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| Der Mann mit dem Hut |
| MODE Man trägt wieder Hüte, Kappen, Hauben – und sie kommen aus Wien. Die vierte Generation der Modistendynastie Mühlbauer macht mit ihren sexy Kreationen von New York bis Tokio Furore. EVA WEISSENBERGER |
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| Die Chinesen nennen ihn Verehrer des Schatzes. Das hört sich übersetzt noch am ehesten nach Klaus Mühlbauer an. Die Amerikaner sagen Muulbaur, die Franzosen Müllbour. Die Japanerinnen rufen ihn Miru Miru – weil es süß klingt. Und der 36-Jährige ist in Tokio ein bisschen so etwas wie ein Popstar. Aber auch in Peking, New York und Paris, in Rom, Zürich und London, in Madrid und neuerdings auch in Moskau sind seine Hüte gefragt. Den Markennamen zu ändern oder auch nur den Strich über dem u wegzulassen, ist für Mühlbauer trotzdem keine Alternative. Reicht doch die Tradition des Wiener Familienunternehmens mehr als hundert Jahre zurück. Früher ergab sich die Nachfrage fast von selbst: Bis in die Sechzigerjahre gehörte zu einem schicken Kostüm die passende Kopfbedeckung einfach dazu. 1968 befreiten sich die linken Emanzen nicht nur von ihren engen BHs, sondern warfen auch gleich ihre Pillboxes mit auf den Scheiterhaufen. In den Achtzigern trauten sich dann nur noch Udo-Lindenberg-Imitatoren und Michael-Jackson-Lookalikes mit schwarzen Hüten auf die Straße. In den Neunzigerjahren gefielen sich Rapper und Raver zwar auch im Sommer mit Wollhauben, Hüte sind aber erst jetzt wieder ein – wie es in der Sprache der Moderedactricen heißt – Muss. Sogar in Wien: Bei der Premiere von Jessica Hausners hochdekoriertem neuen Film Hotel trat die aparte Hauptdarstellerin, Franziska Weiss, mit einem schwarzen Panamahut auf – natürlich von Mühlbauer. Die Wiener Hutmanufaktur hat den aktuellen Trend mitausgelöst und profitiert auch ordentlich davon. Mit modernen Kreationen, produziert nach altmodischen Qualitätsstandards, versuchte sich die Marke in den letzten Saisonen neben den Großen der Branche, den beiden Briten Stephen Jones und Philip Tracy oder der Amerikanerin Patricia Underwood, zu etablieren. 10.000 Strohhüte, Schiebermützen und Seidenturbane, Melonen, Zylinder und Schiffchen verkauft Mühlbauer im Jahr. Aus erstklassigem Tweed, Schnürlsamt, Leder – aber auch sehr viel Fell. Von klassischen Herrenhüten über giftgrüne Barette, die an Uniformen von Stewardessen erinnern, bis zu violetten Pelzohrenschützern samt passenden Pulswärmern reicht das originelle Sortiment. Ein Schirmkapperl gibt es bei Mühlbauer ab 65 Euro, ein Filzhut kostet 180, für eine Siberfuchshaube muss, wers mag, bis zu 800 Euro hinlegen. An die Kopfform des Kunden individuell angepasste Maßhüte sind entsprechend teurer. Das alles summiert sich zu einem Jahresumsatz von zwei Millionen Euro. Gefertigt werden die Hüte am Schwedenplatz, im ersten Stock über einem der sechs Mühlbauer-Läden, wo die Zeit, so scheint es, seit den Fünfzigern stillsteht. In 150 Quadratmeter Altbau ist die ganze Werkstatt hineingepackt: die Apparate, mit denen die Materialien geschliffen werden; die Formen aus Holz oder Schaumstoff, ähnlich wie bei einem Schuster; die Öfen, in denen die Hüte getrocknet werden. Einen Raum weiter sitzen drei Näherinnen – den Lehrberuf der Modistin gibt es heute gar nicht mehr – und werken leise an fast schon historisch anmutenden Maschinen. Zum Schluss bringen sie bunte Bänder, Borten, Schleifen, Schnallen, Rosen oder Tüll an den Hüten an. Unter der Decke hängen die fertigen Exemplare, immer nur vier, fünf von einem Modell nebeneinander – keine Massenproduktion eben, alles handgemacht. Die Familientradition begründet hatte Julianna Mühlbauer allerdings in Floridsdorf. 1903 eröffnete die resolute Hutmacherin am Spitz eine kleine Manufaktur mit angeschlossenem Laden. Der älteste ihrer drei Söhne, Robert, war auch der geschäftstüchtigste. Mitte der Zwanzigerjahre machte er sein erstes eigenes Geschäft auf. In den Sechzigern hatte er das Unternehmen zu einer Kette mit zwölf Filialen ausgebaut, die Werkstatt war aus dem Vorort in die Innenstadt verlegt worden. Dann kamen Hüte aus der Mode. Die nächste Generation, Heinz und seine Frau Brigitte, erweiterten das Verkaufssortiment um Damen- und Trachtenmode und retteten den Betrieb so über die schwierigen Achtziger- und Neunzigerjahre. Generationswechsel gehen in den meisten Familienunternehmen nicht ganz friktionsfrei über die Bühne, wer selbst keinen Betrieb zu erben erwartet, kennt das zumindest aus Seifenopern. Klaus Mühlbauer hat seine Hutmacherlehre im elterlichen Betrieb absolviert, doch er empfindet keine Lust auf ein Familienkonstrukt. Er jobbt bei Möbelherstellern, bei Stofflieferanten und als Parfümmixer bei Yves Rocher in Frankreich. Nach seinem Betriebswirtschaftsstudium modernisiert er das Sortiment eines Waldviertler Frotteeproduzenten. Im Sommer 2000 trudeln Angebote von internationalen Textilketten ein. Zur gleichen Zeit verspürt sein Vater Heinz, nach vierzig Jahren im Geschäft, eine gewisse Müdigkeit. Es ist sogar vom Verkauf der sechs verbliebenen Filialen die Rede. Nach einem Dreivierteljahr Bedenkzeit steigen Klaus und seine jüngere Schwester Marlies, eine gelernte Grafikerin, doch ein. Ihre Bedingung: Sie haben ab sofort bei allen Entscheidungen das letzte Wort. Die Kollektionen entwerfen die Geschwister nun gemeinsam, der Bruder kümmert sich außerdem um den Verkauf, die Schwester um den Einkauf für die Geschäfte und um das visuelle Gesamtkonzept. Die Strategie der vierten Generation: Das Hauptaugenmerk konzentriert sich wieder auf das Wesentliche, den Kopf. Kommenden Herbst wird eine der Mühlbauer-Boutiquen in der Innenstadt zum Flagshipstore umgebaut. Dort wird es dann keine Klamotten mehr geben, zwischen denen Hüte und Hauben untergehen könnten. Denn: Hüte sind sexy, sagt Klaus Mühlbauer, Hüte sind cool. Wir müssen den Leuten nur die Berührungsängste nehmen. Die Qualität bleibt gewohnt hoch – neue Zulieferer müssen bis zu einem Jahr lang immer neue Arbeitsproben schicken, bevor sie den Zuschlag erhalten. Doch die Farben werden knalliger, die Designs unkonventioneller, mit einer reduzierten Sprache, aber jedes Modell hat einen Twist, der es überraschend macht, erklärt der Juniorchef. Die Eltern sind natürlich nicht immer glücklich mit dem neuen Stil. Es fallen mitunter Sätze wie: Das ist kein Hut mehr! Aber der Erfolg gibt den Jungen Recht: Nicht nur Billigketten wie H&M und New Yorker kopieren heute Mühlbauer-Originale, auch renommiertere Marken wie Furla oder Tods lassen sich von den Wienern inspirieren. Die Wienerkollektion 2003/2004 brachte den Durchbruch. Vor allem aber die modesüchtigen und markenbesessenen Japanerinnen waren verrückt nach pinken Panamahüten, auf denen groß der Firmenname prangt, gelben Filzhüten mit Strassverzierung oder grauen Tirolerhüten mit rosa Korsagenschnürung. Mittlerweile macht Mühlbauer die Hälfte seines Umsatzes in Fernost. Klaus Mühlbauer wundert sich selbst ein bisschen darüber, schließlich hat Japan eine jahrhundertealte Handwerkstradition auf diesem Gebiet. Aber gerade deshalb gehören Kopfbedeckungen dort wie selbstverständlich zum Stadtbild, schwärmt er, es ist paradiesisch. Als Nächstes wollen die Mühlbauers Amerika erobern. Man verhandelt gerade mit dem legendären New Yorker Kaufhaus Bergdorf Goodman. Und Mühlbauers dortige PR-Agentin ließ Rockstar Lenny Kravitz erst unlängst ein paar Modelle zur gefälligen Verwendung auf dem einen oder andern roten Teppich vorbeibringen. In der aktuellen Sommerkollektion fallen ein wassergrüner Seidenturban, Sonnenkapperln in pastellfarbenem Vichymuster und Pillbox-Hütchen mit Tüll auf. Für den nächsten Winter propagiert Mühlbauer Karomützen, die Sherlock Holmes gefallen hätten, Zylinder für Damen, Leopardendrucke und viele rundere Formen, die an die Dreißiger- und Fünfzigerjahre erinnern. Wenn man nur lange genug durchhält und wartet, kommt alles – in einer modernen Interpretation – wieder. Das Firmenlogo, der Familienname in Lateinschrift, wurde in den Fünfzigerjahren dem Autogramm des Großvaters, Robert Mühlbauer, nachempfunden. Lange Zeit sah es schon ziemlich alt aus – jetzt sind die Fiftys wieder schick. Und mit ihnen Hüte. |
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