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Schön und gut
KUNST Die Mäzenin Francesca Habsburg führt ein Leben zwischen Klatschspalten und Feuilleton. Von der Denkmalpflege wechselte sie zur zeitgenössischen Kunst und schafft es auch damit in die Schlagzeilen. Im Kunstbetrieb ist sie nicht die einzige Adelige mit höheren Ambitionen. MATTHIAS DUSINI

INTERVIEW: „Labels sind fürchterlich“

Falter 50   Originaltext aus Falter 50/04 vom 08.12.2004

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Man muss schon sehr geschmackssicher sein, um den Reiz der finsteren Wohnküche der 46-jährigen Francesca Habsburg in der Wiener Innenstadt zu begreifen. Es ist nämlich schwer nachvollziehbar, wie man den Fußboden eines barocken Innenstadtpalais, in dem sich auch die neuen Ausstellungsräume der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (T-B A21) befinden, mit dunklen Fliesen aus den Siebzigerjahren abdecken kann. Zum Verständnis des Stilbruchs sind einige Zusatzinformationen nötig: zum Beispiel, dass die Bestuhlung vom modernen dänischen Designer Verner Panton stammt und die Fliesen vom trendigen kubanoamerikanischen Retrokünstler Jorge Pardo; vor allem aber, dass die Hausherrin, die derzeit als Sammlerin, Leihgeberin und Festwochen-Kuratorin auf sich aufmerksam macht, ein breites Spektrum an Lebensstilen abdeckt. In der Wiener Kunstszene sorgt sie mit ihrem Umzug von Salzburg nach Wien im heurigen Frühjahr für Aufregung; geladene Künstler schwärmen von tollen Partys, nicht geladene fürchten neofeudale Zustände à la Salzburg, wo die Kunstwelt weitgehend von Adeligen und Adabeis geprägt wird.
  Durch ihre Ehe mit dem Kaiserenkel Karl Habsburg-Lothringen, mit dem sie drei Kinder im Alter von zehn, sieben und fünf Jahren hat, stieg Francesca vom Geld- zum Hochadel auf. Als Tochter des Industriellen und Kunstsammlers Baron Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza wuchs sie mit alten Meistern und auf Jetset-Partys auf. Im August 1991 ging sie in die Geschichte der Paparazzifotografie ein, als ein Gast auf die meterlange Schlaufe ihres Versace-Kleids stieg und dadurch ihr unbedecktes Hinterteil enthüllte wie ein kostbar verpacktes Geschenkpaket. Das Popofoto ging um die Welt und beförderte Francescas Image eines exzessiven Partygirls. Bevor die Schauspielerin Pamela Anderson und die Hotelerbin Paris Hilton den Pornostyle in die Celebrity-Industrie einführten, konnte dieses harmlose Foto noch als Skandal durchgehen.
  Weniger Beachtung wurde dem kulturellen Engagement von Francesca Habsburg zuteil: Als die Thyssen-Tochter einige Monate nach der erwähnten Party in die von der jugoslawischen Volksarmee stark beschädigte Altstadt des dalmatinischen Dubrovnik reiste, beschloss sie, entsetzt über das Ausmaß der Zerstörung, sich am Wiederaufbau und der Restaurierung der Kunstschätze zu beteiligen. Sie gründete die bis heute tätige ARCH (Art Restauration for Cultural Heritage) Foundation, die viel zur raschen Wiederherstellung dieses Weltkulturerbes beitrug.
  Geld, Kultur, High Society: Francesca kann in ihrer Selbstdarstellung auf ein schier unerschöpfliches Repertoire zurückgreifen. Wenn sie erzählt, eines der raren Konzerte der britischen Punkband Sex Pistols besucht zu haben, schöpft sie auch noch Popkulturbonus ab. Nicht das viele Geld, sondern die souverän gehandhabte Kultur macht den feinen Unterschied. Wer – wie Francesca Habsburg, deren Eltern sich dann scheiden ließen – die ersten fünf Jahre seines Lebens in einer 17.-Jahrhundert-Villa am Lugano-See verbracht hat, kann die eigene Küche den Designabgründen der Siebzigerjahre öffnen, ohne in Trübsinn zu verfallen.
  In der Villa Favorita war die große, väterliche Malereisammlung untergebracht, bis jene 1992 in einen Palast in Madrid übersiedelte und so zum Museum Thyssen-Bornemisza wurde. Es befindet sich heute im Besitz des spanischen Staates. Auf Wunsch des vor zwei Jahren verstorbenen Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, bekannt auch als Baron Heini, sitzt Francesca Habsburg im Vorstand des Madrider Museums. In dieser Funktion kann sie etwa österreichischen Museen wie dem Grazer Joanneum oder dem Salzburger Museum der Moderne wichtige Leihgaben zur Verfügung stellen.
  Gestern sei, so erzählt Francesca Habsburg im Interview (siehe Interview), der amerikanische Lichtkünstler James Turrell hier gewesen. Einer von Pantons Plastiksesseln brach unter dem Gewicht des amerikanischen Lichtkünstlers auseinander. Turrell war zur Präsentation einer Lichtskulptur im Museum für angewandte Kunst angereist. Mit an Habsburgs Designtisch saßen weitere Künstler, die an der Ausstellung „Modus Operandi“ in Francescas privater Kunsthalle einen Stock tiefer beteiligt sind. Versammelt sind lauter gute, bekannte Namen der mittleren Generation: die Deutschen Carsten Nicolai und Carsten Höller, der Däne Olafur Eliasson oder der Amerikaner Doug Aitken. „Das Gespräch mit Künstlern ist für mich das Wichtigste“, schwärmt Habsburg in ihrer einnehmend begeisterten Art. Das von ihr hervorgehobene philanthropische Engagement scheint mehr zu sein als bloße Attitüde.
  Auf der Suche nach einem geeigneten Ambiente für das Falter-Foto begibt sich Habsburg dann in die etwa 150 Quadratmeter großen Ausstellungsräume, die für die vielen technisch aufwendigen Installationen viel zu klein sind. Sie setzt sich an den Schreibtisch, der zur Installation „Telephone“ (2004) von Janet Cardiff und George Bures Miller gehört. Im Telefonhörer läuft das aufgezeichnete Telefongespräch zwischen Cardiff und einem Wissenschaftler.
  Die Sammlung der T-B A21 ist keine zwei Jahre alt. Nach dem Tod ihres Vaters verkaufte Francesca einige Bilder von amerikanischen Malern des 19. Jahrhunderts und kam dadurch zu Geld für den Aufbau einer Sammlung für Gegenwartskunst. In kurzer Zeit kaufte sie vor allem Medienkunst und Fotografie, so viel, dass sie im Sommer letzten Jahres die Ausstellung „ein-leuchten“ im neuen Museum der Moderne auf dem Salzburger Mönchsberg fast vollständig aus eigenen Beständen bestücken konnte. Leiterin des neuen Museums ist Agnes Husslein, geborene Gräfin Arco.
  Die Liebe Adeliger zu den schönen Künsten ist nichts Ungewöhnliches, das Klischee von der hohen Grafen- und Baronessendichte in den Kunstgeschichteseminaren nicht ohne Wahrheitsgehalt. Der Gesellschaftskolumnist Karl Hohenlohe, selbst aus altem Adel stammend, hat dafür eine einfache Erklärung: „Wer mit Kunst aufwächst, hat einen einfachen Zugang zu ihr.“ Wie eng die großen Wiener Sammlungen mit adeligem Mäzenatentum verbunden sind, beweist der Rubens-Schwerpunkt im Kunsthistorischen Museum, der Gemäldegalerie der Akademie sowie dem Liechtenstein Museum (mehr im Falter 50/04).
  Inzwischen hat aber längst auch moderne Kunst Einzug in die alten Schlösser gehalten. Vorbei sind die Zeiten, als etwa Thronfolger Franz Ferdinand bei einem Ausstellungsbesuch die Bilder des Malers Oskar Kokoschka mit den Worten kommentierte: „Diesem Mann sollte man alle Knochen brechen.“ Im Herbst bekam der Bildhauer Bruno Gironcoli ein Museum im steirischen Schloss der Grafen Herberstein. Im Münchner Haus der Kunst läuft seit zwei Wochen die Ausstellung „Schatzhäuser Deutschlands“ mit Exponaten aus adeligem Privatbesitz: Neben römischen Büsten und mittelalterlichem Kunsthandwerk sind hier auch Bilder von Anselm Kiefer oder Videos der italienischen Künstlerin Vanessa Beecroft zu sehen.
  Im britischen Königshaus hat das Studium italienischer Malerei einen ähnlich hohen Stellenwert wie das Jagen von Füchsen oder das Lenken eines Panzers. Prinz William, der Sohn Lady Dianas, studierte in Schottland Kunstgeschichte. Sein jüngerer Bruder Harry ließ sich im vergangenen Frühjahr, am Ende seiner Schulzeit in Eton, vor selbst gemalten Bildern fotografieren, auf denen stilisierte Eidechsen im Stile australischer Ureinwohner zu sehen sind. Im Oktober bekam der wegen seines Haschischkonsums auch „Harry Pothead“ genannte Prinz allerdings Ärger mit seiner ehemaligen Kunstlehrerin, die behauptete, sie habe ihm die Antworten bei der Abschlussprüfung an der Eliteschule im Voraus zukommen lassen. Der Pressestab seines Vaters dementierte umgehend.
  Ähnlich ungeschickt wie der junge Prinz agiert die bereits genannte Gräfin Husslein-Arco, nach Habsburg die derzeitige Nummer zwei im österreichischen Kunstadel und Taufpatin von Francescas Kindern. Im Jahr 2000 verlor sie nach 19 Jahren den Job als Leiterin der Wien-Filiale des Auktionshauses Sotheby’s. Im Nationalratswahlkampf hatte sie eine Einladung für den FPÖ-Kandidaten Thomas Prinzhorn gegeben. Gegenüber der deutschen Zeitung Welt am Sonntag bestritt sie ein politisches Motiv für ihre Kündigung: „Ich habe überhaupt keine Nähe zur FPÖ, sondern mir nur erlaubt, Thomas Prinzhorn zu einer Diskussion einzuladen.“ Als interimistische Leiterin des Museums Moderner Kunst Kärnten eröffnete sie im Juni 2003 gemeinsam mit dem Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider eine Ausstellung des US-Künstlers Alex Katz. Der hatte erst spät von dem unheilvollen Kontext erfahren und blieb der Vernissage fern. „Er ist krank“, erklärte Husslein wenig glaubwürdig.
  
Als Leiterin des Salzburger Rupertinums, das in das neue Museum der Moderne am Mönchsberg aufging, agierte die Gräfin indes mit ähnlich wenig Glück. Und zeigte sich wenig amüsiert, als Ende November von der Landesregierung die Neuausschreibung der Museumsleitung bekannt gegeben wurde. Hussleins Salzburger Fauxpas-Liste ist lang. Zahlreiche Mitarbeiter verließen das Haus, nicht nur wegen der Wutausbrüche etwa darüber, dass Schnauzerdame Lili aus dem Büro entkommen konnte. Sie bezog Prämien für Besucherstatistiken, die nur deshalb so eindrucksvoll ausfielen, weil die Gratiskarten mit einberechnet waren. Schließlich stolperte sie auch noch über die so genannte „Pimperlaffäre“. Die Wiener Künstlergruppe gelatin stellte vor dem Rupertinum die Skulptur eines nackten Mannes auf, aus dessen überdimensionalen Penis Wasser spritzt. Die zuständigen Kommunalpolitiker fühlten sich von der durch Husslein zur Genehmigung vorgelegten, wenig aussagekräftigen Projektskizze hinters Licht geführt. Der „Arc de Triomphe“ wurde unter Verwendung von Hussleins adeligem Namen bald zum „Arco de Triomphe“. In Wien lässt indes so mancher Museumsdirektor die Zugbrücke hochziehen: Husslein werden Ambitionen auf die Direktorenstellen des Museums Moderner Kunst und der Österreichischen Galerie Belvedere nachgesagt.
  Die fünfzigjährige Gräfin war für den Falter nicht erreichbar. Sie sei zur Kunstmesse ins amerikanische Miami geflogen, heißt es aus ihrem Pressebüro. Spontan. Von dort meldete sich am Wochenende auch Francesca Habsburg, um von der Rockoper „Don’t Trust Anyone Over Thirty“ des amerikanischen Künstlers Dan Graham (Musik: Kim Gordon und Thurston Moore von der US-Band Sonic Youth) zu berichten, die von ihrer Stiftung koproduziert wurde und Anfang Juni bei den Wiener Festwochen gezeigt werden wird. „Es war ein Triumph“, sagt Habsburg. Jeden Tag gäbe es Sondervorstellungen. Die Zeitungen berichten darüber auf den Titelseiten. Francesca Habsburg hat es wieder einmal geschafft.

„Modus Operandi“: bis 24.2. im Space in Progress (1., Himmelpfortgasse 13).
Information: www.TBA21.org

 
INTERVIEW
„Labels sind fürchterlich“


Zwischen einer Antwort und der nächsten löffelt Francesca Habsburg eine Pilzsuppe. Sie möchte das Interview auf Englisch führen, rasch, denn sie muss in einer halben Stunde die Kinder aus der Schule abholen. Vor drei Wochen war sie im Gartenbaukino bei einem Konzert der amerikanischen Rockband Melvins gesehen worden, die live den Soundtrack zu Filmen des US-Künstlers Cameron Jamie einspielten. Es waren Dokumentationen „böser“ Rituale der Populärkultur, etwa den Gasteiner Krampusumzügen oder dem Amateur-Catchen in amerikanischen Vorstädten.

Falter: Wie haben Ihnen die Melvins und die Filme gefallen?

Francesca Habsburg: Der erste Teil mit dem Krampus war sehr interessant. Man sieht, wie aus einem Mythos eine Routine wird und wie Gewalt als Teil unserer Gesellschaft in einen Faschingsumzug verkehrt werden kann. In den nächsten Stücken ging diese Kraft verloren, weil zu große Verallgemeinerungen dabei herauskamen. Die Musik hat mir sehr gefallen. Ohne die wären die Filme ziemlich langweilig gewesen.

Was haben Sie für eine Beziehung zur Popkultur im Allgemeinen?

Ich finde gar nicht, dass das Popkultur ist. Die Populärkultur gehört für mich in den Bereich des Entertainments; ich habe das eher als Kunstperformance gesehen.

Die Melvins würde man wohl eher dem Subkulturbereich zurechnen.

Diese Labels sind fürchterlich. Warum muss man Kunstrichtungen immer schubladisieren? Das ist eine unnötige Einschränkung.

Es geht auch weniger darum, Labels abzufragen, sondern um Ihr persönliches Interesse an der zeitgenössischen Kunst.

Die Künstler, mit denen ich jetzt zusammenarbeiten möchte, zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein breites Spektrum von Medien verwenden: von der Architektur bis zum Film, von der Performance bis zur Lichtskulptur. Und es sind mir Werke wichtig, die eine Beteiligung des Betrachters verlangen. Das Museumskonzept des 19. Jahrhunderts war es, dass man in eine Blackbox geht, in der alles beschriftet ist. Man geht an einer Abfolge von Werken entlang und gibt schließlich noch Geld im Museumsshop aus. Diese Art Museum interessiert mich nicht mehr.

Was möchten Sie ändern?

Zum Beispiel die Ausstellungszeit. Ein Künstler investiert ein oder zwei Jahre in ein Projekt, kommt dann für sechs oder maximal zwölf Wochen ins Museum oder in die Galerie, und das war’s dann. Die Künstler würden sich Installationen wünschen, die sechs Monate oder auch ein Jahr aufgestellt bleiben. Aus einer zeitlichen Distanz heraus könnten dann etwa Teile eines Films überarbeitet oder das Licht geändert werden.

Wie wird Ihre Funktion bei den Wiener Festwochen aussehen?

Wenn ich die künstlerische Leitung übernehmen soll wie Stéphane Lissner (Musikchef der Wiener Festwochen, Red.) oder Marie Zimmermann (derzeit karenzierte Schauspielchefin der Festwochen, Red.) braucht es ein größeres finanzielles Engagement. Heuer bin ich sehr spät eingestiegen, und das Budget war bereits verteilt. Die Kunstprojekte müssen aber auf demselben Niveau produziert werden wie das Theater und die Oper. Und das geht nicht mit einem Zehntel des Budgets.

Interview: Matthias Dusini

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Dezember 2004 © FALTER
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