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Debütantenstadl
OPERNBALL Auch heuer wurde wieder der Staatsball in der Wiener Oper gefeiert – minus Glamour, plus Schäbigkeit. Dafür war diesmal der „Falter“ mit dabei. Ein Ausflug in die Parallelgesellschaft. CHRISTOPHER WURMDOBLER

Falter 06   Originaltext aus Falter 06/05 vom 09.02.2005

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Durch die beiden mittleren Türen, die, auf denen das Staatswappen klebt, darf nicht jeder in die Oper hinein. Nur die Wichtigen gehen durch die Mitte, alle anderen nehmen die Eingänge rechts und links davon. Punkt neun Uhr ist Einlass, schon viel früher haben sich die ersten Gäste vor der Oper eingefunden, frieren am Ring im Frack oder im leichten Tüll. Selber schuld. Denn pünktlich kommt nur der Pöbel, sagt einer und grinst. Wer den Abend standesgemäß zelebriert, geht nämlich vor dem Walzertanzen erst einmal fein essen. Wer sich das nicht leisten kann, hat sein ganzes Geld schon für den Eintritt ausgegeben: Knapp 200 Euro kostet der Spaß pro Person. Ohne Sitzplatz, die Logen kosten extra, Verköstigung sowieso. Und, anders als beim Life Ball, nichts ist für den guten Zweck.
  Auch ein paar Autogrammjäger haben es geschafft, ohne Ballkarte und großes Abendkleid die Polizeisperren zu überwinden und harren der Zelebritäten, die da angeblich kommen. Oder auch nicht, denn selten haben so wenige Prominente dem Opernball, Höhepunkt des Wiener Faschings, ihre Aufwartung gemacht wie dieses Jahr.
  Klar, es gab wieder die Baumeisters und ihren gekauften Logengast. Es gab ein deutsches Adelspaar, das sich aus den Klatschspalten der Gazetten heraus mit den Lugners eine kleine Schlammschlacht lieferte, die mit der privaten Friedensdemonstration „bed in“ mit Schuhen im Hotelbett ein paar Stunden vor Ballbeginn endete. Es gab Debütantinnen, die sich schon nachmittags Haare und Gesicht machen ließen und sich mit ihren Strasskrönchen in U-Bahn-Haltegriffen verhedderten – sehr zur Belustigung der feixenden Mitreisenden. Es gab Hunderte Techniker, die aus der Staatsoper in kurzer Zeit einen Ballsaal machten. Und es gab ein paar müde Demonstranten, die den Ball und seine Besucher faschistisch, imperialistisch und so weiter fanden. Dabei ist der Opernball vor allem eines: fad, fad und noch mal fad. Aber. Von Anfang an.
  Damit das Eintreffen der Gäste ins richtige Licht gerückt wird, hat der ORF starke Scheinwerfer installiert. Darin sonnen sich die feinen Herren im Frack, die Damen in ihren Roben und schreiten die Feststiege hinauf. Man posiert für die Fotografen, hält mit ausgiebigen Fernsehinterviews die ganze Einmarschkarawane auf. Und vor allem bewundert man sich gegenseitig. Man lächelt huldvoll und strahlt um die Wette. Bezauberndes Kleid, sind die Steine echt? Ach, das ist doch nur Modeschmuck, aber bitte nicht weitersagen.
  Charmant, küss’ die Hand und hoppala! Im Gedränge muss man aufpassen, dass man nicht aus Versehen auf die eine oder andere Schleppe steigt. Selbst kreierte Roben, Modell Bonbon, aus billigem Satin, in schrillen Farben haben immer Schleppe und Saison. Genau wie kunstpfeifende Baroninnen, Thomas Gottschalks Bruder, Skifahrer Rainer Schönfelder mit Einhorn-Frisur und lackierten Fingernägeln, Elvis- und Marilyn-Imitatoren. Oder asiatische Sisis, schlecht sitzende Fräcke und dicke Schweißperlen unterm Toupet, so wie beim Society-Prinzen. Gequält huldvoll wie die Queen lächelt eine Dame aus ihrem weißen, über all die Jahre zu eng gewordenen Ballkleid. Heftig klimpern drei Orden an ihrem Busen. Schön ist das alles nicht.
  Leute vom Catering tragen Häppchen in den Teesalon, Sitz der schwarz-blauen Regierung bei diesem Staatsereignis: kalte Platten, ein Erdbeerbaum mit roten Früchtchen am Spieß, noch mehr Sessel, noch mehr Tische, aber flott. Die Sicherheitsleute vor dem Salon sind von der strengen Kleiderordnung ausgenommen und tragen Smoking statt Frack. Vielleicht auch, weil so ihre Waffen nicht gleich zu sehen sind. Funkspruch an alle, die im Bereich Feststiege Dienst machen: Sieht jemand den Direktor Holender?
  Der Direktor Holender, das ist ja einer! Hat doch glatt das Rauchverbot in seinem Hause ausgerufen. Wer rauchen will, muss ins zugige Raucherzimmer – in den meisten Logen hält man sich aber sowieso nicht an die Verordnung. Der Test: Nur einen Zug an einer Zigarette dauert es, bis eine Opernordnerin in Livree erscheint und höflich, aber bestimmt darum bittet, doch das Rauchen einzustellen. Obwohl alle behaupten, es würden in den Logen wichtige Wirtschaftsgespräche geführt, ist Rauchen oder Nichtrauchen wohl das Konversationsthema des Balls schlechthin. Dass ein deutscher Privatsender behauptet, Kokainspuren auf dem Opernhäusl entdeckt zu haben, wird erst Tage später bekannt.
  In den engen Logen drängen sich die Mitglieder der Wiener Parallelgesellschaft: Wer drin ist, ist in. Privatparty in der Einraumwohnung – wer sich die Logenmiete von 16.000 Euro leisten kann, kommt selten auf so engem Raum zusammen. Willkommen in unsrer Hütte, rufen deutsche Wirtschaftsbosse einander zu. In den Logen-Vorzimmern stapeln sich üppige Pelzmäntel und leere Champagnerflaschen. Kellnerinnen bringen Nachschub, Ober wuchten tablettweise exklusiv-bodenständige Frankfurter, Semmerln, Senf und Gulaschsuppe durch die engen Gänge. Entschuldigung, wir müssen leider durch.
  Da müssen wir jetzt leider durch. Durch die engen Gänge schieben sich Kamerateams, bekannte oder weniger bekannte Prominente, deutsche Gesellschaftsreporter. Jeannine Schiller hat Zoff mit der Baumeisterfamilie. Nein, ich warte nicht auf die Lugners, ich warte auf ein Interview. Genauso wie die hobbymalende Adelige, der schlecht frisierte Promifriseur, die unbekannte Schneiderin, die das Kleid der Schönheitschirurgenwitwe gemacht hat: Ich habe das Kleid von der Frau Gsell gemacht, darum stehe ich jetzt da. Aha.
  Viele auf dem gallegrünen Teppich warten auf ein Interview, treiben sich im Scheinwerferlicht herum, in der stillen Hoffnung, vielleicht doch noch vor eine Kamera gezerrt zu werden, vor ein Radiomikrofon. Oder wenigstens vor den Notizblock der Societytante von News. Was sind das denn für Orden an Ihrem Revers? Wer sind Sie überhaupt?
Eine Etage höher gibt’s ein Problem. Eine Loge wurde versehentlich zweimal vergeben. Die Gruppe, die schon drin ist, mag nicht mehr wechseln, die, die davor warten, pochen auf ihr Recht und wollen keine Ersatzloge. Nehmen Sie doch noch ein Nikotinröhrchen, als Ersatzdroge sozusagen.

Der Wiener Opernball, so will es der Direktor, ist ein Fest der Künstler. Aus seiner Sicht ist darum die Eröffnung mit Balletttanz und Gesang das zentrale Element des Abends. Anders als die vielen Angehörigen. Die kommen vor allem wegen des seit Jahrzehnten unveränderten Einmarschrituals der sogenannten Jungdamen und -herren. Ein geschickter Trick, um den Altersdurchschnitt der Opernballbesucher drastisch zu senken. Das Ganze ist schon bei der Fernsehübertragung ein eher statischer Traum in Schwarz-Weiß. Bei näherer Betrachtung sieht man konzentriertes Zählen, Stresspusteln im Gesicht, Akne am Dekolletée und verrutschte Strasskrönchen auf der Ballfrisur. Der Ball ist eröffnet, alles Walzer, der Sturm aufs Parkett beginnt.
  Paare lassen sich fotografieren, solange die Frisuren noch sitzen, die gestärkten Kragen und Westen noch weiß sind. Die schwarze Bildungsministerinnenfamilie mit dem Fernsehsohn knipst sich gegenseitig zwischen Blumenschmuck (Papageienblumen und Kumquats). Orange ist heuer die Dekofarbe, offenbar muss man mit Blumen aus dem muffigen Fünfzigerjahre-Interieur eine Pracht machen, die dann als „Visitenkarte Österreichs“ in die ganze Fernsehwelt hinaus geht.
  Das Fernsehen residiert in Kaisers Loge. Hier herrscht Hektik. Interviewgäste lassen sich vor ihrem Auftritt abpudern. Markus Rogan, „unser“ Staatsschwimmer, macht schlechte Witze vor der Kamera, „Leinwandgöttin“ Gudrun Landgrebe findet alles irgendwie bezaubernd – im Hintergrund beginnt der Staatsball zu rauschen.
  Das Geschrei der Gäste übertönt fast das Ballorchester, auf der Tanzfläche herrscht ein einziges Schubsen und Schieben. Rhythmus hat da niemand im Blut, vielmehr scheint es, als möchten alle ihren guten Platz auf dem Parkett verteidigen. Werden Sie noch tanzen?
  Hoch oben unterm Operndach sitzen Beobachterinnen mit guter Aussicht auf die unrhythmische Unruhe im Ballsaal. Alte Damen im Abendkleid halten mit dem Opernglas Ausschau und wackeln im Takt. Die Dicke da unten in der roten Robe ist jedes Jahr da. Genau. Und die da drüben ist Millionärsgattin und entwirft ihre Kleider trotzdem immer selber. Es ist lustig, von hier oben die feinen Damen der Gesellschaft dabei zu beobachten, wie sie mit ihren Ballkleidern aneinander hängen bleiben.
  Viele bleiben in der Spielhölle hängen, die die Casinos Austria in einem Foyer aufgebaut haben. Vielleicht auch, weil’s am Ball nichts Interessanteres zu tun gibt, setzt man alles auf eine Karte. Nichts geht mehr. Dicke Herren wedeln mit dicken Bündeln Hunderter, machen Sie Ihr Spiel. Im Salon spielt eine Band zum Rauchverbot: Sag mir quando, sag mir wann.
  Um 24 Uhr bringt die Mitternachtsquadrille endlich wieder etwas Ordnung aufs Parkett. Aber nur kurzfristig, denn entweder sind die Gäste zu blöd, die einfache Gruppenchoreografie zu kapieren, die der Zeremonienmeister den Tänzern beizubringen versucht, oder schon zu betrunken. Jedenfalls ist das, was da am Parkett gerade abgeht, alles andere als „formidabel“. Die Tänzer applaudieren sich selbst, grölen, johlen und haben ihr Vergnügen. Ganz ausgelassene Mitglieder des Jungdamen- und Jungherrenkomitees toben wild kreischend und Polka tanzend durch die Reihen – Pogo in Abendrobe. Achtung, eine Durchsage: Es wurde eine Handtasche auf dem Parkett gefunden, wem gehört die Tasche? Willkommen im Debütantenstadl.

Zweieinhalb Stunden nach Balleröffnung, nach einem Tänzchen und viel Alkohol, rutscht manchem Herrn schon das Hemd aus der Hose. Einigen Damen läuft bereits die Schminke übers Gesicht. Auf der Feststiege ist immer noch das gleißende Fernsehlicht angeschaltet, die Kamerateams haben sich verzogen. Stattdessen bummeln Jungdamen und -herren an den Logen vorbei, die Debütanten versuchen, einen Blick in die große weite Wirtschaftswelt zu ergattern. Kennen wir uns nicht? Nicht dass ich wüsste. Sind Sie Deutscher? Ja schon, aber ... Meine Eltern kommen aus Deutschland, ich lebe in Paris. Ihr Kleid ist wunderschön. Sie sehen darin aus wie Carrie aus „Sex and the City“. Danke, es ist von Christian Lacroix. Und es hat sicher ein Schweinegeld gekostet. Oder das: Ex-Vizekanzlerin entdeckt Alleinunterhalter DJ Ötzi. Servus, Schatzi! Darf ich euch vorstellen, Mirna Jukic, DJ Ötzi. Bussi fürs Foto.
  Gegen halb zwei lallen schon einige. Ballschuhe drücken. Frauen, die in ihren Glitzerkleidern aussehen wie abgelutschte Bonbons, sitzen auf Stufen, wollen heim. Wer fast sein ganzes Geld am Spieltisch verloren oder für teure Getränke ausgegeben hat, entdeckt spätestens jetzt die Staatsopernkantine im Souterrain. Auskenner behaupten ja, dass hier im harten Neonlicht und im Gulaschdunst, zwischen Fußballpokalen hinter Vitrinenglas und der „Barbara Karlich Show“ im Fernseher an der Wand der Opernball am besten auszuhalten ist. Das Bier holt man sich selbst, Musik gibt’s nicht. Wegen des Rauchverbots im restlichen Gebäude ist die Kantine heuer extra voll. Kellner, Kabelträger, Kiesbauer: Menschen, die am Ball beschäftigt sind, nehmen sich ebenso eine Auszeit wie Normalos oder Pseudoprominenz. Kameras und Reporter sind um diese Zeit ohnehin schon nicht mehr da.
  Zeit für die Disco, noch ein Stockwerk tiefer im Bauch der Oper. Strasskrönchen funkeln im Stroboskopgewitter, Radio-Wien-DJs haben sich ihrer Frackoberteile entledigt, Robbie Williams singt aus den Lautsprechern. Das hier im Opernkeller könnte ein cooler Club sein. Verglichen mit dem Rest des Opernballs köchelt hier sogar die Stimmung noch ein wenig. Bloß hat Radio Wien dann eben doch sehr wenig mit Disco zu tun, Ballgarderobe eignet sich ganz schlecht zum Ausdruckstanz. Über der Discotür steht groß ein Hinweisschild mit „Notausgang“. Das ist das Stichwort für den Abgang. Die hellen Fernsehlichter sind schon ausgeschaltet, die beiden Staatswappen am Eingang bereits abmontiert. Vielleicht hat sie auch ein Gast mitgehen lassen wie den Blumenschmuck. Nehmen Sie doch die mittlere Türe.

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Februar 2005 © FALTER
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