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| Schüssels Schanti |
| ÖVP Innerhalb von vier Wochen schaffte es Günther Platter vom unscheinbaren Regierungsmitglied zum schwarzen Superminister auf Zeit. Wie kommt der Tiroler dazu? GERALD JOHN und NINA WEISSENSTEINER |
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| Die vier zotteligen Typen führen nicht gerade eine feine Klinge. Der Schlagzeuger holzt, der Bass wummert. Am wüstesten legt aber der Gitarrist los. Gnadenlos drischt er in die Seiten und schreit sich die Seele aus dem Leib, als gäbe es kein Morgen. Den Nile Song, ein Hadern von Pink Floyd, kreischt der wild gewordene Teenie ins Mikro. Nach seinem Vorbild Mick Jagger klang das nicht unbedingt. Aber immerhin jammte Günther Platter bei Satisfaction of Night, einer der ersten Rockbands überhaupt, die sich Anfang der Siebziger im katholischen Tiroler Oberland auf die Bühnen traute. Richtige Revoluzzer waren wir aber eh nicht, erzählt Bandkollege Hermann Delago, sondern brave Buben, die ins Dorfcafé auf eine Erdbeermilch gegangen sind. Hippies & Hasch seien im heiligen Land mit etwas Verspätung zwar auch in Mode gekommen, sagt Delago, aber da war der Günther schon weg. Wie echte Rockstars schwankten die Musiker von Satisfaction of Night zwischen Genie und Wahnsinn. Zwei Bandmitglieder begingen Selbstmord, die anderen beiden kamen relativ groß raus. Delago ist heute eine fixe Größe in der Tiroler Musikszene. Und Platter avancierte dieser Tage sogar zu einem der mächtigsten Minister in der schwarz-blauen Bundesregierung. Nachdem der 50-jährige Tiroler knapp zwei Jahre lang die Landesverteidigung geführt hatte, übernahm er vom zurückgetretenen Ernst Strasser vorläufig auch das Innenministerium. Nicht einmal Platter selbst hätte bis vor kurzem wohl mit solch einem Karrieresprung gerechnet, doch in den vergangenen Tagen drängte er sich regelrecht auf. Als beim Bundesheer Misshandlungen von Grundwehrdienern aufflogen, reagierte der Minister, wie es bislang gar nicht die schwarz-blaue Art war. Platter mauerte nicht lang herum, sondern griff recht entschlossen durch. Das brachte ihm nicht nur Lob von den Medien, sondern auch viel Anerkennung bei Kanzler Wolfgang Schüssel und seinen Vertrauten ein. Platter hat das sehr gut hingekriegt, sagt ein ÖVP-Insider. Der Vergleich mit Bildungsministerin Elisabeth Gehrer und ihrem Umgang mit der Pisa-Studie macht sicher. So ergehe es dem Platter-Günther oft, erzählen Freunde. Immer sind alle ein bisschen überrascht, wenn der nette, zurückhaltende Mann aus Zams zuschlägt. Das hätten wir ihm gar nicht zugetraut, heißt es dann. Vor einem Jahr rief ihn das profil noch zum Flop des Jahres aus, jetzt ist er Superminister, zumindest für ein paar Wochen. Der Günther wächst mit seiner Aufgabe, sagt Wendelin Weingartner, Altlandeshauptmann und politischer Ziehvater Platters. Auch bei seinen ersten öffentlichen Auftritten, mit der Rockband, steht Platter im Hintergrund. Der 16-jährige ist Buchdruckerlehrling, die drei anderen sind Gymnasiasten. Ans Mikro, wie beim Pink-Floyd-Cover (zu hören unter www.delago.at), lassen sie ihn nur selten. War Platter denn kein guter Musiker? Puh, ich sag so: Er war halt unser Rhythmusgitarrist, urteilt Kollege Delago gnädig. Platter wechselt ins volkstümliche Genre und macht mit den Perjener Buam Tiroler Berghütten unsicher. Ganz verlernt er die Standardakkorde nie - zum Glück, wie sich herausstellen sollte. Dreißig Jahre später, als Verteidigungsminister, greift er bei passenden Anlässen zum Gaudium seiner Truppen noch immer gerne zur Klampfn. Sicherheitshalber lernt Platter auch etwas Seriöses. Nach zwei Jahren als Buchdrucker geht er zur Gendarmerie, erst nach Landeck, dann nach Imst. Als ruhigen, aber sehr engagierten Kollegen beschreiben ihn die Männer auf den Posten. Am liebsten vertieft sich der Gendarm Platter, der sich standesgemäß einen Schnurrbart stehen lässt, in Kriminalfälle, die sich um Rauschgift oder Einbrüche drehen. Gerne rückt der Schanti auch mit dem alpinen Einsatzkommando aus, um bei Bergunfällen zu ermitteln. Bis heute kraxelt der Sportfreak mit Vorliebe im abschüssigen Gelände herum. Ist gerade kein Hang in der Nähe, geht er Joggen. Der Gendarmerieposten wird Platter bald zu eng. Der Ordnungshüter kandidiert als Bürgermeister und dreht prompt seine bisher rote Heimatgemeinde Zams um. Der Bundesregierung ringt er das Geld für einen Eisenbahntunnel ab, damit die Züge nicht mehr so nahe am Spital vorbeidonnern müssen, auch seine eigene Karriere läuft wie auf Schienen. Platter pendelt als Wehrsprecher in den Nationalrat nach Wien, ehe er im Jahr 2000 das Gemeindeamt in Zams freiwillig räumt. Das 3400-Seelen-Kaff fällt nach seinem Abschied bald wieder an die Sozialdemokraten, dort regiert nun sein Cousin. Überhaupt scheint Platters Verwandtschaft im Oberinntal weit verzweigt zu sein, was nicht immer ein Vorteil ist: Einen der Kommandanten der Kaserne von Landeck, wo sich Misshandlungen abgespielt haben sollen, outete die ZiB 2 als Schwager des Verteidigungsministers. Platter verlässt Zams und das Parlament, weil ihn Landeshauptmann Weingartner zum Kulturlandesrat macht. In Innsbruck bläst dem Aufsteiger anfangs ein eisiger Wind entgegen, vor allem die politischen Gegner sehen nicht ein, warum ausgerechnet ein Law & Order-Mann mit Kunstangelegenheiten betraut wird. Doch Platter überrascht in seiner neuen Rolle. Er fördert nicht nur Schuhplattlervereine, sondern auch moderne Projekte wie die Kunsthalle in Hall. Die internationale Presse bejubelt den Kulturtempel für die mutigen Ausstellungen, die Stadtväter würden ihn am liebsten dem Erdboden gleichmachen. Georg Willi, Chef der Tiroler Grünen, beschreibt Platter heute als einen, mit dem man immer gerne auf ein Bier gegangen ist: Er hat damals viel Neues zugelassen, obwohl das sicher nicht seinem persönlichen Geschmack entsprochen hat. Bald steigt der Kulturlandesrat auch zum Chef des Tiroler ÖVP-Arbeitnehmerbundes (ÖAAB) auf und haut sich mit dem Tiroler Arbeitkammerpräsidenten Fritz Dinkhauser, der bei der Bundespartei in Wien als ewiger Querulant verschrien ist, auf ein Packel. Die beiden Tiroler schimpfen ab sofort als Duo auf die Sparmaßnahmen der Regierung. Doch die neue Achse ist nicht stark genug, dass Platter auch die höchsten Weihen im heiligen Land bekommt. Zwei Flügel bekriegen sich um die Nachfolge Weingartners: auf der einen Seite der Innsbrucker Bürgermeister Herwig van Staa mit dem Bauernbund im Rücken, auf der anderen Seite Platter und der ÖAAB. Der gewitzte und joviale van Staa eignet sich besser zum Volkstribun als sein etwas spröder Konkurrent. Bei der Kampfabstimmung in der Partei verliert Platter schließlich hauchdünn. Er ist ein sehr ehrlicher Mensch, dem jene Falschheit fehlt, die in der Politik weit verbreitet ist, sagt Mentor Weingartner. Das ist sehr sympathisch, aber gleichzeitig vielleicht auch eine Schwäche. Diesmal wird die Niederlage zum Sprungbrett. Um den aufmüpfigen Landeshauptmann van Staa zu besänftigen, will die ÖVP-Spitze diesem einen Gefallen tun. Und da sie für die Neuauflage von Schwarz-Blau gemäß des Ländergleichgewichts ohnehin einen Tiroler braucht, beruft sie Platter im Frühjahr 2002 ins Verteidigungsministerium. Nun ätzen die Gegner: Was soll ein Kulturfuzzi bei der Armee? Statt HBM, das Kürzel für Herr Bundesminister, nennen die Beamten den Neuen hinter seinem Rücken respektlos HBI, also Herr Bezirksinspektor, eine Anspielung auf seine Vergangenheit als Gendarm. Als erste Amtshandlung rasiert sich der frisch gebackene Minister den Schnauzbart ab. Als Nächstes lotst er seine engsten Innsbrucker Vertrauten nach Wien. Den Tiroler Militärkommandanten Herbert Bauer etwa kürt Platter zum Kabinettschef. Dann macht er sich ans Werk. Trotz monatelanger Proteste der Opposition zieht Platter den Kauf der Eurofighter durch, den sein blauer Vorgänger Herbert Scheibner vorbereitet hat. Danach wird es zwar fast ein Jahr lang still um den Verteidigungsminister, doch seit Beginn 2004 rührt Platter wieder kräftig um. Er startet sein Monsterprojekt, die Heeresrefom. Im Frühling macht sich der ÖVP-Mann zum Leid seiner Generäle für eine Verkürzung des Präsenzdienstes auf sechs Monate stark. Im Sommer kündigt er noch vor dem Abschlussbericht der Kommission, die er mit der Heeresreform betraut hat, an, dass er künftig auch die Untauglichen zu einem Alternativdienst vergattern werde. Im Herbst verärgert der Minister nicht nur Rot und Grün, sondern auch den Koalitionspartner FPÖ, weil er ohne Absprache seinen Sanktus zu einer österreichischen Beteiligung an den EU-Battle-Groups für Auslandseinsätze gibt. Reibereien sind, falls er im Ressort bleibt, auch im kommenden Jahr zu erwarten. Vor allem mit den Ländern, denn Platter plant, eine Reihe von Kasernen zu verscherbeln. Nach all dem spricht Helmut Zilk, Vorsitzender der Reformkommission, das höchste Lob für einen Tiroler aus: Er ist so geradlinig, er erinnert mich fast schon an den alten Landeshauptmann Eduard Wallnöfer. Platter handelt zwar konsequent, bleibt aber stets verbindlich. Nur einmal vergreift er sich im Ton. Ausgerechnet am 20. Juli, dem Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler, besucht er die österreichischen UN-Truppen im Kosovo. Doch dort ehrt er nicht die Widerstandskämpfer, sondern begleitet vor johlenden Soldaten Popsternchen Christl Stürmer auf der Gitarre. Den Vorschlag, die Roßauerkaserne nach dem von den Nazis hingerichteten Robert Bernardis zu benennen, der in das Attentat verwickelt war, lehnt der Minister ab. Aus Opportunismus gegenüber halsstarrigen Offizieren? Oder gar aus Überzeugung? Letzteres schließt der ÖVP-Parlamentarier Vinzenz Liechtenstein, der für die Würdigung Bernardis kämpft, aus. Platter ist ein hochanständiger Mensch, sagt Liechtenstein: Er war in der Causa Bernardis anfangs wohl schlecht informiert. Mittlerweile steht ein Bernardis-Denkmal vor einer Kaserne in Enns. Platter ließ einen Hof im eigenen Ministerium nach dem Widerstandskämpfer Carl Szokoll benennen. Und die Witwe Bernardis' besuchte der Minister persönlich. Für die ÖVP zählen ohnehin andere Leistungen: Eurofighter, Heeresreform und jetzt das Handling des Geiseldramas beim Bundesheer. Als vor ein paar Wochen die dubiosen Übungen bekannt wurden, suspendierte Platter gleich ein paar Beamte. Bei den betroffenen Rekruten entschuldigte sich der Minister hochoffiziell. Trotzdem ist die Angelegenheit noch lange nicht ausgestanden. Die Bundesheer-Beschwerdekommission, die sämtliche Übergriffe an den Grundwehrdienern untersucht, empfiehlt weitere Disziplinarmaßnahmen. Außerdem seien neue Ausbildungsvorschriften und eine Klärung der Dienstaufsichtspflicht gefragt. Der Grüne Peter Pilz wiederum glaubt, dass zumindest Mitarbeiter in Platters Kabinett von den Geiselnahme-Ausbildungen gewusst haben müssten. Schließlich sei der so genannte Zielkatalog, in dem sich die dementsprechenden Anweisungen finden, erst diesen Herbst präzisiert und von höchster Stelle abgesegnet worden. Trotzdem: Wegen Platters relativ offenem Umgang mit der Affäre erhoffen sich die Grünen liberale Akzente in der Asylpolitik, sollte er Innenminister bleiben. Und auch der Tiroler Weingartner meint: Er trägt sein christliches Herz nicht nur nach außen und wird Ausländer nicht von vornherein nur als Kriminelle ansehen. Ob der sanftere Ton tatsächlich zu einer anderen Praxis führt, ist allerdings zweifelhaft. In der ÖVP ist keine Wende in der Asylpolitik geplant. Und Platter war schon früher nicht unbedingt ein Weichei. So fand er als Parlamentarier nichts dabei, wenn Schubhäftlinge in Hungerstreik zwangsernährt würden. Als Regierungsgegner im Jahr 2000 eine rote Fahne vor dem Parlament hissten, fühlte Platter sich an vergleichbare Ereignisse im November des Jahres 1918 erinnert. Damals forderten Unruhen allerdings zwei Tote und vierzig Verletzte. Platter spielt die Rolle, die Schüssel gerade wünscht. Seine bedingungslose Loyalität zu seinem Chef evoziert beim Koalitionspartner bösartige Witze. Der geht ja nicht einmal aufs Klo ohne den Kanzler zu fragen, höhnt ein blauer Parlamentarier. Vor allem bei gemeinsamen Absprachen soll sich der Verteidigungsminister schon öfter kurz entschuldigt haben: Moment, da muss ich erst den Kanzler fragen. Schüssel zählt auf Platter, auch fernab der Bundeshauptstadt. Gemeinsam haben die beiden Kameraden schon manchen Alpengipfel erklommen. Ein anderer gewichtiger Fürsprecher Platters ist Nationalratspräsident Andreas Khol. Der Verteidigungsminister zählt zu jenen ÖVPlern, die sich mit Khols Idee anfreunden konnten, Gott in die Verfassung zu schreiben. Bei dessen Statthalter auf Erden war Platter auch schon persönlich - als Johannes Paul I. den ladinischen Priester Josef Freinademetz heilig sprach, der Ende des 19. Jahrhunderts Chinesen en masse missioniert hatte. Unter Platter haben die Pfaffen beim Bundesheer wieder Auftrieb, ätzt ein Beamter im Verteidigungsministerium. Bei Paraden pflegt der schwarze Minister gleich nach dem ranghöchsten Offizier den jeweiligen Militärgeistlichen zu begrüßen. Wenn der Bundespräsident kommt, witzelt ein Beobachter, der nicht genannt werden will, kann er richtig froh sein, wenn er noch vor dem anwesenden Militärbischof einen Handschlag bekommt. In der ÖVP spricht solch eine Nachred freilich nicht gegen eine Karriere. Platter hat derzeit auf beide Posten Chancen, den Innenminister und den Verteidigungsminister. Schüssels Wahl hängt davon ab, für welche Aufgabe er den besseren Ersatz findet. Knapp zwei Jahre vor den nächsten Wahlen will der Kanzler kein Risiko eingehen, also muss jemand ran, der Erfahrung mit Regierungsarbeit mitbringt. Wie die Parlamentarierin Ulrike Baumgartner-Gabitzer, die einst Schüssels Kabinettschefin war. Oder wie der niederösterreichische Landesrat Josef Plank, falls der mächtige Landeshauptmann Erwin Pröll nach Ernst Strasser einen neuen Adlatus in der Bundesregierung unterbringen will. Militärreformer Zilk, nie um einen guten Rat verlegen, meint jedenfalls: Beim Heer ist alles gelaufen. Wenn ich in der ÖVP wär, würd ich den Platter zum Innenminister machen. Bis die Entscheidung fällt, wird der Doppelminister wohl keine großen Sprünge wagen. Denn Platter ist dafür bekannt, wichtige Schritte lange zu überdenken. Er stammt halt aus dem Oberinntal, sagt sein Freund Weingartner. Im Oberland braucht es für einen Kuss dreimal so lang wie im Unterland für ein Kind. |
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