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| I bin der Chef |
| FUSSBALL Toni ist wieder zu Hause: Der legendäre Stürmer Anton Polster kehrte kürzlich zu seinem Stammverein Austria Wien zurück. Zum Saisonstart sprach der Generalmanager über Frank Stronach und Gunnar Prokop, lahme Nachwuchsspieler und bestechliche Schiedsrichter. GERALD JOHN und WOLFGANG KRALICEK |
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| Bei Austria Magna gibt es mittlerweile so viele Chefs, dass man bald eine ganze Fußballmannschaft aus lauter Austria-Führungskräften aufstellen könnte. Neben Big Boss Frank Stronach und seinen Statthaltern bei Magna (Andreas Rudas, Peter Westenthaler) stehen unter anderem ein Sportdirektor (Günter Kronsteiner), ein Trainer (Lars Söndergaard), ein Manager (Markus Kraetschmer) und ein Chefscout (Frenkie Schinkels) unter Vertrag. Seit einigen Wochen ist die violette Chefetage um einen weiteren, sehr prominenten Namen reicher: Kurz vor Weihnachten engagierte Stronach den früheren Austria-Stürmer Anton Toni Polster. Der zu seinen aktiven Zeiten als Fußballgott verehrte Polster übernimmt bei der Austria die aus gegebenem Anlass geschaffene Funktion des Generalmanagers. Er ist sozusagen der Chef der Chefs, in der vereinsinternen Hierarchie kommt Polster gleich hinter Stronach. Der vierzigjährige Wiener spielte von 1982 bis 1987 für die Austria, war in dieser Zeit drei Mal Meister und drei Mal Torschützenkönig und wechselte dann ins Ausland. Der 95fache Nationalspieler schoss Österreich mit seinen drei Toren gegen die DDR zur WM 1990; er stürmte in Italien, Spanien und Deutschland und beendete 2000 seine Karriere. In Österreich war Polster lange Zeit Opfer halblustiger Parodisten (Ja, das stiiimmt!), in Deutschland war er auch als Sänger Kultfigur (Toni, lass es polstern!). Bei seinem letzten Verein Borussia Mönchengladbach jobbte er zuletzt als Marketingmanager. Das Gespräch fand in Polsters Büro im Horr-Stadion statt. Falter: Herr Polster, ist Ihnen schon einmal ein Elfer geschenkt worden? Toni Polster: Ja klar, logisch. Hatten Sie dabei jemals den Verdacht, dass Bestechung im Spiel ist? Nein, aber im Prinzip hat jeder von uns schon alles erlebt, im Negativen wie im Positiven. Wo Menschen agieren, passieren halt Fehler. Man kann ja keinen Computer rausstellen, der pfeift. Menschen sind seit jeher geldgierig und lassen ihre Prinzipien links liegen. Was haben Sie zum Beispiel erlebt? Vor sechs Jahren, in einem Spiel für Köln, war der gegnerische Tormann bereits geschlagen. Ein Verteidiger hat den Ball auf der Linie mit der Hand abgewehrt. Ausnahmslos ein jeder im Stadion hat das gesehen, nur die drei, die entscheidend sind, nicht. Der Schiedsrichter hat keinen Elfer gegeben, wir haben das Spiel verloren und sind abgestiegen. Aber Bestechung wäre mir damals nie in den Sinn gekommen. Sehen Sie das angesichts des Wettskandals um bestochene Schiedsrichter und Spieler in Deutschland nun in einem anderen Licht? Man soll nicht alle über einen Kamm scheren. Aber so etwas hat jeder, der gespielt hat, einmal erlebt. Wichtig ist, dass das lückenlos aufgeklärt wird und die Schuldigen wirklich bestraft werden. Der Fußball muss sauber bleiben. Auch österreichische Vereine geraten nun ins Zwielicht, etwa Schwarz-Weiß Bregenz. Die Austria hat im Herbst 9:0 gegen Bregenz gewonnen. Gibt Ihnen das Ergebnis aus heutiger Sicht zu denken? Sie meinen, dass ein Bregenzer Spieler auf ein 0:9 gesetzt hat? Also, so genau kann man das nicht steuern, glaub ich, das wäre verwegen. Hat Sie der Skandal gar nicht so sehr überrascht? Nein. Das Problem ist, dass viele Leute nicht weiterdenken. Wenn man Entscheidungen fällt, muss man immer auch die Konsequenzen beachten. Das ist das Wichtigste, was ich in meiner Karriere gelernt habe. Wenn heute einer kommt und sagt Toni, kannst ma net zwei VIP-Karten schenken?, und ich schenk ihm die, dann wird er immer wieder kommen. Schenk ich ihm sie nicht, kommt er hingegen kein zweites Mal daher. Wurden auch Austria-Spieler Ziel von Bestechungsversuchen? Nein. Der einzige Skandal ist, dass der Günter Kronsteiner seine sechzig Euro zurückhaben wollte, die er beim Fußballtennis gegen mich verloren hat. Aber das habe ich abgelehnt. Da war doch im Vorhinein klar, dass Sie gewinnen. Naja, der Günter ist ein zäher Hund. Den darf man nicht unterschätzen. Hätten Sie sich gedacht, dass man auch als Generalmanager zurückgepfiffen werden kann? Wieso? Sie hätten gerne Pasching-Coach Georg Zellhofer als Austria-Trainer engagiert. Frank Stronach soll das abgelehnt haben. Das ist ein absoluter Blödsinn. Rapid-Trainer Pepi Hickersberger hat das in einem Kurier-Interview behauptet. Das ist immer das Problem mit ihm. Hat der Hickersberger zu viel Freizeit? Aber daran arbeiten wir hart und rigoros: Die Austria kommentiert solchen Blödsinn nicht mehr. Es wird niemandem gelingen, uns so anzuschießen, dass wir wirklich verletzt sind. Ich halte von Georg Zellhofer sehr viel. Mit Walter Schachner und Lars Söndergaard zählt er wahrscheinlich zu den drei besten Trainern, die es in Österreich gibt. Zellhofer wäre eine der Konstellationen gewesen, wenn wir was geändert hätten. Stronach hat nicht interveniert? Der Frank, der sich viel besser im Fußball auskennt, als viele glauben, hält den Georg Zellhofer auch für einen sehr, sehr guten Mann. Aber ich vertraue jetzt dem Team, das da ist. Ist das psychologische Kriegsführung, wenn Hickersberger so etwas sagt? Na klar, der Pepi macht das mit Absicht. Aber ich finde es ja auch immer lustig, wenn er mit weinerlicher Stimme den Reportern ins Mikrofon diktiert, wie lang Rapid schon keinen Elfmeter mehr hatte und wie traurig er darüber ist. Man möchte schon die Taschentücher rausholen und hemmungslos zu weinen anfangen! Zweites Beispiel: Sie hatten den Austria-Nachwuchsstürmer Roland Linz an Admira verliehen, der schließlich bei Sturm Graz gelandet ist. Sturm-Präsident Hannes Kartnig hat sich auf ein Machtwort seines Trauzeugen Stronach berufen und geätzt, dass Polster nichts zu entscheiden habe. Sind Sie sicher, dass Sie bei der Austria das Sagen haben? Wie die Geschichte zeigte, hat sich Kartnig geirrt. Hätte Admira Linz nicht freigegeben, würde er dort jetzt spielen. Die Admira hat dafür einen Perser von Sturm bekommen. Für meine Begriffe eine saubere Sache. Ich habe das vollste Vertrauen vom Boss. Ich entscheide, was hier passiert. Natürlich spreche ich mich in wichtigen Sachen mit Stronach ab, aber er will mir nicht irgendwas einreden. Er hat mir sein Wort gegeben, in meinem Vertrag steht’s drinnen: I bin der Chef. Hat Sie Stronach eigentlich persönlich geködert? Ja, der Frank, also der Boss, hat mich angerufen. Man hätte meinen können, der Toni Polster würde jederzeit mit fliegenden Fahnen zur Austria kommen. Warum haben Sie so lange gezögert? Das war für mich eine philosophische Frage, ob man nach so vielen Jahren im Ausland wieder in die Heimat wechselt. Da wägt man natürlich alle Für und Wider ab. Bei Gladbach wusste ich, was mich erwartet. Hier bei der Austria ist alles ein Abenteuer. Ums Finanzielle ging’s aber nicht. Erst als ich mich bereits entschieden hatte, sagte mir der Boss, was ich da so verdienen kann. Stronach wirkt etwas weltfremd. Welchen Eindruck haben Sie? Das kommt falsch rüber. Mit 22 Jahr ist er weggegangen, jetzt ist er 73. Ich habe ihn auf CNN gesehen, wie er eine Stunde lang über Wirtschaftswachstum und andere Dinge, denen ich natürlich nicht so folgen konnte, referiert hat. Er ist der englischen Sprache viel mächtiger als der deutschen. Ist ja klar, wenn du so lange weg bist. Ich kann nur jeden davor warnen, ihn zu unterschätzen. Er ist blitzgescheit und hat so viel geschafft, dass ich den Hut ziehe. Natürlich muss er immer wieder erst ins Deutsche reinkommen. Haben Sie eine Zeit lang gebraucht, um vom Deutschen wieder ins Wienerische reinzukommen? Na, eigentlich nicht. Haben Sie Heimweh nach Köln? Ja, das kommt schon vor, vor allem weil meine Familie noch dort ist. Man muss sich vorstellen, ich war elfeinhalb Jahre in Köln, hab dort meine Freunde und meinen kleinen Verein, den SV Weiden, der ist mein Baby. Wenn ich im Hochsommer durch die Straßen gegangen bin, hab ich vom vielen Grüßen einen Sonnenbrand unter den Achseln gekriegt, so viele Freunde habe ich dort. Hatten Sie dort mit dem Wiener Schmäh Probleme? Oder sind die Deutschen gar nicht so humorlos? Manchmal ist der Wiener Schmäh ein bissl bissig, jeder hat das nicht verstanden. Da habe ich manchmal Achselzucken geerntet. Mein Italiener hat zum Beispiel plötzlich eine neue Frisur gehabt, lange Haare und Locken. Da hab ich zu ihm gesagt: Von welchem Baum haben s’ denn dich runtergeholt? Das hat er nicht so ganz realisiert. Und wie er’s dann kapiert hat, hat er nicht gelacht. Ich hab’s aber irrsinnig gut gefunden. Hatten Sie’s in Deutschland bei Ihrer Karriere etwas leichter, weil sie nicht jeder Trottel mit Ja, das stiiimmt verarscht hat? Nein, ich hab’s nicht leicht gehabt. In Deutschland wird man sehr hart rangenommen. Wie haben s’ denn alle geredet am Anfang? Haha, jetzt wird er einmal sehen, was es heißt zu grätschen, zu fighten, zu rennen, rauf und runter. Der kommt dort nicht einmal zum Ausatmen. Schlussendlich war ich in der Jahrhundertelf von Köln. Mein Ruf hat sich dank der Erfolge auch in Österreich zum Positiven gewendet. Warum werden gerade in Österreich die Kicker besonders gerne als Witzfiguren dargestellt? Wir haben so einen kleinen Hang zum Negativen. Ich sage aber: Zu Borussia Mönchengladbach kommen im Schnitt zwar 47.000 Zuschauer, aber die Austria hat eine viel bessere Mannschaft heut. Jeder Fan müsste dankbar sein, dass er Spieler wie Afolabi, Blanchard, Vastic, Rushfeldt oder auch Hofmann, Ivanschitz und Tokic hier in Österreich sehen kann. Aus den Akademien stößt die nächste Generation bereits nach. Wenn sich die Jungs wirklich den Arbeitsanzug anziehen, können sie etwas erreichen. Aber es wird nicht genügen, Österreicher zu sein, wenn die Leistung nicht mithält. Bei der Austria spielen fast nur Legionäre. Hätte der 17-jährige Toni Polster heute überhaupt eine Chance, in die Mannschaft zu kommen? Wie ich 1982 von Simmering zur Austria gekommen bin, hab ich vor mir gehabt: zwei bulgarische Nationalspieler, Petkov und Zvetkov, zwei österreichische Nationalspieler, Steinkogler und Drabits, und den Thomas Pfeiler, damals eines der größten Talente. Insgesamt waren acht Stürmer im Kader! Zwei Monate später hab ich trotzdem gespielt. Ich glaube, das beantwortet Ihre Frage. Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn Roland Linz sagt, er traut sich nicht zu, sich gegen einen Gilewicz oder Rushfeldt durchzusetzen, und deshalb nicht bei der Austria spielen möchte. Solche Gedanken hätte ich im Leben nie in meinem Kopf gehabt. Roland Linz galt gemeinsam mit Roman Wallner als größte österreichische Stürmerhoffnung. Warum sind die Jungstars gar so versumpft? Leider hat man denen wohl immer nur einen Klaps auf den Hintern gegeben statt einmal einen richtigen Arschtritt. Linz, Wallner und auch Markus Weissenberger könnten die Nachfolger von Polster, Herzog und Feiersinger sein. Aber sie haben nicht gebracht, was sie versprochen haben. Das ist das größte Problem der Nationalmannschaft. Die Austria hat eine Zeit lang zwei, drei Trainer im Jahr geholt. Besonders absurd war der Rauswurf von Walter Schachner, der erfolgreich war und trotzdem durch Christoph Daum ersetzt wurde. Hätten Sie das auch gemacht? Ganz klar nein. Haben Sie eine Erklärung dafür? Wahrscheinlich wollte der Boss es so. Dann kennt er sich also doch nicht so gut aus im Fußball? Damals! Jetzt kennt er sich schon besser aus. Ist Daum wirklich so gut? Das ist ein absoluter Klassemann, in jeder Beziehung. Es kann kein Zufall sein, dass einer so viel Erfolg hat, überall, wo er hinkommt. Viele wünschen sich, dass Herbert Prohaska, den Stronach rausgeworfen hat, zur Austria zurückkehrt. Haben Sie einen Job für ihn frei? Der Herbert ist der Spieler des Jahrhunderts, die Austria-Ikone schlechthin. Wenn’s die Möglichkeit gäbe, würde mich nichts mehr freuen, als ihn wieder in den Austria-Betrieb zu integrieren. Wir müssen alle schauen, wie wir das Verhältnis Stronach-Prohaska wieder ein bissl verbessern können. Er ist auf den Stronach sauer, oder? Ich glaube, das ist beidseitig. Ein Managerkollege von Ihnen, Gunnar Prokop, hat mit einem Falter-Interview für Aufregung gesorgt. Er sagte: Frauen gehören in die Kuchl, sollen die Kinder erziehen und aus. Wie sehen Sie das? Selbst wenn ich auch dieser Meinung wäre, würde ich’s nicht kundtun. Nein, das ist natürlich ein Blödsinn. Für mich sind die Frauen sowieso das bessere Geschlecht, weil sie viel leidensfähiger und sensibler sind. Sie haben viel mehr Gspür, denken ganz anders. Im Grunde passen Frauen und Männer ja gar nicht z’samm, glaube ich. Was würde Ihre Liesi zu solchen Sprüchen sagen? Da wüsste sie, dass das nicht von mir kommt. Prokop meinte auch, manchmal könne man eine Mannschaft nicht mehr trainieren, sondern nur noch dressieren, wie einen Hund. Ist da was dran? Die heutige Spielergeneration macht sich viel mehr Gedanken. Früher haben wir nix hinterfragt. Wenn der Trainer gesagt hat, wir sollen mit einer Bleiweste 15 Mal den Berg raufrennen, sind wir 15 Mal raufgelaufen. Das würde sich heute kein Spieler mehr gefallen lassen? Heute würden s’ dir ein Loch in den Bauch fragen, bis du irgendwann die Bleiwesten wegräumst, weil’s dunkel geworden ist. Die Austria hat den Ruf, nicht immer mit vollem Einsatz bei der Sache zu sein. Die Austria ist halt eine Mannschaft, wo viele Techniker spielen. Und ein Techniker will sich nicht immer dreckig machen. Das hat man Ihnen ja auch nachgesagt, oder? Sagen wir so: Ich war so beharrlich, dass ich meinen Stil irgendwann erfolgreich durchgesetzt habe. Das ist ein großes Verdienst! Sie haben sich nicht beirren lassen? Ich hab nicht anders können. Ich musste mich irgendwann entscheiden: Entweder hab ich am Ende der Saison 17, 18 Tore und sie sagen: Er könnt a bissl mehr laufen. Oder sie sagen halt: Er ist viel grennt, hat viel für die Mannschaft getan, aber drei Tore sind für einen Stürmer zu wenig. Da waren mir die 18 Tore lieber. q Erste Austria-Heimspiele der Frühjahrssaison: am 16.2., 20.45 Uhr, im Happel-Stadion gegen Athletic Bilbao (UEFA-Cup) und am 19.2., 18 Uhr, im Horr-Stadion gegen den GAK (Bundesliga). |
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