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| Zerfließe nicht in Tränen |
| GERICHTSMEDIZIN Sie hat eine alt eingesessene Männerbastion erobert. Andrea Berzlanovich, Österreichs erste Professorin für Gerichtsmedizin, über Kleinmädchenträume von der Pathologie, Männerbündlerei unter Professoren, das Mitgefühl am Seziertisch und die Brutalität einer Wiener Taxlerin. JULIA ORTNER |
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| Ein Mordopfer am Nachmittag, ein ganz normaler Arbeitstag. Um 7.45 Uhr absolviert Andrea Berzlanovich die tägliche Morgenbesprechung am Münchner Institut, dann geht es zu Gericht, oder es stehen Untersuchungen am Dienstplan: Verletzte nach Raufereien, vergewaltigte Frauen oder Kinder. Dann widmet sich die 44-jährige Gerichtsmedizinerin dem Papierkram, Befunden und Gutachten. Ab eins steht sie im Seziersaal und obduziert Leichen, normalerweise bis fünf. Außer es kommt ein frischer Mord herein, wie gestern Nachmittag. Dann gibt es kein Dienstende. Wenn ein Tötungsdelikt passiert, fahren wir raus an den Tatort, schauen uns die Leiche und die Umgebung an, gleich anschließend wird am Institut obduziert, erklärt Berzlanovich. Gerichtsmedizin ist kein Job für gemütliche Professoren. Die Wienerin Andrea Berzlanovich ist seit kurzem Österreichs erste habilitierte Professorin für Gerichtsmedizin – die Expertin für forensische Gerontologie ist die bislang einzige Frau, die diese Männerbastion erobern konnte. Seit 1989 arbeitet sie an der Wiener Gerichtsmedizin, seit Anfang März absolviert sie ein Auslandsjahr am Institut für Rechtsmedizin in München. Die Münchner sterben genauso wie die Wiener, nur haben die Wiener ihre typisch österreichischen Obduktionsgebräuche: Hierzulande unterscheidet man die gerichtliche Obduktion – nach Tötungsdelikt, ärztlichem Fehlverhalten oder Unfall – und die sanitätspolizeiliche Obduktion – nach Selbstmord und bei jedem plötzlichen Todesfall außerhalb des Krankenhauses, wenn der Tote zuvor keine Krankheit hatte. Aber auch jede andere Leiche wird zumindest beschaut – an den Gerichtsmedizinern kommt kein Toter einfach so vorbei. Jährlich werden in Wien 1500 bis 2000 Leichen sanitätspolizeilich und 600 gerichtlich obduziert. Berzlanovich kennt sich aus mit dem Leben und Sterben in Wien. Anfang der Neunzigerjahre, als ein Prostituiertenmörder Österreich in Hysterie versetzte, begann die junge Wissenschaftlerin die Tötungsdelikte zu analysieren, die in den letzten dreißig Jahren an Prostituierten in Wien verübt worden waren, und verglich sie mit den entsprechenden Daten der anderen Bundesländer. Für die daraus entstandene Studie interessierte sich auch die Kriminalpolizei. Und wenig später präsentierte die Gerichtsmedizinerin ihre Erkenntnisse als Zeugin bei einem der größten Prozesse der österreichischen Kriminalgeschichte: Ihre Analyse hat Jack Unterweger sehr belastet. Falter: Frau Professor, andere kleine Mädchen wollen Schauspielerin werden und hübsche Kleider tragen. Sie wollten schon als Kind Gerichtsmedizinerin werden und Leichen aufschneiden. Haben Ihre Eltern da nicht blöd geschaut? Andrea Berzlanovich: Meine Eltern haben sich schon gewundert, als ich ihnen mit sechs erklärt habe, ich will Gerichtsmedizinerin werden. Die Volksschullehrerin war sogar ein bisschen schockiert, als sie uns gefragt hat, was wir später einmal machen wollen. Mir war das Leben mit dem Tod nie fremd. Bei meinen Großeltern am Land war und ist es üblich, dass die Verwandten, wenn sie sterben, zu Hause aufgebahrt werden. Ich bin als Kind nie von Leichen fern gehalten worden. Und dann waren da diese Pathologen, mit denen meine Eltern befreundet waren, ich war sehr fasziniert von ihrer Arbeit. Das Kriminalistische der Gerichtsmedizin hat mich schon damals gereizt. War Ihnen bewusst, dass Sie sich als Gerichtsmedizinerin in eine Männerdomäne begeben? Das war mir klar, die Erfahrungen mit manchen männlichen Kollegen waren dann aber schon hart. Als ich ans Institut kam, war ich zurückhaltend, schüchtern. Dann musste ich erkennen, wenn du so bleibst, hältst du es hier nicht lange aus. Ich habe gelernt, mich zur Wehr zu setzen und zu kontern, mir männliche Eigenschaften angeeignet, eine gewisse Forschheit. Und ich habe mir eine konsequente Art zugelegt – ich weiß nicht, ob durch meinen Beruf oder die Kollegen. Wenn eine Frau etwas erreicht, einen Fall löst oder eine Publikation herausgibt, wird das von den männlichen Kollegen gerne übersehen oder lächerlich gemacht. Die Männer reden dagegen meist ausführlich über ihre Leistungen, tragen alles mehr nach außen. Es ist leider ein generelles weibliches Problem, dass sich Frauen nicht so gut vermarkten können wie Männer. Ist dieses Problem auch mit ein Grund dafür, dass sich in Österreich so wenige Frauen habilitieren, gerade in Ihrer Fachrichtung? Frauen werden oft derart mit Routinetätigkeiten eingedeckt, dass sie nicht mehr genug Zeit für Forschung haben. Da steckt eine gewisse Systematik dahinter, bewusst oder unbewusst. Auch ich tue mir noch immer schwer, Nein zu sagen. Sie arbeiten an der Wiener Gerichtsmedizin, die seit einiger Zeit mit Skandalberichten über Streitereien um Kostenersätze, Gutachtertätigkeiten und jetzt schon wieder einem Führungswechsel zu kämpfen hat. Sind Sie froh, diesen unangenehmen Geschichten erst einmal Richtung München entkommen zu sein? Ich bin 15 Jahre in diesem Haus, und es liegt mir natürlich sehr am Herzen. Ich war allerdings selbst nicht als Gutachterin vor Gericht tätig, die Geschichten betreffen mich also nicht direkt. Abseits dessen haben der Rektor und der Vorstand die Mitarbeiter ersucht, sich derzeit nicht öffentlich zur Situation des Instituts zu äußern. Sie haben bisher 10.000 Leichen obduziert und stehen täglich im Seziersaal. Wie ist das denn, wenn man den ganzen Tag in der Welt der Toten verbringt? Es hätte keine Leiche etwas davon, wenn ich in Tränen zerfließe. Das ist meine Arbeit und ich versuche, sie möglichst gut zu machen. Ich habe nur die Hülle eines unbekannten Menschen vor mir und daneben einen Akt. Sobald ich aber wie bei Suizidfällen einen Abschiedsbrief habe, der in Kopie dabei liegt, erfahre ich mehr Persönliches, und da kommt Mitgefühl, Verständnis, Bedauern hoch. Oder wenn ich mit Angehörigen spreche. Welche Bedeutung hat die menschliche Existenz für Sie, wie alltäglich wird der Tod durch Ihre Arbeit? Ich lebe wahrscheinlich bewusster. Man macht keine leichtsinnigen Sachen. Ich schnall mich immer an, rase nicht, habe keine riskanten Hobbys. Den Kick, den viele Leute suchen, vermeide ich. Gerichtsmediziner sehen wie Polizisten, zu was Menschen fähig sind: Gewalt und Mord, Habgier, Eifersucht, Hass, Wahnsinn. Wie ertragen Sie das? Ich tausche mich vor allem privat mit meinem Partner aus, der auch Gerichtsmediziner ist. Wir reden nicht über jeden Fall, aber manche diskutieren wir. Generell versuche ich, selber mit den Dingen, die ich zu sehen bekomme, fertig zu werden. Sehen Sie sich als Wissenschaftlerin oder als Detektivin mit Skalpell? Ich verfüge über eine gewisse wissenschaftliche Neugier. Und wegen meiner kriminalistischen Ader will ich erfahren, wie jemand ums Leben gekommen ist. Um zum Beispiel bei mehreren Stichverletzungen sagen zu können, welcher Stich war der erste, welcher war der letzte? Wie war der Ablauf der Tat? Hat sich das Opfer noch gewehrt? Wie schaut der typische Wiener Mord aus Sicht der Gerichtsmedizinerin aus? Der Mord in Wien wird meist schnell entdeckt, weil er sich oft im häuslichen Milieu abspielt und man die Täter schnell ausforscht. Den klassischen Chikagoer Raubmord gibt’s bei uns nicht. Beim häuslichen Mord oder Totschlag nimmt man halt oft das zur Hand, was man daheim hat: ein Messer, eine Faustfeuerwaffe, einen Hammer oder anderes Werkzeug. Manchmal wird jemand auch mit Tritten oder Schlägen umgebracht. Gibt es Tötungsdelikte, die so eigenartig ablaufen, dass sie Ihnen im Gedächtnis bleiben? Da war vor einigen Jahren diese Taxifahrerin, die sich das Vertrauen eines älteren Architekten erschlich, bei ihm aufräumte, kochte, mit ihm plauderte. Dann hat sie sich seine Sparbücher genommen, er hat sie zur Rede gestellt, daraufhin hat sie ihn kaltblütig ermordet: indem sie ihm zuerst eine Wodkaflasche über den Schädel geschlagen, ihm dann einen Plastiksack über den Kopf gestülpt hat, den Sack mit einem Elektrokabel fixiert und mit mehreren Küchengeräten – Pfannenheber, Kochlöffel – eine Art Strangwerkzeug hergestellt und gedreht hat. Eine spanische Tötungsmethode, Garottieren, sehr brutal und ungewöhnlich für eine Frau. Ebenfalls außergewöhnlich war, dass die Täterin in ihrem Garten selbst ein Grab geschaufelt hat, vorher versuchte sie noch, den Toten anzuzünden. Das Ganze hat sich im März abgespielt, der Boden war hart gefroren und steinig; dass die Frau das geschafft hat, war eine Leistung – wenn man das so nennen kann. Eines Ihrer Fachgebiete ist auch Gewalt gegen Frauen. Da ich als Frau mehr Zugang zu vergewaltigten Frauen und Kindern habe, möchte ich Betroffenen helfen und für diese Fälle Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen. Mein Kollege Manfred Hochmeister hat ein Abnahmesystem entwickelt, das die Spurensicherung nach Vergewaltigungen für die Beweisführung erleichtert. Dabei werden Spuren nicht nur am Körper, sondern auch an der Kleidung genommen, damit es bessere Chancen gibt, den Täter zu überführen. Ich arbeite mit der Polizei und dem Frauennotruf zusammen und halte in den Spitälern Informationsveranstaltungen darüber ab, wie man mit diesen Abnahmesets umgeht. Gerichtsmedizin ist heute auch ein beliebtes Fernsehserienthema. Ist die Realität auch so glamourös wie in Dr. Samantha Ryan? Diese Serien sind halt überperfekt. In der Realität fehlt es uns entweder am Können, an der Ausrüstung oder am Polizeihund. Früher, wenn ich mir Derrick angeschaut habe, wo die Geschichten in diesen luxuriösen Villen spielen, habe ich mir immer gewünscht, einmal möchte ich so einen schönen Tatort erleben! Welche Rolle spielt neben altbewährten medizinischen Kenntnissen heute die Hochtechnologie in Ihrem Job? Speziell in meinem Bereich, der Obduktionstechnik, hat sich dadurch gar nicht so viel geändert. Die alten Methoden werden heutzutage durch Röntgenverfahren oder Computertomografie ergänzt. Wie hat die DNA-Analyse die Gerichtsmedizin verändert? Die Überführungsmöglichkeiten haben sich mit der Implementierung der DNA-Datenbank natürlich massiv verbessert. Ich selbst nehme die DNA-Proben am Opfer oder Täter nur ab, die Molekularbiologen am Institut analysieren sie. Sie haben für Ihre Habilitation erforscht, dass es die Todesursache Altersschwäche auch bei sehr alten Menschen de facto nicht gibt. Was bringt diese Erkenntnis, die Sie an hundertjährigen Leichen gewonnen haben, der Gesellschaft? Ich habe mir über 85-Jährige angeschaut, die plötzlich ohne vorherige offensichtliche Krankheit zu Hause verstorben sind, und bei der Obduktion festgestellt, dass oft eine unerkannte Krankheit die Todesursache war. Das könnte auch sozialpolitisch relevant sein. Laut WHO gibt es jetzt schon 135.000 über Hundertjährige weltweit, und 2050 sollen es bereits zwei Millionen sein. Das Fachgebiet der Gerontologie bekommt einen neuen Stellenwert, die forensische Gerontologie kann mithelfen, für die Alten künftig geeignete Lebensformen zu finden: weil man auch durch Obduktionen und Erfassung der Vorgeschichten erfährt, was für Leiden sie haben, wie sich diese Leiden äußern und woran die Menschen sterben. Haben Sie selbst Angst vor dem Tod? Nein. Eines Tages ist es so weit, bei manchen früher, bei manchen später. Ich hoffe, bei mir später. Wie geht es Ihnen bei dem Gedanken, selbst einmal am Seziertisch zu landen? Das wäre mir egal. Ich bin sogar bereit, als Organspenderin zu fungieren. |
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