Zum Archiv
Boys will be boys
FILM „The Life Aquatic With Steve Zissou“ („Die Tiefseetaucher“) ist der dritte Film von Regisseur Wes Anderson, in dem Bill Murray und rote Kopfbedeckungen eine nicht unwesentliche Rolle spielen: ausgeschlafenes Bubenkino, in dem auch Frauen cool sein dürfen. KLAUS NÜCHTERN

Falter 11   Originaltext aus Falter 11/05 vom 16.03.2005

  Diese Ausgabe des Falter bestellen

  Informationen über ein Falter-Abonnement

„Wenn ein Mensch, aus welchen Gründen auch immer, die Gelegenheit hat, ein außergewöhnliches Leben zu führen, hat er kein Recht dazu, es für sich zu behalten“
Jacques Cousteau, zitiert in Wes Andersons „Rushmore“

Wes Anderson, Jahrgang 1969, gehört zu jenen jungen Hollywoodregisseuren, die ihr Publikum sowohl in den Arthouse-Kinos als auch in den Multiplexen finden. In einem knappen Jahrzehnt hat er es mit insgesamt vier Filmen – „Bottle Rocket“ (1996), „Rushmore“ (1998), „The Royal Tenenbaums“ (2001) und „The Life Aquatic With Steve Zissou“ (2005) – zu einem jener Regisseure gebracht, die über das verfügen, was man früher eine „Handschrift“ nannte. Heute sollte man vielleicht eher an Begriffe wie „Marke“ oder „Logo“ denken. Wes-Anderson-Filme erinnern ein bisschen an gute Sneaker: Man kann den Hersteller sofort identifizieren, wird aber auch mit subtilen Raffinessen und Überraschungseffekten belohnt; einfach drei Streifen raufzunähen, reicht nicht.
  Auf den jüngsten Fotos sieht man Wes Anderson, einen freundlichen jungen Mann, mit schulterlangem, gut geföhntem Haar und einem lässig um den Hals drapierten Schal. Regieberserker sehen anders aus. „Cremefarbener Leinenanzug und blaue Retro-Nikes“ habe er zum Interview getragen, berichtet das britische Filmmagazin Sight & Sound: „Die Hornbrillen sind Kontaktlinsen gewichen, und er sieht weniger wie das Kind aus, das alle Antworten kennt, und mehr wie ein Mann, über den Fellini einen Film gedreht haben könnte.“
  Mit anderen Worten: Ohne Brillen erinnert Anderson nicht mehr an den extracurriculär genialen, 15-jährigen Vereinsmeier Max Fischer (Jason Schwartzman), der alle Antworten parat hat, solange sie nicht zum Unterrichtsstoff des Elitecollege Rushmore zählen. „Was ist dein Geheimnis?“, fragt ihn sein väterlicher Freund und Konkurrent um die Gunst der jung verwitweten Lehrerin Rosemary Cross, Herman Blume (Bill Murray). „Weiß nicht“, antwortet Max. „Ich glaube, du findest etwas, das du liebst, und machst es dann für den Rest deines Lebens. Für mich ist es Rushmore.“

Prolog: Eine Lieblingsszene
Noch einmal „Rushmore“: Eine Party im Hause der Blumes. Während seine Frau einen jungen Feschak mit Torte füttert, wirft Herman Blume sichtlich ennuiert Golfbälle in den Pool und steigt dann, Whiskyglas in der Hand, aufs Trampolin. Er kippt den Whisky, behält die Zigarette im Mund, nimmt Anlauf und produziert eine veritable Arschbombe, die auch die gewünscht desaströse Wirkung am Beckenrand produziert. Blume aber schwebt mit angezogenen Beinen unter Wasser wie ein Kind im Uterus. Dazu hört man die ganze Zeit schon – nein, nicht Simon & Garfunkel, sondern – The Kinks: „Nothin’ in This World Can Stop Me Worryin’ ’bout that Girl“.
  So wird eine der berühmtesten Poolszenen der Filmgeschichte paraphrasiert: diejenige aus Mike Nichols’ „The Graduate“ (1967) – ein anderer coming-of-age-film, in dem das Alterskontinuum zwischen Buben und Männern subtil durcheinander gebracht wurde: Hauptdarsteller Dustin Hoffman war bereits an die dreißig, als er den desorientierten Benjamin Braddock spielte, der gerade seinen Collageabschluss gemacht hat und sich von Mrs. Robinson, einer Freundin seiner Eltern, verführen lässt.

I. Im Namen des Vaters
Das Pathos-Potenzial ist biblischen Ursprungs und trotz einfacher Struktur erstaunlich variabel: der verlorene und – in der Happy-End-Variante – wiedergefundene Sohn. Wes Andersons Filme machen davon mehr oder weniger exzessiven Gebrauch. Was in „Rushmore“ noch über Ersatzväter ausgetragen und auf kleiner Flamme gehalten wird, weitet sich in den beiden folgenden Filmen zu klassischen Vater-Sohn-Dramen. Sowohl in „The Royal Tenenbaums“ als auch in „The Life Aquatic With Steve Zissou“ verkörpert der Titelheld den nachlässigen und egozentrischen Familienvater und Ehemann – an deren Seite jeweils Anjelica Huston den mütterlichen Fels in der Brandung gibt. „Ich schäme mich meiner selbst“, erklärt Familienpatriarch Royal (Gene Hackman), der den ganzen Film über mit nicht ganz lauteren Mitteln wie etwa einer vorgetäuschten Krebserkrankung versuchen wird, Frau und Familie wiederzugewinnen.
  Am Ende wird er sich mit dem Umstand, dass seine Frau einen anderen hat, abgefunden, dafür aber den Respekt seiner Kinder wieder erlangt und sogar die beiden Enkel dem paranoiden Sicherheitsregime des noch sichtlich vom Tod seiner Frau traumatisierten Sohns Chas (Ben Stiller) entwunden haben. In einer der lustigsten Szenen des Films scheucht Royal seine Enkel Ari und Uzi ins Schwimmbecken, treibt sie vor den heranbrausenden Autos über den Zebrastreifen, geht mit ihnen reiten und fährt mit den beiden auf einem Müllwagen mit. Auch eines der ewigen Themen des Anderson’schen Bubenkinos: how to be a cool (grand)daddy.
  Steve Zissou, der charismatische, Jacques Cousteau nachempfundene Unterwasserdokumentarist, hat kein Coolnessdefizit wettzumachen: Sein mutmaßlicher Sohn Ned Plimpton (dargestellt vom alten Anderson-Spezi Owen Wilson, der hier erstmals nicht am Drehbuch mitgewirkt hat), bewundert Steve schon seit Kindertagen und ist seit diesen eingetragenes Mitglied der Zissou Society. „Ich glaube an diesen Bub, weil er zu mir aufblickt“, begründet Steve den Umstand, dass er den keineswegs seefesten Ned nun für Team Zissou anheuert; und gesteht ein andermal unverblümt: „Ich hasse Väter, ich wollte nie einer sein.“
  „The Life Aquatic“ mit seinen ganzen Adoptions- und Einsetzungsritualen ist ein Film über das Erwachsenwerden von Söhnen und Vätern; Vater sein bedeutet auch: den regressiven Freuden der Selbstinfantilisierung zu entsagen und Verantwortung zu übernehmen für den Mist, den man gebaut hat. Die Feinjustierung von Nähe und Distanz, die altersadäquate Rollenabstimmung macht einen wesentlichen Teil der Dynamik von Andersons Familienkino aus: Allerorten wimmelt es von altklugen und zumindest intellektuell frühreifen Kindern auf der einen, kindischen Vätern auf der anderen Seite. Den ganzen Film lang etwa werden der von Steve kurzerhand als Kingsley Zissou „adoptierte“ Ned und Steve selbst sich abmühen, einen brauchbaren Namen zu finden, mit dem der wiedergefundene Sohn seinen Vater ansprechen kann: „Papa Steve?“ „Stevsie?“

II. Der ganze Film ist Bühne
Eines kann man den männlichen Protagonisten Wes Andersons, die übrigens einen Hang zu komischen roten Kopfbedeckungen haben (Max trägt eine Baskenmütze, Royal in einer Szene eine Badehaube dieser Farbe) nicht vorwerfen: Mangel an expressiver Egozentrik. Weil dieses Kino aber zu seinen Figuren eher ein konspiratives Verhältnis unterhält, als dass es diese platterdings entlarven würde, schafft es Platz, räumt den narzisstischen Selbstinszenierungen seiner Helden buchstäblich die Bühne frei.
Das Theater und seine Requisiten sind denn auch fixer Bestandteil des detailbesessenen und ausstattungsfetischistischen Anderson-Universums, das sich in exzessiven Doppelungen und streng symmetrischen Rahmungen ergeht: Zwischentitel und Zwischenvorhänge, Kapitelunterteilungen, Film-im-Film-Inszenierungen. Max Fischer etwa ist nicht nur Manager des Rushmore-Lacrosse-Team, Vizepräsident des Münzen- und Briefmarkenklubs, Gründer der Astronomie-Gesellschaft und Präsident der Rushmore-Bienenzüchter, sondern vor allem auch Regisseur der Max-Fischer-Players als welcher er realistische Stücke mit gigantischem Materialaufwand inszeniert.
  Royals Adoptivtochter Margot Tenenbaum wiederum ist seit ihrem elften Lebensjahr Dramatikerin – eine weibliche Anmaßung, die von Royal gleich bei der ersten öffentlichen Aufführung auf denkbar unsensible Weise in die Schranken gewiesen wird: „Welche Charaktere? Es waren doch nur Kinder in Tierkostümen.“ Und „The Life Aquatic“ beginnt am Filmfestival von Loquasto mit einer Pressekonferenz und der Voraufführung von „The Jaguar Shark (Part I)“ in einem alten Theater: Der Film im Film selbst ist eine ziemlich schundige, visuelle unergiebige Doku, in der außer Blut, Wasser und wackeligen Aufnahmen nicht viel zu sehen ist und in erster Linie darüber debattiert wird, ob Steves bester Freund Esteban vom ominösen Jaguarhai nun angebissen, gegessen oder im Stück geschluckt wurde.
  Nicht zuletzt aber sind Wes Andersons Filme selbst Bühnen, die geschaffen werden, um Bubenträume zu realisieren: „The Life Aquatic“ wurde in Fellinis Heimstatt, den Studios der Cinecittà, gedreht – wobei sich die Studioarchitektur als zu klein erwies für das fast fünf Stockwerke hohe Querschnittsmodell des Forschungsschiffes Belafonte. Die Schiffsarchitektur aber ist schlicht der perfekte Rahmen für die Dialektik von großspuriger Grandezza und kindlicher Regression – zwischen dem grotesk actiongeladenen Shootout an Deck, im Laufe dessen Kapitän Zissou eine Bande von Piraten gleichsam solo in die Flucht schlägt, und dem Kabinendrama, in dem die schwangere Journalistin Jane Winslett-Richardson (Cate Blanchett) ihrem ungeborenen Kind sechsbändige Romane vorliest und die Intimität der Liebesgeschichte, die sich zwischen ihr und Ned anspinnt, vom eifersüchtigen Steve mit dem Brecheisen gestört wird.

III. Anjelica/Eleanor/Etheline
Im buchstäblichen Sinne haben die Frauen in den Filmen Wes Andersons eher wenig zu plauschen. Als Jane an Bord der Belafonte ihr Interview mit dem zuletzt eher mäßig erfolgreichen Steve beginnt, fühlt sich dieser sofort brüskiert und geht in die Gegenoffensive. Und die wortkarge Margot Tenenbaum, verheiratet mit dem offenbar Oliver Sacks nachempfundenen Psychiater Raleigh St. Clair (Bill Murray) erzielt geradezu Spitzenleistungen der Geheimniskrämerei – die in einer knappen Rückblende auf ein Leben im Verborgenen und dessen zahlreiche Affären (inklusive einer neuntägigen Ehe mit einem Rastafari) enthüllt werden. Außerdem war es ihr über Jahre gelungen, ihren Eltern und ihrem Mann den Umstand zu verheimlichen, dass sie Raucherin ist.
  Und dann gibt es da noch Anjelica Huston als Ehefrau, die die Fäden der Familie und des Unternehmens zusammenhält: Als Etheline Tenenbaum schreibt sie ein Buch über die „Family of Geniuses“, die sie großzieht, mit Schecks und Erziehung versorgt; als Eleanor Zissou gilt sie als das „Hirn“ hinter Team Zissou. Sie hat eigentlich gar nicht so viele Auftritte und schon gar nicht besonders viel Text. Aber gerade das, so scheint’s, verleiht ihr diese unglaubliche Präsenz: Wo Männer wie Royal und Steve als dünnhäutige Egozentriker, schlitzohrige Charmeure und ewige Buben ständig in Bewegung und unterwegs sind, steht Etheline/Eleanor im Auge des Taifuns, der Royal/Steve späte Zerknirschung und nachgetragenen Respekt zuteil werden lässt: Auf diese Frau hätte man sich immer schon verlassen können; und hat es auch getan – auf deren Kosten. All das sieht man, aber Anjelica Huston spielt es weniger, als dass sie es verkörpert. Wo ihre Ehemänner mit hippen Klamotten, aufwendigen Settings und üppig choreografierten Szenen versorgt werden, da kriegt Anjelica Huston einen Hosenanzug und was zu rauchen. Den Rest erledigt ihr archaisch anmutendes Sphinxgesicht. Muss reichen. Reicht auch. Anjelica Huston ist fraglos die cooleste (Ex-) Frau des 21. Jahrhunderts.

Abspann: Einmal geht’s noch
„Das Hauptproblem ist, dass es so viel gibt, was einem gefallen, aber so wenig, was man bewundern kann“, urteilt Sight & Sound-Kritiker Ryan Gilbey in seiner Besprechung von „The Life Aquatic“, die diesem Überraschungsarmut und dem Regisseur vorwirft, „business as usual“ zu betreiben. Die Kritik ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Wes Andersons Filme tendieren – wie jeglicher Manierismus – dazu, zum bestenfalls virtuosen Selbstzitat zu verkommen: von den Ausstattungsdetails über den mit Pop-Perlen aus den Sixties und Seventies reich intarsierten Soundtrack – die auf Portugiesisch gesungenen Bowie-Coverversionen des brasilianischen Schauspielers/Popstars Seu Jorge in „The Life Aquatic“ sind nichts weniger als betörend – bis hin zu den thematischen Konstanten und wiederkehrenden Personenkonstellationen.
  Und dennoch: Es ist einfach eine große Freude, wie Wes Anderson und sein Team (wie stets dabei: Kameramann Robert Yeoman, Filmmusikkomponist Mark Mothersbaugh; neu an Bord: Noah Baumbach als Drehbuchkoautor) das Team Zissou inszenieren: So ultra-lässig ist seit W.D. Richters großartigem Comic-Scifi-Spektakel „The Adventures of Buckaroo Banzai Across the 8th Dimension“ (1984) niemand mehr aus einem Film gegangen.

Ab 18.3. im Kino.

„Rushmore“ und „The Royal Tenenbaums“ sind auf DVD erhältlich.

Zum Archiv

nach oben
März 2005 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at