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Der Anfallsgärtner
STADTNATUR Zwanzig Jahre war Paul Schiller Herr über die Blumen der Stadt, überzog Wien mit einem barocken Blütenmeer. Obwohl der Chef des Stadtgartenamts auch ein Faible fürs Unkonventionelle hat: ein wildes Mohnfeld am Schwarzenbergplatz, eine Che-Guevara-Büste für den Donaupark – davon träumt der Herr Hofrat. JULIA ORTNER

Falter 15   Originaltext aus Falter 15/05 vom 13.04.2005

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Der Garten ist klein, schöne alte Bäume, dezente Sträucher, das Gras will gar kein englischer Rasen sein, ein paar Narzissen lugen frech aus hohem Grün. Etwas wildromantisch das Ganze, kein Klimbim und keine abgezirkelten Blumenrabatten. Überraschung – so unprätentiös ist der persönliche Garten von Paul Schiller, dem Direktor des Wiener Stadtgartenamtes. Missverständnis, denken manche Besucher, wo sind die verschnörkselten Blumenbeete, warum wieseln keine Heerscharen von Gärtnern herum und wässern die Magnolienbäume des Herrn Hofrat? „Es gibt tatsächlich Leute, die denken, ich pfeif und meine Gärtner kommen und bürsten mir die Blätter ab“, sagt Schiller und schüttelt den Kopf. Er mag seinen Garten lieber praktisch, mehr als zwei Stunden pro Woche für Pflege waren nie drin: „Privat bin ich Anfallsgärtner. Ich bringe neue Sachen mit, einsetzen, dann wachsen sie, aus, basta.“
  Professionell war Schiller bis zuletzt Herr über die Parks und Blumen der Stadt, quasi Schreibtischgärtner. Von seinem Büro im pittoresken Stadtgartenamt beim Stadtpark hat Schiller zwanzig Jahre lang als Direktor der MA 42 ein Heer von Gärtnern regiert. Er war für zwanzig Quadratkilometer Parkanlagen zuständig und hat die Stadt flächendeckend mit barocker Blumenpracht überzogen. Seit Anfang April ist der 61-jährige „Blumen-Hofrat“ in Pension. An die Beschaulichkeit muss sich der umtriebige Schiller erst mal gewöhnen. Weißer Schnauzer, knalloranges T-Shirt, Jeans, immer flott unterwegs, der Herr Direktor. Er sitzt im Wintergarten seines alten Hauses in Klosterneuburg, die Wände gepflastert mit Hirschgeweihen, von der Decke baumeln asiatische Drachen und fernöstliche Lampions. Er erzählt von seinen vielen Reisen, vor allem nach Asien, gerade ist er von einem langen Vietnamtrip („schönes Land, gute Gärtner“) zurückgekommen, von seinem Hobby Tauchen oder der späten Leidenschaft fürs Jagen. So eigenwillig wie das Dekor seines Wintergartens ist auch Paul Schiller. Kein Typ für die Rathausschublade, Abteilung Hofräte.
  Das mit dem Aufstehen um halb sechs hat er sich noch nicht abgewöhnen können. Bis vor kurzem war er täglich schon um sieben an seinem Schreibtisch, die Gärtnerbranche ist nichts für Morgenmuffel. „Ich konnte die zwei Stunden gut nutzen, auch um die Tagespresse zu studieren, bevor das Rathaus um neun erwacht – frühestens“, erzählt Schiller und grinst. In seiner Ära ließ Schiller die großen Alleen wie die Ringstraße sanieren, er modernisierte alle Kinderspielplätze in den Parks und legte ein paar neue Parks an. Und – besonders auffällig – er verdoppelte die Blumenproduktion der Stadt. Kaum ein Grätzel, das Direktor Schiller nicht mit Blumenrabatten überzogen hat. „Das ist in Wien politischer Wille“, erklärt er. „Die Stadt ist sich bewusst, dass man mit der 42er nur gewinnen kann, dass die Menschen in der Großstadt Grün und Blumen besonders schätzen.“ So wie das Donauinselfest oder die Dauerpartys am Rathausplatz. Blumen, Brot und Spiele – das rote Wien weiß, womit es seine Bürger bei Laune hält. Und Schiller war es immer wichtig, dass nicht nur die Touristen und Innenstadtbewohner ihr kommunales Blumenmeer bekommen, sondern auch die Wiener am Stadtrand. Besonders stolz ist er deshalb auf Anlagen wie den Donaupark, in den Sechzigern auf einer Gstätten mit Mülldeponie drunter geschaffen. „Heute ist das eine Erholungsoase für die Menschen der Umgebung“, schwärmt Schiller beim Rundgang durch den Park. Nicht zu vergessen das charmante Gärtnerdenkmal für die südamerikanischen Freiheitskämpfer: Simon Bolivar hat hier etwa seine eigene Statue, einen Allende-Weg gibt’s auch. „Ein Che Guevara hätt mir hier auch gut gefallen“, meint Schiller.
  Als oberster Gärtner ist man ja weltoffen, kommt viel herum. Schiller hat unzählige Reisen unternommen, um sich anzuschauen, wie woanders gegärtnert wird. Hat neue Pflanzen importiert und daheim ausprobiert. In Kuba hat er sogar einen Wiener Park in Miniformat angelegt, sozusagen Kulturaustausch. Inklusive Johann-Strauß-Figur, drei Alt-Wiener Bankerln und historischen Gaslaternen mitten in Havanna. Seit damals hingen auch das Bild von Che Guevara und das Fidel-Castro-Poster hinterm Hofratsschreibtisch im Stadtgartenamt. „In Havanna gibt’s zwar unglaubliche 3500 Gärtner, aber mit welchen alten Wahnsinnsmaschinen die arbeiten müssen, das ist teilweise richtig gefährlich“, erzählt Schiller. Dem Obergärtner von Havanna hat er sicherheitshalber einen neuen Rasenmäher geschenkt.
  Daheim in Wien öffnete Schiller das Stadtgartenamt auch für die, die es am normalen Arbeitsmarkt schwer haben. Seit Helmut Zilk gilt dort, wer keine Kohle hat und hackeln will, kann zu den Stadtgärtnern kommen. Es gibt hier zum Beispiel traditionell Arbeitsplätze für Jugendliche mit Behinderung. Und Schiller erfand eine eigene Truppe, die alle Kinderspielplätze nach weggeworfenen Spritzen absucht – seine Gärtner arbeiteten dabei mit ehemaligen Suchtkranken zusammen, die wussten, wo sich die Szene trifft.

Dass er Gärtner werden will, war Schiller schon als Bub klar. Damals hat der Sohn eines Spenglers und einer Buchhalterin vom Alsergrund die Ferien am Land bei den Verwandten verbracht, Pflanzen gesammelt und in Bücher geklebt. In der Mittelschule sammelte er Kakteen. Nach seiner Lehrzeit bei der MA 42 absolvierte er die Höhere Bundeslehranstalt für Gartenbau in Schönbrunn. Und landete nach einem kurzen Intermezzo als Vertreter für Erdpresstöpfe („Tonnen von Torfmull, deprimierend“) im Vorbereitungsteam für die Wiener Internationale Gartenschau 1974. Der Gartenbauingenieur hantelte sich durch verschiedene Funktionen im Magistrat, bis ihn Bürgermeister Zilk 1985 in seinen Traumjob berief.
  Als 42er-Chef ist man gewissen Konventionen verpflichtet. Die vielen historischen Gartenanlagen verlangen korrekte Gartendenkmalpflege, erklärt Schiller. Etwas mehr Spielraum bleibt den Gärtnern in den neuen Anlagen. Doch gewisse Standards sind unumgänglich: Zwiebelblumen fürs Frühjahr, Primeln, Veilchen. Doch eigentlich mag es Schiller lieber unkonventionell. Heute noch schwärmt er von seinen Experimenten: wilde Wiesenstücke mit Naturpflanzen, oder wie er Mais und Getreide auf dem Schwarzenbergplatz wachsen ließ. Nur seine Idee, mitten in der Stadt ein ganzes Feld Mohn zu pflanzen („Waldviertler Graumohn, garantiert nicht berauschend“), kam im Rathaus leider nicht so gut an. Eine buntere Pflanzengesellschaft, ein bisschen mehr Natürlichkeit wäre schön, meint Schiller, eine echte Wiese toller als der obligate kurz geschnittene Parkrasen. Aber in der Stadt müsse die Natur eben normiert werden, praktisch zu reinigen sein. Wegen zu vieler Menschen und vor allem: zu vieler Hunde.
  Beim Thema Hund vergeht Schiller überhaupt die Laune. Alles vollscheißende Hunde, sind die natürlichen Feinde des Gärtners. „In den Parks gibt es extra Hundezonen, aber viele Besitzer pfeifen drauf, und die Wiener Hunde entleeren sich weiter am grünen Arbeitstisch. Eine Zumutung für die Gärtner.“ Und Paul Schiller erzählt eine Geschichte, die viel über das Wesen des Wieners und die Nöte des Gärtners sagt. Wie einer seiner Leute einmal am Ring sorgsam neuen Rollrasen auslegt – „und bevor das neue Gras richtig liegt, sitzt am anderen Ende schon der erste Köter oben und kackt“.


MAKING OF BLUMENMEER
Die Millionen-Blüten-Show


Ein Blumenmeer erstreckt sich unter dem Himmel aus Glas. In Reih und Glied stehen Töpfe, in denen Pelargonien in grellen Farben wachsen. Eine Gärtnerin zupft welke Blütenblätter von der Pflanze in ihrer Hand, schneidet Triebe zurück und stellt den Topf zurück zu den anderen. Fast 800 Töpfe gehen noch durch ihre Hände, denn Gärtnern ist Handarbeit. In den städtischen Blumengärten Hirschstetten im ganz großen Stil.
  Vor Jahrzehnten begann man im Stadtgartenamt erst ab Mai mit der Beblumung der Stadt. Mittlerweile blüht Wien schon auf, kaum ist der letzte Frost vorbei. Da gibt’s die ersten Frühlingsgrüße – in Form von 1,5 Millionen Tulpen, Narzissen und Co, deren Zwiebeln die Stadtgärtner bereits im Herbst ausgelegt haben. Dazu kommen noch mal 350.000 Frühjahrsblüher wie Primeln oder Stiefmütterchen, die den Winter über in den Blumengärten gezogen wurden. In der größten Gärtnerei Österreichs ist bereits der Sommer ausgebrochen. Österreichs Gartenbaubetriebe könnten Wiens Bedarf an Blumen wohl gar nicht decken. Deshalb und aus Kostengründen macht sich die Stadt ihre Blumen selbst.
  Ende April, Anfang Mai beginnt die Auslieferung der Sommerblumen. Zu 75 Prozent Pflanzen, die aus Samen gezogen wurden, den Rest haben die Blumengärtner aus Stecklingen vermehrt. Stolz sind die Blumenmacher am Stadtrand, dass sie chemische Pflanzenschutzmittel nur selten einsetzen. Stattdessen bekämpfen sie Schädlinge mit Nützlingen. Um Pilzbefall und -verbreitung zu verhindern, gibt es bei den Glashauseingängen Seuchenteppiche zum Schuheabputzen.
  Seit 1952 züchtet man auf dem Gelände am nordöstlichen Stadtrand Blumen, früher hieß der Nachschublieferant „Reservegarten“, mittlerweile nennt man das Ganze Blumengärten Hirschstätten. Zusammen mit einer kleinen Außenstelle in Essling verfügt das Stadtgartenamt über insgesamt 50.000 Quadratmeter Anbaufläche in Glashäusern und noch mal 6000 Quadratmeter unter sogenannten Folientunneln. Im Winter beheizt man diese mit Fernwärme; Licht, Luft und Wärme werden teilweise automatisch gesteuert. Für noch mehr Anbaufläche gibt es in den moderneren Glashäusern Rolltische, diese haben den Vorteil, die Wegflächen für die Gärtner gering zu halten. 48 solcher leicht beweglichen Arbeitstische passen in ein Glashaus, auf jedem Tisch haben 780 Pflanzen Platz.
  Bereits im Herbst haben die Bezirksgärtner ihre Sommerblumenwünsche nach Hirschstetten gemeldet. Menge und Art sind jedes Jahr ähnlich, es gibt aber auch Trends. Die Obergärtner sprechen von Ton-in-Ton-, Zweiklang- oder Dreiklangbeeten und Farbbildgestaltung (helle Blüten in dunkle Ecken, dunklere Gewächse für sehr sonnige Plätze). Der aktuelle Trend geht gar in Richtung Teppichbeet nach historischen Vorlagen, für das man allerdings einen Blick von oben braucht. Standorte sind auch wichtig für die Auswahl der Pflanzen: Beete in der Nähe von Kinderspiel- oder Bolzplätzen sehen anders aus als die im Alte-Leute-Park.
  Dann wird Saatgut eingekauft und es beginnt die Aussaat im großen Stil. Gerade mal vierzig Frauen und Männer arbeiten derzeit in Hirschstetten an der Produktion von 1,5 Millionen Sommerblumen, nur 17 gehören zum Stammpersonal. Blumen in rund hundert verschiedenen Gattungen produzieren sie. Stadtgartenblumen haben eine längere Kulturzeit als der Gartenschmuck, den man sich vom Baumarkt holt. Sie werden öfter pinziert, zurückgeschnitten, und bekommen dadurch mehr Triebe, werden robuster. Einen Monat vor der Auslieferung werden die Pflanzen „abgehärtet“ kühler gehalten, damit sie sich gut an die Außentemperaturen gewöhnen. Auch die Gießintervalle werden länger, das Leben als Stadtpflanze ist nun mal nicht ganz so gemütlich.
  Was in einem Blumenbeet im öffentlichen Raum oder auf einer Verkehrsinsel wächst, muss mehr aushalten als die blühende Verwandtschaft im Privatgärtlein. In einem eigenen Versuchsgarten probiert man deshalb auch neue Sorten aus. Jährlich unterziehen die Gärtner hundert bis 150 neue Sorten einem Tauglichkeitstest. Die Blühphase der Pflanzen sollte möglichst lang sein, die Ansprüche betreffend, Düngung und Wasser eher gering. Nur „die Härtesten unter der Sonne“ kommen durch und wandern ins Standardsortiment der Blumengärten, werden aufgezogen und kultiviert.
  Sind die Blumen groß genug und bereit fürs Abenteuer Stadtleben, kommen sie – je nach Größe – auf 24er-Tabletts, in Plastiktöpfen mit zwölf bis dreißig Zentimeter Durchmesser auf Paletten, und die Logistik des Auslieferns beginnt. Hundert Kleintransporter, dreißig Anhänger, 35 Lkws setzen sich in Bewegung und pendeln zwischen Bezirksgarten-Basisstationen, endgültigen Standorten und der Hirschstettner Blumenproduktion. Aber es blüht nicht nur in Wiens Beeten und Rabatten. Fast 4000 Blumenkisterln bepflanzen die Gärtner in Hirschstetten mit Pelargonien und ähnlichen Gewächsen. Davon sind schon fast 500 fürs Rathaus, der Rest für die diversen Amtshäuser und andere öffentliche Einrichtungen. Innerhalb von zwei bis drei Wochen sind alle Pflanzen ausgeliefert. Im Falle von Vandalismus oder Blumenfreunden, die sich bei städtischen Beeten selbst bedienen, muss man sich um die Blütenpracht nicht sorgen: Den ganzen Sommer über gibt es Nachschub aus den ehemaligen Reservegärten.
CHRISTOPHER WURMDOBLER

Blumengärten Hirschstetten, 22., Quadenstraße 15. Mitte Mai bis Mitte Oktober, Do–So 10–18 Uhr, Eintritt frei. Wer die 1,5 Millionen Sommerblumen noch einmal sehen möchte, bevor sie über ganz Wien verteilt werden, hat am 30. April und am 1. Mai, jeweils zwischen 10 und 17 Uhr, dazu Gelegenheit.

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April 2005 © FALTER
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