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Laufmeter Leben
STADTGESCHICHTE Ahnenforschung boomt, treibt krause Blüten und kann süchtig machen. Im Wiener Stadt- und Landesarchiv sind täglich ambitionierte Hobbyforscher unterwegs – auf den Spuren ihrer Vorfahren. BARBARA ZEMAN

Falter 11   Originaltext aus Falter 11/05 vom 16.03.2005

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Um neun Uhr früh bemerkt man im Lesesaal des Wiener Stadtarchivs noch nicht viel von den 10.000 Anfragen und 5100 Besuchern jährlich. Eine Gruppe gähnender Schüler wird gerade in den Vortragsraum verfrachtet, ansonsten ist bis auf den Journaldienst keine Menschenseele zu sehen. Es ist fast unangenehm still, doch das wird sich bald ändern. Spätestens ab zehn trudelt sie ein, die Generation Fünfzig plus. Sie machen sich im Archiv breit, um ihrer ziemlich eigenbrötlerischen Beschäftigung nachzugehen. Meistens sind es pensionierte Herren, die hier in Sachen Vorfahrenspurensuche unterwegs sind.
  Eine Glastür trennt das Archiv vom Rest der Gasometer-Anlage mit ihren Geschäften, Wohntürmen und dem Kinocenter. Im Eingangsbereich sind Meldezettel ausgestellt: von Sigmund Freud, Albert Einstein und anderen Persönlichkeiten, die einst in Wien gelebt haben. Hinter einer weiteren Glaswand sitzt die Archivarin Michaela Laichmann. Der Raum bildet gemeinsam mit der Garderobe die Schleuse zum Leseraum. Die Archivarin ist wie die meisten ihrer Kolleginnen nach einem Geschichte- und Postgraduatestudium im Archiv gelandet. Von Wissenschaftlern über Buchbinder bis zu Kartografen, insgesamt sechzig Personen sind hier beschäftigt. Seit 1990 versieht Laichmann ihren Dienst für das Stadtarchiv, welches vor vier Jahren in den Gasometer übersiedelte. Davor war die dokumentierte Stadtgeschichte im Rathaus untergebracht.
  „Wesentlich heller als im alten Archiv ist es hier“, meint Laichmann. Eben noch war sie in ein Telefongespräch, in dem mysteriöse Wörter wie Katastral- und Tagebuchzahl vorkamen, verwickelt, jetzt führt sie durch den beindruckenden Lesesaal.
  Weiche Teppiche schlucken jeden Schritt, links und rechts des Gangs befinden sich Tische, auf denen Schaumstoffkeile abgenutzte Bücher stützen, rote Kästchen lehnen an der Seitenwand. Dazwischen sitzen ältere Herrschaften, still und geschäftig in ihre Aktenberge vertieft. „Laut reden sollte man hier nicht“, sagt Laichmann, deutet auf eine Wissenschaftlerin und erklärt im Flüsterton, dass professionelle Forscher die kleinste Gruppe unter den Benutzern ausmachen würden. „Die meisten kommen aus juristischen Gründen hierher, also wenn es darum geht, Erben ausfindig zu machen.“ Anwälte, die beispielsweise wegen Restitutionszahlungen Akten durchforsten, gehören ebenfalls zu den Stammgästen.
  Familienforscher wie die beiden Herren, die sich gerade mit den Worten „das war doch dieser Heinrich“ über ein hauchdünnes Stück Papier beugen, sind Freizeitgenealogen. Sie stellen die zweitgrößte Gruppe der Benutzer. „Viele von ihnen sind Ortsansässige, andere aber sind weit gereist, Amerikaner, Briten oder Israelis“, erklärt Laichmann und wuchtet am Ende des Raumes eine Glastüre auf, die zu einem Stiegenhaus führt. Hier haben nur die Angestellten Zugang, weil sich direkt darunter die heiligen Stauräume des Archivs befinden. Hinter einer weiteren Türe füllen große Drehschränke, die bis zur Decke reichen, in konzentrischen Kreisen die gasometerrunde Halle. Kühl ist es hier, die Raumtemperatur darf 18 Grad nicht übersteigen. Kartons mit Handriemen liegen in den Fächern – aneinandergereiht erreichen sie eine Länge von 38 Laufkilometern. Wächst der Bestand weiterhin um zwei bis drei Kilometer jährlich, werden auch bald die dem Archiv zugeordneten Räume im Gasometer zu klein werden. Um das Jahr 2020 herum könnte es so weit sein, prognostiziert Archivarin Laichmann. „Hoffentlich nach meiner Pensionierung.“
Liebesbriefe wird man hier keine finden. Fast der gesamte Bestand des Stadtarchivs ist amtlicher Natur und nach der jeweiligen behördlichen Herkunft – etwa Müllabfuhr oder Krankenhäuser – geordnet. Das sogenannte Provenienzprinzip legt Laienforschern, die mit der Verwaltungsgeschichte Wiens nur wenig vertraut sind, so manchen Stein in den Weg. Man muss also nicht nur den Namen der Ahnen kennen, sondern auch das Sterbedatum und den letzten Wohnort.

Im Lesesaal ist inzwischen mehr los. Heinz Hadwig, der in seinem beigen Anzug ein bisschen wie ein Tropenforscher aussieht, ist Pensionist und knappe sechzig. Er hat sich hinter einem Mikrofilmapparat breit gemacht. Auf dem matten Bildschirm flackern mit leisem Schnappen Namenslisten von links nach rechts. Alle Namen dieses Melderegisters beginnen mit dem Buchstaben H. Sie sind in Kurrentschrift verfasst und lassen sich für ungeschulte Augen bloß als hübsche Schnörkel deuten. Hadwig ist auf der Suche nach einem 1766 geborenen Ahnen, was durch die Heiratsfreudigkeit seiner Verwandtschaft nicht gerade erleichtert wird. Vier Frauen ehelichte sein Vater, sein Großvater zwei und sein Urgroßvater hatte von drei verschiedenen Ehefrauen insgesamt 14 Kinder. Er schlage sich gerade durch einen Dschungel von Hadwigs und sei auf einer heißen Spur, die direkt nach Tschechien und zu Franz Schubert führe: „Vielleicht waren die beiden sogar Jugendfreunde.“ Stolz wäre der ehemalige Projektmanager bei Siemens darauf, das sieht man ihm an. Nach dem Tod seines Vaters vor drei Jahren hat er begonnen, den Großteil seiner Freizeit der aufwendigen Recherchearbeit im Archiv zu opfern. Besonders gefällt ihm der „organisatorische Aspekt“ seiner neuen Beschäftigung, obwohl es anfangs keineswegs leicht für ihn war, sich im unkatalogisierten Inventar zurechtzufinden. Froh ist der Pensionist, dass man relativ leicht auf bereits abgefilmtes Material zugreifen kann. Und das, Hadwig dämpft seine Stimme, käme „von den Mormonen“.
  Johann Piermayr ist die wohl geheimnisvollste Gestalt, auf die man hier im Archiv zwischen all den Akten, Büchern und Zetteln trifft. Von den Angestellten einfach „der Mormone“ genannt, haust er in einem fast völlig abgedunkelten Kämmerchen im sechsten Stock. Dass dieser Bereich intern als „Gefängnis“ bezeichnet wird, tut Piermayrs Mythos keinen Abbruch.
  Gerade sind Meldezettel in Blau, Beige und Grün aus dem Jahr 1933 über das ganze Zimmer verstreut. Piermayr, der sich kaum von den Meldezetteln abhebt, weil er genau dieselben Farben trägt, ist dabei, aus zerfledderten Akten einen Mikrofilm zu machen. Sobald er den Film einer Qualitätsüberprüfung unterzogen hat, wird er per Luftpost nach Salt Lake City zur Geneological Society of Utah überführt. In den USA stellt man dann eine weitere Kopie her, die postwendend an das Wiener Stadt- und Landesarchiv zurückgeschickt wird. Diese Mikrofilme gehen dann in den Besitz des Archivs über. Kostenlos, das ist die Bedingung dafür, dass eine Religionsgemeinschaft überhaupt Zugriff auf behördliches Archivgut erhält. Das Original wird irgendwo nahe Salt Lake City – so genau darf das niemand wissen – in einem Bunker eingelagert und in Zweigstellen der Gemeinde der Mormonen zur religiösen Ahnenforschung zur Verfügung gestellt.
  Ahnenforschung hat für Mormonen höchsten Stellenwert. Nicht umsonst kooperiert man mit Hunderten Archiven weltweit und hat beispielsweise sechzig Prozent des polnischen Archivbestandes dupliziert. „Die Familie ist ewig“, besagt die Religion, und so sei es für bekennende Mormonen Pflicht, sich über ihre Vorfahren kundig zu machen. „Tut man das nicht, bleiben diese ewig in der Geisterwelt“, erklärt Piermayr. Um das zu verhindern, kann man sich – wenn man weiß, wann der jeweilige Verwandte geboren und gestorben ist – stellvertretend für seine Vorfahren in einem der mormonischen Tempel in Deutschland oder der Schweiz taufen lassen. Das funktioniert auch, wenn diese schon lang verstorben sind. So hat Piermayr seine persönliche Ahnengalerie bis zum Jahre 1610 erstellt und sich bereits dreißig Mal anstelle der engsten Verstorbenen taufen lassen.
  Wenig überraschend ist es, dass die kirchlichen Archive Österreichs so gut wie unerschlossen sind, was die teuren Mikrofilme betrifft. Schließlich möchte die Kirche verhindern, dass ihre Schäfchen posthum zu Mormonen werden. Piermayr findet das schade. Diese Akten hätte der gelernte Elektriker gerne einmal in der Hand, obwohl er irgendwann in den letzten Jahren, in denen er in österreichischen Archiven tätig war, aufgehört hat, sich die Akten, die er für Salt Lake City abfilmt, genauer anzusehen.
  Von vielen anderen Ahnenforschern kann man das nicht gerade behaupten. Andächtig berührt man Totenbeschauprotokolle, und einer der Hobbyforscher, so munkelt man, würde sogar die georderten Verzeichnisse liebevoll von kleinen Staubablagerungen befreien.
  Fast jeder der Laienforscher im Stadtarchiv hat seine kleinen Rituale. Heinz Hadwig, der noch immer verschiedene Mikrofilme durchstöbert, hat sich beispielsweise sehr gewitzt mit der Parkplatzregelung des Gasometers arrangiert. Drei Stunden ist die Benützung der Parkzone gratis, dann lässt er alle Akten liegen, macht sich schnurstracks zu seinem Auto auf, fährt es eine Runde um den Block spazieren, um kurz darauf wieder seinen Tag im Archiv fortzusetzen.
  Die meisten Besucher kommen regelmäßig ins Stadt- und Landesarchiv. Walter Bergolth etwa, der seit geraumer Zeit an einer Ortsgeschichte über einen bestimmten Wiener Bezirk – konkreter will der Freizeitforscher nicht werden – schreibt. Es ist also kein Wunder, dass sich die Hobbyarchivare nach einer gewissen Zeit im Lesesaal wie zu Hause fühlen. Das zeige sich vor allem an Heiligabend und zu Silvester, verrät eine Archivangestellte. An diesen Tagen würde eine bestimmte Klientel das Archiv als „Wärmestube gegen die Einsamkeit“ benutzen.

Ahnenforschung beginnt an potenziellen Bruchstellen der Lebensgeschichte“, sagt Eveline List, Historikerin und Psychoanalytikerin am Institut für Geschichte der Uni Wien. Meistens passiere dies mit der Pensionierung, die in jedem Tag ein Loch von acht Stunden täglich auftue. „Da die sinnstiftende Arbeitsstelle an einem Zeitpunkt wegfällt, an dem man nicht mehr die Vorstellung hat, noch alles erreichen zu können, was man sich vom Leben erhofft hat, ist die zeitaufwendige Recherchearbeit eines Hobbygenealogen willkommene Kompensation.“ Genauso falle das Hoffen auf sozialen Aufstieg, ökonomischen Erfolg und Prestigegewinn ins Gewicht: „Die Fantasie, dass von erträumten, berühmten Urahnen auf einen selbst ein Abglanz fallen könnte, ist als Motivation nicht zu unterschätzen. Die Suche danach, wo man herkommt, hat damit zu tun, wo man hin will.“ Das mache sich besonders in einer Lebenskrise bemerkbar, in der so mancher Laienforscher hoffe, etwas in der Vergangenheit ausfindig zu machen, was einen Mangel in der Gegenwart ausgleichen soll. Derart angetrieben, hat der Zeitvertreib Ahnenforschung durchaus das Potenzial zur Obsession.
  Im Gasometer-Archiv hört man viele Geschichten, in denen sich die Ahnengalerie als so umfangreich erwies, das ihr Erforscher starb, bevor er damit fertig war. So wie der Herr in einem anderen Wiener Archiv, dem es bis zu seinem achtzigsten Lebensjahr gelungen war, seinen Stammbaum bis ins 14. Jahrhundert aufzurollen. Da dies nun aber das Ende seiner Beschäftigung bedeutet hätte, machte er sich daran, sämtliche Daten ein zweites Mal zu überprüfen. Seit einem halben Jahr, das erste Mal in dreißig Jahren, fehlt dieser Herr nun aber schon ohne Entschuldigung.
  Woanders habe einen Hobbyforscher die Begeisterung über den Fund steinalter Akten zur Familiengeschichte zum Langfinger gemacht. Nicht besonders wertvoll seien diese Urkunden gewesen, dennoch, der auf frischer Tat Ertappte hat seither im betreffenden Archiv Hausverbot. Im Gasometer ist dieses noch nie verhängt worden. Schwarze Schafe gäbe es zwar schon, heißt es, die seien jedoch eindeutig in der Unterzahl.
  Heinz Hadwig, der gerade wieder unterwegs zu seinem Auto ist, um eine Runde um den Block zu fahren, nimmt sein heiß geliebtes Hobby nicht ganz so ernst. „Ich löse hier einfach ein großes Puzzle, in dem sich einzelne Teile zusammenfügen“, sagt er. „Oder auch nicht.“

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März 2005 © FALTER
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