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„Lern schnell Russisch“
KRIEGSENDE „Es war eine tränenreiche Sache“: Vor sechzig Jahren eroberte die Rote Armee Wien. Plünderungen, Erbsenspende und Straußwalzer – auf den Spuren der sowjetischen Befreier. ERICH KLEIN

DIE RUSSEN IN WIEN: Tote, Vergewaltigte, Verschleppte

Falter 13   Originaltext aus Falter 13/05 vom 30.03.2005

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„Die Donau zielstrebig und grau. Sie ist jetzt im Frühling irgendwie stahlfarben, wie die Mäntel der Deutschen.“
(Offizier Semjon Gudsenko, Armeetagebuch)


„Endstation – bitte alles aussteigen“: Hugo Huppert beendete die Befreiung mit einem Schmäh. Als „einer der Ersten mit der kämpfenden Sowjetarmee“ kehrte der österreichische Kommunist im April 1945 nach Wien zurück, nachdem er mehrere Jahre in der UdSSR gelebt hatte. Die letzten Gefechte östlich der Stadt hatte Huppert überstanden, durch die Außenbezirke Simmering und Favoriten ging es rasch voran, die Deutsche Wehrmacht und die SS-Verbände leisteten verhältnismäßig geringen Widerstand. Schließlich die Ankunft am Schwarzenbergplatz: Mit der lakonischen Ansage des Schaffners der Linie 71 beschließt Huppert in dem Buch „Schach dem Doppelgänger“ seine Erinnerungen an die Eroberung Wiens. Als wäre der Weg von Moskau über Stalingrad, Kursk, Kiew, Bukarest, Belgrad und Budapest bis nach Wien nur eine Straßenbahnfahrt durch den Zweiten Weltkrieg gewesen, die von Millionen Toten gesäumt war.
  Hupperts Beschreibung endet nicht zufällig am Schwarzenbergplatz. Einige Monate später steht hier das erste Großbauwerk der Zweiten Republik – das Denkmal für die bei der Befreiung Wiens gefallenen Soldaten der Roten Armee. Das Monument ist bei den Wienern von Anfang an nicht besonders beliebt. „Russendenkmal“ zählt noch zu den freundlicheren Namen, eher schimpft das Volk über das „Denkmal des unbekannten Plünderers“ oder das „Erbsendenkmal“. Mit seiner weitläufigen, an beiden Enden von Geschützgruppen flankierten Kolonnade, dem sich über einem roten Marmorsockel in den Himmel erhebenden Rotarmisten samt Banner, Schild und umgehängter Waffe stellt es im historischen Ensemble der Wiener Ringstraße nicht nur ein stilistisches Kuriosum dar. Das Kriegerdenkmal, das auf pathetische Weise militärischen Ruhm mit der Sprache der Freiheit verbindet, blieb aus einem geradezu banalen Grund stumm. Die meisten Wiener konnten weder den „Befehl“ Stalins an Marschall Fjodor Iwanowitsch Tolbuchin, den Kommandanten des Sturms auf Wien, lesen, noch die Listen ausgezeichneter Kämpfer, erbeuteter Maschinen und gefangener Wehrmachtssoldaten oder die Losungen in Gedichtform, die vom gerechten Krieg sprachen, der die Rote Armee von Stalingrad bis an die Mauern Wiens geführt hatte. „Ewiger Ruhm den Soldaten der Sowjetarmee, die im Kampf gegen die deutsch-faschistischen Okkupanten für die Freiheit und die Unabhängigkeit der Völker Europas gefallen sind“: Was immer da in kyrillischen Lettern auf der Kolonnade stand – seine Adressaten mussten erst Russisch lernen, um es zu verstehen.
  Die Befreiung Wiens begann in Ungarn: Mitte März 1945 setzte die Rote Armee im Raum Plattensee zur „Wiener Angriffsoperation“ an, die Nazis erklärten die Stadt zum Verteidigungsbereich. Reichsgauleiter Baldur von Schirach verhängte das Standrecht und verbot der Bevölkerung, Wien zu verlassen. Doch die Flugblätter, mit denen die nahende Rote Armee zum Widerstand gegen die „deutsch-faschistischen“ Okkupanten aufrief, fanden Gehör. Teile der militärischen Widerstandsbewegung versuchten, die Stadt kampflos zu übergeben – vergeblich. Am 8. April richteten die Nazis die Offiziere Karl Biedermann, Alfred Huth und Rudolf Raschke am Floridsdorfer Spitz hin. Propagandaminister Josef Goebbels notierte in sein Tagebuch: „Es hat in der Stadt Aufruhraktionen in den ehemals roten Vororten gegeben. (...) Es handelt sich natürlich nur um Gesindel, das diese Aufstände veranstaltete, und dieses Gesindel muss zusammengeschossen werden.“

Die neun Tage dauernde Schlacht um Wien eröffneten die Sowjets mit einer Westumfassung: Vom Wiener Wald her rückten sie Richtung Zentrum vor. Schon nach einer Woche standen die Einheiten der 3. und 4. Ukrainischen Front unter Marschall Tolbuchin am Gürtel. Wehrmacht und SS flohen über den Donaukanal und sprengten sämtliche Brücken. Bis unmittelbar vor dem Zusammenbruch griffen die Nazis brutal durch. In der Nacht des 12. April, kaum zwei Stunden vor Eintreffen der Roten Armee, ermordete die SS in der Förstergasse in der Leopoldstadt neun Juden, die denunziert worden waren. Am Ende der Kämpfe lagen in den Straßen Wiens 4000 Tote, Opfer beider Seiten.
  Am 13. April 1945 erklärten die Sowjets Wien offiziell für befreit, obwohl sie Floridsdorf und Kaisermühlen erst zwei Tage später besetzten. Unmittelbar nach Stalins Truppen traf auch die Führung der KPÖ aus dem Moskauer Exil in Wien ein. Ihr Wortführer Ernst Fischer erklärte die versammelten Widerständler, die sich um der Wiederaufbau der Stadtregierung bemühen, zu einem „Haufen von Gaunern und Schwindlern“.
  General Alexej Blagodatov, Wiener Stadtkommandant, ernannte dennoch den Sozialdemokraten Theodor Körner zum Bürgermeister, am 20. April traf der von Stalin mit der Bildung einer provisorischen Regierung beauftragte Karl Renner in Wien ein und präsentierte wenige Tage später eine aus Vertretern von KPÖ, SPÖ und ÖVP gebildete Regierung. Schließlich übergab Blagodatov der Regierung das Parlament, das am 1. Mai die Unabhängigkeit Österreichs vom Dritten Reich erklärte. Wien wurde geteilt: Die Sowjets verwalteten die Leopoldstadt, die Wieden, Favoriten, die Brigittenau und Floridsdorf. Die in Wien lieber gesehenen Garanten der Freiheit Österreichs, die westlichen Alliierten, schickten anfangs nur politische Delegationen und Ehrenformationen, im Herbst 1945 besetzten sie schließlich die ihnen zugeteilten Zonen. Erst zehn Jahre später sollten Russen, Amerikaner, Briten und Franzosen Wien wieder verlassen.
  Auch wenn Präsident Karl Renner oder Kanzler Leopold Figl immer wieder pflichtschuldig an die Verdienste der Roten Armee bei der Befreiung Österreichs erinnerten, verstanden sie unter Freiheit etwas anderes als jene, deren Fahne – wie es am Denkmal hieß – „von nun an über Europa wehen“ sollten. Die NS-Propaganda, die Sowjets als „Barbaren“ oder „bolschewistische Teufel“ diffamiert hatte, mag noch tief in den Köpfen der Österreicher gesessen haben. Die Worte, mit denen die Wiener Kriegsende und Befreiung beschrieben, deckten sich jedenfalls weitgehend mit den Hetzbegriffen der Nazis. Eine dermaßen herabgekommene Armee wie jene der Sowjets habe er nicht erwartet, schimpfte etwa Josef Schöner, ein unverdächtiger und glaubwürdiger Zeitzeuge, der dem konservativen Widerstand nahe stand. In seinem „Wiener Tagebuch“ beschrieb der spätere Spitzendiplomat Schöner minutiös, wie marodierende russische Soldaten Passanten Radios, Uhren und Goldschmuck abknöpften, Vorräte an Lebensmitteln, Wein und Schnaps plünderten oder besoffen über Frauen herfielen: „Alle hören das Schreien und Schlagen der Einlass fordernden Soldaten mit Bangen und Herzklopfen, unsere Frauen kriegen Herzzustände, an Schlaf ist kaum zu denken.“
  Nicht anders äußert sich der aus der schwedischen Emigration zurückgekehrte Sozialdemokrat und spätere Bundeskanzler Bruno Kreisky: „Noch jahrelang nach dem Krieg traten die Sowjets mit der Willkür einer Siegermacht auf.“ Kreisky meinte damit die Verschleppung von zirka eintausend Österreichern durch die sowjetische Besatzungsmacht. Zumindest darüber gibt es halbwegs verlässliche Zahlen. Über die Plünderungen und Vergewaltigungen lassen sich bislang kaum seriöse Angaben machen (siehe unten: Tote, Vergewaltigte, Verschleppte). Als die Sowjets 1955 abzogen, brachte die Wiener Stadtverwaltung eine Tafel am Palais Epstein, der ehemaligen russischen Kommandantur, an: „Sunt lacrimae rerum“ – es war eine tränenreiche Sache.
  Die Sieger, die ihre Soldaten mit der Medaille zur „Einnahme von Wien“ auszeichneten, erinnerten an die Befreiung naturgemäß anders. Schon die im Zuge der Kampfhandlung verbreiteten Flugblätter („Die Rote Armee marschiert in Österreich ein nicht als Eroberungsarmee, sondern als Befreiungsarmee“) hielten sich streng an die „Moskauer Deklaration“ der Alliierten aus dem Jahr 1943, in der Österreich als „Erstes Opfer der Hitler’schen Aggression“ bezeichnet wurde. Österreich trage zwar Verantwortung am nazideutschen Eroberungskrieg; sowjetische Militärs, Politiker und Diplomaten erinnerten in der Folge aber selten an die in Österreich nicht gern gehörte sogenannte „Mitschuldklausel“, sondern wiesen vielmehr auf die positiven Widerstandsbemühungen, wie den Versuch einer kampflosen Übergabe der Stadt, hin. Auf zahlreichen Propagandaplakaten feierten die Russen die Versorgung der Wiener Bevölkerung durch die sogenannte „Erbsenspende“, die erste Lebensmittelverteilung der Roten Armee, die Wiederherstellung der Wasserversorgung und vor allem die Rettung der Reichsbrücke, die sogleich in Tolbuchinbrücke umbenannt wurde. Am Denkmal von Johann Strauß legten Soldaten einen Kranz nieder. Als Symbol ihrer friedlichen Mission versuchte die Rote Armee damit ihren Respekt vor der Walzerstadt an der blauen Donau zum Ausdruck zu bringen. Als hätte es den Tanz der Freiheit tatsächlich gegeben, wurde die kuriose Szene in endlosen Fotos und Filmen immer wieder ausgeschlachtet.

Die vielen Bilder aus dem April 1945, wie sie sowjetische Fotokorrespondenten wie Jewgenij Chaldej oder Olga Lander geschossen haben, überzeugen vom Gegenteil. Freude der Befreiung kann man „nur“ von den Gesichtern der befreiten Kriegsgefangenen und „Ostarbeiterinnen“ ablesen. Die Reaktionen der Wiener und der Flüchtlinge auf die fremden Soldaten spiegeln bestenfalls respektvolles Misstrauen wieder – und Verstellung. In seinem Fronttagebuch erzählt der Offizier und Dichter Semjon Gudsenko von seinen Begegnungen mit den Wienern: „Jetzt sprechen sie über ihre jüdischen Vorfahren. Jemand kommt zu mir. Mich nennen sie Kommissar. Jemand zeigt mir ein Papier – er saß irgendwann bei der Gestapo. Mein Gott, wie widerwärtig das ist, dass die Deutschen so beflissen sind, wenn sie um unsere Gunst buhlen.“ Die Schriftstellerin Ilse Aichinger schrieb im April 1945: „,Der Russe‘, sagten die Wiener schaudernd. ,Nur nicht dem Russen in die Hände fallen.‘ Sie sprachen von einem einzigen und meinten damit alle ohne Ausnahme. So, wie sie vor einiger Zeit von ,dem Juden‘ gesprochen hatten.“
  Der Schriftsteller Hugo Huppert, der im April 1945 das Schwert wieder durch die Feder ersetzte, verstand die Schwierigkeiten um die Befreiung Österreichs von Anfang an recht genau. Seinen Genossen Rotarmisten erklärte er auf die Frage, wen das Reiterstandbild am Schwarzenbergplatz darstellte, noch voller Pathos: jenen österreichischen General, der in Allianz mit den Russen einem früheren Prätendenten auf die Weltherrschaft, Napoleon nämlich, „eine aufs Haupt gegeben“ hatte. Für die Verbrüderung auf höchster Ebene mochte es den historischen Präzedenzfall gegeben haben, in der Gegenwart stellten sich die Dinge komplizierter dar. Der stalinismuserprobte Huppert erfand ein Wortspiel, das den Zwiespalt meisterlich in einem Witz auflöst: Als die Rote Armee einmarschierte, hätten die Wiener die Abkürzung LSR, die an den Hauswänden auf Luftschutzräume hinwies, in „Lern schnell Russisch“ umgedeutet. Wie erfolgreich der Wiener Opportunismus war, zeigten die österreichischen Schriftsteller Helmut Qualtinger und Carl Merz auf sarkastische Weise mit der Figur des „Herrn Karl“. Der österreichische Spießer, der sich immer nach den Herrschenden zu drehen weiß, nimmt ein Hitlerbild zur Hand und trampelt darauf herum: „Donn is da Russ kumma.“ Die Befreiung ist erfolgt. Österreich war frei.
  Der doppelte Opportunismus in der Rhetorik von Befreiern und Befreiten, von Siegern und Besiegten, stellt sechzig Jahre nach Kriegsende das größte Hindernis dar, um der Befreiung Wiens durch die Rote Armee adäquat zu gedenken. Der Schriftsteller Wassilij Grossmann sprach in seinem Stalingrad-Roman „Leben und Schicksal“ vom Sieg, der dem russischen Volk durch Stalin geraubt wurde – ein Ausdruck des Umstandes, dass die Sieger leer ausgingen. Der russisch-amerikanische Nobelpreisträger Jossif Brodskij dichtete anlässlich des Todes von Marschall Georgi Schukow, dem Befreier Berlins: „Die Geschichte Russlands zählt Massen von braven Soldaten, die furchtlos und kühn / im Angriff erst fremde Hauptstädte nahmen, entsetzt dann zurück in die eigene fliehen.“ Gemeint war damit die Verwunderung jener Rotarmisten, die im zerbombten Wien oder Berlin noch immer einen weitaus höheren Lebensstandard vorfanden, als ihnen die Propaganda über das erbärmliche Los der vom Kapitalismus geknechteten Werktätigen des Westens vorgegaukelt hatte. Es sei deshalb noch einmal an Bundeskanzler Kreisky erinnert, der in seinen Memoiren schrieb: „Das Ausmaß des russischen Sieges ist nach Vorstellung mancher Konservativer im Westen Europas zu hoch ausgefallen. Aber dass Hitler ohne die Russen nicht besiegt worden wäre, scheint ziemlich sicher, und man muss, ob man will oder nicht, diese Rolle der Sowjetunion sehen. Der Vormarsch der sowjetischen Truppe nach Berlin und Wien, die Eroberung des Ostens und Südostens Europas, haben das Leben Millionen russischer Soldaten gekostet. Weder Roosevelt noch Churchill konnten ihren demokratischen Staaten zumuten, diesen Preis zu bezahlen.“

Für seinen schillernden Ruhm opferte Stalin die russische Bevölkerung. Dass zumindest ein Zehntel der sowjetischen Bevölkerung das Leben verlor, lässt sich in Russland heute nicht mehr mit der Rhetorik von „Ewigem Ruhm den im Kampf gegen den deutschen Faschismus Gefallenen“ verdecken. Zumal die in der UdSSR einst heilige Zahl von zwanzig Millionen sowjetischen Kriegstoten als zu gering angesetzt scheint – russische Historiker sprechen von über dreißig Millionen Opfern. Paradox, dass zahlreiche Rotarmisten den Krieg gegen Nazideutschland trotz Todesgefahr als ihr erstes Erlebnis der Freiheit vom Stalinismus beschrieben.
  Wie mit der Erinnerung an die im Kampf gegen den Faschismus Gefallenen umzugehen ist, sollte Gegenstand einer kritischen Debatte sein. Es reicht nicht aus, die Ausschreitungen der Roten Armee bei der Befreiung Wiens immer wieder mit Hinweisen auf die Gräueltaten der Wehrmacht in Russland zu erklären. Vor allem aber sollte das Gedenken an die Befreiung Wiens nicht der russischen Rhetorik vom Siegesruhm überlassen werden. Die Klänge eines Straußwalzers, wie sie sowjetische Filme über die Befreiung Wiens bizarr unterlegen, haben mit dem Preis der Freiheit nichts zu tun. Der Tod verliert so seine Toten.
  Ein Monument wie das Befreiungsdenkmal in Wien sollte eigentlich an ethische Normen erinnern. Doch Dank ist keine Kategorie der Realpolitik. Auf dem Weg von der Befreiung zur Freiheit im Jahre 1955 geriet das Russendenkmal, das im heraufziehenden Kalten Krieg zu einem Sowjetisierungsdenkmal stilisiert wurde, in Vergessenheit: Nach dem Abzug der Alliierten wurde der Feiertag zur Befreiung am 13. April 1945 abgeschafft, der Stalinplatz hieß fortan wieder Schwarzenbergplatz. Den letzten sowjetischen Soldaten in Österreich stellte aber Artikel 19 des Staatsvertrages unter Denkmalschutz: Die Republik muss sich „immerwährend“ um Pflege und Erhaltung des Ensembles kümmern. Die vor dem Denkmal begrabenen Rotarmisten wurden jedoch exhumiert. „Bitte alles einsteigen“, könnte man sagen. Die Linie 71 führt vom Schwarzenbergplatz zum Zentralfriedhof: Dort liegen 2469 Soldaten der Roten Armee.

Im Rahmen des Festival 21 (www.festival21.at) führt Erich Klein am 2. und 9. April bei einer „Reise durch die Apriltage 1945“ zu historischen Plätzen der Befreiung. Am 5. und 8. April moderiert er im Kulturkabinett, 21., Freiligrathplatz 6, einen Leseabend mit fünf Schauspielern zum Thema „Krieg und Frieden: Die Russen in Wien“. Vom 3. April bis zum 8. April ist im Russischen Kulturinstitut am Brahmsplatz eine Ausstellung mit Fotografien von der Befreiung Wiens zu sehen.

Im Falter Verlag erschienen:
Erich Klein: Russen in Wien – die Befreiung Österreichs. Wien 1945 / Augenzeugenberichte und über 400 unpublizierte Fotos aus russischen Archiven. Wien 1995. 247 S., EUR 42,50.
In der Reihe Falters City-Walks:
Denkwürdiges Wien – Gedenkstätten und Orte der Erinnerung der Ersten und Zweiten Republik. Wien 2004. 128 S., EUR 9,90

 

DIE RUSSEN IN WIEN
Tote, Vergewaltigte, Verschleppte


Rund 16.000 Rotarmisten kostete die gesamte Angriffsoperation vom Plattensee bis Wien das Leben. Österreichische Schätzungen gehen von 5000 russischen Soldaten aus, die nur in der Schlacht um Wien fielen und oft in Parks und auf Wiesen bestattet wurden. Zum Vergleich: Insgesamt starben im Zweiten Weltkrieg 170.800 Österreicher, 76.200 galten dazu als vermisst. 65.000 österreichische Juden wurden Opfer des Holocaust, 16.000 weitere Menschen in Gestapohaft und Konzentrationslagern ermordet. In Wien überlebten etwa 5800 Juden als so genannte U-Boote die Naziherrschaft. Zu Kriegsende befand sich eine halbe Million Österreicher in Kriegsgefangenschaft.
  400.000 sowjetische Soldaten hielten Teile Wiens, Niederösterreichs, Oberösterreichs und der Steiermark besetzt, 270.000 von ihnen wurden mit der Medaille für die „Einnahme Wiens“ ausgezeichnet. Die Hauptstadt teilten sich die Alliierten nach Bezirken auf. Die Amerikaner verwalteten die Bezirke 7, 8, 9, 17, 18, 19, die Briten die Bezirke 3, 5, 11, 12, 13, die Franzosen die Bezirke 6, 14, 15, 16, 17 und die Sowjets die Bezirke 2, 4, 10, 20 und 21. Die Innenstadt wurde zur internationalen Zone.
  In den Zonen der Roten Armee kam es vor allem in den ersten Monaten der Besatzung zu zahlreichen Plünderungen, Vergewaltigungen und Verschleppungen. Verlässliche Angaben gibt es nur für letztere Ereignisse. Das Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung, das derzeit ein Forschungsprojekt zum Thema „Die Rote Armee in Österreich 1945–1955“ betreut, beziffert die Zahl der von den Sowjets festgenommenen österreichischen Zivilisten mit „etwa 2200“. Aktenkundig sind die Fälle von 1230 Personen, die in die UdSSR gebracht wurden, von 188 ausgesprochenen Todesurteilen wurden 152 exekutiert. Unter den Verschleppten waren nachweislich Kriegsverbrecher, viele andere wurden aber nachträglich von den russischen Gerichten rehabilitiert. Der bekannteste Fall: Margarethe Ottilinger, Mitarbeiterin des Vermögensminister Peter Krauland, wurde wegen Spionage erst zu lebenslanger Haft verurteilt, kehrte aber 1955 nach Österreich zurück. Für den Klosterneuburger Herbert Killian wiederum reichten drei Ohrfeigen, die er dem Sohn eines Sowjetoffiziers verabreicht hatte, zu drei Jahren Besserungslager in der UdSSR. Skandalös, was das Verhalten der österreichischen Behörden betrifft, war hingegen der Fall des Franz Muhrer. Er fasste wegen Ermordung von Juden im Ghetto von Wilna lebenslang aus. 1955 kehrte er dennoch aus sowjetischer Gefangenschaft heim und wurde fünf Jahre später in Österreich freigesprochen.
  Das Ausmaß der Plünderungen und Vergewaltigungen ließ sich bisher nicht seriös ermitteln. Tatsache ist, dass die Soldaten der Roten Armee nicht nur in eroberten fremden, sondern auch russischen Städten viele Frauen vergewaltigten. In Wien dürfte die Zahl der Übergriffe nach wenigen Monaten Besatzung stark abgenommen haben, ebenso ebbte die Verhaftungswelle ab. Im Jahr 1955 hatte die Rote Armee noch 50.000 Soldaten stationiert. Im Sommer desselben Jahres zog sie ab.

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März 2005 © FALTER
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