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Servus die Radln
VERKEHR Die Fahrradsaison hat wieder begonnen: Immer mehr Radfahrer sind täglich in der Stadt unterwegs – auf sie warten ein paar neue Strecken. Aber für echten Radverkehr darf’s noch ein bisserl mehr sein. CHRISTOPHER WURMDOBLER

RADFAHRER IN WIEN: Eine Botschaft an die unheilvolle Allianz

Falter 13   Originaltext aus Falter 13/05 vom 30.03.2005

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Noch herrscht vorm Rüdigerhof tote Hose – sowohl im beliebten Gastgarten als auch auf der neuen Brücke mit dem Milchglasgeländer. Der „Margaritensteg“, der von der Hamburgerstraße über U-Bahn und Wienfluss auf die Mariahilfer Seite führt, hätte schon längst fertig sein sollen, aber so was dauert eben. Schon Ende November ging der Anschluss-Radweg entlang der Linken Wienzeile zwischen Köstlergasse und Magdalenenstraße in Betrieb.
  Immerhin fast pünktlich zum Beginn der Fahrradsaison kann man jetzt vom Stadtrand fast bis in die Innenstadt radeln, ohne dabei sehr viele Berührungspunkte mit Verkehrsteilnehmern auf vier Rädern zu haben. Für viele Radler, vor allem Neueinsteiger und Ausflügler, die sich nur gelegentlich aufs Rad schwingen, sind Radwege das Hauptargument zum Umsteigen. Dabei bezweifeln viele Verkehrsexperten, dass Radwege die Lösung in Sachen Sicherheit sind. „Der Radweg ist nur ein Weg“, meint Martin Blum vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Nicht immer führe dieser Weg zum Ziel, das Radeln in Wien sicherer zu machen: „Im Gegenteil, auf etlichen Radwegen ist das Radfahren gefährlicher als auf der normalen Fahrbahn.“
  Die Strategie, Radfahrer von der Autofahrbahn wegzuholen, stammt noch aus den autoverliebten Sechzigerjahren. Damals verbannte man auch die Fußgänger in unterirdische Passagen, um den Verkehr fließen zu lassen. Um Wien zu einer Stadt zu machen, in der mehr als acht Prozent aller Fahrten mit dem Bike zurückgelegt werden (so lautet das Verkehrsplanungsziel bis zum Jahr 2010), muss der Radverkehr präsenter werden, da sind sich die Experten einig. Und schielen zum Beispiel nach Amsterdam, München oder Bern, Städte, die als ganz besonders radlerfreundlich gelten.

In der schweizerischen Hauptstadt integriert man das Radfahren in den „normalen“ Verkehr, hier wird überall geradelt und überall an Radler gedacht. Statt Radwegen gibt’s Fahrstreifen auf den Fahrbahnen, Einbahnstraßen sind für Radler in beide Richtungen geöffnet. Kein Wunder, dass Organisationen wie der VCÖ dieses Berner Modell auch für Wien wollen, gerade in den letzten Jahren hat man einige Forderungen teilweise umgesetzt: So gibt es zum Beispiel seit vergangenem Sommer die sogenannte „Citydurchfahrt“ von der Staatsoper über Albertina, Josefsplatz, Michaelerplatz, Herrengasse bis zum Schottenring – gegen die Einbahn. Andere legale Stadtdurchfahrten stehen allerdings noch aus, vor allem eine Radstrecke vom Schwedenplatz Richtung Karlsplatz oder alternativ Hofburg/ Ring. Dass Stephansplatz oder Kärntner Straße mit dem Rad nicht überquert werden dürfen, der Kohlmarkt tabu ist, ärgert Radler, die dort regelmäßig unterwegs sind. So verlangt der VCÖ, dass alle Einbahnstraßen im ersten Bezirk für den Radverkehr geöffnet werden. Auch in anderen Bezirken darf man immer noch vergleichsweise selten Einbahnstraßen in beiden Richtungen beradeln – was übrigens unfallstatistisch betrachtet unproblematisch ist, weil entgegenkommende Autofahrer einen ja nicht übersehen können.
  Besonders unfallträchtig hingegen, vor allem an Kreuzungen, sind die sogenannten Zweirichtungsradwege, also Radwege mit Gegenverkehr. Wenn Radwege, so der VCÖ, dann Einrichtungsradwege. Abbiegende Autofahrer übersehen Radler aus der einen Richtung. Entsprechende Stellen am Ringradweg, beispielsweise am Parkring, wurden schon vergangenen Sommer erfolgreich entschärft, indem man sie für abbiegende Autos kurzerhand sperrte. Die Trennung zwischen Radweg und Fußgängerweg sei auch in Wien oft nicht klar genug. Das führe zu Konflikten zwischen den Verkehrsteilnehmern mit und ohne Reifen, beobachtet VCÖ-Mann Blum. Ganz böse ist hier wieder der Radweg am Ring, wo vor allem Touristen oft nicht klar zu sein scheint, dass sie da gemütlich auf einer hochfrequentierten Radfahrstrecke schlendern. Seit Jahren kündigt man seitens der Stadt an, mittels Signalfarbe den Radweg sichtbarer zu machen, aber nichts geschieht. Zusätzlich bräuchte es am Ring, so die Experten, weniger Schikanen durch gerade Linienführung sowie Fahrradstreifen auf den jeweiligen Nebenfahrbahnen. Vor allem weil in den nächsten Jahren der Radverkehr in Wien weiter zunehmen wird und es schon jetzt auf Radwegen wie am Ring zu Konflikten, Brüll- und Klingelattacken zwischen Schnellfahrern und Bummlern kommt.
  Allgemein fordert man schon länger die Abschaffung der Radwegebenützungspflicht und eine entsprechende Änderung in der Straßenverkehrsordnung. Der Sichtbarmachung kämen mehr Radstreifen auf der Fahrbahn entgegen, etwa wie beim unteren Ende der Mariahilfer Straße, wo zu Hauptverkehrszeiten täglich Tausende Radler den Stehverkehr überholen und damit demonstrieren, dass man auf kurzen Strecken in der Stadt mit dem Rad ganz schön schnell vorankommt. Außer es ist Rot. Aber an Kreuzungen soll man die Haltelinien für Radler sowieso vorverlegen. Die sind damit für Autolenker sichtbarer und müssen bei Rot nicht in den Abgasen stehen und sie einatmen.
  In Wien gehen die Fahrradparkplätze aus. Radler brauchen Radständer, an denen sie ihre meist nicht ganz billigen Fahrzeuge befestigen können. Und weil Radfahrer ungern zu Fuß gehen, sollten die immer in der Nähe des jeweiligen Zielorts sein. Vielleicht könnte man das bei der Planung von neuen Gebäuden – Stichwort Zentralbahnhof – ja gleich mitbedenken. Die Stadt kündigt für Veranstaltungen, zum Beispiel die Sommerspektakel am Rathausplatz, an, mobile Radständer aufzustellen. Bei Großveranstaltungen, Wiener Festwochen oder Konzerten in der Stadthalle, werden regelmäßig die Laternenmasten knapp. Und auf dem Platz vorm Konzerthaus, den man im Zuge des Schwarzenbergplatzumbaus neu gemacht hat, wurde doch glatt auf Radständer vergessen.
  Aber vielleicht kommt noch was. Die Radfahrsaison hat ja gerade erst begonnen.

Argus, die Radler-Lobby, veranstaltet am 16. u. 17.4. wieder das Bike-Festival am Rathausplatz, Infos: www.argus.or.at

IG-Fahrrad (Verein zur Förderung der 2-rädrigen, unmotorisierten, nachhaltigen Fortbewegung in der Stadt und auf dem Land): www.ig-fahrrad.org
VCÖ (Verkehrsclub Österreich): www.vcoe.at

 
RADFAHRER IN Wien
Eine Botschaft an die unheilvolle Allianz


Neulich bin ich, wie man so sagt, ordentlich auf die Schnauze gefallen. Das ist jetzt leider ganz wörtlich zu verstehen und kam so: Ich fahre in der Innenstadt mit dem Fahrrad auf dem Radweg gegen die Einbahn. Mir steht also die Straßenverkehrsordnung rechtlich zur Seite und rund fünfzig Zentimeter Spielraum zur Verfügung, um mich an genervten Lieferanten, aggressiven Taxifahrern, breiten Bussen und unberechenbaren Fiakern vorbeizunavigieren. Plötzlich taucht, einen Meter vor mir, ein Mann auf dem Radweg auf. Wie aus dem Nichts. Genauer gesagt tauchte er hinter einem parkenden Kleintransporter des Typs Mercedes 313 CDI auf. Der 313 CDI hat aus Sicht eines Radfahrers den Nachteil, hintenrum vollkommen undurchsichtig zu sein. Kurz gesagt: Eine Notbremsung meinerseits war das Einzige, was den Mann, der sich unvermittelt aus seiner Deckung hervorgewagt hatte, noch retten konnte. Ich rettete ihn, auf meine Kosten. Er hat sich nicht dafür bedankt.
  Er hat sich vielmehr darum bemüht, größtmögliche Unbeteiligtheit und Souveränität zur Schau zu stellen, ganz im Stile eines Rechtsanwalts. Dummerweise ist es so, dass sich auch die Wiener Linien in diesen Vorfall involviert glauben. In Form eines Kratzers nämlich, der sich auf einem ihrer Autobusse der Linie 2A etwa in Augenhöhe eines durchschnittlichen Mitteleuropäers befindet und der von meinem Fahrrad herrühren soll. Das meint zumindest der sehr freundliche Busfahrer. Dazu ist Folgendes zu sagen: Ich weiß nicht, wie es meinem Fahrrad, bevor es mir auf den Kopf fiel, gelungen sein soll, auf zirka einen Meter siebzig Höhe aufzusteigen und dabei den Bus zu zerkratzen. Der unbeteiligte Rechtsanwalt sagt, es sei in der Tat ein sehr spektakulärer Sturz gewesen. In seinen Augen und in denen des freundlichen Busfahrers konnte ich eine unheilvolle Allianz bemerken. In ihren Augen stand: Ja, ja, ein Radfahrer. Er ist schuld.
  Hier ist meine Botschaft an alle innerstädtischen Verkehrsteilnehmer, die Radfahrer für ihre natürlichen Feinde halten; an alle Fußgänger, die auf Radwegen herumdelirieren; an alle Jungmütter und -väter, die glauben, die Räder an ihren Kinderwägen würden sie für die Benutzung von Radwegen legitimieren; an alle Taxi- und Busfahrer, die noch im Stau allen Ehrgeiz dareinsetzen, durch möglichst unvorhersehbare Spurwechsel die Räume mal links, mal rechts ihres Fahrzeugs eng zu machen. Erstens: Radfahrer sind keine eigene Spezies, sondern oft auch Fußgänger und manchmal sogar Autofahrer. Zweitens: Wir können auch nichts dafür, dass wir manchmal gegen die Einbahn fahren dürfen. Drittens: Wir sind nicht an allem Unbill im Verkehrswesen schuld. Viertens: Ich glaube, ihr seid alle bloß neidisch, weil wir einfach schneller unterwegs sind.
CARSTEN FASTNER

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März 2005 © FALTER
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