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Hader unser
KABARETT Am 8. Dezember hat, mehr als zehn Jahre nach „Privat“, endlich wieder ein neues Programm von Josef Hader Premiere. Was bisher geschah: die erstaunliche Geschichte eines Kabarettisten, der sein Publikum immer wieder vor den Kopf stößt und dafür geliebt wird. WOLFGANG KRALICEK

Falter 49   Originaltext aus Falter 49/04 vom 01.12.2004

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Der Kabarettist schlendert auf die Bühne und sagt: „Gibt’s Fragen?“ So beginnt Josef Haders Programm „Privat“, und eigentlich könnte es damit auch schon wieder vorbei sein – im Grunde ist alles gesagt. Hader macht natürlich trotzdem weiter, zweieinhalb Stunden dauert das Programm, rund 800-mal (genaue Zahlen weiß keiner mehr) hat er „Privat“ in den vergangenen zehn Jahren gespielt.
  Premiere hatte das Rekordprogramm, das über 450.000 Zuschauer besuchten, am 1. März 1994 im Vindobona. Schon ein Jahr danach erwähnte Hader in einem Spiegel-Interview ein Projekt, von dem er noch nicht wisse, ob daraus ein neues Kabarettprogramm oder ein Filmdrehbuch werde. Das Drehbuch, an dem Hader tatsächlich arbeitet, ist bis heute nicht fertig. Aber genau zehn Jahre, neun Monate und sieben Tage nach der „Privat“-Premiere liegt nun ein neues Programm vor: „Hader muss weg“ hat am 8. Dezember Premiere, und in diesem Fall ist es ausnahmsweise nicht übertrieben, von einem Jahrzehntereignis zu sprechen.
  Die Spannung wird zusätzlich dadurch gesteigert, dass der Künstler vorab nicht über sein neues Werk reden möchte und deshalb bis zur Premiere keine Interviews gibt. Im offiziellen Pressetext lässt Hader nur wissen, dass in dem Programm „eine nachtschwarze Vorstadtstraße voller Gebrauchtwarenhändler, eine heruntergekommene Tankstelle, ein grindiges Lokal, ein Kuvert mit 10.000 Euro, eine Schusswaffe und circa sieben verpfuschte Leben“ vorkommen werden. Nachsatz: „Nicht vorkommen werden Prominente und Bundeskanzler. Es wird also wieder total unpolitisch.“
  Der Kabarettist stürzt auf die Bühne und sagt atemlos: „Es kommt gleich der erste Witz!“ So begann Josef Haders fünftes Solo „Biagn oder Brechn“ von 1988. Hader war deshalb so außer Atem, weil er zu spät gekommen war – auf dem Weg ins Kabarett hatte er einen Zusammenbruch erlitten. Wie er so auf der Straße lag, da dachte er: „In fünf Minuten soll i Kabarett spielen. Is des wirklich wichtig? Betrifft mi des? Des betrifft uns doch ned! Gut leben, lang schlafen, spät sterben – des san Themen!“
  „Biagn oder Brechn“ gilt als erstes „richtiges“ Hader-Programm. Hader verweigert darin konsequent die obligatorischen Politikerwitze und etablierte die Kunstfigur eines kaputten Komikers, die er in den nächsten Programmen noch weiterentwickeln wird. Zwei Jahre später – damals hielt er noch die branchenüblichen Abstände zwischen den Premieren ein – kommt Hader als schmieriger Entertainer mit Oberlippenbart und halbseidenem Dinnerjacket auf die Bühne. „Bunter Abend“ (1990) beginnt mit tiefen Herrenwitzen und entwickelt sich zu einer verzweifelten Publikumsbeschimpfung, vor der die Zuschauer nicht einmal in der Pause verschont werden: „Des is interessant! Des hoiten Sie für a Lösung: a Pause!“
  Früh hat Hader in seinen Programmen auch das Kabarett selbst reflektiert; der Bruch mit Genrekonventionen gehört zu den Stilmerkmalen seiner Arbeit. Zum Dank wurde ihm von Kritikern immer wieder bescheinigt, eigentlich gar kein Kabarett mehr zu machen. Das ist erstens Definitionsfrage (was ist Kabarett?) und zweitens insofern falsch, als Hader ja bewusst mit der Kabarettform spielt. „Andere zerhau’n Fensterscheiben, i zerhau mei Kabarettprogramm“, hat Hader einmal gesagt. Die Trümmer aber bewahrt der Dekonstruktivist des Kabaretts stets fein säuberlich auf – um sie fürs nächste Stück dann wieder anders zusammenbauen zu können.
  In dem frühen Programmtitel „Tausche Witze gegen Geld“ steckt schon die ganze Schizophrenie des Künstlers, der die Hand beißt, die ihn füttert. Auch abseits der Bühne legt Hader Wert darauf, Distanz zum Kabarettbetrieb zu signalisieren. In der Autorevue ist voriges Jahr eine Auf-Tour-mit-Hader-Reportage erschienen (das Foto auf dem Plakat zum neuen Programm wurde übrigens bei dieser Gelegenheit geschossen), in der Hader über die Margithalle von Heidenreichstein ins Schwärmen gerät: „Des mog i, da spü i vü lieber als in so einer g’schleckten Kabarett-Location, wo die Leute hingehen, damit sie was zum Essen und Trinken kriegen, und dazwischen klatschen sie dem vorn auf der Bühne zu. I würd ja nie ins Kabarett gehen.“
  „Ich bin wahrscheinlich der einzige Künstler in Mitteleuropa, der halbseitige Besprechungen in der Zeit hat und gleichzeitig in der Mehrzweckhalle Attnang-Puchheim spielt“, hat Hader bei anderer Gelegenheit einmal bemerkt. Und was schreibt sie so, die Zeit?„Haders Soli sind dramaturgisch raffiniert vorbereitete Zusammenstöße von Kollaps und Raserei“; oder: „Irgendetwas, wahrscheinlich diese gnadenlose Mischung aus Genie und Eitelkeit, treibt ihn immer ganz hoch hinauf, auf die Spitzen der Gipfel seiner Kunst, die als Kabarett begann.“
  Da haben wir’s wieder: der Kabarettist, der das Kabarett hinter sich gelassen hat. Tatsächlich hat Hader den Begriff Kabarett erweitert und damit auch für andere Künstler Räume aufgemacht: Grenzgänger wie Karl Ferdinand Kratzl oder Martin Puntigam hätten es ohne Hader wahrscheinlich noch schwerer gehabt. Von einem Vorbild namens Hader möchte Thomas Maurer, dessen Debütprogramm im selben Jahr wie „Biagn oder Brechn“ Premiere hatte, nicht sprechen. „Aber ich hab das immer spannend gefunden, was er macht. Und seine Versuche, mit jedem Programm was Neues hinzustellen, waren schon ermutigend für mich.“

Nach „Bunter Abend“ hätte Hader eigentlich zurücktreten müssen: Mehr Kabarettzertrümmerung geht nicht. Weil er aber erst 28 Jahre alt ist, macht er natürlich weiter – aber ganz anders. Zuerst schreibt und spielt er gemeinsam mit Alfred Dorfer die Wirtshaustragikomödie „Indien“. Die Qualität des später auch erfolgreich verfilmten Stücks zeigt sich nicht zuletzt darin, dass es auch außerhalb Österreichs und ohne Hader und Dorfer funktioniert und an zahlreichen deutschen Bühnen nachgespielt wird. Ein Jahr später, wir schreiben 1992, hat „Im Keller“ Premiere. Das Monodram ist Haders „Herr Karl“ und sein erklärtes Lieblingsprogramm.
  In einem knallbunten Hemd und mit Designerbrille spielt er einen Werbefritzen, der den Katastrophenschutzkeller des elterlichen Hauses in einen Fitnessbereich umbauen lassen will. Im Gespräch mit einem (nur imaginär anwesenden) Maurermeister redet er im selben Atemzug über Innovationen auf dem Pkw-Markt („Der neue Audi hat jetzt dieses Sicherheitslenkrad“) und aktuelle Kriegsschauplätze („Was sagen S’ zu Jugoslawien“), aber der oberflächliche, halbgebildete Schnösel entpuppt sich nach und nach als armes Würschtel.
  „Es ist alles so enttäuschend: die Kinder, die Liebe, die Akropolis. Das Leben verliert so dadurch, dass man’s kennen lernt. Finden S’ ned?“ Die Werbeagentur gehört seiner Frau, sein junger Arbeitskollege ist wahrscheinlich ihr Liebhaber, entsprechend trist gestaltet sich das Eheleben: „Du brauchst mi ned streicheln!“, sagt er im Bett zu ihr. „Es genügt, wenn wir uns dort berühren, wo’s notwendig ist.“

Der Mann ist, wie alle Hader-Helden, ein sentimentaler Hypochonder, der unter eingeschlafenen Füßen und empfindlichen Haarwurzeln leidet wie unter Phantomschmerzen und sich am meisten vor sich selbst ekelt: „In letzter Zeit schwitz i so! I mog des ned, wenn des so pickt!“ Seinen absurd-virtuosen Höhepunkt erreicht der Abend, wenn Hader die Worte durch kunstvoll moduliertes Rotzaufziehen ersetzt: „Soll ich Ihnen sagen, wie das Leben ist? Rotz – rotz – schlatz.“
  Auch in „Privat“ kommen Haders Schleimhäute zu ihrem Recht, den Rotzaufziehzwang erklärt er mit einer verkrümmten Nasenscheidewand. Später verrät Hader noch eine andere, deutlich unangenehmere Anomalie: Im Zuge einer missglückten Wanderhodenoperation wurden ihm irrtümlich die Nieren in den Hodensack verpflanzt. Ein Kunstfehler, der ihm erst in der Pubertät aufgefallen ist: „Beim Onanieren hab ich immer so einen Durst gekriegt!“
  „Privat“ ist eine kunstvolle Verquickung von Fakten und Fiktion. Zum Beispiel stimmt es, dass Josef Hader am 14.2.1962 in Waldhausen (OÖ) geboren und auf einem Bauernhof in Nöchling (NÖ) aufgewachsen ist. Unwahr hingegen ist, dass Hader mit einer schwarzen Hornbrille zur Welt kam und ihn seine Eltern später gezwungen haben, Künstler zu werden. Es stimmt auch, dass Hader in seinen ersten Kabarettprogrammen von einem blinden Pianisten (Otto Lechner) begleitet wurde; dieser hatte in Wirklichkeit aber keinen Blindenhund bei sich und dämpfte auf diesem auch keine Zigaretten aus.
  Das Programm, das ganz privat begonnen hat, entwickelt sich zu einer fantastischen Reise, die Hader um die halbe Welt und fast bis zum Mond führt. In Paris lernt er den Ast kennen, von dem auf den Champs-Elysées einst Ödön von Horváth erschlagen wurde; in Nairobi begegnet er dem „König von Afrika“, der dem zynischen Europäer die Leviten liest: „Machts weiter so. Aber sagts ned Demokratie!“ Nach der Pause hat sich Hader einmal mehr in ein emotionales Wrack verwandelt. Jahre vor Michel Houellebecq bekennt er sich zum Sextourismus als effektive Form von Entwicklungshilfe („Dadurch, dass man selber runterfliegt, weiß man, dass das Geld direkt ankommt!“), klagend singt er am E-Piano fatalistische Lieder. „So ist das Leben: Der eine kommt nach Paris, der andere kommt nicht nach Paris.“
  Josef Hader ist unbestritten einer der spannendsten Kabarettisten des deutschen Sprachraums. Das erklärt aber noch nicht, warum er auch einer der erfolgreichsten ist. Im Gegenteil: In einer Branche, in der das Publikum allen Experimenten eher skeptisch gegenübersteht, dürfte einer wie Hader eigentlich gar nicht so beliebt sein. Das Geheimnis seines Erfolgs ist schwer zu ergründen. „Er spielt nicht einfach ein Programm, er erlebt wirklich jeden Abend in der Begegnung mit dem Publikum neu“, meint Haders Manager Georg Hoanzl. „Da ist er neugierig wie ein Forscher. Das merken auch die Leut.“
  Haders Deutschprofessorin aus dem Melker Stiftgymnasium hat die Kunst ihres ehemaligen Schülers in einer TV-Dokumentation so analysiert: „Er lässt die Leute mit Unterhaltung auf einen Fehler aufmerksam werden. Und wenn er von der Bühne abtritt, hat man eigentlich das Gefühl, das ist nicht der Fehler der anderen, den er besprochen hat, sondern das ist mein eigener Fehler.“ So ließe sich auch die Wirkung einer guten Predigt beschreiben. „Mit zehn wollte ich Pfarrer werden“, hat Hader der Süddeutschen einmal verraten. „Und auf verschlungenen Wegen bin ich auch einer geworden.“ Als „Passionsgeschichte“ hat Zeit-Kritiker Helmut Schödel Haders Programme bezeichnet. Zu Recht: Der Kabarettist nimmt die Sünden der Welt auf sich, auf dass wir sie mit ihm auch uns vergeben.
  Hader selbst beschreibt seine Arbeit gern als eine Art Selbsttherapie: „Ich bin potenziell zu allem fähig, was ich auf der Bühne mache“, gestand er 1991 in einem Gespräch mit dem Fotografen Joseph Gallus Rittenberg. „Ich weiß genau, ich lebe da oben nicht die edelsten Triebe aus“, meinte er ein anderes Mal. „Aber es wäre schön in der Welt, wenn alle diese Triebe so auslebten wie ich.“ Wo die Religion und die Psychologie bemüht werden, ist das Theater nicht weit – und natürlich lässt sich das Phänomen Hader auch ganz einfach so erklären: Der Mann ist ein verdammt guter Performer, der sehr genau weiß, wie man das Publikum „kriegt“. Die intellektuelle Schärfe verpackt Hader in seinen weichen oberösterreichischen Dialekt, der immer etwas naiv wirkt; wenn er etwas Schlimmes gesagt hat, lässt er sein entwaffnendes Bubenlächeln aufblitzen; zwischendurch schenkt er seinen Figuren immer wieder besinnliche Momente, die sich in einer wohlgesetzten Pause entfalten können – um anschließend mit einer befreienden Pointe aufgelöst zu werden.
  Dass seit „Privat“ mehr als zehn Jahre vergangen sind, war nicht geplant. „Ich habe mich da selber ein bissl einetheatert“, meinte Hader in einem Falter-Interview, das jetzt auch schon wieder vier Jahre her ist. Zuerst wollte er mit „Privat“ Deutschland erobern (was zumindest im Süden und Norden gelungen ist), dann arbeitete er an seiner Karriere als Filmschauspieler (ohne dabei je die Qualität seiner Kabarettprogramme zu erreichen), und irgendwann war so viel Zeit vergangen, dass das neue Programm zum Problem wurde. „Er war schon unter vierzig eine Legende zu Lebzeiten“, versucht sich Thomas Maurer in den Kollegen hineinzudenken. „Mit diesem Ausnahmezustand, der ihm auch diese besondere Aura verschafft hat, ist es jetzt vorbei.“

Aber wahrscheinlich ist es ja genau das, was er wollte: endlich wieder ein ganz normaler Kabarettist sein! Die endgültige Entscheidung dürfte im Sommer vergangenen Jahres gefallen sein, als Hader im Theater am Alsergrund Spieltermine reservieren ließ. Dass das neue Programm ausgerechnet auf der kleinsten Kabarettbühne Wiens (68 Plätze) Premiere hat, ist eine Hader-typische Mischung aus Koketterie und Solidarität: Für das kleine Kellertheater, in dem normalerweise hauptsächlich „No-Names“ auftreten, ist das unerwartete Hader-Gastspiel ein Segen. Die zehn Vorstellungen, die er dort spielt, waren binnen fünf Stunden ausverkauft.
  Wie Besucher der Testvorstellungen im Innsbrucker Treibhaus berichten, spielt Hader im neuen Programm viele verschiedene Charaktere – darunter ein zerstrittenes Liebespaar und einen heruntergekommenen Barpianisten. Hader selbst, nur so viel sei noch verraten, wird gleich am Anfang umgebracht: Der Titel „Hader muss weg“ ist also ziemlich wörtlich zu verstehen.
  Hader ist tot. Aber der Mann, der Pfarrer werden wollte und stattdessen eine Art Kabarettmessias geworden ist, weilt ab sofort wieder unter den Sterblichen: Hader unser ist wieder einer von uns.

„Hader muss weg“:
8. bis 23.12. Theater am Alsergrund (ausverkauft),
27. bis 30.12. Audimax der Uni Wien (Restkarten an der Abendkassa),
1.1. Burgtheater (Tel. 514 44-4140),
4. bis 7.1. Kulisse (ausverkauft),
8.1. Spektakel (Tel. 587 06 53),
18.1. bis 11.2. Vindobona (Restkarten: Tel. 332 42 31),
14. bis 24.2. Kulisse (Tel. 485 38 70).

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