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Der Modeknödel rollt
MODE Fünf Wiener Modemacher und ein Designduo haben sich zusammengetan und präsentieren sich Anfang März bei der Fashion Week in Paris unter dem Motto „we showroom paris now“. Auch andere österreichische Designer reisen nach Paris: Wer erfolgreich sein will, muss zeigefreudig sein. CHRISTOPHER WURMDOBLER

MODE AUS WIEN: Der Stand der Dinge

Falter 08   Originaltext aus Falter 08/05 vom 23.02.2005

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„Auf den Marktplatz treten“, nennt es Eva Blut. Weil sie seit Jahren äußerst erfolgreich Mode und Accessoires entwirft und produziert und sich der Weltmarktplatz der Mode in Paris befindet, hat sich die Designerin mit ein paar Kollegen zusammengetan, um gemeinsam auf den Pariser Marktplatz zu treten: In einem eigenen Showroom präsentieren sie ihre neuen Kollektionen. Neben Eva Blut haben sich für Paris noch zusammengefunden: die ausgezeichnete (Damen-)Modedesignerin Claudia Rosa Lukas, Wolfgang Langeder mit seinem Label Flor de Illusion, die Schmuckdesigner Florian Ladstätter und Sonja Bischur und die Schuh- und Accessoiresmacher von rosa mosa, Simone Springer und Yuji Mizobuchi. „Nice things come buy“ steht auf der Einladungskarte für die drei tollen Showroom-Tage im Rahmen der Pariser Modewoche Anfang März – für das Foto auf der Einladung haben alle ihre Werke zu einem großen Modeknödel geformt. Der rollt jetzt Richtung Paris.
  Modejournalisten rasen hysterisch von einem Termin zum anderen: Was da in der einen Woche in Paris auf Laufstegen, in Schauräumen und auf Minimessen passiert, füllt ein halbes Jahr lang die internationalen Magazine. Kurzerhand nahmen sich die sechs eine Presseagentin. Diese organisiert vor Ort die Veranstaltung, stellt Kontakte zu allen wichtigen Modereportern her und weiß auch ganz genau, wann die internationale Presse ein klitzekleines Zeitfenster zwischen zwei Großereignissen hat, in dem sich die Journalisten womöglich für Design aus Österreich interessieren könnten und einem Presselunch nicht abgeneigt wären. „Zum Essen kommen sie immer gern“, weiß Simone Springer aus eigener Erfahrung.
  „Man muss sehr genau wissen, wo man den Showroom einrichtet“, erzählen die Designer. Modeschreiber und Einkäufer seien nämlich sehr bequem und hätten es eigentlich am liebsten, wenn alle Ausstellungsorte nebeneinander aufgereiht wären wie die Perlen einer Kette: „Die machen ja keinen Schritt aus ihren angestammten Vierteln heraus.“ Einkäufer wollen nichts entdecken, sondern mehr oder weniger über Neuheiten stolpern, das sei nun mal so. Aus diesem Grund ist die Gegend, in der man so einen Schauraum einrichtet, so wichtig. Gut, dass die kleine Wiener Showroomgemeinschaft drei vertrauenswürdige Menschen vor Ort hat, die in den vergangenen Wochen immer wieder Galerien und andere Plätze auschecken mussten, die die Pariser Agentin vorgeschlagen hat. Vom 1. bis 3. März zeigen die sechs Österreicher nun im Instituto de México in der rue Vieille du Temple unter dem Motto „we showroom paris now“ ihre Herbst-Winter-Kollektionen 2005/06 – wir schauraumen jetzt Paris.

Dabei ist keiner der sechs wirklich Paris-Neuling. In den vergangenen Jahren haben alle ihre Arbeiten in der Modemetropole ausgestellt, allerdings nur bei den sogenannten Trade-Shows, bei denen bis zu dreißig oder mehr Designer gleichzeitig ausstellen und das Fachpublikum in Scharen an den Messeständen vorbeizieht. So etwas bringt die Gefahr mit sich, mit seiner Kollektion baden zu gehen. Manchmal werden junge, unbekannte Designer im hintersten Eck versteckt, zahlen zwar Miete und sind dabei, haben jedoch wirtschaftlich nichts von der Veranstaltung. Aber auch der Schritt von der Trade-Show zum eigenen Showroom ist sehr riskant. „Es ist ja nicht sicher, ob die Leute wirklich zu dir kommen werden“, sagt Eva Blut. „Doch wir haben uns gedacht, wenn das Angebot breiter ist und jeder seine bisherigen Kontakte mobilisiert, könnte das schon klappen.“ Außerdem teilt man sich die Produktionskosten für den nicht billigen Auftritt: Rund 10.000 Euro haben die Designer kalkuliert. Als kleines Sicherheitspolster nehmen vier der sechs anschließend noch an der Trade-Show „Rendez Vous“ im Tapis Rouge teil.
  Auch andere österreichische Modemacher treten die Reise nach Paris an: Edith A’gay, fabrics interseason oder Nina Peter zum Beispiel. Am 2. März präsentieren auch Hartmann Nordenholz ihre Winterkollektion für Frauen, „Gedenken“, in Paris. Das preisgekrönte Wiener Duo Agnes Schorer und Filip Fiska zählt derzeit zu Österreichs vielversprechenden Modeexporten und zeigt zweimal im Jahr in Paris seine Kollektionen. Der Auftritt bei den Pret-à-porter-Wochen sei „zentral-final“ in ihrer Arbeit, sagt Fiska. „In Paris zu präsentieren ist der einzige und sinnvollste Weg für uns. Es ist ja unser Ziel, die Kollektion oder Teile daraus international zu verkaufen und der internationalen Presse bekannt zu machen.“
  Diesmal haben sich Hartmann Nordenholz für eine zwei Stunden dauernde „multimediale Installation mit Menschen“ entschieden, anschließend hofft man auf viele Bestellungen bei der Trade-Show im Tapis Rouge.
  Für die gemeinsame Präsentation der sechs Wiener Schauraumneulinge in Paris im Mexiko-Institut möchte man den ganzen Raum bespielen, liegend, hängend, will eine bestimmte Atmosphäre schaffen und nimmt dafür einen eigens komponierten Soundtrack mit, den die Musiker Fon (Formation ohne Namen) für Paris gemacht haben. Ein oder zwei Models wird es auch geben, weil die Pressevertreter Kleider auch gerne mal am Menschen sehen, statt immer nur am Haken. Und auch das Wiengefühl möchte man vermitteln – immerhin sind Designer aus Österreich derzeit „Liebkinder der internationalen Presse“, wie Ulrike Tschabitzer vom Wiener Büro für Mode Unit F berichtet (siehe Interview im Kasten).
  Trotz Einverständnis und gewünschter Synergie ist es dem Modesextett wichtig, dass die eigenen Labels erkennbar bleiben. Man möchte sich keinesfalls beieinander bedienen, und es werde auch in Zukunft keine gemeinsame „we showroom paris“-Kollektion geben. „Wir sind eher so ein Club“, sagt Springer. Allerdings könne man sich durchaus vorstellen, künftig weitere Designer mit ins Boot zu nehmen. Um die Administration zu erleichtern, hat man sogar einen Verein zur Förderung österreichischen Designs gegründet, nach Paris geht die Gruppe im April bei der Tokyo Fashion Week und bei der Expo in Nagoya, Japan, an den Start.
  Japan ist neben den USA der wichtigste Modemarkt überhaupt, und bei den Schauen in Paris sind Einkäufer und Journalisten von dort gern gesehen. „Japaner treten immer in großen Gruppen auf“, erzählt Springer. Zuerst komme eine Art Vorhut, junge Leute, die sich einen modischen Überblick verschaffen und alles erst einmal durchstöbern. Dann wuseln die Entscheidungsträger und Presseassistenten herbei, die für die wichtigsten Modeketten einkaufen. Je wichtiger jemand ist, desto schwärzer die Kleidung. Sie überzeugen sich nicht nur von Stil, Qualität und Verarbeitung, sondern achten auch darauf, wie sich die Mode präsentiert, wie sie verpackt ist, ob das Logo am Etikett gut ausschaut. Zu guter Letzt gibt es noch ein paar Mädchen, die die ausgewählten Klamotten überziehen – schließlich müssen die Sachen der potenziellen Kundschaft auch passen.
  Mit Einkäufern haben alle so ihre Erfahrungen gemacht. Die Mehrheit fragt zuerst nach Rabatten, wenige lassen sich das Kollektionskonzept erklären, meist geht es aber um Preisnachlässe, „it’s nice“ ist das maximale Lob für viel Arbeit. Die Reise nach Paris kostet nicht nur viel Geld, sie ist auch mit übervollen Mailboxen und viel Organisiererei verbunden. Und die Arbeit wird nach Paris nicht weniger: Die Produktion muss betreut werden, Bestellungen bearbeitet, man muss Geld auftreiben für die nächste Kollektion. „Das Design für eine Kollektion steht in einer Woche“, bringt es Claudia Rosa Lukas auf den Punkt. Alles andere sei Organisation.

Natürlich freut man sich auf den ersten eigenen Showroom in Paris. Und die sechs Modemacher wissen auch schon, was sie den hungrigen Journalisten beim Presselunch vorsetzen: Knödel nämlich. Allerdings keine österreichischen, sondern japanische Tako Yaki mit Tintenfisch. Yuji Mizobuchi von rosa mosa hat dafür extra einen Spezialofen angeschafft, der auch mit sechs Kollektionen made in Austria nach Paris unterwegs sein wird. Obwohl: Eigentlich hatte sich der Wiener Japaner österreichische Knödel gewünscht, doch der Rest der Gruppe war dagegen.

we showroom paris now (new austrian design), 1.–3.3., 119 rue Vieille du Temple, 75003 Paris, www.weshowroomparisnow.com


MODE AUS WIEN
Der Stand der Dinge


Finanziell unterstützt von der Stadt Wien und der Kunstsektion im Bundeskanzleramt ging Unit F Ende 2000 an den Start, um heimische Mode zu unterstützen – damals brachte das Büro für Mode ein europaweit neues Konzept: Mode fördern zwischen Kommerz und Kunst. Unit F sieht sich als Informations-, Kommunikations- und Koordinationsstelle zwischen Modedesignern, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Gemeinsam mit Andreas Bergbaur leitet Ulrike Tschabitzer das Modebüro inhaltlich. Der Falter fragte bei ihr nach, was Wiener Modemacher in Paris so erwartet und wie österreichische Mode im Rest der Welt dasteht.

Falter: Frau Tschabitzer, ist Paris immer noch die wichtigste Modestadt der Welt? Was darf man sich von Präsentationen österreichischer Designer in Paris erwarten? Bringt das wirtschaftlich etwas?

Ulrike Tschabitzer: Als junger Designer muss man sehr konsequent sein und enormes Durchhaltevermögen haben, damit Präsentationen in Paris etwas bringen. Entscheidet man sich für diesen Weg, muss man zwei Mal im Jahr dort etwas zeigen. Das heißt, der Designer braucht nicht nur Geld, um die Kollektionen zu erstellen und für die Bestellungen zu produzieren, sondern muss auch die Präsentationen in Paris bezahlen. Aller Anfang ist schwer, aber mit der Zeit wird die internationale Presse auf die österreichischen Designer aufmerksam, das sieht man zum Beispiel bei Wendy & Jim, fabrics interseason oder Petar Petrov. Und langsam ordern auch die Einkäufer.

Wieso kommen denn all die Wichtigen, die Modejournalisten und Einkäufer nicht einfach nach Wien?

Mit der Austrian Fashion Week und der Präsentation der Modeklasse ist es uns im letzten Jahr gelungen, viele gute Presseleute mit der Unterstützung der Stadt und des Tourismusverbandes nach Wien zu bringen. Im Moment sind die jungen österreichischen Designer die Liebkinder der internationalen Presse. Wendy & Jim haben das Cover des nächsten Purple Magazin – fotografiert hat Terry Richardson –, das Titelblatt des Suite-Magazins und das der Modebeilage der Libération. Hartmann Nordenholz sind in Barcelona im B-Guided-Magazin, Petar Petrov im Suite. Mit den Einkäufern ist es schwieriger: Die guten Shopbetreiber fahren nach Paris, da sie dort einen Gesamtüberblick über die internationale Modeszene bekommen. Bei der nächsten Austrian Fashion Week, die wieder im September in der Kunsthalle Wien stattfindet, versuchen wir erstmals gezielt, ausgewählte Einkäufer nach Wien zu bringen.

Hat Mode in/aus Österreich mittlerweile sogar den Stellenwert, den sie in anderen Ländern, beispielsweise in Belgien, hat? Was sollte sich die öffentliche Hand so ein „Modeland“ kosten lassen?

Hierzulande hat Mode nicht denn Stellenwert, den die Architektur oder die bildende Kunst haben. Die Situation ist auch nicht vergleichbar mit der in Belgien und Antwerpen, da dort der Fokus auf zeitgenössischer Mode liegt und sehr viel Geld in die Szene investiert wurde und noch immer wird. Könnten wir in Österreich mit den gleichen Budgets operieren, die für die Bereiche Tanz, Architektur, bildende Kunst, Video und Fotografie freigemacht werden, könnten wir noch bessere Basis- und Strukturarbeit leisten. Wir sind leider mit unseren Mitteln sehr beschränkt.

Welche Ziele verfolgt Unit F längerfristig?

Unser Ziel ist es, einen Platz für zeitgenössische Mode in Wien zu schaffen, vergleichbar mit einem modernen Modemuseum. Wir würden dort zwei oder drei Ateliers für österreichische Designer einrichten, einen Lehrgang für zeitgenössisches Modedesign anbieten, das Contemporary Fashion Archive weiter betreiben, Ausstellungen zum Thema Modefotografie konzipieren, Publikationen zum Thema zeitgenössisches Modedesign produzieren, eine eigene Abteilung für internationale Pressearbeit aufbauen, und eine für wirtschaftliche Kontakte.

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Februar 2005 © FALTER
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