Zum Archiv
Geisterfahrer unterwegs
PRATER Noch ein Jubiläum: Seit fünfzig Jahren gibt es das Geisterschloss im Prater, Chefin Alice Kolnhofer führt den Familienbetrieb in der dritten Generation, und auch wenn das Gruseln ein wenig von gestern ist, ist es gut, dass es so was noch gibt. CHRISTOPHER WURMDOBLER (Text) und HERIBERT CORN (Fotos)

Falter 16   Originaltext aus Falter 16/05 vom 20.04.2005

  Diese Ausgabe des Falter bestellen

  Informationen über ein Falter-Abonnement

Spitze Schreie aus dem Lautsprecher, Burgmauern aus Pappmaché, Zinnen aus Holz und Gespenster aus Fiberglas: Von außen macht das Geisterschloss im Prater einiges her. „Das ist wie in einem Restaurant“, erklärt Alice Kolnhofer, „da muss es auch gut riechen, damit die Leute Lust bekommen. Wo ein Wirbel ist, kommt ein Wirbel dazu.“ Kolnhofer kennt das Geschäft mit der Angst, ihr gehört schließlich die Geisterbahn. Bereits in der dritten Generation führt sie den Familienbetrieb, den ihr Großvater 1955 eröffnete. Seit fünfzig Jahren hat man dort kaum etwas verändert und bietet ein äußerst anachronistisches Freizeitvergnügen.
  Sieben Wagerln, unbeholfen konstruierte Zweisitzer mit Elektroantrieb, transportieren die Fahrgäste auf Schienen durch die zweistöckige Anlage. Es riecht stickig im finsteren Holzbau, ungelüftet, nach Holz und Lack. Genau: Es riecht nach damals. Vorbei geht die gemütliche Fahrt an Knochenmännern und Gespenstern. Ein Zappelmonster und ein Weißer Hai hier, ein blutspuckendes Ungeheuer dort, Blitzlichter sind da schon Spezialeffekt. Wirklich fies sind nur die Fäden, die einem im Stockdunkeln übers Gesicht streifen. Und dann reflektiert ein Spiegel die Geisterbahnpassagiere selbst – der reinste Horrortrip.
  Prominente Gäste wie 007-Darsteller Timothy Dalton plus Bond-Girl, diverse Herrln von Kommissar Rex oder die Kaisermühlen-Blues-Bande haben die gemache Gruselreise bereits hinter sich, das belegen Erinnerungsfotos beim Eingang. Die Fahrt ist für manche Kinder eine Mutprobe (zumindest solange sie noch nicht Harry-Potter-Filme gesehen haben), für andere eine Hetz, Erwachsene erinnern sich an ihre Kindertage (und die Angst, die man hatte bei der Fahrt ins Ungewisse) – in einer Zeit, in der ungestörte Zweisamkeit noch Luxus war, barg die Geisterbahnfahrt womöglich noch den Vorteil, ein paar Minuten mit dem oder der Liebsten im Finstern zu schmusen.
  Seit Kolnhofer 1981 den Familienbetrieb – neben der Geisterbahn gehören zum Unternehmen noch eine Halle mit dem Karussell „Extasy“ für die Jugend und das Kleinkindervergnügen „HipHop“ – von ihrem Onkel übernommen hat, lebt sie als Schaustellerin mitten im und für den Rummel. Ihre Privatwohnung befindet sich gleich vis-à-vis, hier sind ihre beiden mittlerweile erwachsenen Töchter aufgewachsen.
  1947 haben Alice Kolnhofers Großvater und ihr Onkel eigenhändig mit Ziegelsteinen die Halle nebenan gemauert. Vor dem „Extasy“ war hier bereits eine „Raketenbahn“ und später das „Palastautodrom“ untergebracht. 1955 errichtete man den Holzbau für das Geisterschloss, das ursprünglich eine „Geistermühle“ war (mit Windmühlflügeln!), bastelte den mechanischen Spuk, Wagerln und Schienensystem im engen Inneren. Experten für die Spezialeffekte hatte man damals keine, weiß Kolnhofer. „Alle haben mitgeholfen, ein jeder hat ja damals Hunger gehabt.“ Ihr Großvater war gelernter Fleischhauer.
  Schon als Kind liebte es die 51-Jährige, im großväterlichen Betrieb die Leute zu beobachten. Stundenlang saß sie damals im Kassahäuschen. Noch heute schätzt sie den direkten Kontakt zum Publikum, auch wenn sich die Chefin nur noch manchmal hinter die Kassa setzt, wenn einer der Angestellten ausfällt. Lieber ist sie unterwegs zwischen den Betrieben, hält alles unter Kontrolle. Ein normaler Büroalltag von neun bis fünf kann sich Kolnhofer nicht vorstellen: „Der Prater, das ist ein Fulltimejob.“
  Noch steht das Geisterschloss nicht unter Denkmalschutz, die Fassade mit ihren beweglichen Figuren, dem „sprechenden“ Gorilla oder dem Skelett, das auf seinen Knochenarmen Teufel balanciert, ist für die Stadt immerhin „erhaltenswürdig“. Die Gruselgrotte im Eingangsbereich, dem sogenannten Bahnhof, wo die sieben Wagerln zur Fahrt bereitstehen, baut ein Bühnenbildner zurzeit originalgetreu nach, der Altstadterhaltungsfond gibt dafür Geld.

Momentan ist die Grotte noch von einem Bauzaun verdeckt, doch ab Mai sollen hier Hexen vor ihren Kochtöpfen, Gespenster oder der berühmte Sensenmann, der einem Skelett hinterherrennt, junge Besucher wieder das Fürchten lehren. Schön schaurig, genau wie vor fünfzig Jahren. Seit 18 Jahren ist der riesige mechanische Gorilla hinter Gittern – intern „der Aff“ genannt – das Maskottchen des Kolnhofer’schen Pratervergnügens. In die Schlagzeilen kam das Viech, weil böse Menschen mehrmals Brandanschläge auf ihn verübten.
  Obwohl regelmäßig neue Schauerattraktionen dazukommen und Spezialisten Horror nach Maß für die Bahn liefern, blieb das Geisterschloss technisch fast unverändert. Alle Figuren reagieren auf einfache Seilzugbewegungen. Ausgelöst werden sie, wenn die klapprigen Wagerln mit Elektromotor Schranken aus Metall berühren.
  2,50 Euro kostet die Fahrt, Kinder zahlen 1,80 Euro. Der beschauliche Schauer zum Klingeltonpreis ist nicht gerade ein günstiges Vergnügen. Immerhin versichert die Chefin, als einziges Praterunternehmen seit der Euro-Umstellung billiger geworden zu sein: „Ich hoff die Leut goutieren das!“ Das Geschäft werde auf keinen Fall einfacher, meint Kolnhofer, es sei abhängig vom Wetter, von der Saison und von der Unterhaltungslust der Besucher. An manchen Tagen reisen gerade einmal dreißig Leute mit der Geisterbahn, dann wieder sind es ein paar Hundert. Ausgaben für Strom oder Gehälter blieben jedoch gleich hoch. Sicher könnte sie auf dem Platz auch wildere Attraktionen unterbringen, eine schnelle Hochschaubahn zum Beispiel, doch die Geisterschlossherrin ist davon überzeugt, dass der Prater auch Klassiker wie ihren brauche.
  Im Obergeschoß der Geisterbahn gab es früher noch Angestellte, die im Affenkostüm die Fahrgäste erschreckten. Der menschliche Spuk wurde aber irgendwann behördlich unterbunden, witzelt die Chefin: „Die Leute hätten sich ja womöglich schrecken können.“ Halbstarke machten einst die Geisterbahnfahrt zur Mutprobe, indem sie verbotenerweise die Wägen verließen, in dem Holzbau umherspazierten und andere Passagiere, vor allem die weiblichen, persönlich schreckten.
  Heute hält sich das Gruseln in Grenzen. Eine deutsche Firma hat die Tonanlage geliefert, die akustisch auf die in die Jahre gekommene Praterattraktion aufmerksam machen soll. Regelmäßig gibt es neue Soundchips, auf denen schrille Schreie und verzerrte Horrorfilmstimmen Werbung für das Geisterschloss machen. „Huhhhhh, hier wartet der Tod!“, ruft die Geisterbahnstimme aus dem Lautsprecher.
  Zur Zukunft des Wurstelpraters und zu den Ideen des französischen Praterplaners Emmanuel Mongon (siehe unten) hat sich Geisterbahnfrau Kolnhofer ihre Gedanken gemacht: „Der Prater ist kein Themenpark, sondern eine Freizeitoase“, sagt sie. „Die Leute sollen sich wohl fühlen. Disneyland, das sind nicht wir.“ Ob ihre Töchter einmal den Familienbetrieb übernehmen, steht noch in den Sternen, nicht nur, weil die sich als Kinder im Geisterschloss gefürchtet haben. Aber die nächste Generation steht schon in den Startlöchern: Ihr Enkel, erst sieben Jahre alt, liebe bereits die Geisterfahrt, erzählt Kolnhofer.
  Am Ende der Fahrt, wenn das Zweisitzerl die Türen ins Freie wieder aufschubst, gibt’s noch eine Extraüberraschung: Dann nämlich fuchtelt der diensthabende Angestellte den Fahrgästen mit einer Gummimaske vorm Gesicht herum. Kein ungefährlicher Job. Es kam angeblich schon vor, dass ältere Damen aus Notwehr dem Geisterbahnmann mit der Handtasche eins überzogen. Und spätestens da wird’s wirklich gruselig.

PRATERplanung
Monsieur Mongon & die Fragezeichen


Hauptsache es gibt seit kurzem neue Häuseln. Ganz zu schweigen von einem kleinen, historisch gestalteten Stück der Straße-des-Ersten-Mai, zwei Infoständen, zwei Securitymenschen und einem bunten Folder, in dem alle Praterbetriebe präsentiert werden. Aber jetzt nur nicht ungerecht sein – seit der französische Themenparkspezialist Emmanuel Mongon vor zwei Jahren von SPÖ-Vizebürgermeisterin Grete Laska zum Pratermasterplaner ernannt wurde, ist schon so was wie Bewegung in den alten Vergnügungspark gekommen. Und Unruhe. „Im Prater gärt es, da gibt es große Ängste“, erzählt ein Rathausbeamter. Mittlerweile hätten die meisten der achzig Unternehmer ein Problem mit dem Mann aus Paris – sie fühlen sich zu wenig eingeweiht in die großen Pläne Mongons.
  An seinem Job, den heruntergekommenen Wurstelprater mit dem Schmuddelimage umzugestalten und das Geschäft anzukurbeln, sind vor Mongon schon diverse Praterplaner gescheitert. Nach jahrzehntelangem Hickhack zwischen den Praterunternehmern, die mehr verdienen wollen, und der Stadt, die einen attraktiven Freizeitpark will, bekam der Mann mit dem Faible für historische Anlagen den Auftrag, sein Projekt „Prater Renaissance“ umzusetzen. Er hat dabei drei Jahre Zeit, um den Wurstelprater so hinzubringen, dass sich die Stadt 2008 bei der Fußball-EM nicht damit blamiert. Mongons sattes Honorar für den mühsamen Job: 1,5 Millionen Euro.
  Dafür hat er vor einem Jahr seine ersten Masterplanideen präsentiert: viel Freizeittheorie, Statistik, ein paar konkrete Ideen – und viele Fragezeichen. Monsieur Mongon setzt auf Geheimniskrämerei, lieber keinen renitenten Praterunternehmer mit hochfliegenden Plänen verschrecken. In der Freizeitbranche werde erst über Attraktionen gesprochen, wenn diese eröffnet werden, argumentiert Mongon. Nur im Falter-Interview (Ausgabe 19/04) hat er angedeutet, wie er sich den schönen neuen Prater theoretisch vorstellt: „Das typisch Wienerische soll front stage zu sehen sein, hinter der Kulisse sollen die Geschäfte technisch modern aufgerüstet werden.“
  Einzelne Veränderungen kann man nach zwei Jahren Mongon zumindest bemerken: Der neue Wettpalast am Rande des Areals macht auf Mini-Las-Vegas und bringt der Stadt fette Steuereinnahmen. Der Prater ist seit kurzem autofreie Zone, die neugegründete Stadt Wien Marketing und Prater Service-Gesellschaft kümmert sich nun im Auftrag der Stadt um die Verwaltung. Mit einem Budget von 2,4 Millionen Euro muss die gesamte Infrastruktur finanziert werden, die Stadt steckt auch die 500.000 Euro aus den Pachteinnahmen der Unternehmer in den maroden Vergnügungspark. Wie weit die Pläne zur Praterrenaissance allerdings umgesetzt werden, ist fraglich: Für Mongons Vision eines neuen Riesenradplatzes als Zentrum, samt historisierender Architektur und Wasserrutsche, müssten einige Attraktionen weichen. Auch mit seiner Forderung nach neuen Parkplätzen kommt der Masterplaner im Rathaus nicht durch; wahrscheinlich kriegt er gerade ein Parkhaus bewilligt.
  Also doch wieder nur kosmetische Änderungen im Prater? Mongons Masterplan ist kein einfacher bunter Plan, da fällt das Nachvollziehen schwer. „Masterplanung und Umsetzung greifen permanent ineinander, das ist ein Prozess, den man nicht festschreiben kann“, erklärt die Sprecherin von Vizebürgermeisterin Laska. Der oberste Praterplaner steckt dabei in einer komischen Rolle: Einerseits müssen ihn die Unternehmer zu jeder Veränderung um sein Okay fragen, andererseits kann er sie rein rechtlich zu nichts zwingen und ihre alten Pachtverträge mit der Stadt nicht auflösen.
  Und dann wäre noch die leidige Frage, wer die Investitionen in den Prater zahlen soll. Weil die Stadt mit lächerlichen zwei Euro Pacht pro Quadratmeter viel zu wenig einnimmt, hat Mongon angeregt, die Miete bei neuen Verträgen nicht nach Fläche, sondern nach Umsatz zu berechnen. Derzeit denkt man über eine 15-prozentige Umsatzbeteiligung nach.
  Hinter den Kulissen des Kleinkriegs geht eine wesentliche Zukunftsfrage für den Prater allerdings unter: Was soll mit den ehemaligen, freien Messeflächen neben dem Park passieren? In jedem Praterkonzept wurde ein Teil dieser neun Hektar als zusätzliche Fläche für den Wurstelprater miteingeplant – moderne Attraktionen, ein Hotel und Restaurants sollen dort den alten Vergnügungspark ergänzen. Derzeit matchen sich das Finanzressort und Laska um die Flächen – die Finanzer wollen das Ganze lieber verkaufen. „Wenn nichts vom alten Messegelände zum Prater dazukommt, wird die Aufwertung dort minimal bleiben, sich auf neue Mistkübeln und Bodenbeläge beschränken“, meint ein Planungsbeamter. Und dann hätte Monsieur Mongon genau dasselbe Schlamassel, an dem sich schon seine Vorgänger die Zähne ausgebissen haben: kein Geld, kein neues Land, zu viele einbetonierte Verträge.
JULIA ORTNER

Zum Archiv

nach oben
April 2005 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at