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BLAU/ORANGE Zwei Parteien, eine Ideologie? Die Unterschiede zwischen Jörg Haiders BZÖ und Heinz Christian Straches FPÖ sind nur mit der Lupe zu finden. EVA WEISSENBERGER und NINA WEISSENSTEINER

Falter 16   Originaltext aus Falter 16/05 vom 20.04.2005

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Für die Politik gilt: Wenn einer nicht mehr weiterweiß, gründet er einen Arbeitskreis. Jörg Haider muss nach gut einem Dutzend Wahlschlappen ziemlich verzweifelt gewesen sein. Er gründete gleich eine neue Partei. Vergangenen Sonntag wurde sein Bündnis Zukunft Österreich mit einem Konvent in Salzburg aus der Taufe gehoben.
  Ein paar Tage zuvor hatte sich die FPÖ oder das, was von ihr übrig blieb, bei einem Wiener Parteitag um den künftigen Obmann Heinz Christian Strache versammelt und verzweifelt um eine neue Linie gerungen.
  War das ganze Theater mit der Abspaltung wirklich notwendig? Worin unterscheiden sich nun die Orangen von den Blauen?

Feel-good-Faktor

Beim Gründungskonvent des BZÖ hat Jörg Haiders neuer alter Propagandist Gernot Rumpold ganze Arbeit geleistet. Die gläserne Flughafenhalle in Salzburg ist in ein sattes Orange getaucht: die Check-in-Schalter, die Gimmicks fürs Parteivolk, das sich bereitwillig die Bänder mit dem sinnigen Slogan „vielgut“ um den Hals hängt – die neue Farbe verfolgt einen sogar bis auf die Klos. Dort kommt orange Flüssigseife aus den Spendern. Beim Einzug des neuen alten Parteichefs wird nicht mehr der „Final Countdown“ eingezählt, stattdessen dröhnt der Gay-Klassiker „We Are Family“ aus den Boxen. Über den Köpfen der Delegierten schweben zwei muskulöse halb nackte Seilakrobaten, die ihre Leiber minutenlang zu seltsamen Posen verrenken.
  Wie man auftritt, hat sich der nächste FPÖ-Obmann, Heinz Christian Strache, von Haider abgeschaut: die Delegierten fünfzig Minuten warten lassen, dann, umringt von Fotografen, flott einmarschieren, Hände in die Höhe reißen, grinsen. Auch beim Parteitag der Wiener FPÖ ertönt nicht mehr der alte Hit von Europe, sondern eine HC-Hymne. Diese Fanfare hat Hans Weixelbaum für Strache nachkomponieren lassen. Der Werbeleiter ging nicht nur beim großen Vorbild in die Lehre, er schaut auch aus wie ein Klon von Gernot Rumpold. Nur beim Veranstaltungsort hat er danebengegriffen: Der niedrige, braun getäfelte Saal im Austria Center würde besser zur Gewerkschaft Bau/Holz passen.

Führer-Kult

Selbst mit seiner neuen „Bewegung“ füllt der Bärentaler keine Säle mehr. Im Terminal standen im hinteren Drittel fast alle Sessel leer. In den vorderen Reihen drängten sich zwar die Funktionäre, doch wer einmal Platz genommen hatte, hob seinen Hintern nicht mehr: Die Standing Ovations während Jörg Haiders neunzigminütiger Predigt ließen sich an einer Hand abzählen. Dennoch gilt: Jene, die sich das Spektakel vom „rot-schwarzen Filz“, der lahmen Opposition oder den „roten und grünen Redakteuren“ im ORF noch immer geben, stehen nach wie vor bedingunglos loyal zum Oberkärntner. Von 564 Delegierten stimmten am Sonntag 563 für ihn als BZÖ-Chef. Ein Einziger enthielt sich der Stimme.
  Heinz Christian Strache wird erst am Wochenende zum FPÖ-Obmann gekürt, mangels herzeigbarer Alternativen wird sich das Ergebnis wohl auch sehen lassen können. Orange Abweichler flogen ohnehin rechtzeitig aus der Partei. Beim Wiener Parteitag wurde schon einmal für den großen Tag geübt: Viermal standen die Delegierten für Strache auf, seine Stellvertreterin Monika Matiasek gab ihm auf der Bühne ein Bussi, und ein alternder Fan bat um ein gemeinsames Foto mit dem jungen Möchtegern-Star.

Trachten-Dichte

Zwei Veranstaltungen, eine Funktionärsschicht: Viele Männer in dunklen Hosen und nicht dazupassenden Sakkos, gerne auch kleinkariert. Die Trachtendichte hat eindeutig abgenommen, die wenigen Frauen haben sich dafür in mehr oder weniger flotte Kostüme geschmissen. In Wien sind etwas mehr Schmisse in den Gesichtern zu sehen, dafür tummeln sich in Salzburg hauptsächlich Kärntner Urgesteine. Sein Publikum kann man sich eben nicht aussuchen: In der Raucherecke stehen drei Skinheads herum – ausgerechnet bei den ach so ideologielosen Orangen in Salzburg.
  Laut Umfragen hat das BZÖ bei den Wählern die Nase vorn. Doch Haiders Partei kommt derzeit auch nur auf fünf bis sechs Prozent, ein Wert, bei dem die FPÖ 1986 herumdümpelte, als er sich beim Innsbrucker Parteitag zu ihrem Führer aufschwang. Dank der treuen Kärntner, die ihren Landeshauptmann bei der letzten Landtagswahl wieder mit 42 Prozent ausstatteten, hat das BZÖ bei der nächsten Nationalratswahl aber Chancen auf Grundmandat in der südlichen Provinz ein – und somit wäre der Einzug ins Parlament gesichert. Straches FPÖ hingegen muss sich einiges einfallen lassen, will sie wieder in den Nationalrat kommen, sie liegt momentan unter der 4-Prozent-Hürde.

Ideologie-Index

Der Unterschied zwischen dem BZÖ und der FPÖ? Nun, sagte der orange Hubert Gorbach in der „ZiB“, das BZÖ mache Politik „auf der Grundlage von Werten“, die FPÖ hingegen „auf der Grundlage von Ideologien“. Und Ideologien seien halt von gestern. Gorbach musste aber zugeben, dass im Endeffekt dasselbe herauskommen wird, die zwei Parteien sich „von den Inhalten her“ also kaum unterscheiden.
  Haider wie Strache beschwören beide das Kindergeld als Errungenschaft von Schwarz-Blau – und wollen den Familien noch mehr Geld zustecken. Haider wie Strache fordern ein „soziales Netz“ statt einer „Hängematte“. Haider wie Strache reden ständig vom „Mittelstand“ und den „Klein- und Mittelbetrieben“ – wobei Strache weiterhin auch die „kleinen Leit“ anspricht, Haider mit der Flat Tax, die er wieder einmal aufwärmt, eher den Reicheren ein Steuergeschenk machen will. Vor der Weltwirtschaft fürchten sich beide, nur nennt sie Strache „Industrie und Großkonzerne“, Haider – seit auch Hans Peter Martin nach Modernisierungsverlierern fischt – „Globalisierung“. Graduelle Unterschiede lassen sich beim Thema Sicherheit ausmachen: Strache kombiniert die Worte „Asyl“, „Drogen“, „Kriminalität“, und „Schutz“ nach wie vor gerne zu immer neuen Satzkonstruktionen, Haider setzt derzeit ganz auf „Stabilität“. Ihre ideologischen Wurzeln konnten die Orangen am Ende dann doch nicht ganz ausreißen: In der Präambel zum neuen Miniparteiprogramm beruft sich das BZÖ auf die Revolution von 1848 – der blaue EU-Abgeordnete und frühere Parteiideologe Andreas Mölzer hätte seine Freude.

Brüssel-Bonus

Die alte FPÖ findet die Europäische Union gut, solange „sie sich dem Hegemonialstreben der USA widersetzt“ und die Türkei nicht aufnimmt. Sonst sehen die Freiheitlichen in Europa vor allem eine „bürokratische, unsoziale und undemokratische Realität“. Auch Haiders Truppe verteufelte früher den Beamtenapparat der EU und drohte ständig, das eine oder andere mittels Veto zu blockieren. Doch seit Sonntag ist alles anders: Da bezeichnet Vizekanzler Hubert Gorbach, nun geschäftsführender Obmann des BZÖ, das Land plötzlich als „Herz der europäischen Wertegemeinschaft“, legt ein Bekenntnis zur „Erweiterung und Vertiefung“ der Union ab und klingt dabei fast schon wie der Bundeskanzler höchstpersönlich. Eine Extrawurst für Österreich will das BZÖ dennoch braten: Gorbach spricht sich für eine Art Avantgardegruppe innerhalb der EU aus, der man als reiches Mitglied selbstverständlich angehören solle – davon träumte Wolfgang Schüssel schon vor zwei Jahren.

Xeno-Meter

Die Blauen haben einen neuen, gelben Ansteckbutton: „Wien zuerst!“ Der erinnert nicht zufällig an das Anti-Ausländer-Volksbegehren von 1993. Strache bleibt der alten FPÖ-Linie treu: Ausweispflicht für Ausländer, kein Familiennachzug, strengere Deutschtests für Zuwanderer – wer durchfällt, verliert genauso wie jeder zu einer Haftstrafe verurteilte Migrant seine Aufenthaltsberechtigung. Die dann illegal in Österreich lebenden Menschen sollen per Planquadrat aufgespürt werden. Und dann fordert Strache natürlich auch eine Verschärfung des Asylrechts, denn, so steht es im Entwurf für sein Wahlprogramm für Wien: „Vor allem Personen aus Schwarzafrika kommen organisiert nach Wien, um im Status eines Asylwerbers dem Drogenhandel und der Prostitution nachgehen zu können.“
  Sein oranger Konterpart tut sich mit neuen Law-&-Order-Forderungen schon schwerer, schließlich handelte seine Justizministerin Karin Miklautsch das neue Asylrecht mit der ÖVP aus. Aber auch als Oranger tobt Haider über „zehntausend illegale Asylanten“ und Abschiebungen, die „pro Fall über 11.000 Euro“ verschlingen. Er verlangt einen Stopp des Missbrauchs, und die Fremden sollen sich gefälligst „der Kultur des Gastlandes verpflichtet fühlen“.

Nazo-Meter

Mit seinem Geschichtsbild sorgte Haider immer wieder für Aufregung. Seine diversen Sprüche, die er als FPÖ-Chef vom Stapel ließ, durften in Summe – laut einem Urteil des Oberlandesgerichts Wien – als Verharmlosung des Nationalsozialismus bezeichnet werden. Und sogar ein Gorbach verteidigte noch vor einem Jahr das „Gedankengut“ des blauen Jungspunds Johann Gudenus, der damals die „voll einsetzende Umvolkung“ verhindern wollte, als „tadellos“. Beim BZÖ-Konvent schlug Klubchef Herbert Scheibner ganz neue Töne an: „Wir lehnen es ab“, rief er: „Jede Art von antidemokratischem Denken, jede Art von Unterstützung von totalitärem Denken, von Antisemitismus! Wir bekennen uns dazu, die Lehren aus der Geschichte zu ziehen!“ Das Deutschtümler-Image wollen die Orangen nun ihren ehemaligen blauen Weggefährten umhängen. Die blieben am Landesparteitag auch prompt dem alten Liedgut treu: Strache & Co schmetterten beim Gedenken an verstorbene Parteifreunde das alte Kriegslied „Ich hatt einen Kameraden“.

Scheidungs-Komplex

Haider heulte verlorenen Freunden noch nie lange nach. Nun will er eine öffentliche Schlacht vermeiden. „Wir sollten nicht einen einzigen Stein aufheben und zurückwerfen!“, beschwört er seine Anhänger. Wer trotzdem traurig war, wurde mit esoterischen Sprücherln getröstet. Die FPÖ-Haudegen hätten „negative Energie“ versprüht, jetzt gehe es um die „Sammlung positiver Kräfte“.
  Ganz anders beim verlassenen Partner FPÖ: Heinz Christian Strache lässt seine Stimme weinerlich zittern, wenn er von ihm spricht, von seinem „politischen Vater“, der nicht nur „seine Familie verlässt“, sondern sich dann auch noch „ins Auto setzt und das Familiensilber wegführt“. Hilmar Kabas, durch die Parteispaltung zwischendurch zum Obmann aufgestiegen, schrammt wirklich nur knapp am Herzinfarkt vorbei. „Auch das LIF hat Mandate gefladert!“, schreit er, „aber da waren ja die noch Ehrenmänner! Gegen das, was jetzt, was jetzt ...!“ – Kabas keucht, ringt nach Worten und fuchtelt mit den Händen, dass man Angst bekommt, er falle jeden Moment vornüber von der Tribüne: „Da sag ich nur: Pfui! Die sollen sich alle miteinander schämen!“

INSZENIERUNGEN
Brillanter Schmäh


Jetzt wird es ernst. Seit Jörg Haider als BZÖ-Chef auftritt, trägt er in der Öffentlichkeit eine Brille. Ein filigranes Modell in Silber, rahmenlos wie eine Lesebrille. Je größer das Chaos, desto seriöser der Sehbehelf?
  „Haider unterstützt seine Neupositionierung mit einem neuen Styling“, sagt der Politikberater Manfred Scheucher: „Ein Hooligan trägt halt keine Brille.“ Der Kärntner Landeshauptmann hat sich das von echten Staatsmännern abgeschaut. Bill Clinton ließ sich nächtens im Oval Office ablichten. Die Message: Während das ganze Land schläft, wacht der Präsident mit goldener Lesebrille über die USA. Der deutsche Kanzler Gerd Schröder, sonst oft eitel oben ohne unterwegs, griff nach der Tsunami-Katastrophe und am sechzigsten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ins Etui, um dem Ernst der Lage gerecht zu werden.
  Auch Bruno Kreisky spielte schon mit seinen Augengläsern. Beim Fernsehduell in den Siebzigern machte er Josef Taus wahnsinnig: Brille auf, Brille ab. Bei jedem Angriff deutete der rote Kanzler mit dem dicken Bügel seiner Hornbrille auf den ÖVP-Obmann: „Sie, Herr Doktor Taus ...!“ Als es Taus wagte, mit dem Finger auf Kreisky zu zeigen, fauchte ihn dieser an: „Lassen Sie das!“ Gerd Bacher, als er gerade einmal nicht ORF-Chef war, exportierte den Brillenschmäh Anfang der Achtziger nach Deutschland. Er riet dem Oppositionspolitiker Helmut Kohl, sein konservatives Image damit zu verstärken – 1982 wurde er Kanzler.
  Apparatischks verpassen sich hingegen gerne bunte Brillen, um flotter rüberzukommen. Besonders modern war das zu Zeiten der großen Koalition. Wolfgang Schüssel, damals Wirtschaftsminister, oder Hannes Swoboda, Planungsstadtrat, setzten sich riesige rote Plastikgestelle auf die Nase. Devise: Je öder das Ressort, desto flippiger die Brille. Heute trägt Schüssel längst das Modell Staatsmann.

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April 2005 © FALTER
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