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| SS-Kostüme sind beliebt |
| ZEITGESCHICHTE Ein Gespräch mit der in London lebenden Holocaust-Forscherin Katherine Klinger über Formen des Gedenkens, Prince Harrys Nazikostüm, den neuen Antisemitismus und das schmerzvolle Verhältnis ihrer emigrierten Mutter zu Wien. ERICH KLEIN, KLAUS NÜCHTERN und MICHAEL OMASTA THE WIENER LIBRARY: Archiv des Schreckens |
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| Der 27. Jänner ist nicht nur Mozarts Geburtstag, sondern auch der Tag, an dem Auschwitz durch die Rote Armee befreit wurde. Seit einigen Jahren wird an diesem Datum der Holocaust Memorial Day begangen. Katherine Klinger wurde als Tochter einer aus Wien stammenden Österreicherin und eines tschechischen Vaters in London geboren. Als Gründerin und Direktorin des Second Generation Trust und Angestellte der Wiener Library, der ältesten und umfangreichsten Bibliothek zum Holocaust, befasst sie sich seit gut einem Jahrzehnt mit dem Thema, insbesondere mit der zweiten Generation, also den Kindern von Holocaust-Überlebenden. Klinger ist eine der insgesamt zwölf Frauen, die in dem Dokumentarfilm Things. Places. Years (siehe Falter 3/05) zu Wort kommen, und war anlässlich der Premiere letzte Woche in Wien zu Gast. Falter: Wie kam es eigentlich zum Holocaust Memorial Day? Katherine Klinger: Im Jahr 2000 hat Tony Blair angekündigt, dass der 27. Jänner – gemeinsam mit vier oder fünf anderen Ländern der EU, unter anderem Deutschland – zum Holocaust Gedenktag wird. Ich glaube, die Menschen waren ziemlich überrascht über diese Ankündigung, die wohl auch die Folge des in den letzten Jahren anwachsenden Bewusstseins davon ist, dass die 65.000 bis 70.000 Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich einen großen kulturellen und wirtschaftlichen Einfluss auf Großbritannien gehabt haben. Aber wenn Sie hundert Leute auf der Straße nach dem Holocaust Gedenktag fragen würden, würden vermutlich 98 von ihnen zur Antwort geben, dass sie noch nie davon gehört hätten. Rückblickend ist es allerdings ein wichtiger Schritt, dass die Initiative dazu von ganz oben kommt und offiziell von der Regierung getragen wird. Wie wird dieser Tag in Großbritannien begangen? Vergangenen Juni gab es ein Treffen zwischen dem Innenministerium und der BBC, in dem es um die Frage ging, inwiefern die BBC den Holocaust Memorial Day als nationales Ereignis wahrnehmen würde. Die ersten Reaktionen waren ziemlich lau: Mal sehen – die meisten sind des Auschwitz-Themas schon ein bisschen müde ... Aber sobald klar war, dass die Queen partizipieren würde, bekam die ganze Sache eine völlig andere Dimension – unglaublich! Damit konnte niemand rechnen. Welche Rolle spielt die Queen denn? Sie hat zum Beispiel von sich aus entschieden, 600 Überlebende in den Palast einzuladen und dort zu treffen. Und von dort aus gibt es dann einen gemeinsamen Bus nach Westminster. Und was ist mit Prinz Harry? Der ist ein perfektes Beispiel: Die Statistik in England besagt, dass fünfzig Prozent der Leute noch nie von Auschwitz gehört haben – nicht einmal gehört! Wusste Harry wirklich nicht, was dort passiert ist? Es könnte doch sein, dass der Nazi im Bewusstsein vieler halt zu einer etwas grotesk-schaurigen Comicfigur geworden ist. Wie sich herausgestellt hat, wollte Prinz Harry ja eigentlich eine SS-Uniform – die in seiner Größe allerdings schon verliehen war. Es blieb also nur das andere Kostüm übrig, das in dieser Form – mit dem Hakenkreuz – ja historisch falsch ist. Nazikostüme sind zurzeit sehr gefragt – und eines der beliebtesten ist eben die SS-Uniform. In dem Film Things. Places. Years erwähnen Sie, dass es in England einen wachsenden neuen Antisemitismus gibt. Ja. In den letzten paar Jahren haben antisemitisch motivierte Zwischenfälle definitiv zugenommen. Das betraf nicht mich persönlich, sondern Leute, die in einer bestimmten Art gekleidet sind und auf der Straße als Juden identifiziert werden. Sie sprachen aber auch von einem wachsenden Antisemitismus der Linken. Die traditionelle Linke ist antizionistisch und propalästinensisch. Die gegenwärtige israelische Politik dient da oft nur als Vorwand, einen versteckten Antisemitismus zu legitimieren. Erst gestern habe ich in einem Wiener Kaffeehaus Zeitungskommentare gelesen, in denen das, was die Israelis den Palästinensern antun, mit dem verglichen wird, was im Dritten Reich passiert ist. So wenig ich auch mit der israelischen Politik einverstanden bin, so steht doch fest, dass es nicht dasselbe wie die Endlösung ist! Und die Rechtsextremen? Die Angriffe der Rechten richten sich genauso gegen andere Minderheiten – also auch gegen Moslems oder jeden, der anders ist. Die rechtsextreme British National Party hat einige wichtige Positionen besetzt – besonders in Gegenden mit sehr hohem Moslemanteil. Ich neige zu der Ansicht, dass wir Juden in Großbritannien ziemlich angesehen und etabliert sind. Wenn uns also etwas zustößt, wenn es zu antisemitischen Ausfällen kommt, dann hört man auf uns. Ich glaube nicht, dass Schwarze oder Moslems oder andere Minderheiten in einer so glücklichen Position sind. Sehen Sie die Gefahr, dass antimoslemische Ressentiments bis zu einem gewissen Grad zu so etwas wie einer Wiederaufführung des Antisemitismus werden könnten? Nein. Ich halte das für unwahrscheinlich. Schon deshalb, weil es sehr viele Moslems gibt – nicht nur in Großbritannien, sondern überall in Europa und auf der ganzen Welt. Es gibt im Englischen den Begriff des Holocaust Educator, also des Holocaust-Erziehers: Was macht so jemand eigentlich? Keine Ahnung. Es gibt eine Reihe von Organisationen, die sich mit dem Holocaust beschäftigen; insofern kann man vielleicht sagen, dass wir mit Holocaust-Erziehung befasst seien. Ich erinnere mich, dass ich mich vor zehn Jahren auf den Universitäten in England und den USA umgesehen habe, weil ich einen Abschluss machen wollte, der mit Holocaust-Forschung zu tun hatte. Saul Friedlander, der auf diesem Feld arbeitet, sagte mir damals: Es gibt nichts. Sie können weder einen Masters Degree noch ein Post Graduate Diploma erwerben. In den folgenden zehn Jahren hat es einen Lawineneffekt gegeben, und Sie können heute auf Universitäten in ganz England einen Abschluss in Holocaust-Studies machen – ob in Geschichte, Literatur oder Film. Und jeder, der auf diesem Feld unterrichtet, erzählt mir, dass es die am stärksten überbuchte Lehrveranstaltung ist. Wie passt es zusammen, dass die universitäre Holocaust-Forschung boomt, während die Wiener Library (siehe Archiv des Schreckens) ihre Buchbestände im Keller lagern muss? Wir existieren schon seit siebzig Jahren, sind also nicht Teil eines neuen Trends. Geld aufzustellen ist immer eine schwierige Sache. Die deutsche Regierung hat uns immer schon unterstützt, wobei die Summe seit den Fünfzigerjahren gleich geblieben ist und heute nur ein Zehntel der Betriebskosten deckt. Glauben Sie, dass diese Art von Gedächtnisspeicher durch das Wegsterben der Holocaust-Überlebenden an Bedeutung gewinnt? Ich glaube, dass in der Zukunft der Holocaust verstärkt als ein zentrales Ereignis Europas begriffen und mit anderen Beispielen von Völkermord in Zusammenhang gebracht werden wird: Der Trend geht in Richtung Holocaust- and Genozide-Studies. Der Holocaust ist nun einmal der bestuntersuchte Völkermord: Er fand in unserer Nähe statt. Darüber dürfen wir aber Kambodscha oder Ruanda nicht vergessen. Wie sieht denn die von Ihnen angesprochene Europäisierung des Holocaust aus? Es ist jedenfalls so, dass die Mehrheit von ihnen nicht jüdisch ist. Sie interessieren sich einfach für das Thema. Wann ist denn Ihr Interesse daran erwacht? Es war immer da – mein ganzes Leben lang. Die Frage müsste also eher lauten: Wann habe ich gewagt, es auch ganz konkret ins Auge zu fassen? Das war 1994, als ich 34, 35 Jahre alt war. Eigentlich ziemlich spät. Das stimmt zwar, meiner Erfahrung nach sind die meisten aber noch älter. Ich treffe immer wieder Leute, die fünfzig oder sechzig sind, bevor sie auch nur beginnen, sich damit zu befassen. Viele warten einfach, bis ihre Eltern gestorben sind. Warum? Ich denke, es ist einfach zu schmerzvoll. Außerdem hat es ziemlich lange gebraucht, bevor die Kinder von Holocaust-Überlebenden überhaupt ins öffentliche Bewusstsein gelangten. Sogar in den USA, wo diese Dinge etwas schneller gehen, hat es bis 1977, 1978 gedauert – bevor es dann zehn, zwölf Jahre später auch hier angekommen ist. Wieso dieses Datum? Damals erschien Helen Epsteins bahnbrechendes Buch Children of the Holocaust. Plötzlich meldeten sich Tausende Kinder von Holocaust-Überlebenden zu Wort. Das Interessante war, dass die Erfahrungen überall ähnlich waren – unabhängig davon, ob diese Kinder in Ottawa, Perth oder London aufwuchsen: Die Art und Weise, wie in diesen Familien kommuniziert wurde, unterschied sich nur hinsichtlich einiger kultureller Differenzen. Wie sehen Ihre Erfahrungen aus? Wann hat Ihre Mutter Ihnen etwas erzählt – und was? Es war wie in jeder Familie: Man weiß Bescheid und gleichzeitig auch wieder nicht; man spürt, welche Bereiche man betreten kann und welche nicht. Worüber wurde gesprochen? In Things. Places. Years erzählt eine Frau zum Beispiel, dass ihre Mutter so getan hat, als wäre sie nie in Wien gewesen. Diese Frau, Ruth, ist von Wien nach Paris gekommen – was ein weniger harter Bruch gewesen sein dürfte als der zwischen Wien und London. Meine Mutter und deren Freunde waren so zwischen 16 und 18 Jahre alt, als sie Wien 1938 verlassen mussten. Aber sie haben etwas mit sich genommen und herumgetragen, sodass sogar ich einen Widerwillen gegen Wien entwickeln konnte. Dabei war es bei uns auch nicht verboten, über Wien zu sprechen – ganz im Gegenteil. Ich wusste immer, dass es diesen Ort gab, den sie liebte, der aber auch mit einem schrecklichen Schmerz verbunden war. Es war wie der Bruch einer Beziehung, auf die man nie wirklich zurückzublicken wagt. Meine Mutter brauchte über dreißig Jahre, um wieder nach Wien zu kommen – damals war ich 14. Auch unsere Urlaube haben wir immer in der Schweiz verbracht: In den Sechzigerjahren war die Schweiz voll von jüdischen Immigranten und deren Kindern, die sozusagen über die Grenze gespäht haben. Wir waren auf einer dieser Reisen unterwegs in die Tschechoslowakei, wo die Familie meines Vaters lebte, und fuhren sehr schnell durch Österreich, als das Auto zusammenbrach. So kamen wir nach Wien – das war das erste Mal. Entsprach Wien dem Bild, das Ihnen Ihre Mutter vermittelt hat? Ja. Es gehört zu den schrecklichen und auch schönen Dingen an Wien, dass man vierzig, fünfzig, sechzig Jahre danach mit jemandem hierher zurückkommen und wirklich ein Gefühl dafür bekommen kann, wie es damals war – für die Atmosphäre und den Geschmack; selbst dann, wenn an dem Platz, wo meine Mutter wohnte, ein neues Haus steht. In London ist das vollkommen anders. Geschäfte wechseln alle sechs Monate, Restaurants ziehen alle paar Jahre um – es gibt keine solche Kontinuität. Aber hier ... Meine Mutter hat mir ihren Schulweg beschrieben, mit welcher Tram sie gefahren ist, und all die Dinge, die man für selbstverständlich nimmt – die Maronibrater, den Würstelstand. Ihre Mutter hat bei ihrem Wienbesuch auch behauptet, dass die Brötchen bei Trzesniewski noch immer wie vor dreißig, vierzig Jahren schmecken. Waren Sie jetzt wieder dort? Ich war tatsächlich dort. Die Sandwiches sind wirklich sehr gut. Andererseits ist gerade Trzesniewski ein Beweis dafür, dass sich Wien doch verändert: Es gibt mittlerweile immerhin schon sieben Filialen. Ja, ich war ein bisschen schockiert, als ich das gehört habe. Things. Places. Years läuft derzeit im Top Kino (siehe auch Falter Kinoprogramm). THE WIENER LIBRARY Archiv des Schreckens Die Anfänge der Wiener Library reichen bis Mitte der Zwanzigerjahre zurück, als der Centralverein Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens als Reaktion auf den wachsenden Antisemitismus in der Weimarer Republik sein eigenes Archiv einrichtete. 1933 mussten die Bestände zwar vernichtet werden, aber der Vorsitzende des Centralvereins, Dr. Alfred Wiener (1885–1964), setzte die Sammeltätigkeit nach seiner Flucht weiter fort und gründete, zusammen mit David Cohen, das Jewish Central Information Office in Amsterdam. Bei seiner Übersiedelung nach London (1939) besaß das Büro, das bis heute unter dem Namen Wiener Library bekannt ist, bereits mehr als 8000 Bücher und Zehntausende von Presseausschnitten. Während des Zweiten Weltkriegs griffen das Ministry of Information und andere Regierungsbehörden auf die Bibliothek zurück, die aufgrund ihrer vorausschauenden Sammelpolitik zu einem führenden Forschungszentrum zu Nationalsozialismus und Faschismus wurde. So begann man etwa schon in den Fünfzigerjahren, systematisch Augenzeugenberichte von Emigranten und Überlebenden des Holocaust zu dokumentieren. Aus budgetärer Not wurden 1980 die meisten Bücher und Materialien auf Mikrofilm kopiert und die unersetzlichen Originale an die Universität von Tel Aviv überführt. In der Vergangenheit statteten Thomas Mann, der deutsche Bundespräsident Theodor Heuss und viele andere Prominente der Bibliothek einen Besuch ab. In Things. Places. Years (Regie: Simone Bader und Jo Schmeiser) führt Katherine Klinger, vor Kälte zitternd, in das Archiv im Keller hinunter. Es gibt weder Heizung noch Klimaanlage. A Library of Horrors, schrieb eine Zeitung einmal. Damit war zweifellos aber etwas anderes gemeint. Wiener Library (4 Devonshire Street, London W1N 2BH), www.wienerlibrary.co.uk |
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