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| Svi hat den Swing |
| KARRIERE Er galt als der patschertste Stadtrat im roten Wien und wurde von den Genossen kalt abgesägt. Jetzt macht Fritz Svihalek als Frank Sinatra Kellertheater und Weihnachtsfeiern unsicher. JULIA ORTNER |
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| Frank Sinatra hat gerade das Gebäude betreten. Er ist gut drauf, dreißig Zuschauer sind heute ins Kellertheater am Auersperg gekommen. Am Abend davor waren es nur zehn. So wenig Publikum ist Frankie Boy nicht gewohnt. Er schwingt sich auf die Bühne, leichtes Ächzen, stellt sein Wasserglas in Griffweite ab. Ein harmloser Volksschülerwitz über Bankangestellte, dann legt er los. Mit einer ordentlichen Schnulze, einem eingedeutschten Stevie-Wonder-Hit, gefühlvoll vorgetragen. Doch da passiert das Unfassbare, des Entertainers Mikrofon streikt. Frank Sinatra, bürgerlich Fritz Svihalek, tut instinktiv das Richtige, steigt einfach hinab in den Zuschauerraum und schmettert die Nummer dort ohne Mikro fertig – direkt den Zuschauern ins Gesicht, voller Inbrunst. Ondulierte Köpfe und graue Schläfen nicken im Takt mit. Der erste Spontanapplaus für den 192-Zentimeter-150-Kilo-Mann mit dem Magnum-Schnauzbart, der zeitlosen Tropfenbrille, dem senfbraunen Sakko und der weichen Stimme. Das Publikum mag Svi, er gibt ihnen so ein gutes Gefühl. Der Mann, den sie früher Svi nannten und jetzt Frank Sinatra rufen, genießt sein Leben nach der Politik. Ein Leben auf der Bühne mit deutschen Schlagern, englischen Schnulzen und kleinen Conférenciereinlagen. Bis 2001 hat Svihalek mehr auf seriös gemacht, als er noch als SPÖ-Verkehrs- und Umweltstadtrat in seinem großen Büro im Rathaus residierte. Nun swingt der 46-Jährige in Kellertheatern und bei Betriebsfeiern. Gelernt hat er von den ganz Großen, wie von Frankie Boy. Ich singe zum Beispiel immer etwas hinten nach, dann swingt es automatisch. Svihaleks Stimme, ein angenehmer Bariton, klingt nach Lederfauteuil und amerikanischer Bar, nach Whiskey und Zigarrenrauch – kleine Unsicherheiten inklusive. Fritz Svihalek, das ist ein Robbie Williams aus der Donaustadt minus Glamour und Tattoos, aber plus Spaß an der Sache. Und etwas von Balu, dem Bären. Relax mit Svi heißt das aktuelle Programm, das kaum ein Publikum kalt lässt. Selbst Leute, die sonst nicht auf alte amerikanische Barsongs und deutsche Schlager stehen. Auch die Zeit im Bild-Weihnachtsfeier hat Svihalek tags zuvor ordentlich aufgemischt. Zuerst waren manche Leute skeptisch und haben mich beäugt, so auf die Art, was will der singende Exstadtrat, kann der das überhaupt?, erzählt er. Doch Svi hat den Großteil der ORFler im Sturm erobert, spätestens beim Peter-Alexander-Medley sind sie um mich herumgetanzt. Als Stadtrat hat er selten Lob erlebt. Da hatte er eher mit hämischen Kommentaren zu kämpfen, wurde gerne kritisiert, bevor ihn die eigenen Genossen nach der letzten Wahl kalt abserviert haben. Svihalek hat sich still aus der Politik verabschiedet. Jetzt hat er mehr Zeit für die Musik, hat schon vier CDs aufgenommen. Allerdings macht er den Sinatra nicht für Geld, sondern nur für den guten Zweck. Alle Einnahmen gehen an karitative Organisationen, derzeit steht er für Leben mit Krebs auf der Bühne. So kann ich die Freude am Singen mit meiner sozialen Ader verbinden. Aufs Singen ist der Expolitiker schon als Stadtrat gekommen, als das St. Anna Kinderspital ihn bat, für eine Charityveranstaltung etwas Kreatives beizusteuern. Sein Geld verdient der einstige Länderbank-Angestellte heute als kleiner Unternehmer. Er setzt in Tschechien und der Slowakei gemeinsam mit der Bank Austria Infrastrukturprojekte um, von der Abwasserentsorgung bis zur Stadterneuerung. Außerdem bietet er österreichischen Firmen und Gemeinden seine Dienste in Sachen Verkehrsorganisation an. Geschickt nutzt er die alten Kontakte zu Bezirkschefs und Behörden und profitiert von seinen Erfahrungen aus der Politik. In die Bank Austria selbst, die seinen einstigen Arbeitgeber Länderbank übernommen hat, wollte er nach den vielen Jahren nicht zurückkehren. Und die Genossen haben ihm keinen gemütlichen Versorgungsposten vermittelt, wie sie es sonst gerne tun. Ich bin heute nur zahlendes Parteimitglied und habe mit ein paar Kollegen Kontakt – aber rein privat, sagt Svihalek. Keine Enttäuschung über das politische Ende mit Mitte vierzig? Wenn ich einen neuen Abschnitt beginne, dann breche ich mit dem davor total, erklärt der Expolitiker und versucht dabei, nicht bitter zu klingen. So führe ich schon mein drittes Leben. Zuerst war’s der Sport, dann die Politik, jetzt die Musik plus Unternehmertum.. Sport und SPÖ, damit wächst Svihalek in der Brigittenau auf. Der Vater ist Polizist und Chef der Polizeisportvereinigung, Sektion Judo. Der Bub wird Judoka, schafft es mehrmals zum Wiener Meister, einmal zum Vizestaatsmeister. Außerdem spielt er als Tormann in der Rapid-Jugendmannschaft. Svi entscheidet sich trotzdem gegen den Sport und wird Bankkaufmann, außerdem engagiert er sich in der Gewerkschaft. Dort bringt er es bis zum Bundesvorsitzenden der ÖGB-Jugend und sitzt drei Jahre lang in der internationalen Kreisky-Kommission gegen Arbeitslosigkeit. Dabei entsteht ein Buch mit dem Titel Achtung Fertig Arbeitslos , die Herausgeber sind Bruno Kreisky und Svihalek. Ich bin heute noch sehr stolz, dass ich mit diesem großen Mann zusammenarbeiten durfte, sagt Svihalek. 1989 wird der junge Gewerkschafter SPÖ-Parlamentsabgeordneter, schon mit 36 Jahren Stadtrat in Wien. Gerade gut behandelt habe ihn die Wiener Partei nicht, meint Franz Karl, ehemaliger ÖVP-Gemeinderat und einstiger Chef der Hundekommission, der bei der 2001-Wahl auch seinen Platz im Rathaus verloren hat: Ich habe den Eindruck, dass ihn die Genossen links liegen gelassen haben. Heute treten Karl und Svihalek gemeinsam auf – der Schwarze liest den Herrn Karl, der Rote singt dazwischen Schlager. Svi hatte es schon von Anfang an schwer in Wien – nicht nur bei der Opposition. Es hat mich damals getroffen, dass mich auch manche aus den eigenen Reihen fertig gemacht haben. Und wie die Hackeln in der Regierung geflogen sind, sagt Svihalek. Die einflussreiche Donaustädter SPÖ hatte ihn zwar als ihren Mann ins Rathaus geschickt, so richtig verankert war der Gewerkschafter in seinem Bezirk aber nie. Svi fehlte die Hausmacht. Und dann fiel er auch noch durch ungeschickte Aktionen auf. So ließ er sich zum Präsidenten des Autofahrerklubs Arbö machen – ein Amt, das mit dem des Umweltstadtrats nicht wirklich zusammenpasst. Am symbolträchtigen autofreien Tag war er ungerührt mit Chauffeur und Dienstkarosse unterwegs. Und handelte sich gleich zu Beginn einen gemeinen Spitznamen im Rathaus ein: Mochmascho. Weil der unerfahrene Kommunalpolitiker gerne mit einem jovialen Moch ma scho auf heikle Fragen antwortete – in bester Absicht, wie Svihalek betont: Ich hatte ja keine Ahnung, dass manches für einen Stadtrat nicht machbar ist. Svihalek war halt einfach zu patschert, resümiert ein grüner Stratege die gemeinsame Zeit im Rathaus. So lange, bis es dem Bürgermeister anscheinend zu viel wurde. Svi fiel in Ungnade. Heute sieht er auch seine Fehler: Ich war ein Einzelgänger. Loyal, aber nicht teamfähig. Und ich bin kein großer Kämpfer. Der musikalische Herr Svihalek lebt sein Einzelgängertum lieber auf der Bühne aus. Auch wenn Svi den Swing hat, punkto Körpereinsatz hält er sich auf der Bühne elegant zurück. Weil er’s luftmäßig nicht packen würde, erklärt der Entertainer, neben dem Singen auch noch wild rumzutanzen. Ich mache es wie der späte Sinatra – der ist nur mehr da gestanden, sagt Svihalek und lacht. Er hat den angeschlagenen großen Entertainer noch live bei Konzerten in New York und Wien erlebt. Zum Schluss hat er seine Texte tatsächlich runterlesen müssen, erzählt er. Traurig, aber das kann dem Unterhalter aus der Donaustadt nicht passieren, seine Texte sitzen tadellos. Und er hat sich auf ein paar große Gesten spezialisiert, die er je nach Gefühlslage der Songs strategisch einsetzt. Die Ich-greif-mir-ans-Herz-und-umarme-das-Publikum-Bewegung, die Ich-mach-mit-der-Hand-eine-Scheibenwischer-bzw.-Sonnenaufgang-Bewegung oder – Achtung, Svis Geheimwaffe! – die Peter-Alexander-Faust für die ganz großen Momente. Und wenn Svihalek Quando singt, wippt er sogar ein bisschen in den Knien und legt unerwartet ein paar flotte bärige Tanzschritte hin. In Wien erinnert man sich noch an die Aktionen und Sonderkommandos Svis, wie etwa die legendäre Report-Geschichte, in der der Umweltstadtrat eigenhändig den Sittich Hansi rettete. Svihalek hat nichts ausgelassen, sich beim Flascherlgeben mit kleinen Problembären, beim Müllklauben oder am Elektrofahrrad fotografieren lassen. Als Parlamentarier soll er einmal mit einer Nackerten auf der Hinterseite der Krawatte überrascht haben. Ehemalige Rathaus-Kollegen haben gar ein eigenes Dossier fieser Svihalek-Fotos angelegt. Darüber vergessen die Wiener, was Svi sonst noch hinterlassen hat: ein Umweltbildungskonzept für die Stadt, ein Parkleitsystem für Garagen, er war Miterfinder der umstrittenen Volksgarage und hat das Parkpickerl eingeführt. Sein mutigstes Vorhaben brachte er allerdings nicht durch: Als er 2000 nach einigen Kampfhundeattacken ein rigides Hundegesetz mit Totalverboten für gefährliche Rassen, Hundeführerschein und drakonischen Strafen einführen wollte, pfiff ihn Michael Häupl zurück. Und ließ sich demonstrativ mit Hund am Krone-Cover ablichten. Svi hatte gegen die bösen Kampfhunde verloren. Rund um Weihnachten bleibt ihm kaum Zeit, um über die alte Zeiten nachzudenken. Svi hetzt von kleinen Charityauftritten zur Party des Minigolfpräsidenten oder tritt bei der Apcoa-Weihnachtsfeier auf. Keine Show ist ihm zu mühsam, keine Location zu minder. Nur in Wirtshäusern mag ich nicht mehr auftreten. Wenn man gerade Hallo, bist das du, nach der ich such? singt und jemand schreit daneben zwei Krügerl!, haut das die ganze Stimmung zusammen, sagt Fritz Svihalek, Entertainer aus Überzeugung. |
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