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Bambi, die Sau
MUSIK Der niedliche New Yorker Singer-Songwriter Adam Green ist zurzeit Everybody’s Darling. Eine Begegnung mit dem jungen Mann, der mit seinen Schweinigel-Chansons demnächst in Wien auftritt. ROBERT ROTIFER

ADAM GREEN, DER DICHTER: Wie geht Poesie?

Falter 06   Originaltext aus Falter 06/05 vom 09.02.2005

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Ein niedlicher Kerl mit zerrauftem Haar und zerschlissenen Jeans sitzt im chaotischen kleinen Büro einer Londoner Plattenfirma und fingert nervös an seinem Discman herum. Er hört eine Greatest-Hits-Compilation der Supremes und spult unablässig zum Übergang zwischen der zweiter Strophe und dem Refrain von „You Can’t Hurry Love“ zurück. Erst heute habe er entdeckt, dass in Diana Ross’ Gesangsspur ganz deutlich ein Schnitt zu hören sei, stellt Adam Green aufgeregt fest. Sei das nicht einfach unglaublich? So wie der 23-Jährige hilflos mit dem verwickelten Kabel seiner Kopfhörer ringt, sähe man es ihm eigentlich nicht an, aber dieser Mann mit den unschuldigen Bambi-Augen besitzt eine ungeheure Macht.
  Er hat die Macht, sonst einwandfrei salonfähige Menschen in die heikelsten Situationen zu bringen, wenn sie etwa an öffentlichen Orten dem unwiderstehlichen Drang erliegen, die zügige Schlusskadenz von „Chubby Princess“ vor sich hin zu trällern: „Und wenn ich heut Nacht wieder in dieses Hurenhaus gehen würde, glaubst du, ich fände einen Grund, warum die Prinzessin ihn nicht beißen sollte ...“, gefolgt von einem herzhaft ausgestoßenen „meinen Schwanz!“ Zugegeben, in der unsynchronisierten Originalversion ist dieser Albtraum der Selbstentblößung erheblich weniger genannt, denn zum Verständnis der Green’schen Schweinereien muss man doch über deutlich bessere Sprachkenntnisse als das durchschnittliche Schulenglisch verfügen.
  Vielleicht liegt ja auch in der kindlichen Freude am Übersetzen der Lyrics ein Grund für Adam Greens hiesige Popularität, die sich unter anderem darin manifestierte, dass sein jüngstes Album „Gemstones“ über Wochen die Spitzenplätze der österreichischen und deutschen iTunes-Plattformen besetzt hielt. Während der New Yorker in seiner Heimatstadt das Privileg der Anonymität genießt, wird er auf den Straßen Berlins von Schwärmen liebestrunkener Mädchen verfolgt. Green selbst vermutet, dass seine deutsch-jüdischen Wurzeln (Greens Urgroßmutter Felice Bauer war Franz Kafkas Verlobte; der Briefwechsel der beiden ist Literaturgeschichte) für seine Beliebtheit im deutschsprachigen Raum verantwortlich sind. Die Vorteile der Fremdsprachigkeit sind dem Verfasser schmutziger Songtexte aber durchaus bewusst: „Deutschland ist schon viel liberaler als die USA. Andererseits habe ich einmal auf Viva ein unzensuriertes HipHop-Video gesehen. Ich fragte einen deutschen Bekannten, ob es auch okay wäre, wenn die dasselbe auf Deutsch rappen würden, und er sagte: ,Nein’. Die Tatsache, dass meine Songs englisch sind, verändert also sicher ihre Wahrnehmung. Aber mir soll das recht sein, solange es einen Ort gibt, wo ich uneingeschränkt meine Kunst ausüben kann.“
  Dem deutschen Prime-Time-Publikum der Harald-Schmidt-Show durfte Green anstandslos seine Hitsingle „Emily“ vortragen. Die Zensoren amerikanischer Radiostationen hingegen stießen sich daran, dass der Text einen Heiratsantrag an besagte Emily mit dem Wunsch verbindet, sie möge ihn „mit einem Küchenmesser weit aufschneiden“. Green zeigt sich ob so viel moralisierenden Banausentums indigniert: „Unfassbar, welche Kapriolen wir schlagen müssen, um meine Musik ins Radio zu bringen. Wie kann man sich derart über ein Wort wie ‚Küchenmesser’ echauffieren?“ Greens glaubhafte Empörung widerspricht seinem Ruf als professioneller Provokateur. Die richtige Wortwahl, meint er, sei ihm besonders wichtig. Bevor er der Band seine Songs zum Einproben präsentiert, schleift er die immer humorvollen, oft surrealen Reime monatelang zurecht. „Vor allen Dingen habe ich eine panische Angst davor, Langeweile zu erzeugen“, gesteht Green. „Ich will farbenfrohe Texte schreiben, in denen ich mich wohlfühle. Ich muss diese Songs schließlich jeden Abend bei Konzerten singen. Wenn ich dabei Worte verwenden würde, die mir unangenehm wären, käme ich mir wie ein Arschloch vor. Ich kann nichts dagegen tun, dass mir angenehme Vorstellungen anderen als obszön oder pornografisch erscheinen.“
  Und dann schlägt der reuelose Schmuddelchansonnier, der es ganz unbedenklich findet, sich im Song „Down on the Street“ selbstironisch als „dreckigen, stinkenden Juden“ zu bezeichnen, eine unerwartet moralische Note an: „Ich verachte die Art, wie die US-Regierung mit Sprache umgeht. Ich kann kaum glauben, dass ich etwas wie die ‚Operation Shock & Awe’ (‚Operation Schock und Ehrfurcht’ – der militärische Name für die Bombardierung von Bagdad, Anm. d. Red.) miterlebt habe. Ich finde es sehr verstörend, dass das Töten von Menschen überhaupt kein Thema mehr ist. Und dann bin es ausgerechnet ich, dessen Songs nicht gespielt werden können. Dabei bin ich doch ein friedlicher Kerl.“
  In der Mediensatire „Choke on a Cock“ wagt Green einen selten konkreten Ausflug in Richtung Protestsong. „Ich wäre so glücklich, wenn ich George Bush treffen könnte“, singt er. „Ich würde auf NBC tanzen und sagen, dass George Bush mir die Hand geschüttelt hat. Und dann geh ich her und ersticke an einem Schwanz.“ Die Idee zu diesem Text kam Adam Green beim Besuch der New Yorker Premiere von Michael Moores „Fahrenheit 9/11“: „Jedes Mal, wenn George Bush den Mund aufmachte, drang ein Geräusch aus den Mündern der Zuschauer, das ich nie zuvor gehört hatte. So, als müssten sie alle erbrechen.“
  Allzu eindringlich will Green sich mit Politik allerdings auch nicht beschäftigen, sonst müsste er „dauernd drüber schreiben“. Die Bewältigung des Alltags ist auch so schon schwierig genug für einen Tagträumer wie ihn. Voriges Jahr wurde Adam Green auf Manhattans Straßen gleich drei Mal mit Schusswaffen bedroht. „Und dauernd werde ich wegen irgendwelcher dummen Dinge festgenommen. Überall wimmelt es von Zivilpolizisten. Ich brauche nur einmal auf der Straße Alkohol zu trinken oder in der Subway über die Absperrung zu springen. Mich erwischen sie immer.“

Kein Wunder, dass die besorgten Eltern ihm ständig in den Ohren liegen. Sein letztes Soloalbum „Friends of Mine“ war Adams erste Platte, die auch Greens Altvorderen gefiel, selbst wenn er darauf etwa von den Vorzügen des Sex mit beinlosen Mädchen sang: „Sexualität war bei uns zu Hause nie ein Problem. Nur Gewalt wurde abgelehnt.“ Nicht dass seine Eltern als antiautoritäre Hippies durchgehen würden: „Unser Verhältnis war lange sehr gespannt, weil ich von ihrem Geld abhängig war. Jetzt verlange ich nichts mehr von ihnen.“ Im Gegenteil: Auf Adam Greens Website findet sich ein werbewirksamer Hinweis auf einen von seinen Eltern verfassten Leitfaden zur Kopfwehbekämpfung („Managing Headaches“), der bereits die zweite Auflage erreicht hat und „für Migräneleidende sicher sehr nützlich sein kann“ (Green). Mit dem Adam Green Magazine (siehe Wie geht Poesie?) ist Green nun seinen Eltern in die Liga der Bestsellerautoren gefolgt. Einen Großteil des darin enthaltenen Materials hatte er bei seinen Tourneen als selbst kopierte Heftchen an die Fans verkauft. „Ich hatte immer ein Notizbuch in meiner Tasche“, erzählt Adam Green, „und als dann der 11. September 2001 kam, schloss ich mich in meinem Zimmer ein und suchte mir die besten Zeilen raus. Das war mein erstes Magazin. Für die zweite Ausgabe nahm ich mir zehn Tage lang eine Stunde täglich zum Schreiben frei. Das liest sich wie ein Rap. Die dritte Nummer war ein langes Gedicht. Dann kam das Angebot von Suhrkamp, und ich schrieb noch ein viertes Kapitel dazu.“
  Die Vorstellung, dass der Erfolg der Kopfwehfibel seiner Eltern auch mit seiner eigenen Prominenz zu tun haben könnte, gefällt Adam Green sichtlich gut: „Früher hieß es immer nur: Was soll bloß aus Adam werden? Mein Vater wollte unbedingt einen Baseballstar aus mir machen. Er ließ mich nicht einmal außer Haus gehen, wenn es nicht zum Baseball ging.“ Das sportliche Untalent des zu Hause im Einzelunterricht geschulten Sohns erzwang allerdings die Umleitung des elterlichen Ehrgeizes auf eine akademische Laufbahn. „Sie schickten mich in eine echte Schule, aber dort interessierte ich mich nur für die Kids, die mit Drogen handelten, so wie ich es im Fernsehen gesehen hatte.“ In solch schlechter Gesellschaft machte der Teenager mit den Sounds von Bands wie Bikini Kill, Sebadoh, Pavement oder Nirvana Bekanntschaft. „Doch auf Dauer beeindruckte mich dieser Indie-Rock nicht wirklich. Um die Ecke, in einem Plattenladen namens Exile on Mainstream, entdeckte ich dann die ausgefallensten Platten von der Incredible String Band über Amon Düül bis zu Pearls Before Swine.“
  Hinter dem ausgeprägten Humor Greens stecken zweifellos Vorbilder wie Jonathan Richman oder Randy Newman, der „sowieso längst für eine große Wiederentdeckung fällig ist“. Der (nach-)lässige Vortrag ist eine hart erlernte Pose des ehemaligen Einzelgängers. Wenn Green auf dem Titelsong von „Gemstones“ oder im erwähnten „Choke on a Cock“ gleich einem berauschten Musicalkomponisten fixe Tempi und Songstrukturen über Bord wirft, blitzt der intellektuelle Aufwand hinter der melodischen Leichtigkeit nur diskret hervor. „Das Letzte, was die Leute auf der Bühne sehen wollen, ist, wie schwierig alles ist. Bei einer Eiskunstläuferin will man doch auch ein Lächeln sehen.“ Dabei gehörten Schliff und Grazie nicht immer zu seinen hervorstechendsten Tugenden: Als männliche Hälfte der Moldy Peaches war der damals gern als Peter Pan kostümierte Green bis vor ein paar Jahren noch ein Faktotum der New Yorker „Anti-Folk“-Szene, die das Unfertige zum Grundprinzip erhob.
  „Bei den Moldy Peaches nahmen wir unsere Platten zu Hause auf, weil wir kein Geld hatten“, erklärt Green und beruft sich dabei nicht auf zeitgemäße LoFi-Manifeste, sondern auf „die lange Tradition des Eigenverlags“. Schließlich habe schon der Dichter Walt Whitman 1855 seinen klassischen Gedichtband „Leaves of Grass“ selbst herausgegeben. Seit seinen mageren Frühzeiten hat Green aber nicht nur die Mittel erworben, sich ein Studio zu mieten. Auch sein Geschmack hat sich entscheidend verändert: „Früher mochte ich gern laute Musik wie Sonic Youth. Jetzt höre ich lieber Jacques Brél, Frank Sinatra oder Lou Reed. Der ist zwar auch recht laut, aber man kann immer seine Stimme hören.“ In Sachen zeitgenössischer Musik neigt Green wiederum zum HipHop, weil die Rapper „Spaß an der Sache haben. Das kann ich bei Rockbands nicht feststellen.“
  Dass Adam Green Gassenhauer komponiert, die man sofort mitsummen kann, lässt sich durch all diese Einflüsse allerdings nicht erklären. Schon eher hat es mit ihrer Entstehung zu tun. Im Gegensatz zu den meisten Songwriter-Kollegen greift Green nämlich erst zur Gitarre, wenn er seine Lieder bereits fertig im Kopf hat und sie frei singen kann. Monotone Melodien, die erst durch die Akkordbegleitung Sinn ergeben, sind also von vornherein chancenlos. Die Entdeckung dieser unfehlbaren Arbeitsweise verdankt Green einer Handverletzung, die ihn in der Zeit vor „Friends of Mine“ am Gitarrespielen hinderte. „Da hatte ich diesen Traum, in dem mir Frank Sinatra erschien. Ich war in seiner Garderobe, und er riet mir, dass ich mich nicht tätowieren lassen und meine Songs ohne die Gitarre schreiben sollte.“ Adam Green hielt sich wortgetreu an die Anweisungen des Kaisers aller Crooner. Mit Erfolg. „Nie zuvor habe ich einen dermaßen informativen Traum gehabt.“

Aktuelle CD: „Gemstones“
(Rough Trade/Edel)

Live: Am 19.2. im Wuk.

 
ADAM GREEN, DER DICHTER
Wie geht Poesie?


Nun hat ihn auch Harald Schmidt qua Einladung in seine Show geadelt: ein weiteres Indiz dafür, dass Adam Green endgültig zu Everybody’s Darling in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen avanciert ist. Eigentlich logisch: Wer in seinen Texten derart Schweinisches von sich gibt, gleichzeitig süß rüberkommt und auch noch irgendwie tiefgründig künstlerisch wirkt, wer diese Frisur trägt und es schafft, aufgepeppte Neuinterpretationen des Liedguts von Jonathan Richman so bedeutsam wie Bob Dylan klingen zu lassen, den darf man bis auf Weiteres getrost als Stimme der bislang kaum besungenen Generation Y verstehen.
  Wenn Green nun auch noch parallel mit seinem neuen Album „Gemstones“ ein Buch veröffentlicht, wittern Berufszyniker allzu schnell einen teuflischen kommerziellen Masterplan. Doch allein die Tatsache, dass das schmale Bändchen namens „magazine“ nicht im knallbunten Programm von Kiepenheuer & Witsch, sondern im ehrwürdigen Suhrkamp Verlag – noch dazu in der weniger funkigen, eher theorielastigen edition suhrkamp – erschienen ist, sollte genügen, um die Ernsthaftigkeit von Greens poetischen Bemühungen zu unterstreichen. Übersetzt wurden die Texte der zweisprachigen Ausgabe dann auch noch von Thomas Meinecke („Musik“), dem guten Gewissen der deutschsprachigen Popliteratur. Die Zeichen stehen also auf jugendliche Hochkultur.
  Was kann „magazine“? Gediegen verstören, wäre der erste Eindruck. Nicht Unterhaltung steht hier im Vordergrund, sondern Poesie, die ihre rätselhaften Momente hat und insgesamt einen rauschhaften Eindruck vermittelt. Green orientiert sich an den Gedichten der Beatautoren; Allen Ginsbergs in den Sechzigerjahren immens einflussreiches Langgedicht „Howl“ hallt nach, ebenso wie Burroughs, aber auch eingehende Lektüren von Rimbaud und Baudelaire. Wortfetzen werden gnadenlos ungereimt aneinander gereiht; mal ergeben sie Sinn, mal weniger.
  Sex, Politik, Kunst und vor allem das Ich in der Welt – eben alles, was einem nachdenklichen Twentysomething-Genie durch den Kopf geht – spielen die Hauptrollen; assoziativ wie in einem Traum fließen die Worte dahin; manche Sprachspiele gehen auf, andere kräftig in die Hose, was Meineckes gewissenhafte Übersetzung nicht glatt zu bügeln versucht. Am Ende bleibt der Eindruck, dass man Green besser nicht ganz nüchtern lesen sollte, sowie ein paar einprägsame Sprüche („Bin ich in Amerika ohne Computer obdachlos?“), die man dereinst als spätes Echo der Gegenkultur interpretieren wird.
SEBASTIAN FASTHUBER

Adam Green: magazine. Aus dem Amerikanischen von Thomas Meinecke. Frankfurt a. M. 2005 (edition suhrkamp). 122 S., EUR 7,80

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Februar 2005 © FALTER
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