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Isst da jemand?
SPENDEN  Misteln fürs Integrationshaus, Kultur für Ute Bock, Suppe für den guten Zweck oder das unvermeidliche „Licht ins Dunkel“: Obwohl die Österreicher immer noch die Spendierhosen anhaben, sitzt das Geld nicht mehr so locker wie früher. THOMAS PRLIC und CHRISTOPHER WURMDOBLER

Falter 50   Originaltext aus Falter 50/04 vom 08.12.2004

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Am nächsten Tag machte doch die Million die Schlagzeile. Die Gala zum Auftakt von „Licht ins Dunkel“ vergangene Woche hatte weniger Glanz und Glamour, dafür mehr Schicksale und Reportagen. Sogar Großspender durften nicht mehr nur Schecks überreichen, sondern mussten persönlich einen Tag in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung zubringen. „Licht ins Dunkel“, vor 32 Jahren ins Leben gerufene Spendenaktion für Menschen in Not, setzt heuer weniger auf Rekordsummen, sondern auf Vermittlung von Inhalten. Vielleicht auch, weil das Spendenvolumen in Österreich seit einigen Jahren stagniert und nicht mehr Geld zu holen ist.
  Dabei haben kurz vor Weihnachten die Menschen ihre Spendierhosen an. Das Forstamt verkauft am Christkindlmarkt Misteln fürs Integrationshaus, für Ute Bock treten Künstler gratis auf, Spendenkeiler auf den Einkaufsstraßen und Prominente im Fernsehen wollen Geld für den guten Zweck. Menschen mit Behinderung, Kinder ohne Eltern, Asylwerber ohne Obdach, Kranke, Arme, Tiere in Not: Alle kriegen wieder etwas ab vom großen Spendenkuchen. Isst da jemand?
  Trotz Wirtschaftsflaute zählt Österreich zu den spendenfreudigsten Nationen überhaupt, an die 500 Millionen Euro Spendengelder werden hierzulande jährlich für humanitäre Hilfe eingesammelt, laut einer Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) spendet jeder Österreicher 81 Euro pro Jahr. Doch viel mehr wird’s halt auch nicht, wie Dieter Hernegger von der Interessenvertretung österreichischer gemeinnütziger Vereine (IÖGV) prognostiziert. „Für 2004 erwarten wir die Werte der Vorjahre“, sagt Hernegger und macht die gesamtwirtschaftliche Situation dafür verantwortlich. „Diskussionen wie die um Pensionskürzungen schlagen sich eben in der Spendenbereitschaft zu Buche.“
  „Es ist aber nicht immer das Ziel, neue Spendenrekorde aufzustellen oder Erster zu sein“, erklärt Jörg Ruminak. Vor zwei Jahren hat er die „Licht ins Dunkel“-Aktion übernommen und leitet die Abteilung Humanitary Broadcasting im ORF. In der Vergangenheit machte man bei dem Charity-Marathon vor und zu Weihnachten eher auf die Mitleidsmasche, ließ Operettendiva Dagmar Koller anonyme Armutschkerln tätscheln und Hunderte Prominente ans Spendentelefon: Almosen statt Auseinandersetzung. Nun hat man sich im ORF vorgenommen, ein Bild der Bedürftigen zu entwerfen, das dem Selbstverständnis der Betroffenen eher entspricht. „Wir haben die Pflicht, dafür Sorge zu tragen, das richtige Bild von Menschen mit Behinderung oder Menschen in Not zu transportieren“, erklärt Ruminak. Die Einnahmen seien auch wichtig, aber Geld sei eben nicht alles. Zum gesellschaftspolitischen Auftrag des ORF passt auch, dass man diesmal bei „Licht ins Dunkel“ – zumindest beim Auftakt der Aktion – das Rennen um Spendenrekorde, anders als früher, in den Hintergrund stellte. Es gehe, sagt Ruminak, viel mehr um Fairness und sozialen Zusammenhang: „300.000 Menschen leben in Österreich an der Armutsgrenze. Auch das muss man den Zuschauern klar machen.“
  Aufgrund der Größe des ORF-Charitys versucht man jetzt, Licht ins Dunkel der Aktion zu bringen, zu zeigen, wie und wofür konkret die Spendengelder – 2003 kamen 12,7 Millionen Euro zusammen – verwendet werden. Umfragen haben nämlich gezeigt, dass hierzulande „Licht ins Dunkel“ zu 99 Prozent bekannt, den Spendern aber nicht so ganz klar ist, wofür die Aktion eigentlich steht. Genau genommen ist „Licht ins Dunkel“ nur eine Dachmarke, der ORF Medienpartner, die Spendengelder werden auf mehrere große Organisationen aufgeteilt. Nun versucht man, die Aktion neu zu positionieren, damit die Spender wissen, was mit ihrem Geld passiert.

Auch das Jugendradio FM4 unterstützt im Rahmen von „Licht ins Dunkel“ ein eigenes Sozialprojekt. So kann man einerseits den bekannten Namen der Aktion nützen, mit der Fokussierung auf ein eigenes Projekt aber auch klarer vermitteln, wofür man das Geld überhaupt sammelt. Bei FM4 wird versucht, Themen auszusuchen, die auch so für den Sender relevant sind, unterm Jahr im Programm vorkommen oder mit der Lebenswelt junger Menschen zu tun haben. Vor zwei Jahren thematisierte man die Situation von Flüchtlingen am Flughafen Wien, voriges Jahr das Flüchtlingshilfeprojekt von Ute Bock, heuer nun das Zentrum Spattstraße in Linz, eine Betreuungsstelle für Kinder und Jugendliche in Krisensituationen.
  Bei FM4 kann man einfach per SMS spenden. Ansonsten hat der Sender die Aktion in verschiedene Veranstaltungen gepackt, bei denen auch FM4-Mitarbeiter mitmachen. So gibt’s für alle Beteiligten auch ein bisschen Spaß an der guten Sache. Nach einer Adventlesung vergangenes Wochenende in Linz findet diesen Freitag eine abendliche Eisdisco mit FM4-DJs auf der Kunsteisbahn Engelmann statt, ein paar Tage später schenken die Radiomacher Kinder- und Erwachsenenpunsch für den guten Zweck aus, und wer will, kann bei Auktionen im Netz oder on air Stardevotionalien oder sogar einen Moderator ersteigern.
  Ob die Spenden in Form eines Kleinbusses und von Internetanschlüssen in der Spattstraße auch richtig ankommen, ist bei einem Medium wie FM4 relativ leicht zu überprüfen. Der Sender begleitet die Aktion mit regelmäßigen Berichten und Reportagen auch nach dem Ende der eigentlichen Sammlung. „Es ist nicht so, dass ‚Licht ins Dunkel‘ mit dem 24. Dezember vorbei ist“, sagt Veronika Weidinger, die bei dem Radiosender für das Spendenprojekt zuständig ist.
  Wie wichtig regelmäßige mediale Berichterstattung für eine soziale Einrichtung sein kann, weiß man auch beim Verein Ute Bock. Die Hilfsorganisation ist das ganze Jahr über aktiv und sammelt noch bis Ende dieser Woche im Rahmen des „Bock auf Kultur“-Festivals bei Konzerten, Partys und Kulturveranstaltungen Geld für in Österreich gestrandete Asylwerber. Der Verein bekommt nicht nur direkte Einnahmen bei den einzelnen Veranstaltungen, vor allem die Medienberichte rundherum kurbeln die Spendenfreudigkeit an. „Die Leute spenden dann sehr bewusst, auch wenn das möglicherweise gar nicht dieselben Leute sind, die auf die Konzerte kommen“, sagt Projektkoordinator Jürgen Stowasser. Nach jedem Zeitungs- oder Fernsehbericht gebe es außerdem Angebote für ehrenamtliche Tätigkeiten und für Dienstleistungen. „Einmal hat sogar jemand Shiatsu-Massagen angeboten.“ Voriges Jahr, als die Benefizreihe zum ersten Mal stattfand, mussten die Organisatoren noch Lehrgeld bezahlen. Als Eintritt für die Konzerte und Clubveranstaltungen verlangte man damals eine freiwillige Spende. Das führte mitunter zu heftigen Diskussionen am Eingang, weil einige Besucher die Gelegenheit ausnutzen wollten, um für ein paar Cent ein gutes Konzert abzustauben. Heuer hat man deshalb Mindestbeträge als so genannte „Wunschspende“ eingeführt. Das eingenommene Geld – die Kulturreihe ist nur der medienwirksamste Bereich der Vereinsaktivitäten – verwenden die Mitarbeiter ausschließlich für die Flüchtlinge, etwa für Mieten, Wohnungssanierungen oder Straßenbahntickets. Die Mittel für die Verwaltungstätigkeiten müssen sich die Mitarbeiter selbst aufstellen, meistens funktioniert das über Förderungen oder über Sponsoren. Dabei ist gerade soziales Sponsoring für Firmen mitunter eine nicht ganz unkomplizierte Sache. Einerseits holen sich die Unternehmen dadurch Sympathiepunkte, andererseits positionieren sie sich damit auch thematisch. Das politisch aufgeladene Thema Asyl ist besonders heikel. „Es ist kaum möglich zu spenden, ohne sich damit gleichzeitig politisch zu positionieren“, meint Stowasser. Nicht umsonst berichten erfahrene Fundraiser immer wieder davon, dass sich das Thema „Kinder“ spendenmäßig am besten verkauft.

Die zynische Seite des Geschäfts hat Christoph Möderndorfer schon in seiner Ausbildung mitbekommen. In einem Fundraising-Lehrgang befasste sich der Sozialmanager unter anderem mit den wirtschaftlichen Mechanismen hinter Sponsoring- und Spendenprojekten. „Heute habe ich 137 Leute eingsperrt“, sei bei professionellen Keilern ein beliebter Terminus für „abkassieren“, erzählt Möderndorfer. Als Praxisprojekt für den Lehrgang entwickelte er die Idee für seinen „Wärmespender“. Bei dem Designer-Suppen- und Punschstand spendieren Haubenköche Essen und machen DJs Musik. Die Einnahmen gehen an eine soziale Einrichtung. Mit der Mobilfunkfirma Drei fand Möderndorfer im vergangenen Jahr einen Sponsor, der die kompletten Produktionskosten für die drei Hütten übernahm. „So etwas ist einfach sehr aufwendig“, meint Möderndorfer. „Die Mär, dass man vom Glühwein reich wird, gilt vielleicht für Christkindlmärkte am Rathausplatz und Spittelberg.“
  Heuer hat das Wärmespender-Team die ursprünglichen drei Standorte auf einen reduziert. Die Einnahmen des Soulsuppenstandes im Resselpark – das „Programm“ gestalten jeden Tag wechselnde DJs und namhafte Köche – gehen heuer an die Multiple Sklerose Gesellschaft Wien. Möderndorfer ist bei seinem Projekt aber nicht nur der soziale Aspekt wichtig: „Es ist schon auch ein Soul- und Suppenfestival, das soll mehr als nur ein Nebeneffekt sein.“ Und immerhin, meint Möderndorfer, wüssten die Wärmespendergäste auch eher über den sozialen Hintergrund des Projekts Bescheid als bei Standln in der City, wo einfach nur „Punsch karitativ“ draufstehe.
  „Menschen, die spenden, sind sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst“, sagt „Licht ins Dunkel“-Mann Jörg Ruminak. Dass viele nur spenden, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, hält er für eine falsche Interpretation der Beweggründe. Während sich die schnellen Spendenaufrufe mit Kultur, Soul oder Suppe mehr an das jüngere Publikum richten, ist das Gros der Spender generell bereits fünfzig Jahre alt und älter. Um das Spendieren attraktiver, den Durchschnittsspender jünger zu machen und letztlich an die nächste Spendergeneration zu appellieren, denken sich Hilfsorganisationen neue Wege aus. Online- oder SMS-Spenden beispielsweise. Spenden-Engagement müsse belohnt werden, sagen Organisationen wie der Verband der Fundraising-Manager (FMA) oder die IÖGV und fordern seit Jahren eine steuerliche Absetzbarkeit privater Spenden.
  Mit Ausnahme von Finnland und Österreich wird Spenden überall in Europa mit steuerlichen Anreizen gewürdigt. „Die Bundesregierung tut nichts, um den Millionen Spendern ‚Danke‘ zu sagen, wo doch gerade durch Spenden der Staat spürbar entlastet wird“, meint IÖGV-Sprecher Dieter Hernsegger. Er ist davon überzeugt, dass sich vor allem jüngere Spender mit dem Steuervorteil spendabler zeigen und sich engagieren würden. Zumindest finanziell.

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Dezember 2004 © FALTER
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