Nicht genug damit, dass schon die Wiener Innenstadt oder das Schloss Schönbrunn unter ihrem Schutz zu leiden haben: Jetzt soll die Unesco auch noch den heimischen Charme zum Weltkulturerbe erklären. Zumindest wenn es nach den Vordenkern beim Österreichischen Tourismusverband geht, die ihn vergangene Woche als immaterielles Kulturgut unter Schutz stellen lassen wollten. Aber steckt mehr hinter dem blöden PR-Gag? Ist der berühmt-berüchtigte Charme in dieser Stadt tatsächlich in Gefahr? Der Falter machte die Probe aufs Exempel und setzte sich mutig dem diskreten Wiener Alltagscharme aus – im Kaffeehaus, in der Bim oder in der Warteschlange. Das Ergebnis: die Falter-Charme-Files.
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Station Schottenring, vormittags, ein verlassener U2-Bahnsteig. Nebenan und vis-à-vis wuseln die Fahrgäste bei der U4 herum – wir stehen einsam, mit Stadtplan bewaffnet, und warten auf eine U2, die nicht so bald kommen wird. Erst am 26. März fährt die Linie wieder, so steht es auch auf den Infoplakaten – doch nicht alle Touristen verstehen Deutsch oder Englisch. Experiment, denken sich die Wiener und schauen, wie lange die Leitung von so Zuagrasten denn sein kann. Zehn Minuten rumstehen, man kommt sich vor wie im Zoo, also Affenkäfig und die Einheimischen das Publikum davor. Nach 13 Minuten gibt man auf. Unaufgeklärt, weil in der U-Bahn ist der Charme nicht z’Haus.
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Das Café Bräunerhof ist bekannt für seine mürrischen Ober und beliebt bei Touristen, die ihren Thomas Bernhard gelesen haben. Aber, Überraschung, beim Falter-Charmetest schneidet der Bräunerhof gut ab. Zweieinhalb Stunden bei einem kleinen Braunen und mit diversen Qualitätszeitungen einen Tisch besetzen, lautet die Versuchsanordnung. Der Ober serviert den Kaffee, lächelt dabei sogar, bringt Leitungswassernachschub, ohne den geringsten Anflug schlechter Laune – und lässt den Gast zweieinhalb Stunden mit seinen Zeitungen in Ruhe. Wo bleibt der Grant zum Kaffee, Herr Ober?
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Ein Billa auf der Taborstraße, an der einzigen offenen Kasse stehen vier Leute hinter uns und schauen muffig vor sich hin. Wurstsemmel, Cola light, Kaugummi und Schokoriegel kosten drei Euro fünf Cent. Blöd, dass wir nur ganz kleine Münzen dabeihaben. Und das dauert, bis man drei Euro und fünf Cent in Kupferstücken rausgekramt hat – hoppla, jetzt fällt auch noch die Geldkatze runter. Die Kassiererin behält die Contenance, keine Rede vom unfreundlichen Handel, sie rollt höchstens ein bisserl mit den Augen und kriegt so einen nervösen Finger. Der Hackler auf Mittagspause hingegen schnauft genervt, der Typ im Anzug zappelt hektisch, die alte Dame hinter uns sagt’s deutlich frei heraus: Eine Unverschämtheit, ham S’ es nicht größer? Wir ham ja ned den ganzen Tag Zeit! Schlechte Stimmung und Gemurre in der Warteschlange, das anhält, bis die Kassiererin alles nachgezählt hat. Schnell davonschleichen.
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Rolltreppenfahren bei Peek & Cloppenburg, man steht links, weil man es halt nicht besser weiß. Links stehen soll die Wiener ja generell nervös machen. Gezischel im Rücken, die zwei hinter uns unterhalten sich lautstark: Unmöglich, dass man auf der Rolltreppe links steht. Dann drängt sich einer mit großem Sackerl bewaffnet vorbei und zischt dabei ein gehässiges Verzeihung. Auch von stiller Aggression versteht man in dieser Stadt viel.
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Ringwagen, Station Schwedenplatz, der Fahrer, Modell cooler Hund mit schwarzer Sonnebrille, hängt entspannt in seiner Bim. Also traut man sich ein Sorry, is this the train to Simmering? Jetzt gelten die Bimfahrer ja nicht gerade als Charmekanonen, sind eher die mit dem wilden Fahrstil und dem Von den Türen zurücktreten!-Gebell. Das Wiener Linienorgan schaut zuerst verblüfft, typisch dämliche Touris, antwortet aber überraschend milde: You go to Schwarzenbergplatz, there drives the 71 to Simmering. Schönstes Verkehrsbetriebeenglisch, es geht ja doch.
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Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen, wo ich das Holocaustmahnmal finde? Mit der freundlich und hochdeutsch vorgebrachten Frage nach dem Weg, erntet man erstaunlich viel Hilfsbereitschaft: Kein Problem, gleich da vorn links. Gut, wir fragen im ersten Bezirk nach, treffen Anrainer, die sich offenbar auskennen, und suchen nicht in Favoriten nach dem Donner-Brunnen. Normalerweise wissen Wien-Menschen immer eine Antwort, wenn man sie nach dem Weg fragt – und schicken Fremde lieber in die falsche Richtung, bevor sie zugeben, dass sie sich überhaupt nicht auskennen.
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Das Wien Museum zeigt im Künstlerhaus die Großausstellung Alt Wien, Samstagnachmittag, großer Andrang. Erfahrungsgemäß sind die Wien-Museums-Menschen, die hier arbeiten, nicht gerade die größten Charmebolzen. Erster Versuch: Wir betreten die Ausstellung aus Versehen beim Ausgang. Die Aufpasserin erhebt sich von ihrem Aufpassersessel, sagt bestimmt, aber freundlich: Tschuldigen, das ist der Ausgang, der Eingang ist auf der anderen Seite. Nett. Weniger nett geht’s dann kurz vor 18 Uhr, Betriebsschluss, zu. In einem Vorführraum ist das goldne Wienerherz in alten Schwarz-Weiß-Filmen zu sehen. Das schauen wir uns genauer an. Ab 17.45 Uhr guckt immer wieder ein Aufseher genervt ins Kammerl, ob da immer noch wer Video schaut, sagt aber nichts. Um 17.50 Uhr betritt ein noch wichtigerer Aufseher (der mit der Fernbedienung) den Vorführraum und knipst, ohne ein Wort zu sagen, einfach den Videobeamer aus. Wenigstens hat gerade vorher im Film jemand Sag zum Abschied leise Servus gesungen. Um 17.59 Uhr rennt ein weiterer Museumsmensch durch die Räume und brüllt: Es ist 18 Uhr, bitte! Nichts von wegen: Sehr geehrte Besucher, wir schließen, bitte begeben Sie sich zum Ausgang, wir wünschen Ihnen noch einen schönen Abend und so weiter. Immerhin hat er bitte gebrüllt.
THOMAS SCHÄFER-ELMAYER
Charme ist wie Damengarderobe
Jetzt ist Thomas Schäfer-Elmayer schon wieder dem Charme begegnet. Auf der Rolltreppe im Kaufhaus Steffl. Dort steht der Besitzer der berühmt-berüchtigten Tanzschule Elmayer und Etiketteexperte Nummer eins des Landes hinter zwei verschreckten deutschen Touristen. Sie sind gerade zusammengeschissen worden, dass sie unhöfliche Piefkes seien. Jemand hat sie auf die charmante Wiener Art darauf aufmerksam gemacht, dass sie mal lernen sollen, auf der rechten Seite zu stehen – das ist Wiener Charme, sagt Schäfer-Elmayer und lacht. Für den Falter macht er sich ernsthafte Gedanken zum Wesen des Charmes.
Falter: Herr Schäfer-Elmayer, kann man Charme lernen und wo?
Thomas Schäfer-Elmayer: Nicht wirklich. Wenn man eine gewisse natürliche Portion davon mitbekommen hat und die unter Stress und Unsicherheit verschüttet ist, kann man das schon freilegen – wenn man entsprechende Vorbilder hat. Dabei denke ich an meinen ersten Chef, einen Schweizer, der äußerlich nicht viel hergegeben hat. Aber wenn man mit ihm geredet hat, hat er plötzlich unglaublich durch seinen Charme gewirkt, vor allem auf Frauen. Da hab ich mir überlegt, wie geht das eigentlich, was fehlt mir da? Aber man kann sich nicht alles abschauen, man muss das finden, was zu einem passt, eine persönliche Authentizität haben.
Wie definieren Sie den sogenannten österreichischen Charme – ist das mehr Tiroler Skilehrer oder Wiener Fiaker?
Der Charme hat für mich auch ein gewisses Augenzwinkern, dass man den anderen und sich selbst nicht unbedingt als perfekt betrachtet – leben und leben lassen. Man merkt ihn, man fühlt ihn, aber definieren lässt sich Charme schwer – ähnlich schwer wie Damengarderobe. Als ich ein Buch zu diesem Thema geschrieben habe, fragte ich mich, wie definiert man klar den Unterschied zwischen einem großen und einem kleinen Ballkleid? Man sieht es einfach, die Stoffqualität, das Design. Charme spürt man nur, da ist eine Ausstrahlung. Charme muss an sich nichts Geschliffenes sein, sondern kann auch etwas Ländliches haben. Der umstrittene Charme der Wiener Ober ist zum Beispiel was ganz Besonderes. Als Außenstehender würde man das nicht im Entferntesten unter Charme einordnen. Wenn man es aber versteht, merkt man erst, was das für einen Charme hat.
Was macht den Charme der Wiener Ober, die so gerne finster dreinschauen und einen ignorieren, denn aus?
Es ist der sprühende Witz ihrer Wortspiele, der einen mitreißt. Dass sich die Ober die Worte wie auf einer Stegreifbühne zuwerfen. Dieses Spiel, das ist der Sport, der den Charme ausmacht.
Ist Grant charmant?
Der Wiener Grant überschreitet die Grenze von Charme zur Unhöflichkeit, da liegt nur ein schmaler Grat dazwischen. Der Grant gehört überhaupt nicht zum guten Benehmen, das erfordert Freundlichkeit, Humor und eben auch Charme.
Sie sind selbst naturcharmant?
Das müssen sie meine Umwelt fragen. Mein Ziel ist es natürlich, auch möglichst charmant zu sein. Wobei Charme ja auch eine Gratwanderung sein kann, zum Beispiel bei Komplimenten. Das muss ich halt auch können. Manche beherrschen das wirklich, bei anderen ist das nur plump. Speziell die älteren Wiener Herren haben einen tollen Charme. Sie können einer Dame, auch wenn sie weit über sechzig ist, sagen: Sie werden immer jünger! – auch wenn jeder weiß, dass das nur eine nette Floskel ist.
Gehen die jungen Tanzschüler bei Ihnen auch garantiert charmanter raus, als sie hineingekommen sind?
Wir versuchen zumindest in einem Punkt Vorbild zu sein, indem wir Scherze immer auf unsere eigenen Kosten und nicht auf die eines Kursteilnehmers machen. Ganz im Gegensatz dazu, wie das mein Großvater damals gemacht hat. Der hat die Leute fürchterlich bloßgestellt, wenn jemand einen Fehler gemacht hat, er war ein ziemlich lauter Mensch. Wir versuchen heute, Taktgefühl in doppelter Bedeutung zu trainieren.
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