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| Die Parallelaktion |
| GEDENKJAHR 2005 Die von der Regierung in Auftrag gegebene Gedenk-Eventreihe 25 Peaces sorgt für Aufregung, noch ehe sie begonnen hat. Aber kann man heute überhaupt noch öffentlich erinnern lassen, ohne peinlich zu werden? Und wie hat man das früher gemacht? MATTHIAS DUSINI, CARSTEN FASTNER und WOLFGANG KRALICEK WOLFGANG LORENZ: Die anderen sind so fad! |
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| Schon der Name ist verräterisch. 25 Peaces nennen Wolfgang Lorenz, Eberhard Schrempf und Georg Springer jene 25 von ihnen konzipierten Projekte, mit denen sie die bestehenden offiziellen und offiziösen Vorhaben des politischen Gedenkjahres 2005 im öffentlichen Raum ergänzen wollen. Englisch also, als ob es dabei weniger aufs Erinnern der eigenen Geschichte als vielmehr auf die internationale Vermarktbarkeit der Aktion ankäme – so wie bei einer der touristischen Hauptattraktionen des bevorstehenden Gedenkjahres 2006, dem Mozarthaus Vienna. Vielleicht denken Lorenz und Co ja auch gar nicht ans Tourismusgeschäft mit der Vergangenheit. Vielleicht sind ihre 25 Peaces nur Ausdruck schwarz-blauer Kulturpolitik, die sich seit fünf Jahren im Wesentlichen darauf beschränkt, einerseits – ganz konservativ – die traditionellen Bastionen der Hochkultur zu stützen und andererseits – ganz neoliberal – auf creative industries statt auf kreative Kultur zu setzen. Maßgeschneiderte Projekte für Großsponsoren, etwa eine McCare genannte Kombipackung aus Fastfood und Info-CD-ROM, sprechen dafür. Möglicherweise aber hat 25 Peaces auch überhaupt nichts mit Gedenkkultur zu tun und will gar nicht mehr sein als ein Gedenkevent. Eine Parallelaktion sozusagen, aber, anders als in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften, eine staatlich verordnete. Wie auch immer. Während Österreichische Galerie Belvedere und Staatsoper, Burgtheater und Spanische Hofreitschule in den kommenden Wochen und Monaten ganz nach alter Schule der unterschiedlichen Befreiungs- und Wiedereröffnungstage gedenken, sollen die 25 Peaces ab März möglichst populär, aber nie populistisch eine jüngere Zielgruppe ansprechen. Falls alles gut geht. Denn bisher verlief die Sache eher kläglich: Noch vor der ersten öffentlichen Präsentation tauchte das Gerücht auf, dass mit einer multimedialen Nachstellung des Infernos an die Bombennacht vom 12. März 1945 erinnert werden solle. Nach heftigen Protesten unter anderem des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl sprach man von Kommunikationsproblemen und plant nunmehr bloß noch eine Lichtinstallation, mit der die 1945 zerstörten Häuser kenntlich gemacht werden sollen. Doch auch die hat ihre Tücken: Auf den Entwürfen erinnert Norbert Chmels Lichtdesign stark an Albert Speers für den Nürnberger Reichsparteitag errichteten Lichtdom. Auch mit Peace 5 hatten Lorenz und Springer wenig Glück: Mit einer Skulptur aus weißen Kreuzen am Heldenplatz wollten sie an die Opfer des NS-Regimes erinnern – ohne sich selbst daran zu erinnern, dass ein Großteil dieser Opfer Juden waren, die sich durch Kreuze nicht repräsentiert fühlen. Dass als Peace 12 außerdem eine Replik jenes Balkons durch Österreich geschickt wird, auf dem Leopold Figl seinen berühmten Satz Österreich ist frei eben nicht sprach, wirkt daneben schon wie eine vernachlässigenswerte Schusselei. ORF-Mann Wolfgang Lorenz (siehe Interview Die anderen sind so fad!) war vor zwei Jahren Intendant des Kulturhauptstadt-Spektakels Graz 2003 und hat sich für den Auftrag im März 2004 qualifiziert, als im Bundeskanzleramt eine Sitzung zum Gedankenjahr abgehalten wurde. Die führenden Köpfe des Kunst- und Kulturstaats Österreich referierten ihre Pläne für das bevorstehende Jubiläumsjahr. Danach bat Kanzler Wolfgang Schüssel um Kommentare und in das eisige Schweigen hinein meldete sich Wolfgang Lorenz zu Wort: Er halte die vorgestellten Projekte für fad und könne sich nicht vorstellen, dass junge Menschen sich dafür interessieren würden. Daraufhin erhob sich der Kanzler, hängte sein Sakko an den Sessel, setzte sich wieder und sagte: Wie wir aus dieser Wortmeldung gelernt haben, gibt es noch viel zu tun! An die darauf folgende Debatte erinnert sich Wolfgang Lorenz so: Auf einmal hab ich gemerkt: Der Kanzler will spielen. Zwei Monate später hatte er den Auftrag; gemeinsam mit Bundestheater-Chef Georg Springer und Eberhard Schrempf, der schon bei Graz 2003 für die Produktionsleitung verantwortlich war, ist Lorenz nun auch für Österreich 2005 verantwortlich. Die 25 Peaces verdanken ihre Entstehung also einer Laune des Kanzlers. Wesentlich komplizierter ist der historische Bezugspunkt. Es ist nicht nur umstritten, wie gefeiert werden soll, sondern auch was und wann. Das zeigt am besten die Geschichte des Nationalfeiertags am 26. Oktober. Zwanzig Jahre dauerte die Suche nach einem symbolträchtigen Tag der nationalen Selbstbesinnung. Nach 1945 wurde zunächst der 13. April als Tag der Befreiung durch die Rote Armee gefeiert, allerdings nicht als gesetzlicher Feiertag. Nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags und dem Abzug der alliierten Truppen wurde 1955 dann am 25. Oktober der Tag der österreichischen Fahne ausgerufen. Den Fähnchen schwenkenden Schülern wurde das damit erklärt, dass der letzte fremde Soldat den Boden Österreichs verlassen hat (Schulerlass). Dass Österreich Täter in einem Eroberungs- und nicht Opfer in einem Kolonialkrieg war, blieb unerwähnt. Die Datumssuche ging weiter. Im nächsten Jahr wurde die rot-weiß-rote Fahne einen Tag später gehisst. Der Grund zum Jubeln war diesmal die immerwährende Neutralität. Aber die Legende vom letzten fremden Soldaten war ein zu schönes Bild, sagt der Historiker Gustav Spann; in Politikerreden wurde sie weiterhin zitiert. Es war also auch für das offizielle Österreich lange Zeit nicht ganz klar, welcher Anlass den Feierlichkeiten zugrunde lag. Das kollektive Gedächtnis hielt hartnäckig an der Legende vom letzten fremden Soldaten fest. Nach alternativen Festterminen wurde auch weiterhin gesucht, und erst im Jahr 1965 fasste der Nationalrat den Beschluss, den 26. Oktober formell zum Nationalfeiertag zu erklären. In absehbarer Zukunft wird die Debatte aber von neuem losbrechen: dann nämlich, wenn die längst ausgehöhlte Neutralität auch offiziell begraben wird und der Nationalfeiertag damit seine Begründung verloren hat. Als Ersatz würde sich der Tag der Republiksgründung, der 27. April 1945, anbieten. In den von Lorenz geplanten Parallelaktionen kommt dieser Tag nicht vor – anders als der letzte Tag des fremden Soldaten am 25. Oktober. Da werden Schauspieler in den Uniformen der vier Befreiungsarmeen mit der U-Bahn fahren. In Österreich geht es also immer noch um das Einmaleins des nationalen Selbstverständnisses. Während das Ende der NS-Diktatur zur Gründungsmythologie der Bundesrepublik Deutschland gehört, gründet sich die Zweite Republik auf dem inzwischen obsoleten Mythos der immerwährenden Neutralität. Das konnte leicht auch zur Neutralisierung gegenüber der eigenen Geschichte verführen, sagt der in Berlin lehrende Wiener Kulturhistoriker Thomas Macho. Die versprengten Anhänger eines Deutschen Reiches adressierend, sprach der FPÖ-Politiker Jörg Haider 1988 von Österreich als einer ideologischen Missgeburt. Macho spricht von einer verspäteten Nation, um die Geburtswehen von Österreich II zu charakterisieren. Österreich saß bei der Fahrt in die NS-Hölle auf Deutschlands Rücksitz. Im großen Nachbarland allerdings hat die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Diktatur inzwischen bereits die lichten Höhen der Kultur- und Medienanalyse erreicht. Die Unterhaltungsindustrie hat das Erinnerungsmonopol von Wissenschaft und Pädagogik gebrochen. Aktuelle TV-Nachrichten wollen nicht nur Information liefern, sondern auch Unterhaltung, also Edutainment sein. Nun fügen sich auch die Botschaften über die Jahre der NS-Diktatur dem neuen Vermittlungsdiktat – als Nazitainment. Die ins kollektive Gedächtnis eingesickerten Fakten über den NS-Staat steigern den Gruselfaktor. Populärwissenschaftlich verbürgt lässt der historische Horror einem den Schauer umso kälter über den Rücken laufen. Die Diskussion darüber, wie unterhaltsam die Erinnerung an die NS-Diktatur sein darf, entzündete sich letztes Jahr am Film Der Untergang, in dem die letzten Tage Hitlers im Berliner Führerbunker geschildert werden. Die Fürsprecher sahen im Film den Diktator authentisch verkörpert. Die Kritiker hielten dagegen, dass darin eine exemplarische Menschheitstragödie zu einem Biopic über die letzten, im Führercontainer verbrachten Tage des Menschen Adolf schrumpfe. In ähnlicher Weise wurden die für das ZDF produzierten Dritte-Reich-Dokumentationen des Historikers Guido Knopp diskutiert. Sie wurden in 42 Länder verkauft und waren auch im ORF zu sehen. Knopp setzte auf schnelle Erinnerungssplitter, nicht auf die langatmige Spurensuche. Die Interviews mit den letzten lebenden Zeitzeugen, nie länger als zwanzig Sekunden und unterlegt von Spannungsmusik, werden mit historischem Filmmaterial und nachgespielten Szenen gegengeschnitten. Hier herrschen die Regeln des Suspense-Kinos, nicht jene des nachdenklichen Dokumentarfilms. Die Zeit nannte Knopps Serien Pauschalreisen in die NS-Vergangenheit. Die Frage nach der adäquaten medialen Aufbereitung der NS-Zeit betrifft auch die politischen Rituale selbst. Kranzniederlegungen, Schulfeiern und öffentliche Beflaggungen symbolisieren die Beschwörungsrituale staatlicher Institutionen; die öden Bilder davon schaffen es gerade noch in die Lokalspalten. Im Fernsehen zählt allerdings nicht die tiefschürfende Rede, sondern das sprechende Bild. Das erkannte der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt schon 1970, als er bei einer Kranzniederlegung vor dem Denkmal für die Teilnehmer am Ghettoaufstand in Warschau auf die Knie fiel. Damals war der geniale Politperformer Brandt mit seinem geschichtssträchtigen Ausrutscher allein; in der Bildsprache heutiger Politik hat die scheinbar spontane Performance das steife Protokoll längst abgelöst. Das führt in Wahlkampfzeiten zu Zither spielenden und wallfahrenden ÖVP-Politikern und im Supergedenkjahr zu Happenings, die an das Protestvokabular der Sechzigerjahre erinnern. Damals legten sich Anti-Vietnam-Demonstranten leblos auf die Straße, um die Kriegstoten in Erinnerung zu rufen, demonstrierten John Lennon und Yoko Ono für den Frieden in einem Bett des Wiener Hotel Sacher. Warum also sollte das, was bei der Verbreitung kritischer Botschaften funktioniert, nicht auch von 25 Peaces für das Republikmarketing übernommen werden? Weil es so an der inhaltlichen Vermittlung fehlt, sagt Wolfgang Schlag. Der Kurator gedenkt derzeit mit seinem Festival 21 der hundertjährigen Zugehörigkeit Floridsdorfs zu Wien. Dabei gestaltet er auch einen Schwerpunkt zur Befreiung Wiens und Niederösterreichs durch die Rote Armee. Anders als bei 25 Peaces will Schlag damit nicht nur zum Gespräch anregen (Lorenz), sondern den Gesprächen auch inhaltlichen Hintergrund liefern. Zur Planungsrunde im Bundeskanzleramt war er mit seinen Vermittlungsprojekten nicht eingeladen. Wenn der Wolfgang Lorenz sich täglich ein paar Stunden zu seinen Kühen vors Belvedere stellt und den Leuten erklärt, was das alles soll, dann wäre dieses ,Peace‘ von mir aus in Ordnung. Aber so, ohne künstlerisch ausformulierte Inhalte und Konzepte, hätte man das ganze lieber gleich einer Werbeagentur überlassen sollen. Auch Primavera Gruber vom Orpheus Trust stört die inhaltliche Anspruchslosigkeit der 25 Peaces. Und sie versteht nicht, weshalb aus Anlass des großen Gedenkens keine kleineren Einrichtungen wie die ihre eingebunden wurden, die sich seit Jahren auch ohne kalendarischen Anlass mit den einschlägigen Themen auseinander setzen. Zumindest eine ebenso publikumswirksame wie inhaltlich fundierte Idee hätte Gruber einbringen können: Vor zwei Jahren richtete sie in Wien-Neubau eine vielbeachtete Klanginstallation ein, die mit Musikbeispielen an die während der NS-Zeit vertriebenen Komponisten und Interpreten aus diesem Bezirk erinnerte. Gestaltet wurden die im ganzen Bezirk verteilten Klangsäulen vom Designbüro d+, für ihre Inhalte hat der Orpheus Trust eineinhalb Jahre lang recherchiert. Für mehrere Wochen beherrschten sie das Stadtbild im Siebten. Projekte für den öffentlichen Raum konzipierte Wolfgang Lorenz bereits für Kulturhauptstadt Graz 2003. Die Mur-Insel und der Uhrturmschatten wurden damals bei den bildenden Künstlern Vito Acconci und Markus Wilfling in Auftrag gegeben. Mit ähnlichen Projekten kommt Lorenz nun nach Wien – allerdings ohne Künstler. Damit werden Kosten, vor allem aber auch Risikofaktoren minimiert. Denn nicht immer liefern die Künstler so kreuzbrave Resultate ab wie die beiden genannten Stadtmöbel in Graz. Anlässlich des fünfzigsten Jahrestags des Anschlusses Österreichs ans Deutsche Reich wurde etwa der deutsche Künstler Hans Haacke 1988 zu einem Projekt im Grazer öffentlichen Raum eingeladen. Er ließ die NS-Siegessäule auf dem Platz Am Eisernen Tor rekonstruieren. Das Projekt fand nicht bei allen Anerkennung. Die mächtige Holzkonstruktion mit den originalen Aufschriften fiel zwei Wochen vor Ausstellungsende einem Brandanschlag zum Opfer. So viel künstlerische Freiheit wird sich der Künstler Lorenz dem PR-Profi Lorenz gegenüber nicht herausnehmen. WOLFGANG LORENZ Die anderen sind so fad! Wolfgang Lorenz, sechzig, ist Co-Leiter des Projekts 25 Peaces. Seinen Ruf als Spezialist für spektakuläre Inszenierungen im öffentlichen Raum erwarb sich Lorenz als Intendant von Graz 2003, als er der Kulturhauptstadt einen Uhrturmschatten, einen Marienlift und eine Mur-Insel bescherte. Hauptberuflich arbeitet der gebürtige Grazer, der in Klagenfurt aufgewachsen ist, seit 35 Jahren fürs ORF-Fernsehen. Lorenz war Kulturchef und steirischer Landesintendant; derzeit leitet er am Küniglberg die Stabsstelle für Planung und Koordination und ist unter anderem für 3sat und Arte verantwortlich. Falter: Sie wollen mit 25 Peaces vor allem Leute ansprechen, die Schwellenangst vor Institutionen wie Museen haben. Sehen Sie sich als eine Art Volksbildner? Wolfgang Lorenz: Nein, aber das sind kommunikative Projekte, und da ist es wichtig, dass man auf die Leute zugeht und nicht darauf wartet, dass sie sich um zehn Euro eine Eintrittskarte kaufen. Das Publikum, um das es uns in erster Linie geht, sind die Kino- und Theatergänger – in meinem schrecklichen Berufsjargon würde man sagen: die Zielgruppe von zwölf bis 49 Jahren. Also eher junge Leute. Na klar, die sind ja die Hoffnung. Ich darf den Ausdruck altgierig eigentlich nicht mehr verwenden, mein Team hat mir das verboten, ich bin aber trotzdem der Meinung, dass er ganz gut ist: Mir sind die Neugierigen lieber als die Altgierigen. Was wollen Sie den jungen Leuten sagen? Was sollen sie erfahren? Sich selbst. Wir wollen ihnen überhaupt nichts vorschreiben, wir sind ja keine Lehranstalt. Wir wollen ihnen Bilder und Töne liefern, die sie sich so aneignen sollen, wie sie wollen. Dann hätten sie ja schon etwas geleistet: Sie hätten darüber nachgedacht, was eigentlich los ist. Das ist der Plan, und das ist eigentlich schon alles. Im Unterschied zu Graz 2003 sind diesmal keine Künstler zwischengeschaltet, die für die einzelnen Projekte verantwortlich sind. Warum? Das hat auch mit der sehr kurzen Zeitspanne zu tun. Man kann Kunst ja nicht im Quelle-Katalog bestellen. Wir haben praktisch ein halbes Jahr Zeit gehabt, in Graz waren es insgesamt fünf Jahre. Ich halte das in alter Tradition von mir für Kunst-Stücke, aber wir missverstehen uns nicht als Künstler. Sonst würde das ja ganz anders ausschauen. Man könnte Ihnen ja auch unterstellen, dass Sie diesmal alles selber machen wollen. Das wundert mich gar nicht, wenn man das sagt, es ist halt eine reine Gemeinheit. Es stimmt einfach nicht. Ich sage auch gar nicht, dass ich mir das nicht zutraue, aber dem Vorwurf will ich mich ungern aussetzen, weil er mir auch eine gewisse Monstrosität zuschreiben würde, die ich möglicherweise habe, die ich aber nicht noch befördern will. 25 Peaces ist ein Regierungsprojekt. Haben Sie damit kein Problem? Die Vorstellung, dass ich auf meine alten Tag Regierungspropaganda betreibe, ist doch einfach lächerlich! Es gibt nicht einen Punkt, wo sich der Kanzler eingemischt hätte. Aber wenn er eine Idee hat, ist uns das immer willkommen. Er ist ein interessanter Gesprächspartner. Haben Sie es schon einmal bereut, dass Sie bei der entscheidenden Sitzung im Kanzleramt den Mund aufgemacht haben? Zwischendurch hab ich mir schon gedacht: Warum hast du dir das eigentlich angetan? Aber das waren nur so kurze Herbstnebel. Ein Lieblingsspruch von mir ist: Wenn’s leicht wär, könnt’s ein jeder. Wir werden es auch diesmal schaffen. Man sieht ja auch schon, was los ist! Wir haben noch nicht einmal Grüß Gott! gesagt. Wir haben nur einen Finger rausgehalten, und der Haifisch hat schon zugebissen. Aber bisher haben Sie doch eher Hohn geerntet. Das sagen Sie, weil Sie möglicherweise Teil dieses Hohns sind. Ich hab nur gelesen, was bisher geschrieben wurde. In Graz war das genau dasselbe! Da hat es auch geheißen: Den Wahnsinnigen haben wir gebraucht. Das Theater kenne ich schon, das ist aber auch in Ordnung. Ich liebe das sogar. Wenn Sie im öffentlichen Raum etwas machen, was alle toll finden, brauchen Sie es gar nicht zu machen. Wenn Sie etwas machen, was alle scheiße finden, hätten Sie es besser nicht gemacht. Jetzt werden wir schauen, wie sich zwischen diesen Polen die Wirklichkeit abspielen wird. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es letzten Endes den Effekt haben wird, die Leute auf eigene Gedanken zu bringen. Die Gesellschaft hat sich ja offensichtlich dafür entschieden, sich so lang weiter zu imitieren, bis dem Farbkopierer die Farbe ausgegangen ist. Wenn sich 25-Jährige heute von der Bank Pensionsvorsorgepläne machen lassen, kann ich nur sagen: Was glauben die eigentlich? Gut, aber was hat das mit 25 Peaces zu tun? Das hat insofern damit zu tun, als man, wo immer man kann, den jungen Leuten sagen soll: Pass auf, lass nicht für dich denken, lass nicht für dich leben, lass dir keine Geschichten erzählen! Bilde deine eigene Identität aus, lern dich selbst! So simpel sind die Projekte wieder nicht, weil so deppert sind wir auch nicht. In Zusammenhang mit Graz 2003 ist Ihnen vorgeworfen worden, Sie würden die Kulturhauptstadt wie ein Fernsehprogramm gestalten: Aufmerksamkeit ist alles, Inhalte sind zweitrangig, Hauptsache, es gibt ein gutes Bild. Ich versuche dem Publikum nach Möglichkeit ins Gesicht zu schauen. Das ist ein Wesenszug von mir: Ich bin an Dialog interessiert. Dass es dann Kritik gibt, ist auch klar. Aber schauen Sie sich doch bitte einmal die Geschichte der Kulturhauptstädte vor und nach Graz an! Wer bringt das schon zusammen, zweimal auf der ersten Seite der New York Times zu sein? Ich wünsche, dafür gelobt und nicht getadelt zu werden. Würden Sie das Etikett Infotainment für Ihre Arbeit ablehnen? Ja, weil’s mit meiner Arbeit überhaupt nichts zu tun hat. Das ist die Kombination von Information und Unterhaltung in elektronischen Medien. Das -tainment können wir nehmen, würde ich sagen, weil das Schlimmste, was man machen kann, ist natürlich, dass es fad ist. Fad ist ein Lieblingswort von Ihnen. Mir ist mein ganzes Leben noch nicht fad gewesen. Es sind nur die anderen so fad! Ich gebe zu: Ich bin in hohem Maße auf Selbstunterhaltung angewiesen, weil mich sonst ja niemand unterhält. Mir kommt vor, dass Sie der Hochkultur generell skeptisch gegenüberstehen. Dieses gelernte Verhalten der Mitteleuropäer beim Kulturkonsum geht mir tatsächlich wahnsinnig auf die Nerven. Ich hab jetzt von einem Buch gehört, das heißt: Bin ich normal, wenn ich mich im Konzertsaal langweile? Super, das muss ich mir sofort kaufen! Dieser Kanon, dieser Konsens, damit bin ich hoch unzufrieden, da haben Sie völlig Recht. Was da im MuseumsQuartier passiert, ist doch alles ein Wahnsinn! Wissen Sie, was man um das Geld alles hätte machen können? Offene Werkstätten, Labors, Performanceflächen et cetera. Sie meinen, Museen sind nicht mehr zeitgemäß? Ich meine, dass der gesamte Kulturbetrieb irgendwann zu hinterfragen ist. Und zwar rechtzeitig, bevor er von sich aus zusammenbricht. Auf Dauer kann das kein Mensch zahlen. Für wen übrigens? Sind das überhaupt die Bedürfnisse der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts? Wäre es nicht wichtiger, zu fragen, wie wir in fünfzig Jahren leben? Damit beschäftigt sich niemand! Man sagt, es wird wieder besser werden, es kommt wieder ein Aufschwung. Das ist ein Riesenirrtum! Wir können so nicht weiterleben. Wollten Sie schon einmal Politiker werden? Nein, das ist nicht mein erlernter Beruf. Aber ich könnte eine Grundvoraussetzung einbringen: Ich bin mein ganzes Leben ein Dienstleister an der Gesellschaft gewesen, und das sollte ein Politiker ja eigentlich auch sein. Gott sei Dank hat mir nie jemand ein Angebot gemacht. Vielleicht hätte ich ja gesagt, und das wäre sicher schrecklich gewesen. Für Sie oder für Österreich? Das wäre sicher eine Rundumkatastrophe geworden und hätte wahrscheinlich nicht lang gehalten. Schon das Wort Konsensgesellschaft geht mir so auf die Nerven. Das heißt nämlich eigentlich Kompromissgesellschaft. Ich kann keine Kompromisse eingehen, weil die Dinge dadurch immer an Qualität verlieren. Ich muss es wohl auch tun, bin aber sehr unzufrieden damit. Ich verstehe auch die Politiker nicht, sie verstehen mich meistens auch nicht. Wolfgang Schüssel hat Sie offenbar verstanden. Mit dem Schüssel war das eine unerwartete, positive Erfahrung. Es war für mich interessant festzustellen, dass ein Politiker eine so starke, fast aktionistische Ader und offensichtlich einen großen Spieltrieb in sich hat, den er nie ausgelebt hat. Der Fantasie hat, mutig ist, gut assoziieren kann. Das hätte ich so gar nicht vermutet. Er gilt ja auch politisch als Spielernatur. Ja, aber das ist ein Kopfmensch, der unendliche Sehnsucht nach seinem Bauch hat. Eigentlich ein sehr künstlerischer Mensch. Das habe ich nicht gewusst. Wie ist das Verhältnis Kopf/Bauch bei Ihnen? Ich bin sehr gierig darauf, etwas zu machen. Sagen wir so: Ich freue mich über alles, was gelingt. Insofern bin ich ein sehr positiver Mensch. Auch wenn ich den Grant, den ich allen anderen immer vorwerfe, leider Gottes auch selbst in mir trage. Wenn ich zum Beispiel male, mache ich das nur für mich. Da kriege ich meine Glückshormone, wie andere, wenn sie laufen gehen. Sie sind süchtig nach Gelingen? Und nach Erfolg. Das ist deswegen nicht dasselbe, weil die Leute nicht mehr in der Lage sind, Erfolg für sich selbst zu formulieren. Ich verstehe noch immer nicht, warum ein junger Mensch, der zum Beispiel eine Kuh vor dem Belvedere sieht, auf den Gedanken kommen soll, sein Leben ändern zu müssen. Das ist natürlich gemein von Ihnen, das war auch zu erwarten, dass Sie jetzt sagen: In dem und dem Teil sehe ich das nicht. Es geht um kleine Verletzungen von Ikonen. Wenn da vor der Staatsvertragsikone Belvedere die schwarz-weißen Kühe stehen und ins Gras scheißen, finde ich das schon ganz komisch. Und der junge Mensch könnte sich zum Beispiel denken: Muss ich mir das Belvedere die nächsten fünfzig Jahre meines Lebens andächtig so anschauen, wie es da steht? Darf es nicht einmal ein bisschen anders sein? Es ist ein kleiner Hebel, benützen muss er ihn selber. Muss man sechzig Jahre Österreich überhaupt feiern? Müssen tut man nicht. Aber man kann, wenn man kann. Es ist schon möglich, dass das Ganze eine große Entbehrlichkeit wird, wo man sagt: Außer Spesen nichts gewesen. Glaub ich aber nicht. Was bisher passiert ist, ist ja eigentlich schon das halbe Projekt. Halb Österreich unterhält sich darüber, was der wahnsinnige Lorenz da wieder einmal treibt. Interview: Wolfgang Kralicek |
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