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| Kellerderby |
| BLAU-ORANGE Abrechnungen, Beschimpfungen und Polizeieinsätze: Das BZÖ und die Rest-FPÖ ringen ums Überleben. Wer sind die Darsteller der vielen kleinen Scheidungsdramen? Und was treibt sie an? GERALD JOHN |
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| Dagmar Belakowitsch-Jenewein hat Nudelsalat gemacht. Einen riesigen Bottich, den sie nur mit beiden Händen tragen kann. Die junge Frau lässt ihre Handtasche im Wagen, schleppt die Schüssel nach oben und küsst ihre Freunde auf der Party. Drei Minuten später steht sie wieder vor ihrem Auto. Unter dem Türgriff klafft ein Loch. Ein Schlossstich, wie die Polizei sagt. Die Tasche ist weg und damit alle Ausweise. Gestohlen am helllichten Tag, am verschlafenen Alsergrund. Jetzt reicht’s, denkt sich Belakowitsch-Jenewein: Jetzt geh ich zur FPÖ. Jörg Haiders Partei hat Belakowitsch-Jenewein damals, Anfang der Neunziger, schon länger gefallen. Jung, dynamisch, irgendwie anders kommen ihr die Freiheitlichen vor, und auch das Volksbegehren Österreich zuerst spricht den Twen an. Mit dieser Kampagne machen die Blauen gegen Ausländer Stimmung. Der Volkestod sei nahezu vorprogrammiert, schreibt eine Parteizeitung. Haider teilt die Fremden nach Delikten ein: Wir haben die Polen, die sich auf Autodiebstahl organisiert konzentrieren. Wir haben die Bürger aus dem ehemaligen Jugoslawien, die bei Wohnungseinbrüchen Experten sind. Bei Belakowitsch-Jenewein trifft er damit einen Nerv. Ich habe viele Verwandte im Waldviertel, erzählt sie. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden dort ständig Autos aufgebrochen. Heute, zwölf Jahre danach, applaudiert Belakowitsch-Jenewein wieder einem jungen, dynamischen Tribun. Der verlangt einen Einwanderungsstopp und motzt über die EU, doch er heißt nicht Jörg Haider. Der Übervater hat sich davongemacht, seine neue Familie ist das BZÖ. Ein Teil der Scheidungskinder wählte sich beim FPÖ-Parteitag am Samstag einen neuen Papa, den Wiener Heinz Christian Strache. Der Rest folgte Jörg Haider. Einvernehmlich ist die Trennung nicht. In den Ortsgruppen spielen sich kleine Dramen ab. In Oberösterreich rückte sogar mehrmals die Polizei aus, um zwischen den verfeindeten Brüdern zu schlichten. Die Gemeinderätin Heike Trammer hat dem Strache bis vor kurzem noch wie ein Schnäuztüchl aus dem Hosensack geschaut, jetzt ist sie beim BZÖ. Das ist menschlich tief, schimpft Toni Mahdalik. Es sind jene gegangen, die das nächste Mal eh kein Mandat bekommen hätten. Zwei waren es in der Donaustadt, wo Mahdalik den Klubobmann der FPÖ gibt. Der eine Abtrünnige führt jetzt das BZÖ in der Bezirksvertretung an, womit ihm ein schöneres Gerschtl zusteht. Der andere hat mir erzählt, dass ihm das BZÖ ein berufliches Angebot gemacht hat, behauptet Mahdalik. Trotz der Verluste hält der 38-Jährige in der nordöstlichen Peripherie von Wien, zwischen geduckten Häuschen und weiten Feldern, tapfer die Stellung. Im Queen Essling lädt Mahdalik – Jeans, blaues Sakko, flotte Frisur – die verbliebenen Getreuen zum Stammtisch. Draußen donnert ein Lastwagen nach dem anderen vorbei, dafür gibt es jenseits der Donau relativ wenige Ausländer, in Essling sowieso. Trotzdem sagt Mahdalik: Die Leut fühlen sich bedrängt. Nur die FPÖ spreche das offen an, deshalb hält er ihr auch die Treue. Mahdalik ist eine verlässliche Kraft für einen Abstiegskampf. In den Neunzigern rackert er als Mittelfeldspieler bei der Vienna und dem Sportclub. Der Routinier Andreas Reisinger schlägt zwar die präziseren Pässe, das Nachwuchstalent Roman Mählich die engeren Haken. Das Publikum jubelt aber auch Mahdalik zu. Weil ich neunzig Minuten wie ein Waglhund gerannt bin. Für die ganz große Karriere lebt der drahtige Bursche ein bissl zu locker. Also sucht er sich neben dem Kicken einen Job bei der Pensionsversicherungsanstalt. So richtig fasst er aber nicht Fuß. Als ihn eines Tages ein Betriebsrat anspricht, glaubt er zu wissen, warum: Es ist Pflicht, dass du der Gewerkschaft beitrittst. Und am besten gehst du auch gleich zur SPÖ. Mahdalik sträubt sich. Besser als die roten Apparatschiks gefällt ihm der flotte, fesche Kerl, der in ganz Wien von schicken Schwarz-Weiß-Plakaten lächelt. Unter dem Foto steht: Dieser Mann ist den Mächtigen im Weg. Sein knapp dreißigjähriger Bewunderer heuert bei der Wiener FPÖ an. Erstmals spielt Toni Mahdalik um die Meisterschaft. Im Sog Haiders mischen die unverbrauchten Blauen die saturierten Sozis auf und pfeifen auf die Political Correctness. Das gefällt nicht nur Mahdalik, sondern auch vielen Wählern. 1996 klettert die FPÖ in Wien auf fast 28 Prozent. Ein paar Anrufe haben genügt, erinnert sich Josef Wagner, und schon hatten wir genug Aktivisten zusammen, um das ganze Viertel mit Flugblättern zuzupflastern. Dabei wirkt Wagner gar nicht wie ein Agitator. Der Veteran hat einst den liberaleren FPÖ-Chef Norbert Steger gegen den nationalen Emporkömmling Haider verteidigt, ehe auch er den Verlockungen des Erfolgs erlag und auf den neuen Rechtskurs einschwenkte. Im Nachhinein war ich über den Wechsel nicht unglücklich, sagt der Leopoldstädter. Kein Wunder – in Hacklerhochburgen wie dem Zweiten räumten selbst FPler, die nicht geborene Großmäuler sind, im großen Stil ab. Während sich die jahrzehntelang dominanten Sozialdemokraten auf den Straßen rar machten, luden die Blauen Anrainer zu Bürgerstammtischen, wo diese ihre Herzen über Ausländer und Huren ausschütteten. Die Roten haben es uns leicht gemacht, erzählt Wagner. Gegen den Straßenstrich haben sie nichts anderes getan, als ein paar Mal die Einbahnen umzudrehen. Heute fühlt sich Wagner überrollt. Nicht nur von der SPÖ, die mittlerweile wieder auf Vordermann ist. Wir müssen damit rechnen, dass uns die Grünen in der Leopoldstadt überholen, befürchtet der FPÖler. Die planen das von langer Hand – indem sie das Karmeliterviertel renovieren und für ihre Klientel attraktiv machen. Wie das die Grünen, die ja eine Partei und keine Immobilienkanzlei sind, schaffen? Wagner: Die haben genug Einfluss, das wissen Sie besser als ich. Katharina Pawkowicz würde auf den Karmelitermarkt passen. Sie sieht aus, als ob sie beim Falter arbeitet, verspricht der FPÖ-Pressesprecher, der ihre Nummer weitergibt. Ganz Unrecht hat er nicht. Die 25-Jährige trägt eine freche Stehfrisur, Puma-Schuhe und eine Amihose. Du schaust ja aus wie eine Alternative, häkeln Parteikollegen Pawkowicz manchmal. Das Outfit täuscht. Pawkowicz ist überzeugte Blaue. Das ist mir in die Wiege gelegt, sagt sie. Katharina ist die Tochter des langjährigen Parteichefs Rainer Pawkowicz: Ich war ein Papakind, seine kleine Prinzessin. Für den Aufstieg der Wiener Freiheitlichen konnte der Vater eher wenig. Pawkowicz verdingte sich als einer von zwei blauen Abgeordneten im Rathaus, ehe Haider für den notwendigen Schub sorgte. Der mittlerweile verstorbene Nationalliberale (Eigendefinition) machte einerseits problemlos bei der üblichen Propaganda mit, indem er Sätze verbreitete wie: Ich bin für Familienzusammenführung, indem man den Mann nach Hause schickt. Auf der anderen Seite lobten ihn aber auch Zeitgenossen gegnerischer Lager als kultivierten, fairen und durchaus humorvollen Menschen. Eine Nachred, die Nachnachfolger Strache nicht genießt. Pawkowicz macht dennoch eine Gemeinsamkeit zwischen dem Herrn Papa und dem neuen FP-Chef aus: Beide sind immer für den kleinen Mann eingetreten. Tatsächlich? Zählen jene Ausländer, die Strache aus dem Land schicken will, wenn sie zu lange Sozialhilfe beziehen, denn nicht zu dieser Kategorie? Ich kenne diese Aussage nicht, weicht Pawkowicz aus und sagt nur: Der HC Strache traut sich auszusprechen, was sich die Menschen denken. Wir sind einfach seit Jahren voll. Josef Müllek ist einer der vielbeschworenen kleinen Männer, nicht nur, weil er unter 180 Zentimeter misst. Der 46-Jährige wohnt in einem der Wohnblocks an der Sandleitengasse. Oft steht er schon um halb vier Uhr morgens auf, um acht Stunden lang eine Straßenbahn der Linie 1, 2, 9, 43 oder 44 durch Wien zu lenken. Dann macht er als Bezirksvorsteher-Stellvertreter von Ottakring Politik. Neuerdings für das BZÖ. Mülleks Biografie ist typisch. Erst das Trauma der sozialistischen Allmacht: 1981 fing er bei den Wiener Linien an, da warst du im Schwitzkasten der Roten. Dann die Erleuchtung: Bei einer Wahlveranstaltung habe ich den Haider reden gehört. Dieses Erlebnis hat mich politisiert. Haiders Gefolgsmann Herbert Scheibner rekrutierte den faszinierten Straßenbahner vom Fleck weg, nun folgte ihm Müllek zum BZÖ. Für den Scheibner musste man sich nie genieren, sagt er. Damit das auch auf Müllek zutrifft, hat ihm die Wiener BZÖ-Zentrale zum Falter-Gespräch sicherheitshalber einen Pressesprecher mitgeschickt. Der nickt zufrieden, als der orange Grätzelpolitiker von den konstruktiven Kräften spricht, die ihn zum Seitenwechsel bewogen haben. Wir wollen ein bissl toleranter sein, verspricht Müllek. Man muss den Zuwanderern auch eine Chance geben. Also keine Kampagnen mehr gegen die Überfremdung wie einst zu FPÖ-Zeiten? So war das dann doch nicht gemeint. Mit den Plakaten gegen die Überfremdung hatte ich kein Problem, sagt Müllek. Es war kein Richtungsstreit, der die Wiener FPÖ sprengte, sondern eher ein Platzproblem. In den Neunzigern trat sich in der aufgeblähten Partei niemand auf die Zehen. Dann kamen Regierungsbeteiligung und Knittelfeld (siehe unten). Die nächsten Wahlen, so viel steht fest, werden für die Blauen, die beim letzten Mal zwanzig Prozent schafften, in einem Desaster enden. Um viel zu wenige Posten rittern viel zu viele Funktionäre. Konkurrenten versuchen, sich gegenseitig aus dem Feld zu boxen, und knüpfen plötzlich Seilschaften mit Leuten, die sie einst verachteten. Als ältere Operettendiva verarschte etwa Günther Barnet einmal Jörg Haider. Heute ist er Haiders Statthalter in Wien. Beim BZÖ sind Leute gelandet, die Haider jahrelang beschimpft haben, ätzt Dagmar Belakowitsch-Jenewein. Die eloquente Frau hat aus ihrer Enttäuschung über das ehemalige Idol, von dem sie sich in Knittelfeld an der Nase herumgeführt fühlte, die Konsequenzen gezogen. Sie will für die Blauen ums nackte Überleben kämpfen, auch wenn sie bei der Wahlniederlage 2002 schon einen Vorgeschmack auf so manche künftige Demütigung bekam. Früher wurde ich bei Wahlveranstaltungen mitunter angespuckt, sagt Belakowich-Jenewein. Das letzte Mal haben uns die Leute ignoriert, bestenfalls belächelt. VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG Wer sind die echten Knittelfelder? Am 27. August 2002 rumpelt eine Limousine mit Wiener Kennzeichen durchs Mölltal. Der Volksanwalt Ewald Stadler sucht den Sternhof in Mühldorf. Das Gehöft gehört den Brüdern Uwe und Kurt Scheuch, treue Funktionäre der FPÖ. Eingeladen hat aber ein anderer. Jörg Haider hat mich dorthin bestellt, sagt Stadler. Der Gastgeber kommt gleich zur Sache. Stadler erinnert sich: Haider hat uns eröffnet, dass er wieder Obmann der FPÖ werden möchte und wir deshalb Unterschriften für einen Sonderparteitag sammeln sollen. Dann hat er seinem Sprecher Karl-Heinz Petritz einen Text diktiert. Ein außerordentlicher Parteitag unter dem Motto Steuerreform vor Abfangjäger wird in der Resolution gefordert, die Anwesenden am Kärntner Hof stimmen freudig zu: die Scheuchs, einige blaue Länderchefs wie etwa der Wiener Hilmar Kabas und Haiders Schwester, die heutige Sozialministerin Ursula Haubner. Das waren die Oberknittelfelder, sagt der Teilnehmer Stadler. Wolfgang Schüssel sieht das anders – zumindest tut er so. Der Kanzler, der Haiders oranges BZÖ als Koalitionspartner akzeptiert, betont stets, dass er mit den Aufrührern von Knittelfeld nichts zu tun haben möchte. In dem steirischen Städtchen hatten im September 2002 freiheitliche Delegierte den Aufstand gegen die eigene Regierungsmannschaft unter Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer geprobt. Offiziell, weil die schwarz-blaue Koalition wegen der Hochwasserkatastrophe die Steuerreform verschieben wollte. Als Drahtzieher beschuldigte Schüssel im ORF-Report den EU-Abgeordneten Andreas Mölzer, den Neo-FP-Chef Heinz Christian Strache und natürlich Volksanwalt Stadler. Diesen bringt das auf die Palme. Ich soll der böse Umstürzler sein, schimpft er. Dabei sitzen die ,Zerstörer‘ mit Schüssel in einem Boot: Haider hat Knittelfeld angezettelt, Haubner war von Anfang an dabei. Aus Wut packt Stadler aus. Nachdem sich die Runde im Sternhof darauf geeinigt habe, Haider an die Parteispitze zu hieven, macht sich der zum Organisator bestimmte Stadler daran, die notwendigen Unterschriften zu sammeln. Eine leichte Übung. Wenige Tage später, am 3. September, sitzt Haiders Adlatus Martin Strutz im Wiener Büro des Volksanwalts. Strutz hat per Handy Haiders Anweisung eingeholt, die 378 Unterschriften Parteichefin Riess-Passer auf den Tisch zu knallen, sagt Stadler. Doch dann habe ich gemerkt, dass Haider doppelt spielt. Der Kärntner Landeshauptmann lädt die Unterzeichner zur Aussprache nach Knittelfeld, handelt am Vorabend in Obdach mit Riess-Passer aber einen Kompromiss aus, in dem von der vorgezogenen Steuerreform keine Rede mehr ist. Der Volksanwalt, der ein Exemplar mit Notizen in Haiders Handschrift erhält, ruft den Urheber an: Sag mir, dass du damit nichts zu tun hast! Haider behauptet: Ich kenne das Papier nicht. In Knittelfeld, am 7. September, dreht Haider die nächste Pirouette. Er husst seinen Spezi Kurt Scheuch auf, den Inhalt des Riess-Passer-Entwurfs zu zerreißen. Scheuch nimmt den Befehl allzu wörtlich – und zerfetzt die Resolution. Das Treffen endet mit neuen Bedingungen für die Regierungsmannschaft. Stadler bezeichnet es als windelweich, doch die blauen Minister fühlen sich desavouiert. Am nächsten Tag treten Riess-Passer, Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Klubobmann Peter Westenthaler zurück. Kanzler Schüssel lässt die Koalition platzen, es gibt Neuwahlen. Bis vor kurzem tobte Haider deshalb über Schüssel. Seit er sich mit dem BZÖ an den Kanzler anbiedert, beschuldigt er Riess-Passer & Co. In Obdach wurde ausgemacht, dass die Steuerreform kommt, doch Riess-Passer hat sich nicht daran gehalten, behauptet sein Sprecher – in der Resolution von damals steht das freilich nicht drinnen. Und Haiders Griff nach der Parteiführung? Das sind persönliche Eindrücke des Herrn Stadler. |
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