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Eichkatze auf Postkasten
FRIEDERIKE MAYRÖCKER Am 20. Dezember feiert die Grande Dame der österreichischen Literatur ihren achtzigsten Geburtstag. Eine neue Ausgabe ihrer Gedichte zeigt ihre verblüffende Vielfalt zwischen Surrealismus, Sprachexperiment und Klassizität. ERICH KLEIN

NOCH MEHR LYRIK: Sternensprache jenseits der Vernunft

Falter 51   Originaltext aus Falter 51/04 vom 15.12.2004

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Es wäre ein Leichtes, sich über die aus dem August 1939 stammenden Jugendgedichte von Friederike Mayröcker lustig zu machen: „metallisch klingt der Morgen auf / ein Sehnen faszt die Welt / da stürzen Lüfte sich zuhauf / von Silberseen umwellt.“ Was die 15-jährige Wienerin am Vorabend des Zweiten Weltkrieges in Eichendorff'scher Manier dichtet, ist - abgesehen vom romantisch verpackten Bezug auf die heraufziehenden Stahlgewitter - retrospektiv gesehen der erste und zugleich höchst selbstbewusste Schritt zu einer nachhaltigen Einübung ins Unvermeidbare: das Gedicht.
Die Biografie kurz gefasst: 1924 geboren, ab 1946 im Schuldienst, 1969 davon beurlaubt, seitdem freie Schriftstellerin. Für ihre Gedichte, Prosa, Bühnentexte, Hörspiele und Kinderbücher erhielt Friederike Mayröcker zahlreiche nationale wie internationale Literaturpreise, darunter den Georg-Büchner-Preis. Das in sechs Jahrzehnten entstandene, rund tausend Gedichte umfassende Œuvre der Friederike Mayröcker wurde jetzt anlässlich ihres achtzigsten Geburtstages von Marcel Beyer neu herausgegeben.
Auch wenn sich auf den 850 Seiten Zeilen wie folgende finden: „Hölzern wirkt der Astronaut / wenn er aus dem Walde schaut“ oder „winzig war das Pantheon / winzig war die Butter / aber meine Tante - ooohn! / frasz nur Vogelfutter“ - typisch für Mayröcker sind dergleichen Scherzgedichte und Kalauer nicht. Im Gegenteil, sie gilt als schwierig, hermetisch, dunkel, und es sind auch ihre vorgeblich düsteren Texte, die sie zu einem beliebten Objekt obskurer germanistischer Begierden werden ließen: als Beweismittel für avancierte Poetik und die Tragfähigkeit diverser Theoriengebilde sowie deren dichterische Überwindung. Lesen kann man die Mayröcker trotzdem: als eine Bewegung von traditoneller Natur- und Liebeslyrik über Surrealismus und experimentelle Dichtung hin zu einem hohen, fast klassisch anmutenden modernen Gedicht in jüngster Zeit.
Epigonal war Friederike Mayröcker bei all dem nie, auch wenn ihr Dichten in den Fünfzigern mit vielen Erleuchtungen, Engeln und zyklamfarbenen Blicken raunend beginnt: „siehst du den Abendstern? ich sehe / hörst du den Wind? ich höre / fühlst du die ewigkeit? ich fühle ...“ Auch wachsen viele Hortensien und Rosen durch das Gedicht; das rasche Andocken an den Surrealismus aber, die mächtigste internationale künstlerische Strömung jener Zeit, sowie das Umfeld der Wiener Gruppe ersparen Autorin wie Leser jenen Kitsch, den zur selben Zeit ein Paul Celan oder eine Ingeborg Bachmann produzieren.
Wenn die Hauptschullehrerin Mayröcker von Medea spricht, wirkt das nicht symbolistisch; werden Claude Debussy oder Aaron Copland genannt, wirkt das nicht betulich. Schwarzer Humor, mit dem am Ende der Nachkriegszeit und der beginnenden Frauenemanzipation der „Tod durch Musen“ beschworen wird, ist früh von Belang. In „The last Round-up oder Kitti-Kitt“ heißt es: „fangen wir von neuem an / Luftballon im Totenzimmer / ach die toten Frauenzimmer / nymphoman nymphoman / fangen wir von neuem an.“ Das „ich liebe dich“ wird als „Gebetsmühle für den Tag unserer gemeinsamen Aktion“ tituliert.
Die anfänglich schrittweise, bald in rasantem Tempo sich fragmentierende poetische Rede der Mayröcker, die eigentlich immer ein dichterischer Liebesdiskurs ist, klingt in den Sechzigerjahren so: „Komm ich führe dich ich geleite dich ich nehme dich mit / in den Lerchenschlag in das beschattet Auge von Siena / in den gemähten Tulpenwald in die sinkenden Katakomben“. Das Liebeslied, das zugleich immer ein Todeslied ist, endet mit: „ich nehm dich mit / mit dir überall hin / ich fürchte mich nicht / mit dir überall hin
überall hin“.
Zwar treiben in den Textmäandern auch zahlreiche zähflüssige Symbole wie die „trauerreiche Muschel“ oder eine „Hiobs-Palme aus Händen“; mitunter reimt sich auch ziemlich kühn Eichkatze auf Postkasten; vor allem aber hebt jene verrückte und verzückte Rede an, die bis heute nicht mehr verklungen ist: „du Schneefeld! / Laubgeraschel! / Turmvogel! / Brunnenwinde! / Schnee-Beil! / vergrabenes Glück!“ Auf das Glück wird so lange eingeredet, bis es sich ausgräbt und blüht. „lasz dich beschlafen mein Wild mein Reh lasz dich beschlafen mein Liebster“.

Kehrseite und Sackgasse dieses überquellenden Sprechens à la Diotima sind Texte, die auf zehn, 15 Seiten Länge die ohnedies längst hinfällige, traditionelle Unterscheidung von Lyrik und Prosa hinter sich lassen und als polyphones sowie polyglottes Stimmengewirr den Leser gehörig ins Freie setzen: „ ibisse-feuerlook-frisée / in könik-lichter erwartung / (punkt null) / das donauknie / der rathausmann / à la jolie madame / (ahnung davon!) / tonheizers rosenmund: ,la plus belle chose du monde et le secret doux ...'- / ,avec ton amour tu me fais heureux tourjours.'“.
Auch wenn hier etwas wie Liebe und Exil beschworen werden, der Leser wird zum „Ostereiersuchen nach dem Sinn“ (Oswald Wiener über Arno Schmidt) vergattert. Umso überraschender ist es dann, dass sich Friederike Mayröcker nicht nur an sehr einfachen konkretistischen Bildtexten versuchte, sondern im Mai '68 mit „Liebesgrüsze Linz“ auch augenzwinkernd politisch engagierte: „Als die Lokomotive Junge kriegte / sagte sie zum Linzer Singverein / schnallt euch eine enjambierte / Taube um die Wiese / laszt uns bis in unsre Garnituren fröhlich sein.“
In den Siebzigerjahren wird die therapeutische Sprachverwirrung auf die Spitze getrieben. Die Buchstaben verlieren ihre Festigkeit, der inflationäre Gebrauch von Klammern, Strichpunkten und Gedankenstrichen ist mitunter nichts als mühselig-manierierte Begleitmusik, das völlig zersplitterte lyrische Ich zerrinnt wie der Leichnam der dahingeschiedenen experimentellen Dichtung.
In den Achtzigerjahren, zu einer Zeit, da Gedichte endgültig als verbrauchte Spezies von Literatur angesehen wurden, erfolgt eine Rückkehr zu einfacheren Formen. Titel wie „vom Tode“ oder „Meeres Welt“ haben Hölderlin'sche Dimensionen und den entsprechenden Klang; neben depressiven Idyllen und zahlreichen Betrachtungen zum eigenen Altern - Seele und Leib sind „2 feuchte Lappen“ - stehen Erinnerungen an die eigene Kindheit und an die Eltern. Über die Mutter heißt es da: „wie alt bin ich denn jetzt? / es fiel ihr nicht ein, erzählt sie, aber / anstelle des Alters die Uhrzeit, halb- / sieben, statt fünfundsiebzig // und vergisz bitte nicht auf die / Fliegerschokolade ruft sie, / wenn du mich wieder besuchst“.
Vor allem entstehen jetzt subtile Stillleben und Naturbetrachtungen, Friederike Mayröcker scheut sich auch nicht - dichterisch unzeitgemäß - den „Bruder Amsel“ direkt anzusprechen, der an „mildem Frühlingsabend blaszviolett“ vom kommenden neuen Leben kündet. Neben der Bildhauerei ihrer großen Prosa (wie sie diese selbst charakterisiert) aquarelliert sie unzählige, explizit bukolische Reise-Bilder: „von Blumenfeldern umfächelt die Stirn im westlichen Windhauch / ein weiszes Schiff einen Augenblick lang steht steht still auf der Anhöhe“.
Wie souverän Friederike Mayröcker in ihrem achten Lebensjahrzehnt dichtet, zeigen die fast konventionell anmutenden Gedichte aus der jüngsten Zeit. In „Lebenslauf“ entwirft sie ein Selbstporträt der Dichterin als alte, kinderlose Frau, sie greift das traditionelle Vanitasmotiv des Spiegels auf und schreibt es bis zu ihrem eigenen Verschwinden zu Ende: „während ich meine / mich demütigende Häszlichkeit in einem Spiegel.“ Das abschließende „sehe“ fehlt, Original und Abbild sind verschwunden, was bleibt, ist die klagende Stimme in die Leere.
Das ist mehr als „ut pictura poesis“, die Lösung der Bildhaftigkeit in der Literatur. Und von unüberbietbarer Meisterschaft ist das letzte Gedicht des Bandes „unter Bäumen Tränenmorgen“, eines der zahlreichen Requien für Mayröckers Lebensmenschen Ernst Jandl (siehe Noch mehr Lyrik): Der größte denkbare Ausgriff der Dichterin über den eigenen Tod hinaus, der Versuch, sich die Welt ohne sich selbst vorzustellen, wird mit der Erinnerung an den Geliebten zu einem Bild von geradezu elysischer Selbstgenügsamkeit verknüpft.

Wo auch immer so gesprochen werden mag, Friederike Mayröckers Gedicht verfügt hier über lazarenische Macht. Wendelin Schmidt-Dengler bezeichnete das Duo Mayröcker/Jandl (mit dessen Namen die „Gesammelten Gedichte“ auch enden) einmal als eine der größten Liebesgeschichten der Weltliteratur - in diesem Gedicht ist der Tote auferstanden. Um seinetwillen wurde die Litanei des „ich liebe dich“ angestimmt; ob die Auferstehung tatsächlich erfolgt, ist in Anbetracht dieses Textes fast gegenstandslos. Gegenstandslos, das heißt jenseits der Gegenstände, Klang nur noch und Fülle, voll wie das Glück - zugleich die absolute Definition des Gedichts.

Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte 1939-2003.
Frankfurt/M. 2004 (Suhrkamp), 855 S., EUR 28,60

Am 20.12., 19 Uhr, findet im Akademietheater ein Festabend mit und für Friederike Mayröcker statt (u.a. mit Elfriede Gerstl, Durs Grünbein, Bodo Hell, Thomas Kling, Petra Morzé und Libgart Schwarz).

 
NOCH MEHR LYRIK
Sternensprache jenseits der Vernunft


Rasch war der goldschrieb gefluttert / tupfig sehr ädrig verbostelt / da lupfte der hupfer den bauchkorb / verbarg er die binsige rupfe / tschiribombös profelurte kikieglitzt / o schwansam / teich auf!“ Das auch im Original in einer unbekannten Sprache verfasste Gedicht stammt vom russischen Futuristen Velimir Chlebnikov (1885-1922); in eine dem Deutschen verwandte Sprache gebracht wurde es für den Band „Mein Chlebnikov“ vom Dichter Oskar Pastior. Bei den zwei Dutzend Beispielen einer Sternensprache jenseits der Vernunft handelt es sich um den Versuch, nicht weniger als den ganzen Kosmos zum Tanzen zu bringen. Der Leser muss - wenn da vom russischen Gott Perun die Rede ist, die Lacher in tobendes Gelächter verfallen, Tiere und Pflanzen sich im Text als das erweisen, was sie einzig sind: Worte, Namen - mit den Ohren denken. Onomatopoesie - durch die beigepackte CD allerdings leicht gemacht.
Leicht zu lesen, wenn auch nicht minder ambitiös, ist der 1941 in Zagreb geborene Tomaz Salamun, der als die lyrische Stimme Sloweniens gilt. Mehr als dreißig Gedichtbände hat Salamun bislang verfasst, Bescheidenheit war ihm schon in einem frühen, wenn auch selbstironischen Autoporträt fremd: „du bist ein genie tomaz salamun / du bist herrlich du bist schön / du bist groß du bist ein riese“. Salamun ist alles im Universum, dementsprechend frech spricht er in „Aber das sind Ausnahmen“ von den Frauen, über Logik, erfindet neue Sprichwörter, erzählt zyklisch vom Pokern und vom Kino - ein freundlicher Surrealismus, in dem Gummischuhe abgeschafft oder bedeutsame Wahrheiten verkündet werden: „sie werden sich nicht groß wundern / sehr hohe bäume geben nicht viel schatten / viel schatten geben niedrige und dicke bäume“.
„Ich habe als Voyeur die Welt duchwandert. / Es tönte und schillerte in der galaktischen Seifenblase“, schrieb Czeslaw Milosz (1911-2004), der polnische Nobelpreisträger des Jahres 1980, über sich selbst. „DAS“ versammelt die poetischen Konfessionen eines offenbar nie alternden Sünders, der gar dem Papst in den letzten Jahren seines Lebens ein Gedicht widmete. Die dichterische Spur führt aus dem besetzten Warschau des Jahres 1943 bis in die späten Neunziger. „Du alter Lustmolch, du sollst langsam ans Sterben denken - statt an die Spiele und Vergnügungen der Jugend“, heißt es in einem späten Resumee am Flughafen von Minneapolis, ein Glas Whisky in der Hand. Sonst geht es bei Milosz um Kindheit und Exil, Kosmologien und Katholizismus.
Wie politisches Engagement dichterisch funktioniert, zeigen die unter dem Titel „Samarkand und andere Gedichte“ erstmals ins Deutsche übersetzten Texte des 1934 geborenen Nigerianers Wole Soyinka, Nobelpreisträger des Jahres 1986. Die Basare in Samarkand und Teheran, die Suks von Algier und Beirut, aber auch die Börse an der Wallstreet und andere Hochburgen der Scharlatanerie werden in epischer Breite evoziert. Als wäre er Horaz, spricht Wole Soyinka über den religiösen Eifer der Fundamentalisten jeder Couleur, diverse Tyrannen und ihre Opfer sowie von der eigenen Kindheit in Nigeria. „Ich schulde diesem Tod eine Abrechnung, zu nahe / als dass ein kurzes Klagen sie linderte. (...) Nimm seine Hand, führe ihn und lass dich von ihm führen“, dichtet Soyinka in einer großen Elegie, die den verstorbenen Russen Joseph Brodsky und den hingerichteten Ken Saro-Wiwa zu einem Gespräch im Jenseits zusammenführt. Kein besseres Gedicht in diesem Jahr, von dem man sich ins Diesseits entführen lassen könnte.
ERICH KLEIN

Oskar Pastior: Mein Chlebnikov. Basel 2004 (Urs Engeler Editor), 111 S., EUR 24,-

Tomaz Salamun: Aber das sind Ausnahmen. Gedichte. Aus dem Slowenischen von Peter Urban. Wien 2004 (Edition Korrespodenzen), 96 S., EUR 14,-

Czeslaw Milosz: DAS und andere Gedichte. Aus dem Polnischen von Doreen Daume. München 2004 (Carl Hanser), 133 S., EUR 15,40,-

Wole Soyinka: Samarkand und andere Gedichte. Aus dem Englischen von Klaus Laabs. Zürich 2004 (Ammann), 150 S., EUR 18,90,-

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Dezember 2004 © FALTER
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