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„Ich bin ein Lokalpatriot“
LITERATUR Der türkisch-deutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu überzieht die Kunsthalle Wien mit türkischen Fahnen. Im Interview freut er sich über die heftigen Reaktionen auf die Aktion, ruft zum Angriff der Kanaken auf und lobt die norddeutsche Sprödheit. MATTHIAS DUSINI

ZAIMOGLUS FAHNEN: „Passt euch ja nicht an!“
LITERATUR IM MÄRZ: Islam und Abendland

Falter 10   Originaltext aus Falter 10/05 vom 09.03.2005

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Sechs Monate war Feridun Zaimoglu alt, als seine Eltern aus der Türkei nach Deutschland zogen. In den Fabriken gab es 1964 viel Arbeit für Gastarbeiter. Der Sohn hatte es besser: Er studierte in Kiel Medizin und Kunst. Am Anfang seiner literarischen Laufbahn stand eine Anthologie. Für „Kanak Sprak“ (1995) befragte er türkische Einwandererkinder der zweiten und dritten Generation: Arbeitslose, Rapper, Zuhälter und Psychiatriepatienten. Sein zweites Werk „Abschaum“ wurde verfilmt und kam 2000 unter dem Titel „Kanak Attack“ in die Kinos. Im Rahmen von „Literatur im März“ (siehe Islam und Abendland) liest Zaimoglu aus seinem neuesten Buch „Zwölf Gramm Glück“, in dem er sich vom O-Ton-Realismus der frühen Texte entfernt. Hier wandern die Protagonisten aus dem lethargischen Alltag in andere, Glück verheißende Räume aus: den Hinterhof in der Großstadt, den Urlaubsstrand, das anatolische Dorf.
  Der manische Produzent Zaimoglu arbeitet für das Theater, schreibt Drehbücher, betätigt sich als bildender Künstler. Der Slogan „Kanak Attack“ steht für ein neues Selbstverständnis der multikulturellen deutschen Gesellschaft. So nennen sich antirassistische Initiativen in zahlreichen deutschen Städten. Und so heißt auch die Fahneninstallation an der Fassade der Kunsthalle Wien, die Zaimoglu mit einem als Frage formulierten Untertitel versehen hat: „Die dritte Türkenbelagerung?“ (siehe „Passt euch ja nicht an!“). Bei öffentlichen Auftritten provoziert Zaimoglu gerne mit flotten Sprüchen. Beim Falter-Interview klang er anders, feinsinnig und selbstironisch.


Falter: Was sagen Sie zu den Reaktionen, die Ihr Projekt in Wien ausgelöst hat?

Feridun Zaimoglu: Ich habe gehört, dass sich ein FPÖ-Politiker nicht entblödet hat, die Absetzung von Herrn Doktor Matt (Kunsthallen-Direktor Gerald Matt, Anm. d. Red.) zu fordern. Es geht also gut ab in Wien. Und das freut mich.

Warum freut Sie das?

Egal, ob ich Bücher schreibe oder solche wahnwitzigen Kunstaktionen veranstalte: Ich mache keine Kammermusik für die einsamen Kenner der Materie! Ich habe schon in der Vergangenheit heftige Reaktionen ausgelöst, sodass man fragte: „Sind Sie ein Provokateur?“ Das bin ich nicht. Provokation ist etwas für Bettnässer. Ich hatte nur die dunkle Ahnung, dass in dieser hochsymbolischen Stadt eine solche Kulturtempelbeflaggung nicht ohne Folgen bleiben würde.

Woher diese Ahnung?

Wien hat ja den historischen Feind in der Vergangenheit zu spüren bekommen. Der Turban-Osmane während der Türkenbelagerung ist nicht irgendein Kapitel in den Geschichtsbüchern, sondern im Volksbewusstsein sehr präsent. Insofern ist die Aktion eine Erweckung der guten und der bösen Geister. Jetzt reiben sich die Wiener die Augen und fragen sich: „Haben wir das alles getan, damit nun irgendein verrückter Deutsch-Türke daherkommt und die Insignien der feindlichen Macht aufhängt?“

Ist das nicht eine Projektion von Ihnen?

Ich muss mich natürlich auf die Meldungen aus Wien berufen. Da ist von Leserbriefen aufgebrachter Menschen die Rede. In der Kronen Zeitung und in der U-Bahn-Zeitung wird vom „Türkenzelt“ gesprochen. Insofern sind das nicht die Träume eines Deutschen in der Diaspora.

Der Feldherr Prinz Eugen ließ das Dach von Schloss Belvedere in der Zeltform des unterlegenen türkischen Gegners nachbauen. Kennen Sie dieses historische Kunstprojekt?

Ich weiß davon. Meine Fassadenverschleierung ist aber keine Ehrerbietung. Sie ist nichts weiter als eine große Leinwand. Jeder projiziert darauf, was er sehen möchte. Für die einen ist das Christo für Arme. Für die anderen ist es eine Was-soll-der-Scheiß-Kunstaktion. Für die dritten ist es eine nette Kunstgeste. Und dann gibt es welche, die hier den Feind am Werke sehen.

In dem Wort Fassadenverschleierung kommt jenes Reizwort vor, das für die Islamdiskussion der letzten Jahre steht. Zielen Sie auf diesen Automatismus Türkei – Islam – Schleier ab?

Natürlich kann man auch diese Implikation dazudenken. Ich selbst bin ein areligiöser Mensch. In Deutschland hat man versucht, einen inoffiziellen Ausländerbeauftragten aus mir zu machen. Man hat mich bei öffentlichen Debatten über Leitkultur, das Kopftuch und, zuletzt, über die Ehrenmorde befragt. Ich bin nicht ahnungslos, aber da es mir in erster Linie um Literatur geht und da ich als typischer Angehöriger der zweiten Generation diese ganzen Türkenvertreter hassen gelernt habe, bin ich nicht geneigt, wie ein Mufti Auskunft zu geben.

Wie kamen Sie eigentlich auf den Begriff Kanak Attack?

Sie haben in Wien diesen anderen Begriff: Tschu ...

Tschusch?

Tschusch. Genau. Das ist für Zungen aus Deutschland etwas schwer auszusprechen. Kanake war ein Hetzwort zuerst für die italienischen Gastarbeiter der ersten Stunde und wurde dann auf die Türken der ersten Generation übertragen, da sie die Mehrheit der Fremdstämmigen bildeten. Ich habe den Begriff Kanak Attack vor einigen Jahren ins Feld geführt als eine Art Krake: eine Kulturoffensive der fremdstämmigen Deutschen der zweiten Generation. Fremdstämmige, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, nannten sich selbst Kanaken, um anzuzeigen: Wir weichen vom türkischen Prototyp nach dreißig Jahren Deutschland ab, wir sind Bastarde in den Metropolen. Kanak Attack bedeutet nicht Rückzug aus der Mehrheitsgesellschaft, sondern: Wir sind hier.

Wird mit diesem Thema in Österreich anders umgegangen?

Ich kann nur schlaglichtartige Beobachtungen äußern. Was ich so mitbekommen habe: Man trägt die Konflikte in Österreich nicht so offen aus wie in Deutschland. Wir Teutonen sind etwas einfacher gestrickt als die Österreicher. Deren wunderbare Subtilität, die einem nach einiger Zeit auch mächtig auf die Nerven gehen kann, haben wir nicht. Wir bevorzugen – und mit „wir“ meine ich die Stämme aller Ethnien – eine möglicherweise grobe Diskussion, die manchmal verletzend ist, wenn im Feldwebelton Forderungen gestellt werden. Das hat aber auch Vorteile, weil Konfliktlinien sichtbar werden.

Sie sagen, die Fassade wäre eine Projektionsfläche. Was sehen eigentlich Sie in der türkischen Flagge?

Fahnen stimulieren mich nicht. Ich sehe in einem leeren Blatt Papier viel mehr als in einer Fahne. Insofern muss ich Ihnen eine eindeutige Antwort schuldig bleiben, schon um die Betrachter nicht zu bevormunden. Das ist übrigens eine typisch deutsche Antwort.

Die Fahne steht für die laizistische Türkei. Wie stehen Sie dazu?

Die Ethnie ist für mich eine sterbenslangweilige Angelegenheit. Aber wenn ich gefragt werde, bin ich von meinem Selbstverständnis her Deutscher. Ich fahre ein- bis zweimal im Jahr in die Heimat meiner Eltern, aber als deutscher Tourist. Man sieht es mir an, dass ich eine deutsche Nase bin. In der türkischen Fahne sehen viele Leute weniger den Stern als den Halbmond. Halbmond und Kreuz sind archaische Zeichen, die in diesen Zeiten der Glaubenskriege – etwa jetzt im Irak – hochgehalten werden.

Sind Sie als Deutscher für den EU-Beitritt der Türkei?

Es gibt so viele Experten, die mit einem klaren Ja und einem klaren Nein kommen. Ich weiß es nicht. EU-Utopisten sprechen von einer zukünftigen „Brave New World“, davon, dass es großartig sei, ein Land mit mehrheitlich moslemischer Bevölkerung in die EU zu integrieren. Die EU-Skeptiker sagen, hier haben wir es mit einem jahrhundertealten historischen Feind zu tun. Das sind erwachsene Menschen, renommierte Soziologen und Historiker, die mit so einem Quatsch daherkommen. Man tut so, als würde man von Menschen sprechen, die völlig anders sind. Da kann einer sagen, ich bin hier aufgewachsen, und er wird trotzdem dem fremden Türkenstamm zugeschlagen. Und in der öffentlichen Debatte wird ihm, diesem fremdstämmigen Einheimischen, jedes Recht abgesprochen, eigentlich herzlich wenig mit der Türkei zu tun haben zu wollen.

Ist es eigentlich schwierig, ein Deutscher zu sein?

Genauso wenig wie es schwierig ist, ein Österreicher zu sein.

Na ja ...

Hahaha! Der war gut. Sie haben Recht. Ich habe davon keine Ahnung. Ich bleib in meiner deutschen Pfütze.

Welchem deutschen Stamm gehören Sie eigentlich an?

Dem norddeutschen. Die Norddeutschen sind ein komisches Volk. Ich würde ihnen unterstellen, sie seien Kommunikationskrüppel, sie würden zwei Jahre brauchen, um den Abstand zu einem anderen Menschen abzubauen. Sie sind eigentlich immer für Witze gut. Mir gefällt das Spröde. Ich kann mit diesem oberflächlichen Bussibussi nichts anfangen, mit diesem: gleich am ersten Tag guter Freund und am nächsten Tag kennt man sich nicht mehr. So spricht einer, der seit zwanzig Jahren im Norden ist und so nichts anderes sein kann als ein Lokalpatriot.

„Kanak Attack“: Fahneninstallation an der Fassade der Kunsthalle Wien (MQ), bis 28.3.



ZAIMOGLUS FAHNEN
„Passt euch ja nicht an!“


Vor zwei Jahren bedeckten unzählige türkische Flaggen die Fassade der Kunsthalle zu Kiel. Es handelte sich um Feridun Zaimoglus Beitrag zur Ausstellung „Accessoiremaximalismus“, in der es um Lebensstile in der multikulturellen Gesellschaft ging. Am Studienort Zaimoglus löste die rot-weiß-rote Pracht matte Reaktionen aus. Türkische Hochzeitsgesellschaften nutzten die Fassade als Hintergrund für Familienfotos. „Die Arbeit hatte einen unglaublich dekorativen Effekt“, erinnert sich Dirk Luckow, der Direktor der Kieler Kunsthalle. Zwar wurde das Gebäude in der Nacht aus Angst vor rechtsradikalen Übergriffen überwacht. Zum Bildersturm kam es aber nicht. Lediglich einige Stifter der Kunsthalle wählten einen anderen Weg zur Arbeit, um nicht auf Atatürks Visitenkarten blicken zu müssen.
  Eine Koinzidenz führte dann zur Adaption des Projekts an der Fassade der Kunsthalle Wien. Zaimoglu wurde vom Festival Literatur im März (siehe Kasten auf Seite 21) zu einer Lesung eingeladen, Kunsthallen-Direktor Matt kannte die Kieler Fahnen-Arbeit. Und so konnten mit einer Klappe gleich mehrere Fliegen geschlagen werden. Die an der Rückseite der ehemaligen Winterreithalle klebende Kunsthalle bekam durch die Fahnenfront ein Gesicht. Das Literaturfestival war nun besser lokalisierbar. Und durch die Diskussion über den EU-Beitritt konnte mit einer öffentlichen Erregung gerechnet werden.
  Die Rechnung ging auf. Es gab einige skandalisierende Presseberichte. Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) interpretierte das Fahnenmeer als Kampfansage an die Integration von Migranten in die österreichische Gesellschaft. „Es handelt sich um eine nationalistische Ansage im türkischen Sinn“, sagt der Landesparteiobmann der Wiener FPÖ Heinz Christian Strache. Die Botschaft des „selbsternannten Künstlers“ laute: „Passt euch ja nicht den Österreichern an!“ Diese Reaktion sei „an Perfidie nicht zu überbieten“, kontert Gerald Matt. Es handle sich um eine Zeichensetzung für eine Minderheit, die längst da ist. Der türkische Botschafter Mithat Balkan lud Matt im Vorfeld zu einem Abendessen ein, wo er ihn darauf hinwies, dass es politische Diskussionen geben werde. Er selbst würde sich dem Projekt gegenüber neutral verhalten. Auch dem Falter gegenüber verhielt er sich neutral. Er wollte keinen Kommentar abgeben.
MATTHIAS DUSINI



LITERATUR IM MÄRZ
Islam und Abendland


Den Islam gibt es nicht“, kann man im Folder zur heurigen Ausgabe von „Literatur im März“ programmatisch lesen. Das soll besagen, dass der Islam als monolithische Einheit, der seit einiger Zeit für viel Böses in der Welt verantwortlich gemacht wird, eine Konstruktion des Westens ist – so auch die These des Islamforschers Navid Kermani, mit dem Falter-Autor und „Literatur im März“-Co-Kurator Erich Klein ein Interview geführt hat (im Falter 10/2005) und der auch den Eröffnungsvortrag halten wird.
  Im Mittelpunkt stehen (vielfach zweisprachige) Lesungen von Autorinnen und Autoren islamischer Länder und Kulturkreise – von Etel Adnan (Libanon/Frankreich) bis Ali M. Zahma (Afghanistan), von Rachid Boudjedra (Algerien) bis Najem Wali (Irak/Deutschland). Neben einem Lyrikstudio, das sich den Themen „Krieg“ und „Wüste“ widmet, gibt es auch Podiumsdiskussionen, die die Frage nach dem Bedrohungspotenzial des Islam stellen oder sich mit dem Verhältnis zwischen dem Islam und Frauen auseinander setzen. An Letzterer wird sich auch Marjane Satrapi (Iran/Frankreich) beteiligen, die mit „Persepolis“ (1, einer Comicbuchreihe über ihre Kindheit im Iran und ihre Jugendjahre, die sie u.a. auch in Wien verbrachte, zum internationalen Star avancierte.

Vom 10.–13. März in der Kunsthalle Wien (7., Museumsplatz 1). Informationen unter: www.alte-schmiede.at

1 Das Taschenbuch von „Eine Kindheit im Iran. Persepolis 1“ ist im Wiener Ueberreuter Verlag erschienen (160 S., EUR 9,95).

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März 2005 © FALTER
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