flach und billig erschien, einfach Zeichnungen an die Wände der Galerie zu hängen, dachte ich: Okay, greife ich halt das wieder auf, was ich vor zwanzig Jahren eine Woche lange praktiziert habe. Also habe ich in einer Nacht ein paar Ölgemälde gemalt. Interessanterweise sind die dann auch verkauft worden – und weniger die Zeichnungen. Das erstaunt dich? Nein, nicht wirklich, denn früher wars auch das Gleiche: Das billige Bauhaus wurde nicht gekauft, sondern das teure Art déco. Bedeutet der Umstand, in einer Galerie präsent zu sein, dass du dich jetzt als Künstler begreifst? Nein, die Zeichnungen sind Gebrauchsgrafik. Jede Zeitung leistet sich so ein paar Ornamente – da gehören neben Zeichnungen meiner Meinung nach auch Kolumnen dazu. Kunst interessiert mich sehr – aber eher als übergreifende Kunst, also etwa die soziale Plastik eines Joseph Beuys. Ich versuche das ja auch zu machen. Mit den Höflichen Paparazzi habe ich ein Netzwerk von rund 11.000 Menschen geknüpft, die ich manipulieren kann und denen ich sagen kann, in welche Richtung sie gehen sollen. Das macht wahnsinnig viel Spaß. Aber hast du nicht immer eher den Aspekt der Nichtkunst in den Vordergrund gestellt? Ja, weil man ein Label auf die Stirn gedrückt bekommt, das man nicht mehr los wird. Christine König hat zum Beispiel meine Jelinek-Bilder in Öl auf die Art Cologne mitgenommen, um auch noch auf den Jelinek-Zug aufzuspringen. Warum auch nicht?! Daher musste ich die leer gewordenen Flächen an der Wand aber mit neuen Bildern behängen. Also habe ich über Nacht noch schnell vier neue Gemälde gemalt und noch feucht in die Galerie getragen. Auf dem Weg traf ich Dirk Stermann, der sich ein Bild – einen ganz naiv gemalten Hund – ansah und meinte: "Das ist aber gar nicht lustig!" Es war auch nicht lustig gedacht. Man traut mir bloß etwas Ernstes gar nicht zu. Die Jelinek-Bilder sollen ernst sein? Nein, es ist halt eine etwas andere Herangehensweise. Wenn Franzobel etwas über Jelinek schreibt, ist das ja auch ernst gemeint – obwohl es totale Scheiße ist. Auch ich erhebe solche Ansprüche, nur dass es mir niemand zugesteht. Es ist ganz seltsam: Neulich habe ich gelesen, dass ein furchtbarer Musiker namens Henry Rollins über einen anderen furchtbaren Musiker namens Nick Cave gemeint habe: Der sei ja super und habe auch noch Humor. Das muss immer betont werden. Und ich muss halt immer sagen: "Hey Leute, ich bin auch ernsthaft!" Ich weine auch – natürlich lieber im Taxi als im Bus. Ist das nicht auch eine verquere Arroganz, dass die Leute immer für das geschätzt werden wollen, wofür sie eben nicht bekannt sind? Du bist eben ein Spaßspezialist. Aber durch Zufall! Es ist mir passiert. Und es hat sich herausgestellt, dass du das beherrscht. Das glaub ich nicht einmal. Nicht nur ich, auch das Publikum ist da reingewachsen. Ich höre auch heute noch den Satz "Das versteh ich nicht" – aber nicht mehr so oft. Die Leute reflektieren also darauf, dass das irgendwie witzig ist und nicht bloß skurril. Wäre das anders gekommen, wenn du nicht bloß eine Woche lang an der Angewandten studiert hättest? Es wäre auf jeden Fall anders gelaufen, wenn ich nicht beim Falter genommen worden wäre. Dann hätte ich mir eben was anderes ausdenken müssen. Malerei? Wahrscheinlich. Um diese Zeit, Mitte der Achtzigerjahre, haben Martin Kippenberger und Albert Oehlen ja auch in Wien gelebt, und die kannte ich schon aus Hamburg. Also hätte ich mich wahrscheinlich an diesen Zug angehängt. Und warum ist es doch nicht dazu gekommen? Weil ich ein relativ fauler Mensch bin und es mir viel mehr Mühe macht, ein Ölbild zu malen als eine Zeichnung zu machen. Hast du dir nie überlegt, auf Kunst zu machen, weil das einfach viel mehr Geld bringt? Bei einer Galerie hätte ich Klinken putzen müssen, und das ist wahnsinnig peinlich. Die sehen ja auch, wenn man epigonal ist. Aber zum "Falter" bist du ja auch gegangen und hast was angeboten. Ja, aber ich hab einfach was hingeschickt, die haben das sofort genommen, und von Stund an habe ich dieses Loch monopolartig besetzt. Es gibt ja noch andere Möglichkeiten. Mit den Mäusen hast du durchaus ernsthaft Musik betrieben, oder? Schon. Ich kommuniziere gerne, und auch wenn es nicht so aussieht, bin ich recht sozial. Zu Gerhard Potuznik bin ich halt hingegangen und habe ihn als Erfüllungsgehilfen benutzt. Was hast du eingebracht? Potuznik hat da ja viele Geräte, und ich habe dann gesagt: "Mach mal dieses Geräusch!" oder "Dreh mal da!", "Mach den Beat etwas langsamer" ... Ich kann ja überhaupt nichts – kein Instrument, gar nichts. Das ist dann ohnehin eine typische New-Wave-Haltung des Antiprofessionalismus. Außerdem habe ich überhaupt kein Problem damit, Dinge zu delegieren. Andy Warhol war auch ein großer Delegierer, Malcolm McLaren konnte auch nicht singen oder Instrumente spielen, hatte aber Visionen. Das sind ganz gute Vorbilder. Unter den 11.000 Leuten, die sich im Forum finden, wird sich doch verdammt noch mal jemand finden, der was auf die Beine stellen kann. Das Forum ist dein Hauptwerk? Eines. Momentan merkt man schon, dass es Ermüdungserscheinungen gibt. Es gibt zu viele Leute, die mit blöden Ideen die guten Ideen verwässern. Machen sie Faxen? Viele machen Faxen, und viele wollen mitspielen. Also gibt es etwa 150 Vertrauensleute, die aufpassen, dass nicht zu viele Faxenmacher reinkommen. Neigen künstlich erzeugte Gemeinschaften nicht manchmal zu totalitären Zügen? Sicher, dass muss aber auch so sein. Es gibt dann immer wieder Leute, die sagen: "Hey, das ist doch Internet, hier kann ich doch sagen, was ich will." Der kann dann schon mal sein Password abgeben und sich einen anderen Spielplatz suchen. Das sind unsere Regeln, wir haben den besseren Geschmack und wir bestimmen auch, was gut ist. In deinem "Falter"-Artikel über die Spaßkunstgruppe H.A.P.P.Y verweist du auf Dadaismus, die Happenings der Sechziger oder den Wiener Aktionismus. Siehst du dich in dieser Tradition? Nicht mich. Aber mich interessiert Aktionismus sehr. Das kann man aber immer nur in Zyklen machen. Jetzt ein Happening zu machen, geht nicht. Happenings sind wahnsinnig peinlich. In einem Buch von Paul McCarthy sieht man Leute bei Aktionen herumsitzen, die eine Mischung aus Wegschauen und Doch-interessiert-Sein zum Ausdruck bringen. Sich-fremd-Schämen ist ein schönes Wort dafür. McCarthy sagt, es sei sehr viel Humor bei diesen Aktionen dabei. Die Aktionisten werden vom Kunstmarkt zwar ernst genommen, wollen aber nicht in diese freudianisch ernsthafte Ecke gedrängt werden. Wäre ein Beispiel für die Grenze zwischen Humor und Ernst etwa die Künstlergruppe gelatin, die im Gegensatz zu H.A.P.P.Y vom Kunstbetrieb akzeptiert wird? Das Problem scheint zu sein, dass man mit Humor nichts verdienen kann. Die H.A.P.P.Y-Typen machen im Prinzip dasselbe, was Mike Kelley oder gelatin auch machen: große Stoffpuppen oder absurd-düstere Typen, aber auf witzig. gelatin waren ja Schüler von H.A.P.P.Y, haben sich das abgeschaut und cashen ordentlich ab. Wie ist das bei dir? Ein bisschen Geld brauchst du doch auch? Ich hab ja Geld. Ich hab nie viel Geld gebraucht und lebe auf kleinem Fuße. Mir fehlt nur die Energie, etwas durchzuziehen. Wo bleiben deine Blätter eigentlich? Bekommst du die wieder zurück? Manchmal, manchmal nicht. Es sind so viele. Was war dein erfolgreichster Deal? Eine Anzeigenkampagne in Deutschland für Zigarillos. Ich musste kaum was dafür tun. Ich habe das Geld dummerweise in Aktien angelegt, die kurzzeitig ins Unermessliche stiegen, dann aber wieder in den Keller fielen. Geht es dir darum, eine Existenz sichern zu können, ohne arbeiten zu müssen? Ich hab mir nie Gedanken darüber gemacht; das ist mir alles passiert. Jetzt, mit 43, wache ich manchmal auf und denke mir, das ist aber toll: bis zehn schlafen. Ich hasse nichts mehr als das Klingeln eines Weckers, das ist wirklich Folter. Du neigst also nicht zu präseniler Bettflucht? Ich nicht. Führst du das klassische Bohemienleben mit viel Ausgehen und Trinken? Um Gottes willen, überhaupt nicht! Ich muss unbedingt zwei Sendungen sehen in der Nacht und komme daher immer erst spät in die Federn. "Chaos City", eine Serie über den New Yorker Bürgermeister mit Michael J. Fox. Die hat extrem gute, schnelle Witze. Und "King of Queens": ein dicklicher Postzusteller lebt darin mit seiner Frau und seinem Schwiegervater zusammen. Früher waren soziale Kontakte mit dir schwierig, weil du zu so Scheißsendungen wie "Raumschiff Enterprise" nach Hause musstest. Das war wegen der Randgestalten interessant. Da gibt es etwa Odo, einen Sicherheitschef, der ein Formwandler war. Er konnte zwar kräftig zupacken, aber wenn er schlafen ging, wurde er flüssig und schlief in einem Kübel. Was interessiert dich denn an solchen Serien? Jetzt gibt es zum Beispiel eine ganz üble Serie mit dem Titel "Eine himmlische Familie". Die ist unpackbar schmierig. Eine sehr gute Studie über das Bild von Amerika. Du schaust also fern, um etwas zu lernen? Um mich zu bestrafen und mir etwa anzuschauen, wie ein Bild von einem Amerika vorgegaukelt wird, das nicht existiert – und mit welcher Selbstverständlichkeit das dann hier gesendet wird. Gibt es auch deutsche oder österreichische Serien, die du siehst? Lieber nicht. Es gibt also doch eine Schmerzgrenze. Stimmt. Sind die Serien die Grundlage deiner Zeichnungen? Nein. Das sind völlig aus dem Zusammenhang gerissene Sachen. Neulich hatten die ATVplus-Nachrichten so ein Insert, da stand: Hermann Maier auf den Spuren von Elfriede Jelinek. Da habe ich gegrübelt, was die eigentlich meinen: Hat der einen Preis gewonnen? Als Beitrag kam dann: Hermann Maier hat seine Autobiografie geschrieben. Deine "Standard"-Fernseh-Zeichnungen haben aber tatsächlich etwas Protokollarisches. Mich interessiert dabei vor allem die Werbung, vor allem die ganz statische Werbung für Reinigungsmittel oder Katzenfutter. Was die Rasiererindustrie alles versucht, um im Gerede zu bleiben! Zuerst gab es drei Klingen, dann kam die Konkurrenz mit vier Klingen, und jetzt gibt es drei Klingen plus Batterie. Hast du nicht selbst einmal als Werber gearbeitet? Ich hab Radiospots für Lagerhäuser geschrieben, etwa für Hyazinthenzwiebeln im Angebot. In zwanzig Sekunden mussten nicht nur Hyazinthenzwiebeln, sondern auch Narzissenzwiebeln, Tulpenzwiebeln und dann noch eine weitere Zwiebelart rein. Hy-a-zin-then-zwie-beln, ein sechssilbiges Wort in einem Zwanzigsekünder plus einem Zwiebelsetzer. Das alles sollte auch noch lustig sein! Ich hab das in der Agentur ganz schnell gesprochen, da hat das noch geklappt. Ich komm in das Tonstudio, wo der Opernsänger bereits übt: "Mimimimiii, mamamaaaa!" Der hat sich Zeit gelassen: "Zwiihibeeln." Das ging und ging nicht. Dann ist auch noch dem Tontechniker eingefallen, dass der Plural von Zwiebel gar nicht Zwiebeln ist, sondern Zwiebel. Schließlich ging das irgendwie. Inzwischen war aber das Angebot bereits hinfällig. Geschwitzt für nichts. Tex Rubinowitz: Auf der Uni gibts Gratis-Rettich. Wien 2004 (Falter). 96 S., EUR 16,– Hier bestellen! Christian Ankowitsch/Tex Rubinowitz: Wie Franz Beckenbauer mir einmal viel zu nahe kam. Höfliche Paparazzi und ihre kuriosen Begegnungen mit Prominenten. Frankfurt a.M. 2004 (Eichborn). 304 S., EUR 17,40 "Batzen, Wuschel und Zapfen": bis 20.2. im Wien Museum (4., Karlsplatz). Information: www.wienmuseum.at |
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