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Hinter dem Stacheldraht
MAUTHAUSEN Zwangsarbeit, Erschießungen und Gaskammern: 100.000 Menschen wurden im Konzentrationslager Mauthausen ermordet. Historiker versuchen nun, die Geschichten der Überlebenden für die Nachwelt zu sichern. GERALD JOHN

Falter 18   Originaltext aus Falter 18/05 vom 04.05.2005

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Obwohl Marcello Martini erst 14 war, nahmen ihn die Nazis als Geisel mit. Weil der Vater im Widerstand kämpfte. „Ich kam in Mauthausen am 24. Juni an, dann die übliche Aufnahmezeremonie, die übliche kleine Ansprache“, erzählt Martini, „falls jemand noch irgendwelche Zweifel hätte, der Weg herein führt durch das Tor, der Weg hinaus führt durch das Krematorium.“
Elf Monate später, im Mai 1945, verließ Martini das Konzentrationslager Mauthausen – durch das Tor. Amerikanische Soldaten befreiten die ausgemergelten Insassen. Etwa 100.000 Menschen hatten den Terror der Nazis überlebt, etwa gleich viele waren ermordet worden.
Fast sechs Jahrzehnte danach hat sich ein Team von Historikern darangemacht, die Erinnerungen Martinis und anderer Überlebender für die Nachwelt zu konservieren. Unter der Leitung des Wiener Professors Gerhard Botz führten über sechzig Zeitgeschichtler in 23 Ländern mehrstündige Interviews mit 838 ehemaligen Häftlingen des KZs in Oberösterreich. Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr, Christine Schindler und andere Forscherinnen des Instituts für Konfliktforschung und des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes koordinierten das 800.000 Euro teure „Mauthausen Survivors Documentation Project“ (MSDP), das zu einer der größten Oral-History-Studien in ganz Europa wurde, vor allem weil sich die Republik in Sachen Vergangenheitsbewältigung endlich einmal großzügig zeigte. „Innenminister Ernst Strasser war der Bahnbrecher“, erzählt Botz. „Ich hoffte auf 160 Interviews, doch Strasser sagte: Wir machen tausend.“
Von einem „unschätzbaren Beitrag“ zur Forschung und Erinnerung spricht Botz deshalb heute: „Es geht dabei nicht nur um historische Fakten, sondern auch um die Frage, wie die Opfer ihre schrecklichen Erlebnisse erzählen und heute damit umgehen.“
Der Horror begann im Frühjahr 1938, bald nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland. Nahe dem Steinbruch von Mauthausen baute die SS ein Barackenlager auf. Verhaftete Kommunisten, Sozialdemokraten, Geistliche und aus Gefängnissen überstellte Kriminelle hauten dort Granitblöcke aus dem Fels. Die Baumaterialien waren ein Benefit für die Wirtschaft, aber nicht der Hauptzweck des KZs. „Vorrangiges Ziel war bis 1942 die Vernichtung der politischen Gegner“, sagt der Zeithistoriker Bertrand Perz.

Viele Häftlinge starben im Steinbruch an Entkräftung. Andere peinigte die SS zu Tode. Der Kommandant Franz Ziereis erschoss persönlich Gefangene, die Chargen eiferten ihm nach. Der Terror war von oben gewünscht. Allerdings zwangen die Befehlshaber die einzelnen Wachmänner nicht mit vorgehaltener Waffe, ihre Opfer zu misshandeln. Triebfeder des Sadismus war der Gruppendruck Wer nicht mitspielte, wurde etwa von den Kameraden geschnitten oder vom Schwarzmarkt ausgeschlossen.
Die SS richtete Insassen auch gezielt hin, mit der Kugel oder dem Strick. Mitten im Winter überschütteten die Schergen sowjetische Kriegsgefangene mit eiskaltem Wasser, bis sie erfroren. Mauthausen war mit einer Genickschussanlage ausgestattet, im Herbst 1941 begannen die Nazis mit der Installation einer Gaskammer. Vom Frühjahr 1942 bis zum Kriegsende ermordeten die Nazis in Mauthausen und der Euthanasieanstalt Hartheim 10.000 Menschen mit Giftgas, etwa holländische Juden oder tschechische Frauen, als Vergeltung für das Attentat auf den SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich.
Die Barbarei hatte noch andere Facetten. „Viele Häftlinge wurden vorwiegend von den Kapos misshandelt“, sagt der Historiker Perz. Die Nazis spielten ihre Opfer gegeneinander aus, indem sie eine perverse Hierarchie etablierten. Aus dem Kreis der Gefangenen rekrutierten sie sogenannte Kapos und andere „Lagerprominenz“, die für Ordnung sorgen und die übrigen Gefangenen antreiben sollten. Um ihrerseits nicht von der SS abgestraft zu werden, gingen diese Anführer mitunter mit großer Brutalität vor. Die „Funktionshäftlinge“ hatten aber auch Einfluss darauf, wer zum Beispiel in den Steinbruch musste, was oft den Tod bedeutete, oder „nur“ zum Kartoffelschälen abkommandiert wurde. Um die einzelnen Kapos scharten sich Gangs, die gegeneinander ums nackte Überleben kämpften. „Kriminelle Strukturen“ (Perz), die in Schlägereien, Morde und Vergewaltigungen mündeten. Andererseits erlaubte erst die Partizipation an der Verwaltung Versuche des Widerstands.
„Es gab Reiche und Arme. Solche, die gekleidet waren, solche die nackt waren“, erzählte der französische Widerstandskämpfer Jean Laurent Grey im Rahmen des MSDP: „Ich war einer der „Lumpen“, der Clochards, und wenn man das war, hielt das sehr lange an. Nach einigen Wochen wurde man „Muselmann“, und man würde sterben. Gerade die Gräuel in der Lagergesellschaft waren für viele Interviewte etwas Unaussprechliches, erzählt der Projektleiter Botz: „Sie können über ihre Erlebnissen nur in Metaphern reden. Oder indem sie von jemandem in der dritten Person erzählen.“ Etwa wenn es um das Tabu Homosexualität geht.

Ab 1942 zog die SS von Mauthausen aus einen Archipel von über vierzig Nebenlagern auf. Die Wehrmacht forderte neue Waffen, dem Reich gingen die Arbeitskräfte aus. Schuften für den Krieg war nun oberstes Gebot in den KZs. In Schwechat werkten Häftlinge an Flugzeugen, in St. Valentin an Panzern. In Ebensee oder Melk trieben sie im Akkord gigantische Stollen in die Berge, weil die Nazis ihre Waffenindustrie unter die Erde verlegen wollten. Je länger der Krieg andauerte, desto unmenschlicher wurden die Arbeitsbedingungen. Die Versorgung brach zusammen, es gab kaum Nahrung, Kleidung und Schuhe. Die Menschen begannen Gras oder in Einzelfällen auch Leichenteile zu essen. Von Herbst 1944 bis zur Befreiung kamen in den Lagern genauso viele Gefangene um wie in den über sechs Jahren zuvor. Zu Ostern 1945 starben pro Tag etwa 200 Leute in Mauthausen. Auch in den Tagen der Befreiung war es damit noch nicht vorbei: Während eine Widerstandsgruppe in Mauthausen die Barackenhierarchie aufrechterhielt, verübten Häftlinge im Zwillingslager Gusen Lynchjustiz an Kapos und ihren Kollaborateuren.
Für die im Lager dominanten Kommunisten war es ein Trauma, ausgerechnet von den kapitalistischen Amerikanern befreit zu werden. Manche von ihnen versuchten deshalb, den Mythos einer Selbstbefreiung zu konstruieren. „Doch dazu waren die Widerstandsgruppen in Mauthausen zu schwach“, analysiert Perz. „Das harte Lagerregime ließ kaum etwas zu.“
„Jeder Überlebende sucht nach einem Sinn im Erlittenen“, meint sein Kollege Botz, „sonst sind diese Erlebnisse nur schwer zu verkraften.“ Polnische Häftlinge etwa interpretieren das Leiden im KZ als Opfer für den Lebenskampf ihrer Nation, die Kommunisten als Beitrag zur internationalen proletarischen Revolution. Schwerer tun sich manche Juden, für deren Tortur kein scheinbar rationaler Grund zu erkennen ist. „Viele plagen ganz unberechtigte Schuldgefühle, dass sie überlebt haben und nicht andere“, sagt Botz und verweist etwa auf den italienischen Schriftssteller Primo Levi.
Über den Umgang damit in den verschiedenen Erinnerungskulturen Europas hofft Botz mehr aus den Interviews mit den Mauthausen-Überlebenden zu erfahren. Doch leider ist erst ein Bruchteil schriftlich erfasst und übersetzt. Und das Innenministerium, mittlerweile in der Hand von Liese Prokop, wolle oder könne nicht mehr zahlen, sagt Botz: „Österreich hat einen Schatz, der nicht gehoben wird und als Datenfriedhof enden könnte.“


HISTORIKER BOTZ ÜBER GUDENUS & CO
„Das sind keine Outsider“


Erst sprach der BZÖ-Bundesrat Siegfried Kampl von Wehrmachtsdeserteuren als „Kameradenmördern“ und einer „brutalen Naziverfolgung“ nach 1945. Dann relativierte sein FPÖ-Kollege John Gudenus die Existenz von Gaskammern in Konzentrationslagern: Man solle „nicht Tabus aufstellen, sondern man soll physikalisch und wissenschaftlich prüfen“. Zumindest Kampl trat zurück, doch das Problem bleibt, vor allem im dritten Lager. Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Fessel-GfK vertreten 75 Prozent der FPÖ-Anhänger und sechzig Prozent der BZÖ-Fans die Ansicht, dass „der Nationalsozialismus für Österreich sowohl Gutes als auch Schlechtes gebracht“ hat; insgesamt denken „nur“ 44 Prozent der Österreicher so. Lediglich elf Prozent der blauen Sympathisanten meinen, das Hitler-Regime hätte „nur oder größtenteils Schlechtes gebracht“ (33 Prozent bei den Orangen, 49 Prozent im Landesschnitt). 14 Prozent der FPÖler und acht Prozent der BZÖler glauben gar, die Nazis hätten „größtenteils Gutes“ beschert (österreichweit: fünf Prozent). Gerhard Botz, einer der renommiertesten Zeithistoriker Österreichs, erklärt, warum.

Falter: Sind Gudenus und Kampl Einzelfälle?

Gerhard Botz: Nein. In den westeuropäischen Ländern wären solche Aussagen ein schrecklicher Tabubruch. Hierzulande überraschen sie nicht. Gudenus und Kampl sind keine Outsider oder Verrückte. Sie sprechen aus, was immer noch viele Österreicher latent empfinden. Besonders im freiheitlichen Milieu gibt es einen Bodensatz an NS-Nostalgikern.

Warum immer noch?

Die Ziele des Nationalsozialismus stießen in Österreich auf breite Akzeptanz, es gab wenig österreichisch-national motivierten Widerstand. Abgesehen von den Juden und politischen Aktivisten zählte 1938 die Mehrheit zu den Nazis oder musste sich nicht direkt bedroht fühlen. Die Menschen haben 1945 zwar den Befreiungsarmeen zugejubelt. Es ist aber fraglich, wie weit es sich um eine echte Umkehr handelte, zumal die Nationsbildung im Vordergrund stand und die demokratischen Strömungen stets schwach waren. Viele freuten sich eher, dass die Kriegsgräuel vorbei waren. Um diese schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten, sucht die Kriegsgeneration nach einem Sinn für das nach 1945 Sinnlose. Viele, die später gute Österreicher geworden sind, konnten sich mental nicht vom Krieg der Wehrmacht trennen.

Warum gelang das den Deutschen besser?

Erstens hat sich Deutschland früher über die EG und die Nato in die westliche Wertegemeinschaft eingefügt, die auf dem Sieg über den Nationalsozialismus aufbaute. Zweitens bekannte sich Westdeutschland mit dem Anspruch auf die Wiedervereinigung offen zu seiner nationalen Tradition. Dazu mussten die Deutschen auch die Naziära als Teil ihrer Geschichte akzeptieren und konnten sie nicht abschieben. Die Österreicher dagegen sind mit ihrer komplizierten Geschichte nie ins Reine gekommen. Sie wollen nicht anerkennen, dass sich viele von ihnen einst als Deutsche fühlten, und konstruierten nach 1945 rückwirkend eine durchgehende Identität. Zu demokratiepolitischer Selbstbesinnung kam es kaum. Selbst heute, bei den 60-Jahre-Republik-Feiern, haben die Politiker die einstige Begeisterung der Österreicher für die Nazis in ihren Reden kaum angedeutet.

Was soll man mit Leuten wie Gudenus machen? Zur Belehrung nach Mauthausen schicken?

Nein, das wäre Zwangserziehung. Die müssten freiwillig gehen, sonst hat das keinen Sinn. Man sollte die bestehenden Gesetze anwenden, denn meiner Meinung könnte Gudenus’ Aussage gegen das Wiederbetätigungsgesetz verstoßen. Man sollte froh sein, dass diese Zwischenfälle ausgerechnet während der Feierstunde der Republik stattfinden. Empörung allein reicht aber nicht, man muss nun die historischen Hintergründe diskutieren. Dann wäre es ein reinigendes Gewitter gewesen.

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Mai 2005 © FALTER
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